Zeit für Zärtlichkeit

Die Sexualität älterer Menschen ist kein Tabu mehr. Auch jenseits der Lebensmitte wünschen sich Männer und Frauen erotische Erfüllung. Wunsch und Wirklichkeit klaffen leider oft auseinander.

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Sex, Sexualität, Wechseljahre, Alter

Laut einer Umfrage haben rund 60 Prozent der 75-Jährigen regelmäßig Lust auf Sex©

Zwei Menschen jenseits der 60 mit schütterem Haar, faltiger Haut und Doppelkinn, die Liebe machen. Und es sichtlich genießen, anscheinend nicht anders als 20-Jährige. Regisseur Andreas Dresen hat in seinem Film "Wolke 9" Bilder geschaffen, die zeigen, wie lustvoll Sex im Alter sein kann. Menschen, die heute zu den Alten zählen, haben in jungen Jahren oft eine freiere Sexualität gelebt als etwa ihre Eltern. Und diese Menschen schämen sich nun auch in der zweiten Lebenshälfte nicht ihres Liebeslebens.

Das steht im krassen Gegensatz zu den Klischees, die Jahrhunderte lang gepflegt wurden. Weil frühere Generationen der Meinung waren, dass Alter und Sexualität nicht zusammen passen, war der "lüsterne Greis" der Lächerlichkeit preisgegeben. Bei Frauen war die erotische Anziehungskraft eng an die Fruchtbarkeit gebunden. Jenseits der Wechseljahre sollte demnach im Bett nichts mehr laufen.

Sex als Fitnessübung

Gewollt oder ungewollt stricken die freizügigen Filmszenen aus "Wolke 9" allerdings mit an einer neuen, bedenklichen Norm. Denn so falsch das Bild von den asexuellen Senioren war, so problematisch ist der Umkehrschluss, nach der Devise: Sex bis ins hohe Alter hält fit, Potenzmittel und Hormonpillen werden es schon richten. Derlei Vorgaben kommen zwar den Interessen der pharmazeutischen Industrie entgegen. Ob der erotische "Fitnesswahn" alten Leuten aber tatsächlich nützt, ist fraglich.

Denn die neue Norm missachtet die Tatsache, dass der Körper eines über 60-Jährigen eben nicht mehr derselbe ist wie der eines 20-Jährigen: Knochen- und Muskelmasse haben abgenommen, die körperliche Kraft hat nachgelassen. Damit sind vor allem bei Männern die körperlichen Reaktionen beim Liebesspiel verlangsamt. Wer das ignoriert und krampfhaft an seinem jugendlichen Selbstbild festhält, setzt sich unter Druck. Anspannung aber ist ein Feind der Lust.

Vielfältige Veränderungen

Mit Beginn der Wechseljahre stellt sich der Körper der Frau langsam um. Er produziert immer weniger vom weiblichen Geschlechtshormon Östrogen. Das wirkt sich auf die Sexualorgane aus: Die Schleimhäute der Scheide sind weniger stark durchblutet, sie werden etwas dünner und empfindlicher. Außerdem ist die Scheide nicht mehr so feucht wie in jungen Jahren, es kann also weh tun, wenn der Penis eindringt, zumindest dann, wenn die Frau nicht genügend erregt ist. Trotzdem bleiben Frauen bis ins hohe Alter so lustvoll wie in jüngeren Jahren und erleben ihren Orgasmus genau so intensiv. Bei Männern hingegen verändert sich mit den Jahren die körperliche Reaktion beim Sex: Der Penis ist nicht mehr so steif wie früher, es dauert länger, bis er sich aufrichtet, gelegentlich versagt er völlig. Die Lust an der Liebe mindert das jedoch nicht. Allerdings können oft Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes, die oft im Alter auftreten, und Eingriffe wie Prostata-Operationen dazu führen, dass es seltener oder auch gar nicht mehr klappt. Auch bestimmte Medikamente, zum Beispiel Beta-Blocker, können das Stehvermögen beeinträchtigen.

Wer sein Leben lang sportlich war, wird auch im Alter aktiv bleiben. Das gleiche gilt für die Erotik: Wer sein Leben lang lustvoll geliebt hat, wird auch im Alter Spaß am Sex haben. Die Spielarten der Liebe aber verändern sich: Ältere und alte Menschen, die in einer Beziehung leben, schlafen nicht mehr so häufig miteinander und haben weniger "klassischen" Geschlechtsverkehr. Dafür finden sie andere Formen der erotisch-sexuellen Intimität und sind insgesamt eher zärtlich als wild miteinander.

 
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