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Schwul, lesbisch, hetero oder bi: Warum lieben wir, wie wir lieben?

Wovon hängt ab, wen und wie wir lieben? Die Sexualwissenschaft erklärt es mit dem komplexen Zusammenspiel von Genen, Umwelt und Erfahrungen. Für Steffi und Ina ist die Antwort leicht: Es ist, wie es ist. Und es ist ganz einfach – Liebe.

Von Michael Kraske

Lesbisch. schwul, hetero: Was unsere Liebe prägt

Die Liebe zwischen zwei Menschen, das schönste aller Gefühle (Symbolbild)

Vielleicht gab es da eine Ahnung, mehr aber auch nicht. "Mit zwölf war ich das erste Mal verliebt, ganz normal in einen Jungen", sagt Steffi, 36. Die zweifache Mutter sitzt in ihrer gemütlichen Küche in einer ostdeutschen Großstadt, trinkt Tee und kramt in ihren Erinnerungen, während Ina, die sie "meine Frau" nennt, um sie herumwuselt. Ja, es gab da eine Musiklehrerin, zu der sie sich in der fünften Klasse hingezogen fühlte. "Heute denke ich, dass ich in sie verliebt war. Ich kann mich zwar nicht erinnern, sexuelle Fantasien zu Frauen gehabt zu haben. Aber Gefühle für das eigene Geschlecht waren da."

Steffi wuchs in einer Kleinstadt auf. Schwule und Lesben kannte sie nur aus dem Fernsehen. Mit Jungen "zu gehen", war das, was sie als normal empfand. Mit 15 kam sie mit ihrem ersten "richtigen" Freund zusammen. Steffi überlegt: "Ob der Sex mit ihm schön war oder nicht, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich glaube, ich fand es damals aufregend, aber es hat mich nicht erfüllt." Der nächste Freund wurde der Vater ihrer beiden Kinder. Zehn Jahre waren sie ein Paar, dann trennte sie sich. "Wir haben immer weniger geteilt", sagt Steffi. Am Ende fuhr sie allein mit den Kindern auf Familienfeiern, weil er nicht mit wollte. "Das Sexuelle war nebensächlich. Ich habe mich für seinen Orgasmus verantwortlich gefühlt und war froh, wenn es vorbei war."

Nach der Trennung wollte Steffi erst mal nur für die Kinder da sein. Kein Gedanke an eine neue Liebe. Bis sie vor sechs Jahren Ina kennenlernte, deren zwei Kinder mit Steffis Kindern in den Kindergarten gingen. Sie redeten viel, verstanden sich gut. "Irgendwann bin ich aufgewacht und habe gedacht: Die fehlt mir. Als Mensch, nicht unbedingt als Frau", sagt Steffi. Sie überlegte, es für sich zu behalten. Traute sich dann doch. Was hatte sie zu verlieren? "Du fehlst mir", schrieb sie Ina per Handy.

So fing alles an. Steffi weiß noch, wie aufgeregt sie bei den ersten Treffen war: "Es hat wahnsinnig gekribbelt, als hätte ich Tausend kleine Käfer im Bauch. Innerhalb von Sekunden habe ich Gänsehaut bekommen, wenn ich sie sah, und das ist bis heute so." Was war es, in das sie sich verliebt hat? "Ihre warmen Hände, ihre Wangenknochen, ihr Lächeln. Und ich mochte ihren Geruch." Der Roman "Das Parfüm" von Patrick Süskind, der von der betörenden Anziehungskraft des Geruchs erzählt, habe sich ihr erst durch Ina erschlossen. Sieht sie sich denn heute als lesbisch? Als bisexuell? "Ich gebe dem keinen Namen, aber ich weiß, ich bin angekommen." Ganz ruhig sagt sie das, voller Überzeugung.

Schwul, lesbisch, hetero oder bi – warum lieben wir, wie wir lieben? Die Sexualwissenschaft erklärt die Präferenz eines Menschen durch ein Zusammenspiel von Genen, Sozialisation und psychischen Faktoren. Entscheidend für diesen komplexen Prozess seien die ersten beiden Lebensjahrzehnte. "Jeder Mensch verfügt über eine Art sexuelles Skript. Diese sogenannte Lovemap wird durch Erbanlagen wie auch durch Umwelteinflüsse und Erfahrungen in der Kindheit und Jugend angelegt, ist aber nicht starr", erklärt der Hamburger Mediziner und Sexualwissenschaftler Andreas Hill. Der Anteil der Gene an der sexuellen Orientierung beträgt bei Männern höchstens ein Drittel, bei Frauen ist er noch geringer. Hill: "Wie stark ausgeprägt die Fixierung ist, hängt von individuellen Erfahrungen und gesellschaftlichen Einflüssen ab." Die Präferenz für ein Geschlecht scheine über die Jahre zwar stabiler zu sein als zum Beispiel bevorzugte Sexualpraktiken. Doch auch die Vorliebe für Männer bzw. für Frauen könne wechseln.

In einer repräsentativen Umfrage in den USA hatten nach sechs Jahren sechs Prozent der Männer und fast 18 Prozent der Frauen die Angabe ihrer sexuellen Orientierung geändert – die meisten in Richtung Homosexualität. Meist war es kein radikaler Kurswechsel, sondern eine Nuance, etwa wenn sich zuvor ausschließlich heterosexuelle Frauen nun als "überwiegend heterosexuell" einschätzten. Man müsse zwischen sexueller Identität, Sexualverhalten und sexueller Erregbarkeit unterscheiden, sagt Hill; je nach Definition komme man zu unterschiedlichen Zahlen über die sexuelle Orientierung. In US-Studien verorten sich etwa 90 Prozent der Befragten als heterosexuell. Diese Selbsteinschätzung deckt sich jedoch nicht immer mit dem tatsächlich praktizierten Sexualverhalten.

Bis heute gilt Forschern als wegweisend, was der berühmte Sexualwissenschaftler Kinsey in den 1950er Jahren herausfand: 37 Prozent der von ihm befragten Männer gaben damals an, schon mal einen sexuellen Kontakt mit einem Mann gehabt zu haben. Das bedeutet nicht, dass all diese Männer schwul waren. Aus der Diskrepanz zwischen gefühlter Heterosexualität und realen homosexuellen Kontakten lässt sich jedoch ableiten, dass uns die individuelle Lovemap nicht auf eine einzige Sexualität festlegt. Ein Mensch kann im Laufe seines Lebens durchaus unterschiedlich lieben, je nach Umständen, Gelegenheit und Partner. Die bis heute viel zitierte "Kinsey-Skala" hat ein Verständnis dafür geschaffen, dass es zwischen ausschließlich homo- und ausschließlich heterosexuell eine unterschiedlich ausgeprägte bisexuelle Ansprechbarkeit geben kann. Gute Hinweise auf die Präferenz gäben die sexuellen Fantasien, sagt Hill, der im klinischen Alltag immer wieder auf Patienten trifft, die sich unsicher über ihre sexuelle Identität sind.

Wir können im Leben durchaus unterschiedlich lieben, je nach Umständen, Gelegenheit und Partner

Steffi weiß genau, was sie will und mit wem. Mit Ina hat sie Sexualität noch einmal neu kennengelernt: "Was ich lange Zeit für einen Orgasmus gehalten habe, war glaube ich gar keiner. Dieses tiefe überwältigende Gefühl habe ich erst mit Ina kennengelernt." Sie genieße es, jemanden zu haben, der "baugleich" ist. "Es ist leichter, weil beide den weiblichen Körper kennen." Mit ihren männlichen Partnern sei es vor allem um seinen Orgasmus gegangen – mit Ina hat sie das Gefühl, es geht wirklich um sie.

Steffi und Ina passen nicht nur sexuell gut zusammen: Sie teilen gleiche Interessen, mögen Sport, Musik, und lieben es, handwerklich zu arbeiten. Sie lachen viel miteinander und verbringen gern Zeit mit ihren Kindern. Seelenverwandte seien sie trotzdem nicht, sagt Steffi: "Wir lieben und streiten und missverstehen uns genauso wie in einer Hetero-Beziehung."

Dabei haben sie das große Glück, von ihren Familien, Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen akzeptiert zu werden. Kürzlich hat sich Steffi als Erzieherin in einem Kindergarten vorgestellt und von ihrer "Frau" erzählt. In der Kollegenrunde gab es einen Moment der der Irritation. Anschließend kam eine Erzieherin zu ihr, um zu sagen, wie gut sie es fand, dass Steffi so unbefangen darüber gesprochen hat. "Ich gehe ganz offen mit meiner Liebe um", sagt Steffi. "Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit, ich habe bislang auch noch keinen dummen Spruch gehört. Einzige Ausnahme ist meine über 80-jährige Tante, die ein Problem mit Ina hat."

Steffi weiß, dass es anderen Frauen und Männern, die sich gleichgeschlechtlich verlieben, oft anders ergeht. Vor allem homosexuelle Jungen haben es nach einem Coming-out immer noch schwer. Wie eine Studie des Deutschen Jugendinstituts belegt, werden sie häufig verhöhnt, gemobbt, beleidigt, "schwul" ist unter Jugendlichen ein beliebtes Schimpfwort. Und auch Bisexuelle werden oft beargwöhnt, von Schwulen und Lesben genauso wie von Heterosexuellen. Sie wollten sich nicht festlegen, wird behauptet, und in allen Gewässern fischen.

Jürgen Höhn hat in Berlin vor mehr als 20 Jahren das "Zentrum für bisexuelle Lebensweisen" gegründet. Seitdem berät er Menschen mit bisexueller Orientierung bei ihrem Coming-out. Häufig rufen ihn Frauen bisexueller Männer an, deren Doppelleben aufgeflogen ist. Oft hat sie ihn dabei erwischt, wie er schwule Pornos anschaut – so oder ähnlich kommt es typischerweise heraus. Viele dieser Männer hatten jahrelang immer mal wieder heimlich kurze Affären oder schnellen Sex mit einem Mann. Wenn es rauskommt, sind sie verstört, wie gelähmt. "Diese bisexuellen Männer versinken erst mal in Scham und möchten überhaupt nicht darüber reden. Sie haben große Angst, ihre Familie zu verlieren und wollen am liebsten alles unter den Teppich kehren", sagt Höhn.

In der Beratung erklärt Höhn den Paaren den Grund für die Heimlichkeit, die den betrogenen Frauen so zusetzt und ihr Vertrauen massiv erschüttert: nicht Geringschätzung, sondern Verlustangst. "Erst, wenn das verstanden ist, hat die betrogene Partnerin die Möglichkeit, zu verzeihen und darüber nachzudenken, ob und wie es gemeinsam weitergehen kann." In Gesprächen versuchen die Partner dann, gemeinsam herauszufinden, was ihre Bedürfnisse sind und ob diese zusammenpassen. Welchen Sex braucht sie, welchen er? Wie viel Nähe? Wie viel Sicherheit? Wie viel Autonomie? Schwierige Fragen mit ungewissem Ausgang.

Einige Paare trennen sich danach. Andere finden eine Lösung, mit der beide leben können, wie Höhn erklärt. "Ein tragfähiger Kompromiss kann lauten: Du kannst deine Bisexualität leben, ich selbst brauche keinen anderen. Der Partner, der nicht bi ist, wird eher bereit sein, dem anderen das Ausleben seiner Neigung zuzugestehen, wenn er selbst emotional und sexuell satt ist." Klingt erst mal nach einem ungerechten Ungleichgewicht, aber es gehe nicht darum, gegenseitig aufzurüsten, sondern unterschiedliche Bedürfnisse anzuerkennen, sagt der Coach. "Care and share" laute der Leitgedanke – sich kümmern und mitteilen. Höhn selbst praktiziert schon lange dieses ungewöhnliche Modell. Seit 20 Jahren lebt er mit seiner Frau zusammen und hat auch Kinder mit ihr. Daneben hat er seit zwölf Jahren noch eine weitere feste Partnerschaft, mit einem Mann. Kann das gut gehen? Auch bei ihnen habe es Eifersucht gegeben, aber sie hätten viel geredet und an sich gearbeitet, erzählt Höhn. Eifersucht sei ja kein Ausdruck von Liebe, sondern von Angst. Diese Verlustängste seien in ihrer Dreier-Konstellation mit der Zeit kleiner geworden, die Liebe hingegen gewachsen.

"Mir ist egal, ob man nun gleich oder verschieden ist. Mensch liebt Mensch. So empfinde ich das."

So tolerant ist nicht jeder. Und nicht jeder, der entdeckt, dass ihn beide Geschlechter ansprechen, will bisexuell leben. Überhaupt geht es gar nicht immer um Sex, wie Höhn aus Beratungsgesprächen weiß: "Viele Männer verspüren das Bedürfnis nach Nähe zu einem anderen Mann." Für solche nicht-sexuellen Begegnungen biete unsere Kultur jedoch keinen Rahmen.

"Kulturelle Einflüsse haben eine große Wirkmacht auf die sexuelle Identität und auf männliche und weibliche Rollenbilder", sagt der Sexualwissenschaftler Harald Stumpe, der vor seiner Emeritierung das Institut für Angewandte Sexualwissenschaft an der Fachhochschule Merseburg geleitet hat. In arabischen Ländern seien nicht-sexuelle Umarmungen von Männern üblich und akzeptiert, bei uns nicht. Körperkontakt und Zärtlichkeiten unter Frauen würden dagegen auch hierzulande toleriert.

Die Akzeptanz für gleichgeschlechtliche und bisexuelle Gefühle und Erfahrungen hängt stark von der Bildung und vom Milieu ab. Wer über eine Hochschulbildung verfüge, sei eher bereit, Zwischentöne und andere Orientierungen zu akzeptieren, fasst Stumpe die entsprechenden Studien zusammen. An den Universitäten vieler Großstädte zum Beispiel schildern junge Frauen offen ihr sexuelles Interesse an anderen Frauen. Höhn kennt Berliner Singles mittleren Alters und beiderlei Geschlechts, die mal einen Mann, mal eine Frau als Geliebte haben und keinen Grund sehen, das vor Freunden und Vertrauten zu verheimlichen. Wer keine feste Beziehung hat und nicht durch rigide Moralvorstellungen gebremst wird, kann sich leichter ausprobieren und auch unterschiedliche Sehnsüchte ausleben.

Steffi will das gar nicht. Sie braucht keine Experimente, kein Ausprobieren. Ihr heterosexuelles Leben liegt hinter ihr und hat keine Sehnsucht zurückgelassen: "Das Zusammensein mit einem Mann vermisse ich nicht. Überhaupt nicht. Mit Ina habe ich mich besser kennengelernt und fühlen gelernt." Steffi hat ihre große Liebe gefunden, keine sexuelle Identität, die sie demonstrativ vor sich hertragen muss. "Nur weil ich eine Frau liebe, fange ich nicht an, lesbische Literatur zu lesen oder Frauen auf der Straße hinterherzusehen", sagt sie. "Mein Blick und meine Interessen haben sich nicht verändert." Sie genießt die Zeit mit Ina, mit den Kindern. Mal gucken, was rauskommt, habe sie anfangs gedacht. "Und raus kam eine richtig tolle Familie. Es funktioniert. Und zwar richtig gut!"

Liebt sie denn nun die Frau oder die Person Ina? "Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem", sagt Steffi. Sie möchte mehr Zeit mit Ina verbringen, sie immer noch besser kennenlernen. Sie lebe und liebe, wie sie es mag. Mehr geht nicht. Über Schubladen und Kategorien macht sich Steffi keine Gedanken. Vielmehr hat sie ihre eigene Theorie über die Liebe: "Es wird ein Riesending daraus gemacht, ob man nun gleich oder verschieden ist. Das ist mir völlig egal. Mensch liebt Mensch. So empfinde ich das."


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