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Erst handeln, dann fühlen

Mit den Beziehungsjahren bleibt die Leidenschaft oft auf der Strecke - und lässt sich auch nicht herbeizwingen. Die Lösung liegt in einer neuen Blickrichtung: Begehren ist nicht aller Freuden Anfang.

  Leidenschaft kann nicht erzwungen werden

Leidenschaft kann nicht erzwungen werden

"Es soll wieder so aufregend sein wie früher. Ich möchte mit meiner Frau einen Neuanfang machen." Herr S. meint es ernst. Nachdem er sich vor ein paar Monaten entschlossen hat, eine intensive außereheliche Beziehung zu beenden, will er mit seiner Frau nicht wieder in alte Gewohnheiten verfallen. "Es ist gut mit ihr, wir sind ein tolles Team. Die Kehrseite: Wir sind auch in eine langweilige Routine hineingeraten."

Seine Frau hat ihm die Affäre verziehen, will aber "erotisch nicht zweite Wahl sein". Umso mehr fühlt er sich unter Druck. Wie soll er den Funken zünden? Denn sie stellt klar: "Auf eheliche Pflicht kann ich verzichten." Und so sieht er die Lage ausweglos: Von allein stellt sich Leidenschaft nicht ein, und Sex als eheliche Pflicht will keiner. Doch aufregende Gefühle lassen sich nicht erzwingen. Sie überkommen einen, oder sie tun es eben nicht. Und wenn sie ausbleiben?

Neigungen in die Tat umsetzen

Wie wir unsere Sexualität leben und erleben, haben wir nur teilweise in der Hand. Der altmodische Begriff "Triebschicksal" beschreibt das treffend: Manches ist uns aufgegeben, manches verwehrt. Wir haben nicht die Wahl, ob wir hetero- oder homosexuell orientiert sind, ob wir viel oder wenig Lust auf andere Partner haben. Was wir aber aus diesem Triebschicksal machen - ob wir Neigungen in Taten umsetzen oder nicht, ob wir Gelegenheiten ergreifen oder verstreichen lassen -, das können wir entscheiden:

Eine Ursache sexueller Unzufriedenheit liegt in dem Bestreben, Unveränderbares verändern zu wollen. Scharf sein wollen oder spontan - das sind paradoxe Absichten, weil man auf unwillkürliche Gemütserregungen willkürlich Einfluss nehmen möchte. Das geht nicht. Es braucht - auch in der Sexualität - die dreifache Kompetenz, die in einem dem Theologen Reinhold Niebuhr zugeschriebenen Gebet formuliert wird: Gelassenheit (das hinzunehmen, was ich nicht ändern kann), Mut (das zu ändern, was ich ändern kann) und Weisheit (das eine vom andern zu unterscheiden). Wichtigste Voraussetzung dafür ist die Unterscheidung zwischen sexuellen Gefühlen und sexuellen Handlungen. Ob ich mich zu meinem Partner hingezogen fühle, kann ich nicht bestimmen. Ob ich mich sexuell auf ihn einlasse, sehr wohl.

Solange Herr S. seine (erwartete) Lust als Voraussetzung dafür sieht, überhaupt sexuell initiativ zu werden, solange er also ein Gefühl zur Bedingung für eine Handlung macht, bleibt er in der Spontaneitätsfalle sitzen. Sie besteht aus der Überzeugung, Sex sei nur gut, wenn er sich spontan ergibt. Für junge Beziehungen trifft das oft zu, weniger für langjährige Partnerschaften, in denen eher eine ruhige Verbundenheit das Geschehen bestimmt als spontane Begehrensattacken. Erotik wächst und reift. Statt eine vergangene Romantik heraufzubeschwören, liegt das Lösungspotenzial in der Gegenwart. Dabei hilft eine neue Blickrichtung.

Von Ulrich Clement/GesundLeben

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