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Lebertransplantation gegen Geld

Es könnte der größte Skandal im deutschen Organspendewesen sein: In Göttingen wurden wohl Dutzende Akten gefälscht. Ausgewählte Patienten bekamen so schneller eine Spenderleber - offenbar gegen Geld.

Von Lea Wolz

  Wer in Göttingen bei einer Lebertransplantation in den OP kam, wurde wohl nicht immer nach medizinischen Kriterien entschieden

Wer in Göttingen bei einer Lebertransplantation in den OP kam, wurde wohl nicht immer nach medizinischen Kriterien entschieden

Wer schwer krank ist und ein Spenderorgan braucht, wartet häufig jahrelang auf ein geeignete Leber oder Niere. Um mehr Menschen zur Organspende zu bewegen, hat die Bundesregierung daher gerade erst ein neues Gesetz verabschiedet. Nun erschüttert ein Betrugsfall das Vertrauen in das System massiv: Wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtet, bekamen im Göttinger Universitätsklinikum ausgewählte Patienten bevorzugt Spenderorgane. Operiert wurde also offenbar nicht derjenige, der medizinisch an der Reihe gewesen wäre, sondern derjenige, der dafür Geld auf den Tisch legen konnte. Laut "SZ" könnte es sich um den größten Betrugsfall in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin handeln.

Bereits vor einem Monat war bekannt geworden, dass der ehemalige Chefarzt der chirurgischen Abteilung einem russischen Patienten geholfen hatte, früher operiert zu werden - gegen eine hohe Geldsumme. In Deutschland hätte dieser Patient eigentlich gar keinen Anspruch auf eine Spenderleber gehabt. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt bereits wegen Verdachts auf Bestechlichkeit gegen den Mediziner, der mittlerweile nicht mehr in der Klinik arbeitet. Um den Patienten auf der Warteliste für eine Spenderleber weiter nach vorne zu bekommen, hatte der 45 Jahre alte Mediziner offenbar gezielt Patientenakten manipuliert.

Zwei Dutzend Fälle

Doch dies scheint nur die Spitze des Eisberges zu sein: In Göttingen sind nach "SZ"-Informationen nicht nur für diesen einen Patienten Protokolle gefälscht worden. Mindestens 25 weitere Fälle seien bereits bekannt, in denen bei der Lebertransplantation offenbar nicht alles mit rechten Dingen zuging. Und alles spricht dafür, dass hier ein Netzwerk am Werk war: "Es ist sicher, dass das nicht eine Person alleine war", sagt der Strafrechtsprofessor Hans Lilie von der Universität Halle. Lilie ist zugleich Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation. Das bei der Bundesärztekammer angesiedelte Gremium ist unter anderem für die Qualitätssicherungen im Organspendewesen verantwortlich.

Auch die Klinikleitung glaubt nicht an die Machenschaften eines einzelnen. Es sei unwahrscheinlich, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt war, sagte das Vorstandsmitglied der Uniklinik, Martin Siess, am Freitag auf einer Pressekonferenz. Dazu seien Zahl und Umfang zu groß gewesen.

Erschütternd ist auch, wie einfach es offenbar war, die kriminellen Energien erfolgreich umzusetzen: Um die ausgewählten Organempfänger auf der Warteliste nach vorne zu bringen, habe der Mediziner deren Krankenakten manipuliert, schreibt die "SZ". Indem er etwa Laborwerte fälschte oder zusätzliche Nierenprobleme erfand, erschienen die Patienten kränker als sie es tatsächlich waren. Das sicherte ihnen einen vorderen Platz auf der Warteliste der internationalen Vergabestelle Eurotransplant, die in sieben europäischen Ländern über die Zuteilung von Spenderorganen entscheidet - nach medizinischer Dringlichkeit.

Immenser Schaden

Der Staatsanwaltschaft Braunschweig zufolge ist es noch unklar, ob die Daten absichtlich gefälscht wurden und ob illegal Geld geflossen ist. Offen ist auch, ob andere Patienten auf der Warteliste für Lebertransplantationen durch das Vorgehen am Göttinger Uniklinikum zu Schaden gekommen oder gar verstorben sind. Der Schaden für die Organspende dürfte trotzdem schon immens sein. Welche Schlüsse werden wohl potenziell bereitwillige Spender daraus ziehen? Und welches Vertrauen können Kranke noch in ein System haben, das so leicht manipulierbar ist?

Wie heikel die "Causa Göttingen" für das gesamte Organspendewesen in Deutschland ist, weiß auch Lilie. Früher habe er Spenderwilligen oder Angehörigen voller Überzeugung versichern können, dass hierzulande in Sachen Organspende alles mit rechten Dingen zugehe, zitiert ihn die "SZ". Das könne er nun nicht mehr ohne Weiteres tun.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zeigte sich bestürzt. "Wir haben das hier alle nicht für möglich gehalten, dass in unseren Kollegenkreisen jemand so was macht", sagte der Medizinische DSO-Vorstand, Professor Günter Kirste, der Nachrichtenagentur DPA. "Dieser Fall muss mit aller Entschiedenheit verfolgt, geklärt und bestraft werden." Sollten sich die Vorwürfe gegen den Göttinger Arzt bestätigen, müsse mit allen Registern dagegen vorgegangen werden. Nur so könne das Vertrauen der Menschen in die Organspende wieder hergestellt werden. Er hoffe, dass die Bevölkerung von einem solchen Einzelfall nicht grundsätzlich verunsichern lasse.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) fürchtet, dass die Berichte über die Missstände die Bereitschaft zur Organspende "massiv erschüttern" könnten. Über seinen Sprecher forderte er deshalb eine "schonungslose Aufklärung" des Skandals.

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