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So entstehen Männer, Frauen und alles dazwischen

Ein einziges Chromosom sorgt dafür, ob ein Mädchen oder ein Junge zur Welt kommt. Danach wird es mit dem Geschlecht kompliziert. Und manche Neugeborene sind weder eindeutig männlich noch weiblich.

  Bei uns sind traditionell zwei Geschlechter anerkannt, in anderen Kulturen sind es mehr

Bei uns sind traditionell zwei Geschlechter anerkannt, in anderen Kulturen sind es mehr

"Was ist es?" So lautet häufig die erste Frage im Kreißsaal. Das Geschlecht ist ein fundamentaler Kern unserer Persönlichkeit, den die meisten vom Kindesalter an als naturgegeben und unveränderlich empfinden. Eng verknüpft damit sind Stereotypen: Männer gelten unter anderem als stark und geltungsbewusst, Frauen als fürsorglich und mitteilsam. Auch wenn in der Realität viele Mädchen ebenso gut in Mathematik abschneiden wie Jungen - und sich Väter oft ebenso hingebungsvoll um ihre Kinder kümmern, wie es die Mütter tun.

Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kam mit dem Feminismus die Erkenntnis, dass die Rollenverteilung von Männern und Frauen keineswegs so naturgegeben ist, wie seit Jahrhunderten angenommen. Das ging hin bis zu der Meinung, dass allein ein Penis oder eine Vagina und die entsprechende Erziehung einen Menschen zu Mann oder Frau machen. Seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lernen die Wissenschaftler zunehmend, dass Geschlechtshormone schon im ungeborenen Kind wirken und die Entwicklung des Gehirns beeinflussen. Ob Verhaltensweisen, die als typisch männlich oder weiblich wahrgenommen werden, angeboren sind oder erlernt werden, sorgt noch immer für Diskussionen unter Wissenschaftlern. Sicherlich spielen viele Faktoren eine Rolle, die sich gegenseitig beeinflussen: Gene, Erziehung und die Erwartungen der Gesellschaft formen in einem sehr komplizierten Zusammenspiel Männer und Frauen.

Darüber hinaus gibt es Menschen, die körperlich weder eindeutig männlich oder weiblich sind, die Intersexuellen. Transsexuelle haben zwar anatomisch ein eindeutiges Geschlecht, fühlen sich aber wie im falschen Körper. Vieles davon gilt noch immer als Tabu, doch immer öfter bekennen sich die Menschen offen zu ihrer Andersartigkeit. Schwule und Lesben können heute immer häufiger ein Leben frei von Scham leben - bei intersexuellen oder transsexuellen Menschen könnte es einmal ähnlich sein.

Das Volk der Bugi kennt fünf Geschlechter

Manche Kulturen kennen schon von schon lange mehr als nur zwei Geschlechter. Bei den nordamerikanischen Indianern gibt es die "Two-Spirit-People", meist biologische Männer, die aber auch typisch weibliche Verhaltensweisen zeigen und die mit anderen Männern Sex haben können, ohne als homosexuell angesehen zu werden.

Das Volk der Bugi auf der indonesischen Insel Sulawesi unterscheidet fünf Geschlechter. Neben normalen Frauen und Männern gibt es die Calalai, anatomische Frauen mit typisch männlichen Vorlieben und die Calabai, anatomisch Männer mit typisch weiblichen Vorlieben. Das fünfte Geschlecht nennt man Bissu - es sind Menschen, die weder eindeutig Mann noch Frau, sondern eine Kombination von beidem sind. Sie haben ihre eigene Kleidung, können anatomisch weiblich, männlich oder intersexuell sein und gelten als Mittler zwischen den Menschen und den Geistern.

Das genetische Geschlecht

Am Anfang steht der Zufall: Millionen Spermien konkurrieren im Rennen um die Befruchtung. Sie enthalten entweder ein X- oder ein Y-förmiges Chromosom. Nur eines erreicht die Eizelle mit ihrem X-Chromosom, bei der Verschmelzung entsteht daher entweder die Kombination XX (Frau) oder XY (Mann).

Bereits in den ersten Wochen der Entwicklung sind bei weiblichen und männlichen Embryos einige Gene unterschiedlich aktiv. Nach etwa sechs Wochen nimmt auf einem kurzen Arm der Y-Chromosomen ein bestimmter Bereich seine Arbeit auf. Es ist das SRY-Gen, das Kürzel steht für "sex-determining region": Das Gen ist die Bauanleitung für ein Eiweiß, das im Embryo weitere Gene aktiviert und das Startsignal für die Bildung der Hoden gibt.

Die Hoden beginnen ab der 11. Schwangerschaftswoche, männliche Sexualhormone zu produzieren, in erster Linie das Testosteron. Ohne dieses Signal würde aus dem Embryo automatisch ein Mädchen entstehen. Testosteron aber bewirkt, dass sich aus den frühen Genitalanlagen ein Penis anstelle einer Klitoris bildet, und ein Hodensack anstelle von Schamlippen. Ein anderes Hormon, das so genannte Anti-Müller-Hormon, das die frühen Hoden des Embryos produzieren, unterdrückt die Ausbildung von Gebärmutter und Eileitern.

Die Kombinationen von XX- oder XY-Chromosomen sind der Normalfall. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, denn bei der Chromosomenverteilung in Eizelle und Spermien läuft nicht immer alles nach Plan. Die häufigsten Abweichungen sind:

XXY-Männer (Klinefelter-Syndrom)

: Einer von 500 Jungen oder trägt anstelle von XY die Geschlechtschromosomen XXY in sich. Sie wirken bei der Geburt wie ganz normale Jungen, kommen in die Pubertät und fühlen sich in der Regel zu Frauen hingezogen. Sie haben meist einen etwas weiblichen Körperbau, weniger Bartwuchs und kleinere Hoden als durchschnittliche Männer. Sie produzieren in der Regel zu wenig funktionsfähige Spermien, um Kinder zeugen zu können.

XYY-Männer

: Einer von 1000 Männern hat diese Chromosomen-Kombination, die sich sehr unterschiedlich auswirkt. Viele Männer merken ihr Leben lang überhaupt nichts davon. Im Durchschnitt sind die Männer etwas größer und haben einen leicht niedrigeren Intelligenzquotienten. Auch findet man bei ihnen etwas häufiger aggressives Verhalten.

X-Frauen (Turner-Syndrom)

: Eine unter etwa 2500 Frauen hat in allen oder in manchen Körperzellen nur eines anstatt zwei intakter X-Chromosomen. Die Frauen sind oft kleinwüchsig und haben geringere Mengen des weiblichen Hormons Östrogen im Blut. Sie kommen daher häufig ohne Hormongaben nicht in die Pubertät und können auch meist keine Kinder bekommen.

Das biologische Geschlecht

Während mehrerer Schwangerschaftswochen produzieren die frühen Hoden des männlichen Embryos so viel Testosteron, dass die Hormonkonzentration der von erwachsenen Männern entspricht. Auch zwei bis vier Stunden nach der Geburt und im dritten Lebensmonat schütten die Hoden vermehrt männliche Hormone aus. Dagegen findet gibt es im weiblichen Embryo oder bei weiblichen Babies in dieser Zeit keine entsprechenden weiblichen Hormone. Unter dem Einfluss von Testosteron entstehen schon im Embryo die männlichen Geschlechtsorgane. Fehlen die männlichen Hormone, bilden sich die weiblichen Geschlechtsorgane.

Allein ein Penis oder eine Vagina machen aber noch keinen Mann oder Frau. Das zeigen zum Beispiel die Fälle, bei denen männliche Babies als Mädchen aufgezogen wurden, nachdem sie durch einen Unfall ihren Penis verloren hatten. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gingen einige Ärzte dazu über, bei einem solchen Baby auch die Hoden zu entfernen und durch Operationen eine künstliche Vagina herzustellen - bekannt ist der John/Joan-Fall. Die Kinder wurden von ihren Eltern von klein auf wie Mädchen behandelt und bekamen als Teenager zusätzlich weibliche Geschlechtshormone. Allein durch den sichtbar weiblichen Körper und die Erziehung, so dachten die Mediziner und Psychologen, würde sich ein solches Kind zur Frau entwickeln.

Das erwies sich aber als Irrtum. Wie man heute weiß, wirken die männlichen Hormone schon früh auf das Gehirn. Sie beeinflussen so die Geschlechtsidentität - das Gefühl ein Mann oder eine Frau zu sein. Die verunglückten Jungen, die als Mädchen aufwuchsen, entwickelten sich häufig zu so genannten Tomboys, also zu Mädchen, die die typischen, wilden Jungenspiele bevorzugen. Sie fühlten sich später häufig zu Frauen hingezogen. Ohne, dass sie verstanden warum, hatten einige von ihnen Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimme - sie fühlten sich wie im falschen Körper.

Das Intersex-Syndrom kann viele Ursachen haben

Ein ähnliches Phänomen kennt man auch von Menschen, bei denen sich das Geschlecht nicht eindeutig entwickelt. Aus einer ganzen Reihe von Gründen kann es dazu kommen, dass ein neugeborenes Baby weder eindeutig weiblich oder männlich ist. Ein solches Intersex-Syndrom kann viele Ursachen haben. So kann es zum Beispiel sein, dass bei einem männlichen Embryo zwar die Hoden Testosteron ausschütten, aber der Rezeptor defekt ist, mit dem der Körper das Testosteron-Signal normalerweise wahrnimmt (Androgeninsuffizienz). Es kommt auch vor, dass eine Störung in der Hormonsynthese im weiblichen Embryo eine Überproduktion von männlichen Hormonen auslöst (adrenogenitales Syndrom). Die Folgen können sehr unterschiedlich sein. So kann zum Beispiel die Klitoris nur etwas vergrößert sein, oder aber es kann auch ein "Pseudopenis" entstehen.

Lange Zeit dachten Ärzte, es sei gut für solche intersexuellen Kinder, wenn möglichst rasch über das Geschlecht entschieden werde. Und da es leichter ist, durch eine Operation eine Vaginazu formen als einen Penis, wurden Menschen mit Intersex-Syndrom in der Vergangenheit häufig zu Mädchen umoperiert und ihnen dies verschwiegen. Inzwischen weiß man aber, dass das Gefühl für die eigene Geschlechtsidentität auf sehr komplexe Weise entsteht und zu einem Teil schon von Geburt an im Gehirn verankert sein kann. Durch eine Operation kann man es nicht ohne weiteres festlegen.

Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur durch Geschlechtsorgane, Körpergröße, Muskelmasse und Haarwuchs, auch in den Gehirnen gibt es leichte Unterschiede. Entsprechend ihrer Körpergröße haben Männer im Durchschnitt ein etwas größeres Gehirn. Darüber hinaus besitzen sie mehr Nervenzellen in der Großhirnrinde als Frauen - das wirkt sich aber nicht aus: Frauen und Männer schneiden bei Intelligenztests gleich gut ab. Bei Männern ist die "präoptische Region" größer als bei Frauen. Bei Tieren ist diese Region zuständig für den Sexualtrieb. Inwieweit sie beim Menschen eine Rolle spielt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Dafür sind bei Frauen bestimmte Bereiche des vorderen Großhirns stärker ausgeprägt. Dazu zählt zum Beispiel auch der Frontallappen, die Hirnregion, die direkt hinter unserer Stirn sitzt. Dieser Hirnbereich sorgt dafür, dass wir unsere Handlungen planen und Probleme lösen können. Das alles sind aber nur geringe Unterschiede, die noch sehr umstritten sind und die man nicht in allen Fällen findet.

Das psychologische Geschlecht

Noch bevor ein Kind laufen und sprechen lernt, kann es Männer von Frauen unterscheiden und zum Beispiel eine weibliche Stimme einem weiblichen Gesicht zuordnen. Bis zu seinem dritten Geburtstag hat es begriffen, dass es selbst ein Junge oder ein Mädchen ist. Und in den darauf folgenden Jahren lernen Kinder, dass diese Eigenschaft ein unveränderlicher Kern der Persönlichkeit ist, der nicht nur durch äußerliche Attribute wie zum Beispiel Lippenstift zustande kommt. Inwieweit das Bewusstsein für das eigene Geschlecht anerzogen oder angeboren ist, das trotz umfangreicher Forschung noch immer nicht geklärt - vermutlich wirken hier viele Ursachen zusammen.

Welche Ursachen das sind, vermeinen Fachleute am besten an Menschen erforschen zu können, die ihr biologisches Geschlecht nicht akzeptieren, bei Transsexuellen. Obwohl manche Menschen genetisch, hormonell und anatomisch eindeutig einem Geschlecht angehören, empfinden sie es subjektiv anders. Transsexuelle Menschen fühlen sich, als wären sie im "falschen Körper gefangen". Die Ursachen für eine solche "Geschlechtsidentitätsstörung" verstehen die Wissenschaftler bislang kaum. Manche Forscher wollen Unterschiede in einer bestimmten Hirnstruktur, dem Hypothalamus, gefunden haben, und vermuten hier den Sitz der Geschlechtsidentität. Es gibt auch Befunde, wonach Transsexualität durch eine Hormonstörung im Mutterleib zustande kommen könnte, durch die sich das Gehirn anders als vorgesehen entwickelt. Diese Theorien sind aber umstritten, denn die Befunde sind nicht eindeutig. Andere Sexualforscher definieren Transsexualität gerade dadurch, dass es im Gegensatz zur Intersexualität keine bekannte biologische Ursache gibt.

Das soziale Geschlecht

Frauen können nicht einparken, Männer können nicht zuhören. Solche Vereinfachungen bestimmen häufig unsere Vorstellung davon, was typisch weiblich oder männlich ist. Doch obwohl uns die Unterschiede als groß und von Geburt an festgelegt erscheinen, wird vieles von den Erwartungen der Gesellschaft erst erzeugt oder zumindest verstärkt.

Viele Eltern berichten, dass ihre kleinen Jungen partout mit Autos und Pistolen spielen wollen, Mädchen dagegen lieber den Puppenwagen schieben. Immer wieder hört man, dies geschehe allein durch den Antrieb der Kinder. Allerdings ist schwer nachzuweisen, ob die unterschiedlichen Vorlieben wirklich auf angeborenen Unterschieden im Gehirn beruhen oder nicht doch durch unbewusste Prägung entstehen. Menschen behandeln Babys vom ersten Tag je nach Geschlecht anders, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist. Das spätere typische Rollenverhalten kommt auch auf diese Weise zustande. So kann man durch Experimente zeigen, dass Kleinkinder besonders jene Spielzeuge bevorzugen, die ihnen als passend für ihr Geschlecht suggeriert werden - auch wenn sie es eigentlich nicht sind.

Die Entwicklung setzt sich in der Schule fort. Lehrer reagieren auf Jungen anders als auf Mädchen. Zudem spielen Jungen und Mädchen meist getrennt. Mädchen haben zwar im Durchschnitt die besseren Schulnoten, Jungen sind tendenziell aber erfolgreicher in Mathematik und Physik. Allerdings ist die Begabung für Mathe im Kindesalter nur geringfügig stärker ausgeprägt, die Unterschiede werden erst ab der Pubertät deutlicher. Psychologen von der Universität von Arizona haben nachgewiesen, dass Frauen ihre Schwierigkeiten bei Matheaufgaben plötzlich überwinden, wenn sie glauben, einfach nur ein Problem zu lösen und ihnen die mathematische Natur der Aufgabe nicht bewusst ist. Ebenfalls verschwanden die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, als die Psychologen die Frauen zuvor eingehend darüber aufklärten, dass ihnen vielleicht nur ihr Selbstverständnis als Frau bei den Matheaufgaben im Weg steht.

Birgit Herden

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