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Im Reich der Mitte

Das Geschlecht der Frau ist eine himmlische Blüte, sagen die Hawaiianer. Es gibt nicht nur den G-, sondern auch den K- und den U-Punkt. Fest steht: Frauen und Männer wissen oft wenig über die weibliche Anatomie. Eine Lust- und Bildungsreise.

Von Stephan Zimprich

Worüber reden wir hier eigentlich?

Die Unsicherheit fängt oft schon bei der Namensgebung an. Bei Männern ist das ungleich einfacher: Wer Arzt ist, sagt Penis, die anderen sagen Schwanz. Frauen haben eine Scheide oder Vagina, aber wer klingt im Bett schon gern wie ein medizinisches Fachwörterbuch? Die informelleren Namen für das weibliche Geschlechtsteil sind nur schwer zu ertragen: Fotze ist indiskutabel weil beleidigend, Möse auch nicht wirklich schön, und wer Mumu sagt, der geht auch Bubu machen. Bleibt noch Muschi. Keine Ideallösung, vor allem seit Edmund Stoiber uns eröffnete, dass er in zärtlichen Stunden seine Frau so nennt. Aber besser als der Rest. Charmanter geht's mit Fremdsprachen. Auf Hawaiianisch heißt die Vagina "Punani", was so viel bedeutet wie "himmlische Blüte". Klingt nett, oder?

Lustvolles Einzelstück

Die Klitoris ist das einzige Organ des Menschen, das nichts anderem als der Lust dient. Und seit einiger Zeit ist auch klar, dass sie nicht nur ein kleiner Knubbel am oberen Ende der Schamlippen ist, sondern ihre Nervenenden sich bis zu elf Zentimeter weit in das Becken und die Innenseiten der Oberschenkel erstrecken. Dennoch: Während Männer schon in der Jugend mit Stolz ihre Schwänze schwenken, schauen viele Frauen immer noch am liebsten weg, wenn es um die eigenen Geschlechtsorgane geht. "Viele Frauen haben kein Verhältnis zu ihrer Sexualität", bestätigt Sandra Maravolo, Autorin diverser Sexratgeber und Inhaberin eines Sexshops für Frauen in Frankfurt. "Wer da nicht hingucken will, der sieht die eigenen Geschlechtsteile sein ganzes Leben nicht." Für die erste Expedition ins Reich der Mitte hilft ein kleiner Taschenspiegel - und ein wenig Mut.

Gesunder Egoismus

Der erste Schritt zu einem erfüllten Sexleben: Erkenne deine Wünsche! Kein Mann kann Gedanken lesen, und ohne kundige Anleitung wären auch die besten Liebhaber arme Würste geblieben. "Frauen nehmen sich oft nicht wichtig genug", sagt Sandra Maravolo, "die denken immer noch: Hauptsache, dem anderen hat's gefallen." In ihre Sexshops kämen die Frauen auch heute noch oft mit gesenktem Kopf - selbst wenn es um eher banale Dinge wie Gleitgel gehe.

Penetration ist nicht genug

Was Frauen so alles können sollen: Klitorale Orgasmen, vaginale Orgasmen, das Ganze bitte auch noch schnell genug, um gleichzeitig mit dem eher zügig zu Werke gehenden Mann zu kommen. Kein Wunder, dass Sex unter solchen Umständen für viele Frauen nur eine lästige Pflichterfüllung ist. Nur etwa 20 bis 30 Prozent der Frauen gelangen allein durch Penetration zum Höhepunkt, bei den übrigen muss zusätzlich die Klitoris stimuliert werden - entweder durch die eigene Hand oder die des Partners. Und im Schnelldurchgang geht es nun mal nicht. Mindestens 20 Minuten dauert es bei den meisten Frauen, bis das Erregungsniveau eine orgasmusfähige Höhe erreicht hat. "Viele Männer glauben, wenn ich mich nur rein- und rausbewege, dann muss sie kommen", fasst der Sexualmediziner Johann Sievers den verbreiteten männlichen Irrglauben zusammen. Er fordert mehr Fantasie mit Hand und Mund. Für Männer gilt die Grundregel: Ladies first. Auch wenn's manchmal schwer fällt.

Die Unterscheidung zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus spielt Sievers zufolge hingegen eine untergeordnete Rolle. "Wir würden das so nicht trennen." Bestätigt wird der Arzt von einer Studie der Berliner Charité, nach der Frauen höchstens ganz "technisch" nach der Art der Stimulation differenzieren. Die Erlebnisqualität sei danach nur minimal unterschiedlich.

Ganz anders fiel das Ergebnis der Befragung zum "multiplen Orgasmus" aus. 57 Prozent der Befragten gaben an, ihn schon erlebt zu haben. Was nicht heißt, dass alle das Gleiche beschreiben. Als multipler Orgasmus wird so gut wie alles bezeichnet, was nicht kurz und danach vorbei ist - von dem einen lang anhaltenden, in Wellenform verlaufenden Erregungszustand bis hin zu zweimal Sex hintereinander. Aber egal, wie oft und wie lange - einen Zwang zum Orgasmus gibt es nicht.

Wüste oder Wasserfall?

Bei Erregung sondern die Schleimhäute in der Scheide ein feuchtes Sekret ab, das als Gleitmittel fungiert. Aber nicht bei allen Frauen sind das wahre Wasserfälle. Manche brauchen sehr lange, bis sie feucht genug sind, bei manchen bleibt es auch kurz vor dem Höhepunkt eher trocken. Das ist meist keine Störung, sondern normal innerhalb der Bandbreite, die es nun mal gibt. Leider kann Sex aber wehtun, wenn sich Haut an Haut reibt, ohne dass dazwischen ein Gleitfilm für gutes Rutschen sorgt. In solchen Fällen hilft Gleitgel, am besten aus der Apotheke oder seriösen Sexshops. Damit alles reibungslos klappt, ist aber auch bei Frauen regelmäßige Sexualität notwendig. Wenn der passende Mann gerade nicht da ist, hilft nur Handarbeit. Auch dabei werden die Klitoris und das gesamte Beckengebiet stärker durchblutet und mit mehr Sauerstoff und Hormonen versorgt. "Wenn Menschen keinen Sex haben, schrumpfen die Sexualorgane", bestätigt Sievers. Dauere diese Phase lange an, komme es mit der Zeit zu Funktionsverlusten.

Es gibt aber auch Frauen, bei denen tatsächlich eine medizinisch messbare Störung vorliegt. Relativ häufig sind Durchblutungsstörungen oder Veränderungen im Hormonhaushalt. Sie können inzwischen mit Medikamenten behandelt werden.

Das Problem mit den Punkten

Die gute Nachricht: Der G-Punkt existiert. Und jetzt die weniger gute: Nur ein Teil der Frauen empfindet die Berührung dort als luststeigernd, weil dadurch das Drüsengewebe stimuliert wird, das die Harnröhre ummantelt und als weibliche Prostata bezeichnet wird. Andere sind dort überempfindlich oder reagieren auf Berührungen mit Harndrang. Die Neuentdeckung der Sexualität ist die Stelle also nicht. Wer nachfühlen möchte, suche an der Oberseite der Scheideninnenwand etwa drei bis fünf Zentimeter hinter dem Scheideneingang nach einer Stelle, die etwas glatter als das umliegende Gewebe ist. Wissenschaftler sind sich inzwischen einig, dass die Stimulation des G-Punkts vor allem in Verbindung mit einem durchtrainierten Beckenbodenmuskel die Orgasmusfähigkeit deutlich verbessert. Der richtige Muskel ist der, der auch beim Urinieren den Strahl anhält. Es gibt auch spezielle Trainingsgeräte wie C.O.M.E. (Clinical Orgasm Muscle Exerciser), eine Art Plastikstöpsel mit Stiel, der durch Auf- und Abwackeln die richtige Anwendung anzeigt.

Da wäre auch noch der U(rethra)-Punkt. Er liegt am Ausgang der Harnröhre in der Nähe der Klitoris (passende Nomenklatur: K-Punkt) und steht ebenfalls in dem Ruf, den Spaß beim Sex deutlich zu steigern. Die Unterscheidung ist aber eher medizinischer Natur: Der K-Punkt liegt dem U-Punkt so nah, dass die wenigsten Frauen den einen vom anderen unterscheiden können. In manchen Publikationen steht das "U" auch für Uterus. Dass Frauen es besonders schön finden, wenn der Penis des Mannes an den Muttermund stößt, hält Sievers aber für ein Gerücht. "Wichtig sind G-Punkt und Urethra-Punkt, andere Bereiche spielen weniger eine Rolle." Zumal die meisten Männer für eine Uterus-Reizung nicht adäquat ausgestattet sind.

Keine Angst vor Zungenspielen

Dem Einsatz der Zunge, zum Beispiel an der Klitoris, stehen oft Scham und Unsicherheit entgegen. Viele Frauen befürchten, dass ihr Geruch dem Mann unangenehm sein könnte, wofür es bei hinreichender Körperpflege in der Praxis meist keinen Anlass gibt. "Da hat es oft in der Vergangenheit mal einen dummen Spruch gegeben, dann ist das fürs Leben vorbei", erzählt Expertin Maravolo. Auf viele Männer wirkt der Duft der Frauen sogar sehr erotisch. Und wenn nicht, können aromatisierte Gleitcremes helfen. Verzichten Sie aber auf Experimente mit Marmelade oder anderen Frühstücksutensilien. Der enthaltene Zucker bildet einen idealen Nährboden für Bakterien und Pilze. Kleiner Tipp eines Mannes: Männer sind durchaus lernfähig. Scheuen Sie sich nicht, detaillierte Anweisungen zu geben. Schließlich ist es Ihr Orgasmus!

Spaßbremse Pille

Viele Frauen nehmen die Pille - und haben dann kaum noch Lust auf Sex. Das liegt nicht daran, dass sie plötzlich eine sexuelle Störung haben, sondern an der täglichen Hormonbombe, die den Hormonhaushalt so beeinflussen kann, dass es mit der Lust nicht mehr weit her ist. Bei vielen Frauen hilft in solchen Fällen ein Wechsel des Präparats. Eine andere Lösung kann die so genannte Minipille sein. Sie enthält (im Gegensatz zur Mikropille) kein Östrogen, sondern nur Gestagen. Der Nachteil ist, dass man extrem penibel bei der Einnahme sein muss: Die Minipille muss innerhalb eines täglichen Zeitfensters von drei Stunden geschluckt werden. Weniger zeitkritisch ist die "neue Minipille" mit dem Wirkstoff Desogestrel. Sie verzeiht auch mal Verspätungen um bis zu zwölf Stunden.

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