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Ein Dorf im Urwald. Es kommen auffällig viele Zwillinge zur Welt. Was steckt dahinter?

Ein einem Dorf in Brasilien werden ungewöhnlich viele Zwillinge geboren. Hartnäckig halten sich Theorien dazu - auch der Nazi-Arzt Josef Mengele wird für den Zwillingsboom verantwortlich gemacht. Forscher haben eine andere Erklärung.

Cândido Godói

In dem brasilianischen Dorf Cândido Godói leben überdurchschnittlich viele Zwillinge.

Das Quellwasser soll Schuld sein, glauben einige Einwohner des brasilianischen Städtchens Cândido Godói. Ein Mineral oder irgend ein anderer Stoffe müsse im Wasser sein - und deshalb würden so viele in dem Dorf nahe der argentinischen Grenze zur Welt kommen. Für Genetiker ist diese Antwort Blödsinn. Dennoch: In den 80 Familien gibt es 38 Zwillingspaare - ein ungewöhnlich hoher Wert. Eigentlich bekommen nur 1,2 Prozent aller Schwangeren Zwillinge. Doch in diesem Dorf ist die Quote um ein Vielfaches höher. Wie kann das sein?

Eine weitere Theorie bringt den Nazi-Arzt Josef Mengele ins Spiel, der als "Todesengel von Ausschwitz" grausame Berühmtheit erlangte. Laut den Dorfbewohnern soll Mengele in den 1960er Jahren im Süden Brasiliens aufgetaucht sein, um sich vor den Alliierten zu verstecken und habe als Tierarzt gearbeitet. 2008 veröffentlichte der argentinische Journalist Jorge Camarasa ein Buch über Mengele, das es in sich hatte: Er behauptete, dass Mengele seine Experimente an Frauen nicht nur im KZ durchgeführt habe, sondern damit in Südamerika weitergemacht habe. Dies hätte zu einem Anstieg der Zwillingsgeburten geführt. Und erklärt darüber hinaus, warum viele der Zwillinge blond und blauäugig zur Welt kommen. Der ehemalige Bürgermeister und Dorfarzt Anencir Flores da Silva hält die Nazi-Arzt-Erklärung für möglich. Seiner Ansicht nach würden Infos über Mengele, der bis zu seinem Tod 1979 ist São Paulo als Tierarzt gearbeitet hat, zurückgehalten. "In einer Gegend voller Nazis", sagte er der "New York Times", "haben manche Angst und halten den Mund. Es ist wichtig, dass wir die Wahrheit erfahren."

Deutsche Einwanderer gründeten das Dorf

Tatsächlich bilden polnische und deutsche Einwanderer heute die Mehrheit des Ortes. Am Eingang zum Dorf hängt ein Schild mit der Aufschrift "Gartenstadt und Zwillingsland", berichtet die "New York Times". Rund 80 Prozent der 6700 Einwohner habe deutsche Vorfahren, die zur Zeit des 1. Weltkrieges nach São Pedro zogen, einen Teil von Cândido Godói mit rund 300 Einwohnern. Noch heute unterhalten sich die Bewohner dort in einem deutschen Dialekt. 

Die Abgeschiedenheit und Isolation des Dorfes ist für Genetiker die wahrscheinlichste Erklärung für den Zwillingsboom. Denn die Einwandererfamilien blieben unter sich, heirateten und so war Inzucht die Folge. "Mein Bruder hat seine Cousine dritten Grades geheiratet. Das kommt oft vor. Man heiratet Cousins und Cousinen oder andere nahe Verwandte", so ein Einwohner zur "New York Times".

Genetikern prüft die Zwillingsgeburten

Ursula Matte, eine Genetikerin in Porto Alegre, fand heraus, dass in dem Dorfteil São Pedro zwischen 1990 und 1994 zehn Prozent aller Geburten Zwillingsgeburten waren, während im übrigen Bundesstaat dieser Wert bei 1,8 Prozent liegt. Doch warum dies so ist, konnte bislang nicht schlüssig geklärt werden. Würde eine Prädisposition, also eine medizinische Veranlagung bestehen, wären die Zwillinge eineiig zur Welt gekommen. Doch meist waren es zweieiige Zwillinge.

Die Bewohner des Dörfchens scheinen zumindest kein gesteigertes Interesse daran zu haben, das Rätsel aufzulösen - denn als "Welthauptstadt der Zwillinge" lockt der Ort Touristen an. Einmal im Jahr wird der "Tag der Zwillinge" gefeiert. Auch Genetikerin Matte glaubt nicht an Klärung: "Sie wollen das Geheimnis bewahren."

kg