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Das Tabu der sexuellen Bedürfnisse von Behinderten und Kranken

Sexualbegleitung für Behinderte und Kranke soll bezahlt werden, finden die Grünen. Durch sexuelle Frustration leiden Betroffene und werden ihren Einrichtungen zum Problem. Viele geistig Behinderte wurden noch nicht einmal aufgeklärt, so tabu ist das Thema.

Eine Sexualbegleiterin liebkost einen körperlich und geistig behinderten Mann

Eine Sexualbegleiterin liebkost einen körperlich und geistig behinderten Mann

Mit diesem Vorstoß haben die Grünen für Aufsehen gesorgt: Sollen pflegebedürftigen und behinderten Menschen in Deutschland sexuelle Dienstleistungen bezahlt werden? Politikerin Elisabeth Scharfenberg wurde für ihren Vorschlag kritisiert. Dabei ist das Thema Sexualassistenz gar nicht neu - die sexuellen Bedürfnisse von Behinderten, Demenzkranken und Senioren aber nach wie vor ein Tabuthema.

Wie soll hierzulande mit Sexualität in Pflegeheimen umgegangen werden? Die Frage stellt sich erneut, seit der Vorschlag der Grünen im Raum steht. In den Einrichtungen für kranke, ältere oder behinderte Menschen können die angestellten Pfleger keinen körperlichen Kontakt zu den Bewohnern haben - und dürfen das auch gar nicht. Dabei haben die Bewohner freilich sexuelle Bedürfnisse; Demenzkranke etwa oft mehr als vor ihrer Erkrankung: Die Kontrollmechanismen lassen nach, das Triebhafte kommt durch. Angehörige sind häufig überfordert mit der Sexualität der Bewohner. Ebenso die Pflegekräfte, die deren sexuelle Frustration im Alltag zu spüren bekommen: entweder durch Übergriffe am eigenen Körper oder durch Aggression gegen andere.

Pflegeeinrichtungen fehlen Rückzugsräume

Die Beratungsorganisation Pro Familia plädiert schon lange dafür, in Pflegeeinrichtungen mehr private Rückzugsräume zu schaffen, damit Bewohner sich gegenseitig nähern können, wenn sie das möchten. Wer niemanden hat, ist dankbar für einen Sexualbegleiter oder -assistenten. Diese Menschen helfen, körperliche Bedürfnisse zu befriedigen: Sie umarmen, massieren, lassen gemeinsame Nacktheit zu, helfen bei der sexuellen Selbstbefriedigung oder haben in manchen Fällen auch Geschlechtsverkehr mit dem Klienten. Sexualbegleiter sind Dienstleister, die gegen Bezahlung eine gemeinsame Zeit anbieten, die intimer ist als das, was Pflegekräfte mit ihren Patienten erleben dürfen.

Lothar Sandfort ist Psychologe und leitet das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) in Trebel. Er ist selbst querschnittsgelähmt und hat Ende der 90er-Jahre an einer Selbsthilfegruppe für körperbehinderte Männer teilgenommen, in der es um sexuelle Bedürfnisse ging. Heute ist sein Institut Vorreiter in Deutschland für die Ausbildung zum Sexualbegleiter. Das Institut bildete in privater Initiative nach eigenen Angaben bislang rund 70 Sexualbegleiterinnen aus.


Herr Sandfort, waren Sie überrascht von dem Vorstoß der Grünen?

Etwas, ja. Ein toller, mutiger Vorstoß der Grünen, ich bin sehr dankbar, dass sie den Vorschlag gemacht haben. Dass der so vorsichtig formulierte Vorschlag schon so einschlägt, ist für uns eine Provokation, wo wir uns doch täglich und seit Jahren ganz selbstverständlich damit beschäftigen. Ich stelle mir vor, dass es eine Ausweitung der Mittel für die Pflegeeinrichtungen gibt und das persönliche Budget für Behinderte aufgestockt wird. Das ist durchaus machbar und überhaupt keine Utopie.

Wer nimmt Sexualbegleiter in Anspruch?

Es gibt drei Zielgruppen für Sexualassistenten: körperbehinderte Menschen, die sich ihre Assistenten einfach selbst organisieren können, etwa im Internet. Außerdem geistig Behinderte und Senioren, die werden jeweils vom Personal ihrer Einrichtungen zu uns geschickt, wenn es Probleme gibt.

Wie kommt es, dass das Angebot hauptsächlich für (heterosexuelle) Männer konzipiert ist?

Der Bedarf ist bei Männern und Frauen gleich groß. Aber der Umgang damit ist anders. Wir werden ja hauptsächlich von Einrichtungen beauftragt, und Einrichtungen werden erst aktiv, wenn der Bewohner ihnen ein Problem macht. Und das sind meistens Männer. Frauen - da rede ich jetzt pauschal - wandeln sexuelle Frustration eher in Depression um - Männer in Aggression. Die werden dann eher zum Problem für die Pfleger. Das ist der Grund, warum Einrichtungen hauptsächlich Männer zu uns schicken. Wie viel Leid und wie viel Arbeit das vorher schon bedeutet hat, will gar niemand wissen.

Wer zahlt das bislang?
Die Sexualbegleitung wird bislang finanziert aus dem Privatgeld des Klienten - für eine Stunde müssen gerade geistig Behinderte oft einen ganzen Monat lang arbeiten. Die Verpflegung bei uns vor Ort wird oft von den Einrichtungen getragen.


In den Niederlanden und in Schweden etwa werden die Kosten für eine Sexualbegleitung in manchen Fällen von den Krankenkassen übernommen.

Viele Behinderte werden nie sexuell aufgeklärt

Viele Menschen mit geistigen Behinderungen werden von ihren Eltern nie sexuell aufgeklärt, entwickeln freilich trotzdem sexuelle Gefühle als Teenager - können die aber gar nicht einordnen und im schlimmsten Fall noch nicht einmal damit umgehen oder etwas dagegen (oder damit) tun. Wer nicht weiß, was Selbstbefriedigung ist, wie es funktioniert oder wer körperlich gar nicht die Möglichkeit hat, sich selbst zu berühren, wird unglücklich oder aggressiv; manche sehnen sich auch einfach nach Zärtlichkeit von anderen.


Herr Sandfort, weshalb ist die Sexualbegleitung gerade für geistig Behinderte wichtig?

Sexualität lernen nicht behinderte Teenager zum Beispiel in der "Bravo", vor allem aber auch dadurch, dass sie sich selbst ausprobieren. Das gibt es leider sehr häufig, dass Eltern ein behindertes Kind überhaupt nicht aufklären und die Sexualität gänzlich aus seinem Leben heraushalten wollen. Aber das geht nicht. Auch ein behindertes Kind entdeckt in der Pubertät erotische Gefühle. Aber in den Institutionen herrscht eine extrem entwicklungsfeindliche Atmosphäre. Das führt oft dazu, dass das Klientel ohne Sexualbegleitung überhaupt nichts mehr tut. Pfleger in Institutionen vermitteln geistig Behinderten häufig, dass Sexualität etwas Gefährliches ist, das man nicht tut. Nicht auszudenken, eine der Bewohnerinnen in der Einrichtung könnte schwanger werden.

Weshalb Sexualbegleiterinnen und keine Prostituierten?

Anfangs haben wir hier im Institut mit Prostituierten gearbeitet, aber das hat nicht funktioniert. Prostituierte können - da spreche ich wieder pauschal - oft am besten arbeiten, wenn sie ihre Gefühle ausschalten. Wir brauchen aber Menschen, die ihre Gefühle gut einsetzen können. Wir als Psychologen dürfen zu Ratsuchenden ja keinen Körperkontakt aufnehmen und nicht Lust erregen. Zum Teil ist das Berufsethos, zum Teil auch im Gesetz verankert. Das haben wir im Jahr 2000 beschlossen, selbst eine Ausbildung zu konzipieren. 

Was macht eine gute Sexualbegleiterin aus?
Sie führt nicht, sie lässt machen. Sie schaut, wo sie unterstützen und Mut machen kann und wo sie beruhigen muss. Der betroffene Behinderte handelt von sich aus. Wir arbeiten auch daraufhin, dass er sich selbst helfen kann. Es soll dabei nicht nur um die eine schöne Stunde hier gehen.


Deshalb besteht die Arbeit von Sexualbegleitern häufig auch darin, ihren Kunden Methoden der Selbstbefriedigung zu vermitteln. Oder Liebespaare, bei denen beide Partner Behinderungen haben, dabei zu helfen, miteinander Sex zu haben.

Neben dem ISBB bietet auch der Verein Kassandra, eine Beratungsstelle für Prostituierte in Nürnberg, in Zusammenarbeit mit Pro Familia eine Qualifizierung zur zertifizierten Sexualbegleiterin beziehungsweise Sexualassistentin an.

Prostitution auf Rezept?

Wie Sandfort betonen auch Sexualbegleiterinnen stets die Unterschiede der Sexualassistenz zur Prostitution. Nina de Vries arbeitet selbst seit zwanzig Jahren als Sexualbegleiterin für Menschen mit einer Beeinträchtigung und auch an dem Bild ihres Berufsstands in Deutschland. "Die Sexualität und Sinnlichkeit, um die es bei Sexualassistenz geht, ist eine ganzheitliche, ganzkörperliche, bewusste und nicht eine auf Geschlechtsmerkmale fixierte, mechanische Sexualität, die man eher in der so eben genannten 'normalen Prostitution' […] findet", schreibt sie in der "Orientierung", einer Fachzeitschrift für Behindertenhilfe. "Sexualassistenz ist eine bezahlte sexuelle Dienstleistung, wo der Mensch an erster Stelle steht und die Anbieterin ihre eigenen Grenzen und Möglichkeiten reflektiert hat und achtet. Es geht nicht darum, jeden zu mögen und wahllos Erwartungen zu erfüllen oder darum, nur zu befriedigen. Die Sexualassistentin […] muss die Fähigkeit haben, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben und zu merken, wie es ihr dabei ergeht, wenn sie eine intime Begegnung für jemand anderen gestaltet."

Immer wieder geben Sexualbegleiter an, viele ihrer Klienten wünschen sich gar nicht unbedingt Sex, sondern oft auch einfach eine Umarmung oder zärtliche Berührungen, auf die sie im Alltag eben keine Chance haben.

Wie viele Sexualbegleiter es in Deutschland gibt, ist nicht genau erfasst. Sandfort spricht von aktuell etwa zehn aktiven ISBB-Sexualberatern. Die Webseite www.sexualbegleitung.com listet neun auf, die Internetseite www.deva-bhusha.de der Sexualbegleiterin Deva Bhusha Glöckner deutlich mehr. Neben dem ISBB bieten auch Einzelpersonen wie auch Prostituierte entsprechende Dienste an. Daneben vermitteln Vereine wie Nessita in Hamburg Sexualbegleiter.

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