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Warum Spinnenphobiker keine Spinner sind

Mit dem Herbst kommen die Spinnen: Giftige Exemplare gibt es hierzulande nicht. Trotzdem haben viele Menschen panische Angst vor den Achtbeinern. Wir erklären, woher das kommt und wie Sie Ihre Spinnenphobie am schnellsten loswerden.

Von Lydia Klöckner

  Manche Spinnenphobiker können das gefürchtete Tier schon nach einer Therapiesitzung anfassen.

Manche Spinnenphobiker können das gefürchtete Tier schon nach einer Therapiesitzung anfassen.

Ein dicker, runder Fleck neben dem Duschabfluss. Acht spindeldürre, abgeknickte Beinchen. Dann passiert das Schlimmstmögliche: Das widerliche Vieh krabbelt los, und zwar zielstrebig in Richtung Fuß - "Schatz! Mach das weg, schnell!"

Christina weiß, dass Spinnen nicht gefährlich sind. Trotzdem reagiert die 23 Jahre alte Psychologiestudentin jedes Mal panisch, wenn sie eines der achtbeinigen Tierchen vor sich hat: Ihr Herz rast, sie gerät in Angst und ruft ihren Freund. "Ich beruhige mich erst, wenn er die Spinne hinausgetragen hat", sagt sie. "Solange das Ding durch meine Wohnung krabbelt, kann ich an nichts anderes denken."

Die Angst vor Spinnen, im Fachjargon als "Arachnophobie" bezeichnet, zählt zu den häufigsten der sogenannten spezifischen Phobien. Vor allem Frauen leiden darunter und werden dafür gern belächelt: Das arme Ding tut doch nichts! Jetzt stell dich nicht so an! Die Spinne hat mehr Angst vor dir als umgekehrt! Allzu häufig müssen sich Menschen mit Spinnenphobie anhören, sie seien zimperlich, mimosenhaft und vor allem irrational. Dabei können sie nichts für ihre Überreaktion: "Unser primitives Angstsystem hat keinen Hochschulabschluss", sagt Borwin Bandelow von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. Obwohl die Betroffenen wissen, dass es hierzulande keine giftigen Spinnen gibt, können sie ihre übertriebene Panik nicht allein mit Vernunft und Einsicht abschalten. Ihr Körper reagiert mit Herzklopfen, Zittern, Schwindel, Schweißausbrüchen oder sogar Atemnot, noch bevor ihr Bewusstsein überhaupt eine Chance hat, die Situation rational zu erfassen. "Meine Angst kommt, bevor ich mir bewusst machen kann, dass eigentlich nichts Schlimmes passieren kann", sagt auch Christina. Studien legen sogar nahe, dass Phobiker Spinnen als größer und bedrohlicher wahrnehmen als Menschen, die nicht unter der Angst leiden.

Angsthasen-Gene als evolutionärer Vorteil

Laut Angstforscher Bandelow ist die Angst vor Spinnen ein Relikt unserer Vorfahren. "Vor hunderttausend Jahren war Angst ein Überlebensvorteil. Die Spinnen waren damals so groß wie eine mittlere Familienpizza", sagt er. "Wer sich vor diesen Monstern nicht fürchtete, wurde gebissen, starb und konnte keine Nachkommen bekommen." Die Angsthasen unter unseren Ahnen hatten laut Bandelow also bessere Chancen, ein langes Leben zu leben und ihre "Phobie-Gene" an ihre Nachfahren weiterzugeben – an uns.

Bandelows Erklärung klingt plausibel und wird von vielen Fachleuten befürwortet. Einen Haken hat sie allerdings: Träfe sie zu, müssten sich die Betroffenen nicht nur vor Spinnen, sondern gleichermaßen vor anderen potenziell gefährlichen Tieren wie Bienen oder Wespen fürchten. "Ich finde Krabbeltiere allgemein nicht so toll, aber Spinnen jagen mir die größte Angst ein", sagt Christina. "Weil die sich so ekelhaft bewegen und so schnell laufen."

Der Kölner Verhaltenstherapeut Ingo Bögner vermutet, dass nicht nur die Gene Schuld sind an der übertriebenen Angst, sondern auch frühkindliche Erfahrungen. "Kinder spüren die Ängste ihrer Eltern und übernehmen sie", sagt er. Das familiäre Umwelt sei von großer Bedeutung, heißt es auch in den Gesundheitsinformationen der AOK: "Häufig sind Angststörungen bei den Eltern vorhanden, charakteristisch ist ein überbehütender und inkonsequenter Erziehungsstil."

Mit Entspannung die Angst besiegen

Für viele Betroffene ist ihre Spinnenphobie kein großes Thema. Zu einer Therapie raten Experten nur, wenn echter Leidensdruck entsteht und die Angst die Lebensqualität zunehmend einschränkt. Wer etwa Waldspaziergänge meidet, den Blick unters Bett fürchtet und keinen Schritt mehr in den Keller wagt, sollte sich professionelle Hilfe suchen. Spinnenphobie gehört zu den harmloseren Ängsten. Laut Bögner reicht oft eine einstündige Sitzung aus, um sie zu lindern.

Die bewährteste Therapieform ist laut einer Leitlinie der Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) die Verhaltenstherapie, die auch von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. Das Verfahren, das auch Bögner in seiner Praxis anwendet, ist ebenso simpel wie effektiv: Zunächst beobachtet er, wie seine Klienten auf das gefürchtete Tier reagieren. "Oft reicht es schon, dass ich das Wort 'Spinne' ausspreche. Dann spannt der Betroffene seine Nackenmuskulatur an und hält die Luft an oder atmet flacher. Das sind typische Stressreaktionen des Körpers", sagt er. Anschließend wird der Spinnenphobiker etwa mithilfe von Atemübungen und autogenem Training in einen entspannten Zustand versetzt. "Wenn der Körper sich beruhigt, wird dem Kopf signalisiert, dass die Gefahr vorüber ist", so Bögner.

Gelingt die Entspannung, beginnt der Verhaltenstherapeut mit der Konfrontation: Nach und nach führt er den Phobiker an das Objekt seiner Angst heran. Erst bittet er ihn, sich die Spinne vorzustellen. Dann setzt Bögner sie ihm vor. Schließlich soll der Klient sie streicheln. "Das Tempo entscheidet dabei immer der Klient", betont Bögner. "Den jeweils nächsten Schritt wagen wir nur, wenn er sich vorstellen kann, dass er darauf entspannt reagieren kann."

Auch Menschen mit leichter Spinnenangst rät Bögner dazu, diese Methode einmal selbst auszuprobieren und sich dabei von einem Freund helfen zu lassen. "Bitten Sie eine vertraute Person, Sie schrittweise mit dem Tier zu konfrontieren", empfiehlt er. Wer Schwierigkeiten habe, sich von selbst zu entspannen, könne es etwa mit der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobsen probieren, mit der nacheinander alle Muskelgruppen des Körpers angespannt und anschließend wieder entspannt werden. Die Entspannung ist laut Bögner der Schlüssel zum Erfolg: "Wer entspannt ist, kann nicht gleichzeitig in Panik geraten."

Kommentare (2)

  • stern-Moderation
    Wir verabschieden uns für heute und schließen die Kommentare unter diesem Artikel. Bei Fragen wenden Sie sich gerne an sterncommunity@stern.de. /sdn
  • Yurelia
    Yurelia
    Ich finde den Artikel sehr gut. Er könnte wirklich einigen Phobikern helfen. Ich find's aber bedenklich, dass ihr einen Artikel über Spinnenphobiker schreibt und eine riesige Spinne als Titelbild benutzt. Jeder Phobiker hätte da Reißaus genommen und den Artikel nicht durchgelesen.
    Ich selbst bin keine Spinnenphobikerin, sondern eine Schlangenphobikerin, weswegen ich das alles gut nachempfinden kann...
    Selber ekle ich mich jedoch vor vielen Spinnen - nicht vor allen. Und seltsamerweise finde ich Vogelspinnen schon wieder faszinierend.
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