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Schlechter Rat vom Online-Doc

Medizinseiten im Internet haben Konjunktur. Immer mehr Patienten informieren sich hier über Krankheiten. Aber Seriöse Beratung ist oft nur einen Mausklick von gefährlicher Quacksalberei entfernt, wie ein stern-Test zeigt.

Von Beate Wagner

Die Stirn glüht, der Magen krampft - eigentlich gehört der geschwächte Körper ins Bett. Aber Hilfe gibt's beim Doktor, und das heißt: auf den Stuhl im überfüllten Wartezimmer.

In den USA ersparen sich heute schon Tausende Patienten das lange Warten: Sie sitzen stattdessen mit Tee, Wärmflasche und Laptop im Bett und mailen ihrem Arzt, welche Beschwerden sie quälen. Innerhalb weniger Stunden landen die medizinischen Tipps des Doktors im Postfach; das Rezept ist gleich angehängt. Vor zwei Jahren gingen die amerikanischen Onlinevisiten in einem Pilotprojekt an den Start. Seitdem werden sie bei Ärzten und Patienten immer beliebter.

In Deutschland gibt es die Möglichkeit derartiger Webvisiten noch nicht. Doch auch bei uns ist das Internet inzwischen die wichtigste Anlaufstation bei Fragen rund um die Gesundheit. Einer Studie der Universität Heidelberg zufolge suchen mittlerweile 6,5 Millionen Menschen mindestens einmal monatlich im Netz nach medizinischen Informationen. Und jeder vierte Onlinenutzer recherchiert vor oder nach dem herkömmlichen Arztbesuch eine zweite Mediziner-Meinung oder kontaktiert Leidensgenossen. Insgesamt wird die Zahl der Websites zum Thema Gesundheit auf über 100 000 geschätzt, davon mehrere hundert deutschsprachige Medizinportale.

Sie klären auf über Krankheiten, Diagnosen und Therapien, erläutern aktuelle Neuerungen in Gesundheitspolitik und Forschung und erklären gängige Untersuchungsverfahren. Dazu gibt es Medizinlexika, Selbsttests sowie Links und Adressen von Instituten und Selbsthilfegruppen. Suchmaschinen helfen, Ärzte, Kliniken oder Apotheken in der Heimatregion zu finden (siehe Übersicht Seite 144/145). Mehrere Portale verfügen außerdem über kostenlose Diskussionsforen, in denen sich Patienten miteinander austauschen. Einige wenige bieten auch betreute Foren an, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen Fragen beantworten.

Wie brauchbar dieser kostenlose Expertenservice der einzelnen Anbieter wirklich ist, hat der stern getestet. Die Ergebnisse sind eher ernüchternd (siehe Kasten Seite 143). So hält der Cybermediziner Gunther Eysenbach, Experte für alles Ärztliche im Internet, sämtliche getesteten Portale für verbesserungswürdig. "Besonders mangelhaft ist die Tatsache, dass es nicht einen einzigen Link zu weiterführenden Informationen gab", kritisiert Eysenbach, der an den Universitäten Toronto und Heidelberg das Verhalten von Internetnutzern und die Qualität von Websites untersucht. Einige Fragen wurden gar nicht erst beantwortet. Manche Antworten waren verkürzt, fachlich nicht ausreichend oder missverständlich. In Einzelfällen waren die Tipps regelrecht gefährlich: Auf die Frage, ob hohe Fieberschübe immer ein Zeichen von Krankheit seien, lautete eine Antwort, es bestehe kein Grund zur Sorge. Gelegentliches Fieber lasse auf ein gut funktionierendes Immunsystem schließen. "Eine Katastrophe", so Eysenbach.

Für die Onlineärzte hat es kein Nachspiel, gleich, ob sie einen guten oder schlechten Rat in die Tastatur tippen. Denn die Ratschläge gelten lediglich als "unverbindliche Stellungnahme, die einen Besuch bei einem Arzt oder Apotheker keinesfalls ersetzen", heißt es in den Nutzungsbedingungen.

Laut deutscher Berufsordnung dürfen Ärzte überhaupt keine Ferndiagnosen stellen oder Patienten behandeln, die sie nicht persönlich gesehen und untersucht haben. Die Internetportale verstehen sich daher auch lediglich als technische Plattform für die Kommunikation zwischen Medizinern und Internetnutzern. Für eventuelle inhaltliche Mängel der Antworten übernehmen sie keine Verantwortung.

Aber selbst die Kommunikation klappt nicht immer: Sogar wer bereit ist, für einen Expertenrat zu zahlen, wird oft im virtuellen Wartezimmer sitzen gelassen. 33 Euro kostet beispielsweise eine Frage bei Netdoktor. Innerhalb von vier Tagen soll sie beantwortet sein. Doch die zuständigen Fachleute scheinen bis auf Weiteres im Urlaub zu sein. So zumindest wird der User seit Anfang August auf der Homepage vertröstet. Surfmed bietet für 35 Euro ein Experten-Abonnement. Beim stern-Test blieb der Service aber auch nach Bezahlung inaktiv.

Mit dubiosen Angeboten

wie Zweitgutachten bei Krebserkrankungen für bis zu 500 Euro oder individuellen Ernährungsanalysen für 90 Euro lockt Medicine-Worldwide Patienten. Auch der Gesundheitspilot offeriert eine "Zweite Meinung" zu Diagnosen oder Therapien für 250 bis 400 Euro.

Bei den kostenlosen Anbietern ist die Anmeldung in der Regel unproblematisch, auch Fantasienamen werden akzeptiert - ein Umstand, der vor allem Jüngere, chronisch Kranke oder Menschen mit sexuellen Problemen oder Beziehungsstress auf medizinische Angebote im Netz zurückgreifen lässt. Die Antwort kommt häufig nach wenigen Stunden oder Tagen. Viele sehen in dem Onlinedienst damit eine geeignete Ergänzung oder Alternative zum niedergelassenen Arzt, der nicht selten ins nächste Quartal vertröstet und die zehn Euro Praxisgebühr verlangt.

Doch auch wer eine Antwort erhält, darf die Tipps vom Netz-Doktor nicht blind befolgen: "Man sollte die Angebote immer kritisch begutachten, denn die Qualität der Medizinportale unterscheidet sich erheblich", warnt Gunther Eysenbach. Einige Foren setzen außerdem beim Teilnehmer zumindest so viel medizinische Kenntnis voraus, dass er seine Beschwerde dem richtigen Fachbereich zuordnen kann: Stellt ein Laie seine Frage beispielsweise ins Diabetes- statt ins Neurologieforum, bleibt sie unter Umständen unbeantwortet.

Wer sich in medizinischen Dingen

gar nicht auskennt, sollte daher umso genauer darauf achten, ob das Gesundheitsportal seriöse Hilfe bietet. Dabei hilft die kritische Prüfung folgender Punkte: -Wer betreibt die Seite? Die Grenzen zwischen industriellen Interessen und unabhängigen Beiträgen verschwimmen zunehmend, zumal seit Anfang des Jahres der Vertrieb verschreibungspflichtiger Medikamente über das Internet möglich ist. -Wird die Seite regelmäßig aktualisiert, oder sind die Inhalte völlig veraltet? -Ist der Anbieter über eine Kontaktadresse erreichbar? -Sind Autoren und Experten mit Namen und Qualifikation ausgewiesen? -Wird Werbung deutlich von sachlichen Inhalten getrennt?

Einheitliche Qualitätsstandards oder ein Gütesiegel als Garant für richtige medizinische Informationen gibt es bis heute nicht. Mehrere Adressen helfen dem orientierungslosen Benutzer jedoch bei der Suche nach fundierten Gesundheitstipps: Auf der Seite www.patienteninformation.de stellt das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) eine Checkliste zur Verfügung, anhand derer geprüft werden kann, wie seriös Informationen im Netz sind.

Und Anbieter, die sich freiwillig von der Schweizer Health-on-the-Net-Foundation prüfen lassen (www.hon.ch/HONcode/German), dürfen sich mit einem HON-Logo schmücken. Es steht für bestimmte Qualitätsprinzipien, zu denen sich die Anbieter freiwillig verpflichten.

Im so genannten Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (agfis) wiederum haben sich 170 Patienten- und Ärzteverbände, Internetportale, Krankenkassen und wissenschaftliche Institute zusammengeschlossen. Die Website www. afgis.de informiert über Hintergründe, Finanzen und Mitglieder. Aber auch hier wird ausdrücklich darauf hingewiesen, "dass es nicht das Anliegen von agfis ist, die Richtigkeit oder Wahrhaftigkeit einer medizinischen Information zu überprüfen".

Das letzte Wort

sollten Kranke also immer ihrem behandelnden Arzt überlassen. Der hat mit den Internet-informierten Patienten oft so seine Schwierigkeiten: Peter Mitznegg, Professor an der Berliner Charité, hält es für problematisch, dass Patienten mit einer vorgefertigten Meinung in die ärztliche Behandlung kommen, die das Vertrauensverhältnis zum Arzt behindert. Diagnose und Therapiemöglichkeiten glauben sie ja bereits hinreichend im Netz recherchiert zu haben. "So nach dem Motto: Guten Tag, Herr Doktor, ich habe das, und ich brauche dies."

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