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Hormonfrei verhüten dank "Anti-Baby-App" – kann das funktionieren?

Hormonfrei verhüten – viele junge Frauen sehnen sich danach. Zwei Physiker haben dafür nun eine Software entwickelt. Was hat es mit der App auf sich?

Von Lisa McMinn

hormonfreie Verhütung per App

Hormonfreie Verhütung: Die App der Erfinder Elina Berglund und Raoul Scherwitzl informiert über fruchtbare und unfruchtbare Tage

Elina Berglund war erst 28 Jahre alt, als sie von sich sagte, sie habe alles erreicht, was sie sich wünschen könne. Aber zufrieden war sie nicht.

Die Physikerin war Teil jenes Teams, das im Sommer 2012 am Forschungszentrum Cern das Higgs-Teilchen entdeckte. Auf der Suche danach hatte sie auch ihre große Liebe gefunden, ihren Kollegen Raoul Scherwitzl. Bald würde das Paar in die Flitterwochen fliegen. Und das war ein Problem. Denn Berglund vertrug die Pille nicht, und das Hormonimplantat, das sie zehn Jahre lang getragen hatte, lief ab. Sie wollte ihrem Körper eine Pause gönnen. Doch schwanger werden wollte sie nicht.

Berglund und Scherwitzl machten das Problem zu ihrem Projekt: Sie kündigten ihre Jobs und entwickelten einen Algorithmus, der eine altbekannte Verhütungsmethode, die Temperaturmethode, so sicher machen sollte wie die Pille. An fruchtbaren Tagen steigt die Körpertemperatur einer Frau an. Wer regelmäßig und genau misst, kann Schwangerschaften so planen oder verhindern. Früher notierten Frauen die Daten auf Papier und rechneten selbst – eine unsichere Methode. Mit der App "Natural Cycles", die das Physiker-Paar entwickelte, wird bei korrekter Verwendung weniger als eine von hundert Frauen in einem Jahr ungewollt schwanger, wie bei der Pille. Kürzlich ist die in Europa als erste "Verhütungs-App" zugelassen worden. Laut Berglund nutzen sie schon 200.000 Frauen weltweit.

Vor allem junge Frauen sehnen sich nach einer hormonfreien Alternative

Elina Berglund hat offenbar einen Nerv getroffen. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) greifen von den Frauen, die Verhütungsmittel nutzen, 53 Prozent zur Pille, sie ist das beliebteste Verhütungsmittel. Ein Grund dafür ist die hohe Zuverlässigkeit. Doch vor allem junge Frauen sehnen sich nach einer hormonfreien Alternative, für sie ist die Pille längst nicht nur ein Symbol der Befreiung.

"Es ist eine gewisse Hormon-Ängstlichkeit zu spüren", sagt der Pharmakologe Gerd Glaeske, der 2015 in seinem "Pillenreport" davor warnte, die Nebenwirkungen der Pille zu verharmlosen. "Die Hormone können den Körper ganz schön durcheinanderbringen", sagt er. Kopfschmerzen, Übelkeit und Traurigkeit seien übliche Begleiterscheinungen des Medikaments. Die Pillen der dritten und vierten Generation erhöhen sogar das Thromboserisiko. In den USA klagten Geschädigte gegen den Bayer-Konzern. Dessen Umsatz mit Präparaten, die den unter Verdacht stehenden Wirkstoff Drospirenon enthalten, sinkt seitdem. In Deutschland gründeten an Thrombose erkrankte Frauen die Initiative "Risiko Pille". Tausende weitere teilten unter #mypillstory ihren Frust auf Twitter.

Auch Annika Becker, 23, denkt schon länger darüber nach, die Pille abzusetzen. Sie studiert Public Health in Bremen und hat für ihre Masterarbeit 757 junge Frauen nach Verhütungswünschen gefragt. Von denen, die die Pille nahmen, antwortete nach ersten Erkenntnissen jede Vierte, dass sie sie absetzen wolle. Die Frauen halten die Pille für ungesund oder unnatürlich und wollen ihren Körper von Nebenwirkungen befreien.

App "Natural Cycles" für junge Frauen nicht geeignet

Für manche könnte die App eine Alternative sein. Allerdings kostet die Verwendung Zeit und ist nicht für jede Frau geeignet. Zunächst fragt die App persönliche Daten wie die Körpergröße und den Zeitpunkt der letzten Periode ab. Die Nutzerin misst dann jeden Morgen die Körpertemperatur, tippt den Wert ins Smartphone ein und lässt errechnen, ob sie fruchtbar ist oder nicht. An grünen Tagen ist ungeschützter Sex erlaubt, an roten Tagen ist zusätzlich ein Kondom nötig.

So funktionieren auch Apps wie MyNFP oder Lily. Elina Berglund aber bezeichnet ihre App ausdrücklich als Verhütungsmanager und nicht wie die anderen als Instrument zur Schwangerschaftsplanung. "Unsere App unterscheidet sich durch die Genauigkeit des Algorithmus", sagt sie. Dass sie ihre Software als Medizinprodukt anbieten darf, wurde vom TÜV-Süd bestätigt.

Frauenärzte und Pharmakologen wie Gerd Glaeske warnen allerdings davor, die App nachlässig zu benutzen. Nur wer ganz genau und regelmäßig misst, ist wirklich vor einer Schwangerschaft geschützt. Frauen unter 20 Jahren raten auch die Hersteller von der App ab, da die Periode bei ihnen oft unregelmäßig ist. Gut geeignet ist sie für Paare in einer festen Beziehung – wie Berglund und Scherwitzl.