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"Das ist doch abartig, Mama!"

Nicht nur im Kinofilm "Wolke 9" ist Sex jenseits der 60 ein Thema. Alte Menschen haben Lust auf Sex, entweder mit ihrem langjährigen Partner - oder mit einem neuen. Sie empfinden ihr Sexualleben intensiver als früher. Doch oft funken ihre erwachsenen Kinder dazwischen, Sex im Alter ist verpönt.

Von Leonie Seifert

"Lebensbejahende, vitale Frau mit Ausstrahlung, 79 Jahre, 1,66 groß, sucht jung gebliebenen Herrn ab 70, der Lust auf Zärtlichkeit hat" - diese Kontaktanzeige hat Regina M. (Name geändert) in mehreren Zeitungen aufgegeben. Seit fünf Jahren ist sie Witwe und seit kurzem wieder auf der Pirsch. Montags turnt sie, donnerstags spielt sie Schach, ein "Männersport", wie sie lächelnd sagt. Und samstags geht sie zum Tanzcafé, freut sich diebisch auf Rock 'n' Roll und Damenwahl. Da merkt sie schnell, ob ein Mann ihr gefällt. "Mir fehlt der sexuelle Kontakt zu einem Mann, ich hätte richtig Lust dazu", sagt sie.

Doch ihre Kinder sind strikt dagegen. Als sie die Kontaktanzeige beim Wochenendbesuch auf dem elterlichen Küchentisch fanden, waren sie empört. "Mensch Mama, das ist doch abartig!", schimpften sie. Niemand könne ihren Vater ersetzen und überhaupt: Ihre Mutter sei einfach zu alt für Sex.

Sex im Alter ist verpönt. Obwohl fast alle älteren Menschen Sex haben - oder gerne hätten. Doch die Gesellschaft macht es ihnen schwer: "Oft meinen vor allem Jüngere, Sex gehöre sich im Alter nicht mehr", sagt der Bonner Psychologe Rolf Hirsch, der sich mit der Sexualität älterer Menschen beschäftigt. Das Problem: Die Senioren glauben das oft auch selbst.

In der Werbung ist Sex ein Privileg der Jugend

Altsein wird verbunden mit: Kaffeekränzchen, Besenreisern, Anti-Falten-Cremes, Darmfloratabletten und Glatzenpolitur. Sex gehört allein der Jugend, zumindest in der Werbung: Täglich liegen da muskulöse, sonnengebräunte Männer lässig an einem Traumstrand, werden verwöhnt von schönen, jungen Frauen, mal mit Säften, mal mit Pralinen. Ein runzeliger Körper passt schlichtweg nicht in diese Südseekulisse.

Doch Sex gehört sehr wohl bis ins hohe Alter dazu. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Chicago. 73 Prozent der amerikanischen Bevölkerung von 57 bis 64 Jahren haben Geschlechtsverkehr, unter den 65- bis 74-Jährigen ist es rund die Hälfte. Erst ab 75 Jahren sinkt die Quote. Grund ist jedoch weniger die schwindende Lust, sondern akuter Mangel an Männern, die einfach früher sterben.

Das Ehepaar Balzer schert sich wenig um den Jugendwahn. Manchmal liegen sie morgens stundenlang im Bett. Liebkosen und küssen sich - schlafen miteinander. Ganz so wie früher. Renate Balzer ist inzwischen 69 Jahre alt und seit 50 Jahren mit ihrem Mann Manfred verheiratet. Der Sex hat sich mit den Jahren verändert. "Früher waren wir manchmal spontaner, schnell und impulsiv", sagen sie. Heute nehmen sie sich mehr Zeit füreinander und empfinden ihren Geschlechtsverkehr intensiver und intimer. Für sie ist Sex ein morgendliches Ritual: "Weil wir dann einfach fitter sind."

Zärtlichkeiten werden wichtiger

Mit steigendem Alter verändert sich die Art der sexuellen Kontakte. "In der Regel hat man weniger Sex, denn der reine Geschlechtsverkehr verliert an Bedeutung", sagt Gerontopsychologe Hirsch. "Dafür werden Zärtlichkeiten wichtiger."

Die größten Bremser für den Sex im Alter sind Gesundheitsprobleme wie Diabetes und Bluthochdruck. Nach der Chicagoer Studie klagt jeder zweite der Befragten mindestens über ein sexuelles Problem. Mehr als ein Drittel der Männer waren von Erektionsstörungen betroffen, jeder siebte nimmt Viagra. 39 Prozent der Frauen litten unter trockener Scheide. "Das kann den Geschlechtsverkehr erschweren, doch die sexuelle Erregbarkeit bleibt Frauen bis ins hohe Alter nahezu unbeeinträchtigt erhalten", sagt Kirsten von Sydow, Psychologin und Autorin mehrerer Bücher zur Sexualität älterer Frauen.

Die Ursache von Problemen im Bett ist nicht nur der Gesundheitszustand, sondern häufig Stress. Vor allem Männer setzt es unter Druck, dass sich mit zunehmendem Alter die Leistung im Bett verändert. Sie fühlen sich nicht mehr männlich, wenn sie länger brauchen, um zum Orgasmus zu kommen oder es gar nicht mehr klappt. Frauen verunsichert das in ihrer Weiblichkeit. Sie haben oft das Gefühl, dem Mann nicht mehr zu genügen. Experte Hirsch erklärt das so: "Viele Menschen können nicht akzeptieren, dass ihr Körper alt wird und sie genieren sich sogar dafür."

Auch für Regina M., die "lebensbejahende, vitale Frau mit Ausstrahlung", ist Attraktivität wichtig. Drei Antworten auf ihre Kontaktanzeige fand die 79-Jährige bisher interessant. Doch der erste redete nur von seiner verstorbenen Frau, der zweite fragte, ob sie gut koche und der dritte hatte Essensreste auf seinem Oberhemd. "Er muss mir schon rundum gefallen. Aber so schnell gebe ich nicht auf", sagt sie. "Ganz egal, was meine Kinder sagen". Schließlich will sie Sex.

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