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Geht nicht, gilt nicht

Wer kennt das nicht: Anfangs ist die Lust auf den Partner riesig, doch bereits nach wenigen Jahren herrscht tote Hose. Ein Naturgesetz? Nein, sagen Paartherapeuten und weisen in zwei neuen Büchern Wege aus der verkehrsberuhigten Zone.

Von Meike Winnemuth

Kuschelsex. Beschwichtigungssex. Sonntags-nach-dem-Tatort-Sex. Wir-sollten-mal-wieder-Sex. TrostSex. Die-Kinder-sind-bei-Oma-Sex. Aber-dann-spätestens-im-Urlaub-Sex. Doch, es gibt ihn noch, den Sex in der Ehe oder in langjährigen Beziehungen - nur, so richtig doll ist er meistens nicht. Früher, daran meinen sich viele noch dunkel zu erinnern, war es mal so, dass die Erde bebte und die Engel weinten. Aber heute ...

Das Phänomen ist so alt wie die Liebe selbst: ein, zwei Jahre rauschhafte Leidenschaft zu Beginn einer Beziehung, danach geht es mit der Lust steil bergab. Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, weil bei Sexumfragen notorisch gelogen wird. Doch in einer Göttinger Studie von 2005 mit 51000 Teilnehmern zwischen 20 und 69 sagte bei 65 Prozent der Paare mindestens einer der Partner, mit seinem Sexualleben unzufrieden zu sein. 57 Prozent der Paare haben maximal einmal die Woche Sex, 17 Prozent gaben an, in den letzten vier Wochen überhaupt keinen Sex gehabt zu haben.

Die Erklärungen lauteten bislang immer: zu viel Stress, zu viel Alltag, zu viel Kindergeschrei, zu wenig Zeit. Oder: Die moderne Beziehung ist mit so vielen Erwartungen überfordert - der andere muss Partner, Kumpel, Vater/Mutter und Lover in Personalunion sein -, dass unter all dem Druck die Lust vergeht. Oder: Langjähriger Sex widerspricht dem biologischen Programm; Leidenschaft hält im Schnitt 18 bis 36 Monate, dann hat die Natur keinen Bock mehr. "Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein", sagt die US-Anthropologin Helen Fisher so bündig wie herzlos, "wir sind auf der Welt, um uns fortzupflanzen." Na toll.

Lustlosigkeit ist jedenfalls, so scheint es, ein Naturgesetz wie die Schwerkraft - bestenfalls kurzfristig und nur mit Anstrengung aufzuheben. Wir können zwar Bälle in die Luft werfen und Raketen zum Mond schießen, aber am Ende fällt doch alles wieder runter. Und so arrangiert man sich ergeben: "Masturbation ist schwer im Kommen", fasst der Paartherapeut und Autor Michael Mary ("Fünf Lügen, die Liebe betreffend") die Pausengespräche des letzten Sexologen-Kongresses trocken zusammen - bei 45-Jährigen ist schon fast die Hälfte aller Sexualakte in festen Beziehungen handgemacht. Daran können auch vereinzelte Protestaktionen wie die jener 52-jährigen Ehefrau aus Aachen nichts ändern, die Anfang August die Polizei rief, weil ihr Mann seit Wochen nicht mehr seinen ehelichen Pflichten nachkommen wollte.

Mit neuen Büchern machen sich nun zwei Therapeuten an die harte Arbeit, die Erotik in der Ehe zu reanimieren (Esther Perel: "Wild Life - Die Rückkehr der Erotik in die Liebe", und Ulrich Clement: "Guter Sex trotz Liebe"). Sie räumen zuerst mal mit lieb gewonnenen Vorstellungen auf. Lustlosigkeit bedeute, dass es in der Beziehung nicht mehr stimmt? Im Gegenteil, sagt Esther Perel: "Vielleicht stimmt zu viel." Auch wenn langjährige Paare oft sagten, sie hätten sich auseinandergelebt, sei der Normalfall eher, dass sie zu sehr zusammenkleben - und das erstickt den Sex. Denn Leidenschaft sei nicht Ausdruck und Fortsetzung der Liebe, sondern ein eigenes System, das nach entgegengesetzten Regeln funktioniere. Stabile Partnerschaften beruhen auf Nähe, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit, Gleichheit, Sorge füreinander. Lust dagegen beruht auf Unkontrollierbarkeit, Fremdheit, Geheimnis, Unsicherheit, Sorglosigkeit. "Wir lassen die Leidenschaft vergehen, um ein Gefühl der Sicherheit zu haben", sagt die New Yorker Paartherapeutin Esther Perel. Liebe will Nähe, Erotik will Abstand. Liebe strebt nach Verschmelzung - doch ohne Abstand keine Anziehung.

Um ein Paar im Bett wieder zusammenzubringen, so der neue Denkansatz, muss man es erst mal am Tisch trennen. Das widerspricht der herkömmlichen Therapeutenmeinung "Bessere Beziehung = besserer Sex". Ihr gemäß galt jahrzehntelang: Wenn man eine gute Partnerschaft hat, läuft es mit dem Sex von allein. Im Gegenteil, sagt die Aachener Sexualwissenschaftlerin Ulrike Brandenburg: "Das Schwierige am Sex ist die Beziehung." Esther Perel geht sogar noch weiter: Alles, womit wir unsere Beziehungen zu stabilisieren und zu schützen versuchen - Gleichberechtigung, absolute Offenheit, Verständnis -, kann sie gefährden. Aus Angst vor Verlust einigen wir uns auf kleinste gemeinsame Nenner - alles, wovon wir vermuten, dass es für den anderen erträglich ist - und schaffen damit Langeweile und Unzufriedenheit. Und die können die Beziehung kollabieren lassen, wenn die jeweiligen Bedürfnisse der Partner zu kurz kommen, sie sich ihren Ausweg in Affären suchen, oder wenn das Nachlassen der Lust als Abnehmen der Liebe missverstanden wird.

"Liebe und Verlangen verhalten sich zueinander wie die Kategorien Haben und Wollen", sagt Perel. Die Frage ist also: Wie kann man wieder wollen, was man längst schon hat? Indem man sich von ein paar Illusionen trennt, wie Beziehungen funktionieren.

Fremdheit erzeugen

"Warum ist es leichter, das Unbekannte woanders zu suchen, wenn man es doch zu Hause hat?", fragt Esther Perel. Paare glauben, den Partner in- und auswendig zu kennen. "Er redet nicht gern", "Das würde sie nie mitmachen", "Ich weiß genau, was er denkt". Tatsächlich wissen wir weniger, als wir glauben. "Unser Wunsch nach Beständigkeit limitiert unsere Bereitschaft, den anderen wirklich kennenzulernen", sagt Perel. "Wir sehen, was wir sehen wollen oder akzeptieren können. Wir nehmen nur Ausschnitte des Partners wahr und ignorieren, was die bestehende Ordnung unserer Verbindung bedroht. Gleichzeitig beschneiden wir uns auch selbst und verleugnen der Liebe wegen große Teile unserer Persönlichkeit." Und damit auch große Teile des eigenen "sexuellen Profils", wie der Heidelberger Psychologe Ulrich Clement die individuellen erotischen Erfahrungen, Bedürfnisse und Wünsche nennt, von denen oft nur ein Bruchteil mit denen des anderen eine Schnittmenge bildet - die Komfortzone des Paares, in der die Lust an Unterzuckerung stirbt.

Es gilt also, sich der Unterschiede bewusst zu werden und am Partner das Fremde zu sehen, für das die Gewohnheit blind gemacht hat. Clement schlägt dafür einen Test vor:

Beide schreiben die eigenen drei größten sexuellen Wünsche auf - und die (vermuteten) des Partners sowie, wie gern oder ungern man die erfüllt. Dann vergleichen. Und sein blaues Wunder erleben.

Aber dann? Wie wird man einander wieder fremd nach 15 Jahren? Indem man einander Luft lässt, sagt Perel. Indem man nicht alles wissen will vom anderen ("Was hast du heute Mittag in der Kantine gegessen?"), angenehme Dinge nur für sich selbst tut, Abende mit sich allein oder anderen verbringt, Geheimnisse hat und andere Vertraute. "Nach meiner Erfahrung gelingt es Leuten, die viele Ansprechpartner haben und ihren Partner nicht für alles herhalten lassen, besser, die erotische Spannung aufrechtzuerhalten."

Einander neu sehen zu lernen und die dabei entdeckten Fremdheiten zu akzeptieren ist das Schwierigste, was ein Paar schaffen kann, gibt Ulrich Clement zu. Denn es ist mit vielen Ängsten verbunden: Sinke ich in seiner Achtung, findet sie mich dann noch liebenswert, wie viel Übereinstimmung kriegen wir überhaupt noch hin? Erlaube ich es dem anderen, anders zu sein, als in langen Jahren gewohnt? Will ich mit seinen innersten Wünschen konfrontiert werden? Clement weiß aus langjähriger Erfahrung als Therapeut: "Der Partner kann mehr aushalten, als man denkt."

Egoistisch werden

"Nach dem zu verlangen, was man sich einfach nur wünscht, gilt als selbstsüchtig. Das Vergnügen als solches ist dubios", sagt Esther Perel. Besonders das eigene Vergnügen. Der einflussreiche US-Sexualforscher David Schnarch (sein Bestseller "Passionate Marriage" ist unter dem spröden Titel "Die Psychologie sexueller Leidenschaft" jetzt auch auf Deutsch erschienen) unterscheidet zwischen selbstbestimmter und partnerbestimmter Sexualität. Im Lauf einer Beziehung macht sich immer mehr die zweitere breit: Ich zeige meine Sexualität so, dass ich eine positive Reaktion des anderen erwarten kann. Irgendwann hat sich eine sexuelle Hausordnung gebildet, eine stillschweigende Übereinkunft darüber, was die Frau (vermutlich) nicht will, und was der Mann (vermutlich) nicht will - im Bett findet nur statt, was übrig bleibt. Das Es-gut-machen-Wollen führt zu lauwarmem Vermeidungssex, der niemandem wehtut und niemanden befriedigt.

"Ich habe lange Paartherapien durchgeführt, bis mir klar wurde, wie viel einer partnerfreundlichen Selbstzensur zum Opfer fällt", sagt Ulrich Clement. Wichtig sei, dass beide Partner einen gesunden Sinn für die Berechtigung eigener Ansprüche entwickeln. "Sexuelle Liebe ist nicht immer politisch korrekt", sagt Perel. Guter Sex bedeutet nicht, dass beide immer hundertprozentig dasselbe wollen. Und was ist, wenn einer von beiden gar nicht will? David Schnarch: "Der Partner, der weniger Lust hat, ist keineswegs gestört, sondern hat oft sogar ein besseres Verständnis für Sex." Bitte? "Häufig ist der Sex es einfach nicht wert, gewollt zu werden" - wenn er sich nämlich immer nur auf der Warmhaltestufe abspielt.

Umso dringender, einen erotischen Wunschzettel zu schreiben. Clement schlägt vor, dass sich jeder Partner, zunächst nur für sich selbst, sein "ideales sexuelles Szenario" ausmalt: Wie sähe der Sex aus, wenn ich ihn ganz egoistisch bestimmen dürfte, ohne dass es Konsequenzen für die Beziehung hätte? Was würde ich mit wem wo und wie genau tun? Die Antworten darauf, sagt Clement, sind meist keineswegs elaborierte Perversionen, sondern oft bestürzend schlicht. Viele Männer möchten zum Beispiel "einfach mal unaufwendig vögeln, ohne Wein, Kerzen und sonstiges Tamtam". Auch wenn die Gattin stattdessen lieber die große Verführungsnummer hätte, kann der Sex für beide befriedigender werden, indem mal der eine, mal die andere bestimmt, wo's langgeht, statt sich immer nur halbherzig in der Mitte zu treffen.

Egoistisch werden heißt aber auch: sich vom Begriff der Normalität zu lösen. Es ist ein Paradox der sexuellen Revolution, dass all das Gerede über Sex ihn nicht entspannter gemacht hat. "Früher wurde moralisiert, heute normalisieren wir. Versagensängste sind die neue Entsprechung alter Schuldgefühle", so Perel. Die alte Frage "Wie oft ist oft genug?" treibt dabei immer noch viele um. Dabei geht es doch nur um eins: Erlebe ich die Sexualität, die ich möchte?

Spielen

Eine Möglichkeit, wie man gefahrlos einander fremd werden kann, ist das Spiel. Spielen heißt: unverbindlich ausprobieren. Eine spielerische Haltung hilft, sich auf Unerprobtes einzulassen und alles wieder rückgängig zu machen, wenn es nicht funktioniert. Diese Haltung erfordert zwar zunächst Überwindung, aber, so Clement, "der Ernst kommt von selber in die Beziehung". Unzufriedenheit kann auch dadurch entstehen, dass man sich im Immergleichen gefangen fühlt. Das Spiel durchbricht die Lähmung.

Möglichkeiten, mit Erotik spielerisch umzugehen, gibt es viele: auf einer Party so tun, als ob man sich nicht kennt, Rollenspiele ("aber ohne dass das in Karneval ausartet", warnt Clement), Verabredungen im Hotel, erotische Aufträge, die man einander abwechselnd erteilt. "Spielen ist wie fremdgehen, ohne einander zu betrügen", sagt Clement.

Auf das Spiel müssen sich aber beide einlassen, sagt Esther Perel: "Es gibt nichts Erniedrigenderes, als Dessous zu kaufen und für jemanden anzuziehen, der schon den Versuch albern findet." Sie schlägt stattdessen vor, etwa eigene E-Mail-Adressen nur für erotischen Austausch einzurichten oder sich in einem Sex-Chat unter unbekannten Identitäten zu verabreden und einander zu suchen. Auch David Schnarch ist ein großer Anhänger des Spielerischen: "Was so aufregend ist am Sex der ersten Monate - die Unsicherheit, die Nervosität -, ist leicht zu reaktivieren, indem man sich gemeinsam in unerprobte Situationen begibt."

Wenn's blöd war, lacht man drüber. Humor ist ohnehin unerlässlich, sagt David Schnarch: "Man muss sich nur den rein physischen sexuellen Akt angucken, um zu wissen, dass Gott Sinn für Humor hat."

Planen

Einer der größten Fehler, die in Beziehungen gemacht werden, sagt Ulrich Clement, "ist die Einstellung: Guter Sex ergibt sich von selber. Das gilt vielleicht für junge Beziehungen; in längeren Beziehungen muss ein günstiger Kontext für die Lust hergestellt werden. Man muss sich entscheiden, sexuell aktiv zu werden". Viele bleiben an der Idee hängen, dass geplanter Sex kein richtiger Sex sei, was nur dazu führt, dass halt gar nichts passiert.

Dabei wurde doch auch in der heißen Anfangsphase sorgfältig geplant: Was ziehe ich an, in welches Restaurant gehen wir, welche Musik lege ich auf? Sex zu planen heißt, "das Gewünschte passieren zu lassen", meint Perel. Sehnsüchtige Erwartung lässt sich so auch in langjährigen Ehen erzeugen. Der schlichte Rat, alt, aber tatsächlich effektiv: konkrete Verabredungen zum Sex treffen, Abende explizit dafür freihalten. Auch lustlos? Keine Angst, die Lust kommt dann schon, sagt Esther Perel. "Erotik muss kultiviert werden. Die entsteht nicht einfach so, man muss dafür sorgen, dass sie geschieht."

Locker lassen

Und dann gibt es natürlich auch noch Beziehungszyniker (oder -realisten?) wie den Therapeuten Michael Mary, der seit Jahren den Seitensprung als "intelligente Lösung" für das sexuelle Ödnisproblem empfiehlt. Guter Sex dank Beziehungsarbeit? Daran glaubt er nicht. "Das ist eine Überforderung. Ein einigermaßen zufriedenstellender Sex ist zwar möglich durch all die Arbeit, aber die Leute suchen doch was anderes." In seine Praxis kommen immer mehr ältere Paare, die zusammenbleiben wollen, sich aber beraten lassen möchten, wie sie Außenbeziehungen in ihre Partnerschaft einbauen können. Die sind laut Mary in einem gewissen Alter fast schon Normalität. Er erzählt von einer 51-jährigen Patientin, die in ihrem unmittelbaren bürgerlichen Umfeld mindestens sechs Frauen nennen kann, die wie sie Nebenbeziehungen haben.

Der gelassen pragmatische Umgang mit dem Thema ist derzeit in den USA unter dem Stichwort "New Monogamy" ein heißes Medienthema. Damit ist ein elastischer Treuebegriff gemeint, entstanden aus der Überlegung: Wenn 50 Prozent aller Ehen scheitern, scheint an der Idee lebenslanger Exklusivität irgendwas nicht zu stimmen. Sollte man nicht das Ideal grundsätzlich überdenken, statt eine Beziehung nach der anderen über die Klinge springen zu lassen? Statt sich an den alten Treuepakt zu halten (Ich reiß mich zusammen, dafür reißt du dich auch zusammen), könnte man sich doch gemeinsam darauf verständigen: Ich darf was, du darfst was, und an der langen Leine sind wir beide glücklicher. Was das umfassen könnte - Ausgehen mit anderen, harmlose Flirts, Fremdknutschen, Sexchats, Affären -, muss jedes Paar selbst aushandeln. Oberste Regel: Respekt für die Gefühle des anderen und absolute Einigkeit. Die Bibel der "New Monogamy"-Szene ist das Handbuch "The Ethical Slut" (etwa: "Die Schlampe mit Gewissen"), das "emotionale Monogamie" propagiert und Anleitungen zum moralisch korrekten Seitensprung gibt.

Natürlich bleiben solche Ausflüge nicht ohne Auswirkungen auf die Hauptbeziehung. Das Grundprinzip ist auch hier wieder: Durch das Lockern der Fesseln wächst Unsicherheit und dadurch Begehren auf den jetzt wieder interessanten Partner. "Eigentlich", sagt die Anthropologin Helen Fisher, "müsste ich sagen: Trennen Sie sich regelmäßig einmal im Jahr von Ihrem Partner und fangen Sie danach von vorn an. Gönnen Sie sich eine schöne Affäre nebenbei. Ihr Partner wird Sie dafür zwar hassen - doch er wird Sie auch lieben wie nie zuvor."

Selbst wenn man nicht gleich so weit gehen mag wie die Verfechter der "New Monogamy", die Wiederbelebung von ehelicher Lust ist in jedem Fall kein Zuckerschlecken, gibt auch Ulrich Clement zu. "Die Sicherheit und Stabilität sexueller Unzufriedenheit gibt niemand kampflos auf." Jede Veränderung muss mit dem Risiko des Scheiterns leben: Mit dem eigenen Wollen und Wünschen ernst zu machen birgt immer auch die Gefahr der Trennung. Perel stimmt zu: "Wenn man Leidenschaft will, muss man ein gewisses Level an Unsicherheit in der Beziehung tolerieren."

Also: no risk, no fun. Man rollt den roten Teppich für neue Erfahrungen aus - und die können ziemlich gut sein. Man bekommt einen neuen Partner, den man nicht suchen muss, denn er ist schon da. Man wird sich selbst besser kennenlernen, sich freier und stärker fühlen. David Schnarch nennt Beziehungen "Menschenwachstumsmaschinen". Die Ehe diene dazu, "dass beide etwas über sich selbst herausfinden". Und schließlich: Die Beziehung zum Partner bekommt eine stärkere Basis, wenn man bereit ist, sich auf Unterschiede einzulassen. Wer im Wissen lebt, dass die eigenen Wünsche erfüllt werden, erfüllt die des anderen umso lieber. "Wäre es nicht schön", fragt Ulrich Clement, "die Beziehung nicht als Verhinderungsveranstaltung, sondern als Ermöglichungsveranstaltung zu betrachten?"

Das wäre sehr schön. Geradezu sexy.

"Wir haben wieder Spaß"

Die Sex-Krise wurde für das Paar zur Zerreißprobe, eine Therapie half beiden.

Karin, 51, und Paul, 55, zwei Kinder aus Karins erster Ehe, ein gemeinsames Kind, 20

Karin:

Das erste Jahr war heftig. Wir haben oft miteinander geschlafen, bestimmt jeden zweiten Tag. Alles war neu, spannend. Dann traten die ersten Probleme mit den Kindern aus meiner vorangegangenen Ehe auf: ständige Arztbesuche, Ärger wegen der Unterhalts-zahlungen meines Ex-Mannes, Schulprobleme. Zudem bekamen wir unseren Jüngsten. Darunter hat unsere Sexualität sehr gelitten. Wir haben nur noch den Akt vollzogen. Ich war sehr unzufrieden und habe einen Termin bei einer Sexualtherapeutin ausgemacht. In der ersten Woche durften wir uns nur in den Arm nehmen. Dann durften wir nur die Hände berühren, und so ging es Stück für Stück weiter. Für mich war das besonders toll, weil ich es auch mag, mal nur zu kuscheln. Bald kam der Wunsch auf, endlich wieder miteinander zu schlafen. Laut Therapie war es noch verboten. Als wir endlich durften, war es richtig gut. Nach der Therapie war zwar unsere Sexualität wieder besser, aber in der Beziehung kriselte es sehr, und wir standen kurz vor der Trennung. Zu dieser Zeit hatte ich eine Affäre mit einem anderen Mann. Ich wollte aber die Ehe mit meinem Mann nicht aufgeben und hörte von dem Hamburger Paartherapeuten Friedhelm Schwiderski. Bei dem habe ich dann einen Termin gemacht. Paul war sofort bereit mitzukommen. In den ersten Therapiestunden haben wir uns fast nur angeschrien. Es war viel Arbeit, bis wir in der Lage waren, wieder richtig miteinander zu sprechen. Jetzt reden wir viel offener über unsere Wünsche und Bedürfnisse und machen uns weniger Vorwürfe. Am schönsten finde ich es heute, wenn sich der Sex spontan ergibt. Wenn wir auf dem Sofa sitzen und einen Liebesfilm sehen, bald ausschalten und selber weitermachen. Manchmal schaffe ich gezielt Raum für Lust. Dann ziehe ich mich sexy an und überrasche meinen Mann mit einem romantischen Abendessen. Wir schlafen jetzt vier- bis achtmal im Monat miteinander, das hängt stark davon ab, wie viel mein Mann arbeiten muss. Für mein Empfinden könnte es mehr sein.

Paul: Ich war unerfahrener als meine Frau. In den ersten Jahren liebten wir uns heftig und leidenschaftlich, ich fand unser Sexleben sehr erfüllend. Dann kam die Routine, ich hatte viel Stress im Beruf. Zu der Zeit haben wir vielleicht noch ein bis zweimal im Monat miteinander geschlafen. Einfach, weil es mal wieder dran war. Zu diesem Zeitpunkt waren wir hauptsächlich Eltern und kaum noch Paar. Unser Sex wurde immer weniger und kürzer. Als meine Frau wollte, dass wir zu einer Therapeutin gehen, war ich sofort einverstanden. Die Therapie war ganz anders, als ich erwartet habe. Es ging nicht um Techniken, sondern darum, den Partner wieder neu zu entdecken, seinen Körper neu kennenzulernen und die Lust zu wecken. Das hat unserer Sexualität geholfen, doch es standen eine Reihe anderer Probleme im Raum. Als wir kurz vor der Trennung waren, kam meine Frau mit dem Vorschlag, zu einem Paartherapeuten zu gehen. Ich glaube, ohne die Therapie wären wir nicht mehr zusammen. Wir haben da auch den Seitensprung meiner Frau aufgearbeitet. Ihre Untreue war verdammt schmerzhaft, denn Treue ist für mich ein Hauptbestandteil der Ehe. Dass ich geblieben bin, war eine spontane Ent-scheidung. Sie saß auf meinem Schoß und hat mich festgehalten, während sie mir den Seitensprung beichtete. Danach dachte ich, das stehen wir jetzt auch durch. Auch ich wollte an der Ehe festhalten. Allerdings musste ich mächtig an mir arbeiten, um zu einem echten Verzeihen zu kommen. Aber zusammen haben wir das geschafft. Seit die Kinder aus dem Haus sind, ist unser Sexleben viel spontaner geworden. Früher ging es nur im Schlafzimmer, doch jetzt haben wir auch andere Ideen. Natürlich ist es nicht mehr so wild wie in den ersten Jahren, wir sind älter und jeder hat seine Zipperlein, aber wir haben wieder Spaß zusammen.

Protokoll: Mareike Fuchs

"Unsere Sexualität war wie tot"

Weil die Belastung durch den Beruf zu groß wurde, waren Fritz und Marie am Abend oft zu müde für Sex

Marie, 51, und Fritz, 57, seit neun Jahren zusammen, keine Kinder

Marie:

Fritz war für mich der erste Mann, bei dem ich dachte, das ist der Mann fürs Leben. Vorher kannte ich solche Leidenschaft nur aus Affären. Nach ungefähr zwei Jahren traten die ersten Probleme auf. Ich war damals extrem belastet durch den Beruf. Es war eine ganz üble Zeit. Ich hatte das Gefühl, ich kann das Leben nicht mehr genießen, das war der absolute Lustkiller. Mein Begehren und meine Erotik waren wie abgeschnitten. Manchmal wünschte ich mir, dass er aktiver sein würde - weil ich selber einfach nicht konnte. Als Fritz dann vorwurfsvoll meinte, zwischen uns würde gar nichts mehr laufen, war das ganz schlimm für mich. Ich habe extreme Schuldgefühle gehabt und geweint. Mich hat das unter Druck gesetzt. Ich fürchtete, dass unsere Beziehung deswegen auseinander-bricht. Unsere Sexualität war zu dem Zeitpunkt wie tot. Als Fritz mit dem Vorschlag kam, zum Therapeuten zu gehen, war ich erst mal dagegen. Ich hatte Vorurteile. Schließlich habe ich mich darauf eingelassen. Der Paartherapeut hat zuerst meine schwierige Situation gewürdigt und Verständnis gehabt, das war total erleichternd für mich. Dann hat er uns diesen Rat mitgegeben: Nehmt euch bewusst Zeit, in der ihr nicht redet, aber euch körperlich nahe seid. Wir haben inzwischen dafür ein Ritual erfunden: Wir legen uns zusammen hin, stimmen ab, ob auf das Bett oder Sofa, ob nackt oder angezogen. Wir reden wenig, spüren bloß den Körper des anderen. Am Anfang fand ich das noch schrecklich konstruiert und habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, aber jetzt finde ich das sinnvoll. Meistens schlafen wir dann auch miteinander und denken jedes Mal: Wir zwei Idioten, warum machen wir das nicht öfter?

Fritz: Bei Marie und mir war der Anfang unheimlich toll. Ich fand sie sehr attraktiv. Nach zwei Jahren wurde es dann schleichend weniger. Wenn wir miteinander geschlafen haben, war es nicht weniger leidenschaftlich, aber es wurde seltener. Manchmal lief ein Vierteljahr lang gar nichts. Zwar war die Lust nicht weg, aber der Alltag war so vollgepackt mit Pflichten, dass wir abends beide zu müde waren für Sex. Zuerst habe ich meine Wünsche unterdrückt. Ich habe gesehen, wie schlecht es ihr ging, da wollte ich nicht mit meinen Wünschen nach toller Erotik kommen. Ich war sogar ein bisschen trotzig und dachte, wenn du nichts machst, dann mache ich auch nichts; dann befriedige ich mich lieber selbst. Irgendwann hab ich angesprochen, dass mir etwas fehlt. Das Reden hat erst mal gar nichts geändert, es hat eher die Stimmung noch verschlechtert. Ich habe vorgeschlagen, zu einem Paartherapeuten zu gehen. Sein Rezept war einfach: Jetzt wartet nicht bis zum Sankt-NimmerleinsTag, bis die Lust zu euch kommt, sondern nehmt euch gezielt Zeit, egal ob im Bett oder anderswo, und schmust miteinander! Seid euch körperlich nah. Wie es dann weitergeht, bleibt euch überlassen. Mir war das fremd, weil man immer denkt: Das kommt von allein. Wenn wir unsere "Hausaufgaben" machen, ist es manchmal zwei bis drei Minuten merkwürdig, aber dann ist es wie früher. Auch heute nach der Therapie ist unser Sexleben nicht immer auf einem Niveau, es gibt Wellenbewegungen. Es kommt vor, dass wir einen Monat keinen Sex haben. Aber wir wissen jetzt, was wir aktiv für die Erotik tun können.

Protokoll: Mareike Fuchs

Mehr Infos: www.paartherapie.de

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