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Gegensätze ziehen sich an

Es ist eine alte Geschichte und bleibt doch immer neu: Junge trifft Mädchen, und es knistert. Aus Exotik wird Erotik. So will es die Natur. Oder nur die Kultur?

Gegensätze ziehen sich an

Junge trifft Mädchen, und es knistert - die wohl älteste Geschichte der Welt

Für Mutter Natur ist die Sache klar: Wenn eine Art weiter bestehen will, braucht sie Nachwuchs - und der entsteht bei Mensch und Säugetier nur im intimen Austausch von Männchen und Weibchen. Heute lässt sich der Akt zwar durch künstliche Befruchtung umgehen, aber das ändert erst einmal nichts an unserer Biologie.

Die Zeiten, in denen Sex allein der Vermehrung diente und ansonsten Sünde war, sind zum Glück vorbei. Allerdings noch nicht ganz so lange, wie man glauben möchte: In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war es höchst verdächtig, sich mit Wonne der körperlichen Lust hinzugeben - egal, mit wem. Wer gleichgeschlechtlich liebte, galt als perverserweise homosexuell, wer sich gern mit dem anderen Geschlecht im Lotterbette wälzte, galt als perverserweise heterosexuell. Das ist wörtlich zu verstehen: Noch 1901 definierte ein anerkanntes Medizinwörterbuch Heterosexualität als abnormen oder perversen sexuellen Appetit aufs andere Geschlecht.

Schließlich jedoch gewöhnte man sich an die Vorstellung, dass Männer und Frauen zum Spaß Sex miteinander haben können, ohne dabei Nachwuchs produzieren zu wollen. Und vereinnahmte das geschlechterübergreifende Lustspiel gleichzeitig als offizielle Variante: Die Zweisamkeit von Frau und Mann schien so selbstverständlich, dass die Wissenschaft erst nachhakte, als es darum ging, die heterosexuelle von der homosexuellen Orientierung abzugrenzen - um letztere zu erforschen.

Das Ende der Selbstverständlichkeit

Und dann kam Alfred Charles Kinsey. Der berühmte amerikanische Sexualforscher erschütterte Mitte des vorigen Jahrhunderts das heterozentrische Weltbild. Seine Untersuchungen zum sexuellen Verhalten des Mannes und der Frau ergaben, dass bemerkenswert viele Menschen im Laufe ihres Lebens auch Angehörige des eigenen Geschlechts sexuell attraktiv finden. Bei den befragten 5300 Männern outete sich jeder zweite, von den befragten 5490 Frauen waren es 28 Prozent. Und immerhin 37 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen gaben an, sie hätten auch Taten folgen lassen.

Als "mehr oder weniger exklusiv homosexuell" ordnete Kinsey damals nur 10 Prozent der männlichen und höchstens 6 Prozent der weiblichen Befragten ein. Er zog daraus den seinerzeit viel diskutierten Schluss, dass die heterosexuelle und homosexuelle Partnerwahl nur die jeweiligen Endpunkte einer Skala sind. Zwischendrin sind alle ein bisschen bi, die einen eher straight, also heterosexuell, die andern eher schwul oder lesbisch.

Alles eine Frage der Kultur?

Die Statistik lässt vermuten, dass Team "Hetero" weltweit ungefähr zehnmal größer ist als Team "Schwul/lesbisch". Offenbar gibt es in jeder bekannten, bislang erforschten Kultur mehr heterosexuelle als homosexuelle Kontakte. Das gilt auch für Kulturen, in denen die körperliche Liebe zwischen Männern und Männern oder Männern und Knaben gesellschaftlich voll akzeptiert ist. Viele Forscher vermuten daher, dass die Entwicklung zur Heterosexualität nicht - oder zumindest nicht nur - durch Sozialisation bestimmt wird, also durch das, was Eltern, Lehrer, Autoritäten von uns erwarten.

Anfang der 1980er Jahre führten Mitarbeiter des Kinsey-Instituts ausführliche Interviews mit fast 1000 Lesben und Schwulen und 500 heterosexuellen Frauen und Männern. Die auch analytisch anspruchsvolle Untersuchung wurde als San-Francisco-Studie bekannt und gilt bis heute als Meilenstein der Forschung. Die Interviewpartner wurden nach familiären, sozialen, finanziellen, emotionalen und religiösen Verhältnissen befragt.

Alles eine Frage der Gene?

Das Ergebnis: Es fanden sich überhaupt keine nennenswerten familiären Anhaltspunkte oder Erziehungsstile, mit denen sich die spätere sexuelle Orientierung hätte voraussagen lassen. Die Studie widerlegte auch die These, dass das erste sexuelle Erlebnis die weiteren erotischen Neigungen bestimmt: Sowohl die heterosexuellen Frauen und Männer als auch die Lesben und Schwulen gaben an, dass zwischen ihrem ersten konkreten Begehren und ihrem ersten Sex drei Jahre lagen und dass diese erste sexuelle Erfahrung dann genau ihrer vorher phantasierten Spielart entsprach.

Man kann demnach weder erzogen noch dazu verführt werden, ausschließlich heterosexuell oder ausschließlichen homosexuell zu sein. Also doch alles Biologie, festgeschrieben in den Erbinformationen? Wohl kaum. Seriöse Studien in diese Richtung haben bislang nicht nachweisen können, dass die sexuelle Orientierung im Wesentlichen genetisch oder hormonell bedingt ist. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Vorliebe teilweise vom Erbgut beeinflusst sein könnte - aber teilweise eben auch nicht.

Alles eine Frage der Erziehung?

Warum Gegensätze sich anziehen, ist somit weiterhin ungeklärt. Ebenso die Frage, warum sich Gleich und Gleich zusammentun. Allerdings haben Untersuchungen gezeigt, dass mehr schwule als heterosexuelle Männer in ihrer Kindheit mit Puppen gespielt haben statt mit Autos. Und dass sie auch sonst "Mädchenkram" mochten und manchmal sogar gern ein Mädchen gewesen wären. Und dass mehr heterosexuelle Frauen als Lesben früher lieber mit Mädchen gespielt haben und "Mädchenkram" mochten. Das klingt furchtbar klischeehaft, ist aber durch mehrere Studien belegt. Die Freude an typischen oder untypischen Aktivitäten in der Kindheit gilt derzeit sogar als einziger signifikanter, also wissenschaftlich haltbarer Hinweis auf die später bevorzugte erotische Spielart.

Allerdings stammen die bislang vorliegenden Daten allesamt aus retrospektiven Studien, bei denen Erwachsene nach ihren Erinnerungen befragt wurden. Sogenannte prospektive Studien fehlen. Es gibt keine in die Zukunft gerichteten Untersuchungen an Kindern, die den rückblickend ermittelten Zusammenhang belegen könnten. Ob sich aus kindlichen Hobbys und Freundeskreisen tatsächlich ablesen lässt, für welches Team der oder die Kleine mal spielen wird, ist damit weiter fraglich - zumal jede Menge Ausnahmen die vermutete Regel anfechtbar erscheinen lassen.

Aus Exotik wird Erotik

Als vielversprechend gilt die Exotic-Becomes-Erotic-These: Aus Exotik wird Erotik. Für Jungs, die lieber mit Jungs spielen, bleiben Mädchen aufregend exotisch - und sind, sobald sich die Lust regt, entsprechend interessant. Während Jungs, die lieber mit Mädchen spielen, andere Jungs erst exotisch und später vielleicht erotisch finden. Bei Frauen läuft's entsprechend: Mädchen, die lieber mit Mädchen spielen, finden Knaben erst komisch, dann womöglich spannend. Mädchen, die mit Jungs toben, fühlen sich später eventuell zu Girls hingezogen.

Die Frage, was genau passieren muss, damit aus "nervigen Zicken" oder "doofen Nixmerkern" im Laufe der Pubertät wechselweise Objekte der Begierde werden - oder eben nicht -, beschäftigt viele Wissenschaftler. Das gilt keineswegs nur für die eher organisch denkenden Sexualmediziner, sondern auch die Sozialpsychologen. Eine US-Studie deutet darauf hin, dass es einen nachvollziehbaren Weg zur bevorzugten Spielart geben könnte: vom so genannten Genotyp, dem gesamten Erbgut eines Menschen, über untypisches Verhalten in der Kindheit bis hin zur späteren sexuellen Orientierung. Dieser Weg führt aber nicht direkt vom Genotyp zur sexuellen Orientierung! Dazwischen muss noch anderes passieren.

Alles eine Laune der Natur?

Und damit finden sich alle Experten in ein und derselben Gesellschaft wieder, egal, von welcher Seite sie sich den Launen unserer Libido nähern. Denn im Einzelfall werden wir davon beeinflusst, wie autoritär eine Kultur verlangt, dass Mädchen mit Puppen spielen und Frauen auf Männer fliegen; dass Jungs erst Fußball spielen und sich dann in Frauen verlieben. Unter diesem Einfluss neigen wir dazu, es sicherheitshalber genauso wie die meisten zu machen. Und uns nicht zu fragen, ob wir damit ans Ziel unserer sexuellen Sehnsüchte kommen.

Frauen und Männer erleben ihre Liebeslust nicht im luftleeren Raum, sondern in einer ganz bestimmten kulturellen und sozialen Situation, die sich ständig wandelt. Selten war das Spiel so offen wie heute. Heterosexualität ist inzwischen keine kulturelle Selbstverständlichkeit mehr, ebenso wenig wie die Institution der Ehe. Manche Forscher vermuten gar, dass die Monosexualität, also die eindeutige Vorliebe für Männer, für Frauen oder für beide, als erotische Orientierung langsam, aber sicher an Bedeutung verliert. Ganz verschwinden wird die Lust aufs andere Geschlecht aber sicher nicht.

Ira Panic

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