Nach Missbrauchsvorwürfen: Charité kämpft um ihren Ruf

22. November 2012, 19:08 Uhr

Die Kette dramatischer Vorfälle an der Berliner Charité reißt nicht ab: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Pfleger, der eine Jugendliche missbraucht haben soll.

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Charité-Chef Karl Max Einhäupl spricht am 22.11.2012 in Berlin während Pressekonferenz. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Pfleger des Krankenhauses, der eine Jugendliche missbraucht haben soll.©

Für Eltern ist es eine furchtbare Vorstellung: Das eigene Kind, dem im Krankenhaus geholfen werden soll, wird dort Opfer eines sexuellen Missbrauchs. Den Vorwürfen zufolge hatte an der Berliner Charité ein Pfleger nur drei Minuten Zeit, um sich an der 16-Jährigen zu vergehen. Sie war nachts in die Rettungsstelle einer Charité-Klinik gebracht worden. Das Mädchen war mit Beruhigungsmitteln betäubt und vertraute sich später seinen Eltern an. Die Charité ermittelte zunächst intern. Erst durch einen Zeitungsbericht wurde der Vorfall publik - eine Woche später. Nun zeigte die Uniklinik ihren Mitarbeiter auch an.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft, der Fall löst breite Empörung aus. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) dringt auf eine rasche Aufklärung. "Das Ereignis ist schockierend. Jetzt müssen unverzüglich alle Fakten auf den Tisch." Noch für Donnerstagabend hat sie ein Treffen mit der Charité-Leitung angesetzt.

Dabei war nach dem Drama um die gefährlichen Darmkeime, mit der sich Babys auf zwei Säuglingsstationen der Charité infiziert hatten, gerade erst ein klärendes Gespräch zwischen Senatorin und Charité-Vorstand geführt worden. Es ging darin um mangelhafte Kommunikation und fehlende Transparenz: Beides war bei den Darmkeim-Vorfällen im Oktober heftig kritisiert worden. Dem Vorwurf, zu lange geschwiegen zu haben, muss sich die Charité - Deutschlands größtes Universitätsklinikum - nun erneut stellen.

Charité-Chef will Vorwürfe aufklären

Als Charité-Chef #link;http://www.stern.de/gesundheit/karl-max-einhaeupl-90848486t.htmlKarl Max Einhäupl# am Mittwoch dazu erstmals vor die Presse trat, wirkte er zerknirscht und erschüttert: "Wir haben ein Kommunikationsproblem", räumte er erneut ein, kündigte aber an, die Vorfälle vorbehaltlos aufzuklären. Doch nun wird klar, dass Einhäupl schon am Freitag über Missbrauchsvorwürfe informiert wurde - aber nur zwischen Tür und Angel. Es stellt sich die Frage, ob es an der Charité an Sensibilität fehlt oder ob Informationen irgendwo hängenbleiben.

Bei der Kommunikation will Einhäupl neue Seiten aufziehen: Als erstes richtete die Charité am Donnerstag eine Telefon-Hotline für besorgte Patienten, Eltern oder Mitarbeiter ein, die psychologischen Rat und Hilfe suchen. Zudem soll ein externes Expertengremium Strukturen und Arbeitsabläufe auf Schwachstellen durchleuchten.

Denn Fragen stellen sich viele. Der Pfleger, der schon seit 40 Jahren an der Charité arbeitet, soll zumindest bei einigen Kollegen schon wegen ähnlicher Delikte bekanntgewesen sein. Einhäupl sagte zunächst, diese Fälle lägen mindestens fünf Jahre zurück. Doch auch hier hat er nun eine neue Version: Im Vorjahr rief eine Mutter, die mit ihrem Kind in der Rettungsstelle war, die Polizei wegen desselben Pflegers. Er soll sich der Frau distanzlos genähert haben.

Dunkle Erinnerungen an den "Todesengel" werden wach

Doch die Charité unternahm nichts. Auch zuvor soll der Mann schon intern aufgefallen sein. Warum die Mitarbeiter ihren Verdacht nicht weitergaben und ob die damalige Pflegedienstleitung davon wusste, bleibt offen. Dazu sagt Charité-Chef Einhäupl jetzt: "Drei Mal aufgefallen, ein Mal erwischt. Das kann kein Zufall sein."

Aber in Berlin werden weitere dunkle Erinnerungen wach: Zum einen an den "Todesengel", die Krankenschwester Irene B., die zwischen 2005 und 2006 fünf Menschen auf der kardiologischen Intensivstation der Charité tötete, indem sie ihnen Medikamente in Überdosis spritzte. Auch damals griffen Kollegen nicht ein. Danach gelobte die Charité Besserung und richtete für Mitarbeiter ein Meldesystem für Beinahe-Fehler sowie ein anonymes Vertrauenstelefon ein. Doch laut Pflegedienstleitung laufen dort nur zwei bis drei Anrufe pro Jahr ein.

Aber auch diverse Missbrauchsfälle im privaten Helios Klinikum Buch liegen noch nicht lange zurück. Dort hatte ein junger Pfleger sich 2010 an drei kleinen Jungen vergangen und war nach einer Strafanzeige der Eltern zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Auch dort waren die Klinikverantwortlichen aus allen Wolken gefallen - danach hatten sie zusammen mit Kinderschutzverbänden ihren Patientenschutz völlig umgekrempelt.

Andrea Barthélémy, DPA
 
 
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