Junge oder Mädchen? Oder beides?

Die Frage nach dem Geschlecht ist üblicherweise schnell zu beantworten. Doch manche Kinder sind weder eindeutig Mädchen noch Junge. Deren Eltern tragen eine besonders große Verantwortung.

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Unter 500 Neugeborenen ist eines, bei dem sich das Geschlecht nicht eindeutig zuordnen lässt©

Wissenschaftlich ist die Vorstellung veraltet, dass sich alle Menschen in zwei Geschlechter einteilen lassen. Immer wieder kommen Babys auf die Welt, die weder eindeutig Mädchen noch Jungen sind. Die Fachwelt spricht in diesem Fall von Intersexualität, auch "Disorders of Sex Development" (Störungen der Geschlechtsentwicklung) genannt. Dazu zählen mehr als hundert Störungsbilder, die Ursachen dafür sind vielfältig.

Geschätzt leben in Deutschland etwa 80.000 Intersexuelle, die auch als Hermaphroditen oder Zwitter bezeichnet werden. Statistisch gesehen dürfte jeder von uns einen intersexuellen Menschen kennen: Die Häufigkeit liegt bei ungefähr 1 zu 500. Im Alltag jedoch ist das Wissen der Gesellschaft über eben diese Störungen nicht sehr groß. Es gibt Vorurteile und auch Verwechslungen, etwa mit Transsexuellen.

Kinder kommen später unters Messer

Erst in den letzten 20 Jahren kommt es zu einer umfassenderen öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Leben zwischen den Geschlechtern. Doch viele Fragen bleiben: Wie reagieren Eltern richtig, wenn der Druck von außen wächst, da eine eindeutige Geschlechtszuordnung des Kindes in vielen Alltagssituation gefordert wird? Zum Beispiel von Behörden, die die gesetzliche Festlegung des Geschlechtes und Namens in der ersten Woche nach der Geburt verlangen – was vielfach nicht möglich ist, da eine gesicherte Diagnose von Intersexualität mitunter viel länger dauert. Und wie geht man am besten mit dem Thema um, sodass die psychische Belastung für alle Beteiligten möglichst gering gehalten wird?

Lange Zeit empfahlen Ärzte eine rasche Entscheidung für eines der beiden Geschlechter und eine frühzeitige Operation. Bis in die 80er Jahre war es üblich, dass intersexuelle Menschen im Kindes- und Jugendalter Operationen im Genitalbereich hatten, ohne ausreichend in diesen Entscheidungsprozess mit einbezogen zu werden. Dieser entmündigende Umgang wurde in den vergangenen 20 Jahren von Betroffenen und Medizinern kritisiert, es kam zu einem Umdenken. Auch wenn dies für Intersexuelle eine große Erleichterung ist, dauert die Auseinandersetzung mit dem "umgebauten Körper" - wie es ein Betroffener bezeichnet - oftmals ein ganzes Leben.

Intersexualität und Sport Gerade im Sport ist Intersexualität immer wieder ein Thema: 1966 gewann zum Beispiel die österreichische Skirennläuferin Erika Schinegger als 18-Jährige den Weltmeistertitel im Abfahrtslauf. Weitere wichtige Weltcupsiege folgten, bis im Vorfeld der Olympischen Spiele 1968 bei einem medizinischen Test festgestellt wurde, dass Schinegger männlich ist. Durch eine Ausprägung der Intersexualität, bei der die Geschlechtsteile nach innen wachsen, wurde das Geschlecht jahrelang nicht richtig identifiziert. Schinegger entschied sich zu einer Operation und der Änderung des Vornamens von Erika in Erik. Der Weltmeistertitel von 1966 wurde ihm nachträglich aberkannt. Zu ähnlichen Debatten führte 2009 auch der jüngste Fall der Athletin Caster Semenya aus Südafrika bei der Olympiade in China.

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