HOME

Wege aus der krankhaften Schüchternheit

Aus Angst vor Zurückweisung meiden soziale Phobiker die Gesellschaft anderer Menschen. Die Folgen der Krankheit reichen über Depressionen bis hin zur Drogensucht. Wir zeigen Wege aus dem Teufelskreis.

Von Lydia Klöckner

Menschen mit sozialer Phobie fürchten, sich vor anderen zu blamieren

Menschen mit sozialer Phobie fürchten, sich vor anderen zu blamieren

An seine Schulzeit denkt Andre nicht gerne zurück. Hausaufgaben vortragen, mündliche Mitarbeit, Gruppenarbeiten – jeden Tag wurde er mit seiner größten Schwäche konfrontiert: dem Kontakt zu anderen Menschen. Am schlimmsten war es, wenn er ein Referat halten sollte. Der Gedanke, alle Blicke auf sich zu spüren und der Aufmerksamkeit der Mitschüler ausgeliefert zu sein, machte ihn nicht nur nervös, sondern versetzte ihn geradezu in Panik. "Mein Puls raste, ich zitterte, schwitzte und wurde rot", sagt er. "Meine schlimmste Befürchtung war, dass ich den Faden verlieren, mich verhaspeln und blamieren könnte."

Was Andre schildert, sind Anzeichen einer sozialen Phobie, der krankhaften Angst, unangenehm aufzufallen oder sich vor anderen Menschen peinlich zu verhalten. Jeder leistet sich ab und zu eine Blamage und hat hin und wieder Lampenfieber oder Berührungsängste mit fremden Menschen. "Aber soziale Phobie geht weit über normale Schüchternheit, Bescheidenheit oder Zurückhaltung hinaus und kann die Lebensqualität enorm beeinträchtigen", erklärt die Psychologin Stefanie Rambau, die eine laufende Studie zu sozialer Phobie an der Universität Bonn koordiniert.

Psychologen machen verschiedene Faktoren für die Entstehung der Erkrankung verantwortlich. Zwillingsstudien legen nahe, dass die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle spielt. Leidet ein eineiiger Zwilling unter einer sozialen Phobie, erkrankt der andere mit größerer Wahrscheinlichkeit ebenfalls daran, selbst wenn er in einer anderen Familie aufwächst. Doch auch äußere Einflüsse sind entscheidend, besonders die ersten sozialen Erfahrungen im Kindes- und Jugendalter. "Soziale Phobien entstehen erst in einem Alter, wenn man zum kritischen Überprüfen seines eigenen Verhaltens fähig ist", sagt Jürgen Hoyer vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Dresden.

Bei vielen beginnt die krankhafte Angst in der Pubertät, oft mit einem demütigenden Erlebnis: Die Französischstunde, in der man vom Lehrer für ein falsch ausgesprochenes Wort geneckt wurde. Die Chorprobe, in der alle lachten, weil man den Ton nicht getroffen hatte. Oder die Party, zu der man im falschen Outfit erschien. "Jede Situation, in der man sich von anderen herabgesetzt oder erniedrigt fühlt, kann eine soziale Phobie auslösen", sagt die Psychologin Rambau. Entscheidend sei dabei nicht einmal, ob die anderen das tatsächlich abwertend meinten, sondern nur wie man selbst das Erlebte wahrgenommen hat. Gesunde Menschen können lachen, wenn sie in ein Fettnäpfchen treten. Menschen mit einer sozialen Phobie kann die kleinste Blamage in tiefe Selbstzweifel stürzen. Sie werden künftig jede Situation fürchten und meiden, in der die Gefahr besteht, ähnliches noch einmal zu erleben. Im Erwachsenenalter haben sie dann zwar keine Unterrichtstunden und Klassenpartys mehr zu fürchten, dafür Präsentationen vor Kollegen oder Firmenfeiern.

Viele Betroffene können sich nicht an ein konkretes Schlüsselerlebnis erinnern. Sie nehmen ihre soziale Phobie nicht einmal als Krankheit wahr, sondern als Teil ihrer Persönlichkeit, nach dem Motto: "Ich war immer schon schüchtern, ich bin einfach so." Der Unterschied zwischen Charaktermerkmal und sozialer Phobie besteht aber darin, dass letztere mit starkem Leidensdruck einhergeht. "Die Erkrankten ziehen sich immer mehr zurück, sprechen mit niemandem mehr und gehen nicht mehr in die Schule oder zur Arbeit. Die Krankheit kann sie am privaten und beruflichen Fortkommen hindern und dazu führen, dass sie sich in die Einsamkeit flüchten", so Rambau.

Herzrasen, Erröten und Schwitzen

Nach Depressionen und Alkoholabhängigkeit ist die soziale Phobie das häufigste psychische Leiden überhaupt. Laut dem Universitätsklinikum Bonn erkranken in Deutschland jährlich etwa acht Prozent der Männer und elf Prozent der Frauen daran.# Gefährlich ist die Phobie auch, weil sie häufig in Depressionen oder Drogensucht mündet. "Viele versuchen ihre Ängste und Hemmungen mit Hilfe von Alkohol oder anderen Suchtmitteln zu bewältigen", erklärt Rambau. "Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich professionelle Hilfe zu suchen."

Körperlich äußert sich die Krankheit zum Beispiel in Herzrasen, Erröten, Schwitzen und Zittern. Manche Erkrankte leiden zudem unter Durchfall oder Übelkeit, oder müssen ungewöhnlich häufig zur Toilette. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihre Kinder permanent Angst vor der Schule haben oder sich nicht mehr mit Freunden verabreden wollen.

Bei Erwachsenen ist die Phobie teils schwieriger zu erkennen, weil viele sie zu überspielen versuchen. Wer erröte, dunkele etwa während seines Vortrags den Raum ab, wer schwitze, ziehe eine Jacke darüber, so Rambau. Wer Anzeichen bei einem Freund oder Bekannten bemerke, solle ihn möglichst sanft darauf aufmerksam machen und ihn dazu ermuntern, professionelle Unterstützung zu suchen", rät sie. "Konfrontiert man den Betroffenen zu offensiv mit seiner Krankheit, besteht die Gefahr, dass er sich zurückgewiesen fühlt und sich das Problem nur verschlimmert."

Die wirksamste Behandlung ist Studien zufolge die kognitive Verhaltenstherapie, die aus zwei zentralen Schritten besteht: Zunächst wird der Phobiker behutsam mit der gefürchteten Situation konfrontiert. Er soll zum Beispiel einen Vortrag vor der Gruppe halten oder Smalltalk mit fremden Menschen anfangen. Dabei nimmt der Therapeut ihn auf Video auf. Anschließend sehen sie sich den Film gemeinsam an. "Das Video demonstriert ihm, wie sein Erröten oder Zittern von außen betrachtet wirken", erklärt Rambau. "Er lernt, negative 'Katastrophengedanken' zu verändern und hat so die Chance, seine Selbstwahrnehmung zu korrigieren."

Auch Andre hat sich von einem Verhaltenstherapeuten helfen lassen. "Er hat mir 'Hausaufgaben' gegeben und mich dazu gebracht, mich meinen schlimmsten Ängsten zu stellen. Ich sollte zum Beispiel bei der Arbeit Gespräche mit Kollegen anfangen und mich für Aufgaben melden, die mich herausforderten und bei denen ich mich auch hätte blamieren können", erzählt der heute 43-jährige Personalverwalter. "Das war am Anfang hart, aber auch effektiv: Ich bekam viele positive Reaktionen und lernte, dass mir andere Menschen gar nichts böses wollen."

Heute versucht er, möglichst offen mit seiner Angst umzugehen. Wenn ihn jemand darauf anspricht, erzählt er ihm von seinem Problem. "Besser man redet darüber, als sich zurückzuziehen. Viele reagierten mit großem Verständnis, und sie gingen stärker auf mich ein", sagt er.

Bei leichteren Formen der sozialen Angst empfiehlt der Psychotherapeut Hoyer das sogenannte Aufmerksamkeitstraining: "Konzentrieren Sie sich ganz auf das, was Sie sagen möchten und seien Sie vollkommen präsent", sagt er. "So können Sie sich selbst davon abhalten, immerzu darüber nachzugrübeln, was andere über Sie denken könnten."

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity

Partner-Tools