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Höhepunkt mit Socke

Sie stehen auf Füße - nackt, bestrumpft oder beschuht. Sammeln getragene Socken oder gebrauchte Schuhe. Und erleben ihre Höhepunkte meist nur dann, wenn ihre besten Stücke von Frauenfüßen "bearbeitet" werden. Die Gemeinde der Fußerotiker, sagen Sexualforscher, ist eine der größten Fetisch-Communitys überhaupt.

Von Almut F. Kaspar

Die Auftragskiller Vincent (John Travolta) und Jules (Samuel L. Jackson) auf dem Weg zu einem mörderischen Einsatz. Sie unterhalten sich über einen Typen, den der Boss in die Mangel nehmen ließ - weil er dessen neuer Braut die Füße massiert hatte. Fragt Vincent: "Hast du mal 'ne Fußmassage gemacht?" Sagt Jules: "Mh! Erzähl mir nichts von Fußmassagen! Ich bin der Oberfußmeister!" Vincent: "Hast du schon viele gemacht?" Jules: "Scheiße, ja! Ich hab meine Technik drauf, Mann! Bei mir kitzelt es nicht." Frotzelt Vincent: "Massierst du auch 'nem Mann die Füße?" Jules: "Leck mich!" Vincent lässt nicht locker: "Hast du's schon oft gemacht?" Jules: "Leck mich!"

Fans kennen ihn natürlich, diesen Dialog aus dem Kult-Klassiker "Pulp Fiction" des amerikanischen Regisseurs Quentin Tarantino. Der macht aus seiner erotischen Obsession kein Geheimnis: "Ich gebe zu: Nackte Füße üben durchaus einen sehr starken sexuellen Reiz auf mich aus", verriet er dem Magazin "Max", "aber wenn ich daran denke, welche anderen Regisseure auch ganz verrückt auf nackte Füße waren wie etwa Alfred Hitchcock, Luis Bunuel oder Sam Fuller, dann befinde ich mich in guter Gesellschaft." Generell kommen in Tarantinos Filmen häufig Nahaufnahmen von mehr oder weniger bekleideten Füßen zum Einsatz, zum Beispiel Bridget Fondas in "Jackie Brown" oder die Füße von Juliette Lewis und Salma Hayek in "From Dusk till Dawn", die Tarantino selbst in der Rolle des Richard Gecko anstarrt und ableckt, was er später in "Death Proof" weiter variiert.

Fast ausschließlich Männer

Tatsächlich sind Millionen Menschen in aller Welt, fast ausschließlich Männer, diesem Körperteil geradezu verfallen - heterosexuelle Fußerotiker stehen auf Frauenfüße, homosexuelle auf Männerfüße. Und fast immer wird gerubbelt, geknabbert, gestreichelt, geleckt und geknetet. Man(n) kommt nur, wenn's mit den Füßen besorgt wird. Fußliebhaber, davon sind die Sexualwissenschaftler überzeugt, bilden heute eine der größten Fetisch-Communities - übertroffen wohl nur von der Lack- und Lederfraktion. Zahlen freilich kann niemand nennen, die zahlreichen Fach-Sites im Internet und die Menge an einschlägigen Porno-Clips und -Filmen zeugen aber von massenhafter Nachfrage.

Ein Wissenschaftler-Team der amerikanischen Ohio State University hat das fußfetischistische Material in der Pornografie über einen Zeitraum von 30 Jahren untersucht und dabei festgestellt, dass es einen mengenmäßigen Anstieg gab, als die Aids-Epidemie ausbrach. Ergebnis der Studie: Fußfetischismus boomt immer dann, wenn gefährliche sexuell übertragbare Krankheiten im Umlauf sind.

Bestrumpft, beschuht oder verschlammt?

Dabei sind die podophilen Lüstlinge vielfach spezialisiert: Die einen begnügen sich mit den nackten Füßen ihrer Sexualpartner - eingeölt, verschlammt, verdreckt oder schön sauber -, die anderen müssen sie bestrumpft oder beschuht haben. Die einen schmecken oder riechen Füße lieber, die anderen haben sie im Unterwerfungsspiel gern auf dem Gesicht oder dem Nacken. Zurückhaltenden Fußfetischisten reicht schon das, womit Füße mal in Berührung gekommen sind: getragene Socken oder Strümpfe oder gebrauchte Schuhe. Im Internet wird in Hunderten einschlägiger Foren, aber auch über ebay und andere Marktplattformen, derlei Material verhökert - manchmal sogar abgeraspelte Hornhaut oder abgeschnittene Fußnägel. Der erotischen Phantasie sind eben keine Grenzen bekannt. Egal, ob da ein stinkender Sportstrumpf zwei- oder dreimal teuerer ist als ein neues T-Shirt.

Und wer klamm ist, der muss eben klauen. Im Mai 2007 hat ein 27-jähriger Mechaniker im US-Bundesstaat Wisconsin rund 1500 Paar Sportschuhe aus Schulen gestohlen. "Er hat gern daran gerochen", sagte ein Polizeisprecher, nachdem die Ermittler den Mann überführt hatten. Der Fußerotiker konnte mit einer Überwachungskamera auf frischer Tat ertappt werden. Die entwendeten Schuhe bewahrte der Mann in einem Lagerraum auf, den er extra angemietet hatte.

"Alle übrigen Körperteile von Frauen lassen ihn kalt "

Hunderttausende von Deutschen, schätzen Fachleute, suchen und finden ihre Kitzel im bizarren Panoptikum des Fetischismus. Während diese Spielarten früher behandlungsbedürftige Perversionen galten, sieht man das heute gelassener. Ohne perverse Elemente bliebe jede Sexualität unlebendig, sagen Sexualwissenschaftler, von Perversion wird erst gesprochen, wenn jemand ohne den Fetisch keinen Orgasmus mehr bekommt.

"Der erotische Fetischismus", schrieb der Psychiater Richard von Krafft-Ebing in seinem Standardwerk "Psychopathia sexualis" (1886), "hat zum Gegenstande entweder einen bestimmten Körperteil des entgegengesetzten Geschlechts oder ein bestimmtes Kleidungsstück desselben oder einen Stoff der Bekleidung." In seiner Fallsammlung wird vom Patienten Y. berichtet, der dem Arzt gesteht, dass er von Jugend auf unter seinem eigentümlichen Sexualleben leidet. "Weder durch Frauen noch durch Männer werde er geschlechtlich gereizt, sondern ausschließlich durch das Sehen von nackten Füßen weiblicher Individuen. Alle übrigen Körperteile von Frauen lassen ihn kalt." Krafft-Ebing glaubte die Ursachen in der Kindheit des Patienten gefunden zu haben, wo der junge Mensch "durch zufälliges Zusammentreffen einer sexuellen Erregung mit dem Anblick von nackten Füßen in der ersten Jugend konfrontiert worden ist".

"Ich war eine richtige Teppichratte"

Bekennende Fuß- und Strumpffetischisten wie der Moerser Diplom-Designer und Fotograf Uwe Fülleborn, der mit Gattin Ulrike das Magazin "Laufmasche" verlegt, erinnerte sich im stern, wie er als Kind immer unter dem Tisch herumgekrochen ist, mit Machbox-Autos gespielt und dabei die bestrumpften Füße und Beine von Mutter und Tanten inspiziert hat. "Ich war eine richtige Teppichratte", sagt Fülleborn, den heute vor allem Nylon-Strümpfe heiß machen - "und zwar die aus den 50er Jahren, vorgeformt und hinten mit dicker Naht". Ähnliche Unter-Tisch-Erfahrungen in früher Kindheit geben zahlreiche Fußerotiker in den einschlägigen Internet-Foren als Ursache ihrer sexuellen Neigung an.

Mit der Lust am Fuß wird mitunter sogar Quote gemacht. Die TV-Moderatorin Sonya Kraus zum Beispiel präsentiert gerne ihre Füße vor der Kamera und bekennt sich sogar dazu, sie als erotisches Signal einzusetzen. Bereits Jessica Stockmann, ihre Vorgängerin bei "talk talk talk", setzte auf die Frivolität ihrer Barfüßigkeit. Denn Frauen-Füße sind auch für Normalos durchaus reizvoll. In diversen Umfragen und Studien geben Männer immer wieder zu Protokoll, schon einmal am Fuß, Schuh oder den Strümpfen der Partnerin gerochen zu haben oder vom Fußduft erotisch angezogen zu werden. Weibliche Füße müssen also nicht zwangsläufig in atemberaubenden High Heels stecken, um sie für die Herren der Schöpfung sexuell attraktiv zu machen.

Unter den Liebhabern von Frauenfüßen befindet sich auch der eine oder andere Geistesfürst. Dem alten Geheimrat Goethe wird nachgesagt, dass er seiner Angebeteten aus Italien schrieb, sie möge ihm bitte schnell ein Paar ihrer durchtanzten Schuhe zukommen zu lassen, so dass er noch etwas habe, um an sie zu denken. Da ist Regisseur Quentin Tarantino tatsächlich in bester Gesellschaft.