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Ein unheimlicher Erfolg

Eine kalifornische Biotech-Firma gibt Rätsel auf: Sie hat nur acht Mitarbeiter, ein einziger Forscher leitet die Experimente. Und doch gelang es ihr, erstmals einen Menschen zu klonen - was auch in Deutschland heftige Diskussionen auslöst.

Von Astrid Viciano

Wohlig weidet sich Samuel Wood an seinem Triumph. 15 Fernsehteams hätten ihn zu seiner Forschung befragt, erzählt er, Tausende Menschen ihn um Hilfe gebeten, und bei Wikipedia gebe es jetzt eine Kategorie über Menschen, die sich klonen ließen - seinetwegen. Dass der Vatikan seine Arbeit verdammt hat, bekümmert ihn wenig. Dass Präsident Bush dazu aufrief, das Klonen zu ächten, amüsiert ihn. "Das waren aufregende Tage", sagt der 49-Jährige und wippt in seinem Bürosessel.

Noch vor wenigen Wochen hatten nicht viele von Samuel Wood gehört, kaum jemand etwas über seine Firma Stemagen gelesen. Und dennoch entstand hinter den einfachen Holztüren des Unternehmens in La Jolla, Kalifornien, weltweit zum ersten Mal mindestens ein Menschenklon: eine präzise genetische Kopie des Firmenchefs in Form eines Zellhaufens, wie Mitte Januar bekannt wurde.

Wood deutet auf seinen rechten Oberarm, an dem plastische Chirurgen ein Stück Haut für die Prozedur entnahmen. "Wir wollten unserem Klon ein Gesicht geben", sagt der Arzt. Wäre er anonym geblieben, hätte ihr Erfolg nicht so viel Interesse geweckt, glaubt Wood. Nun aber kann er verkünden, dass sein wahres Ziel ein noch größeres ist: für die Therapie chronischer Leiden aus einem Klonembryo Stammzellen zu gewinnen, jene Alleskönner also, aus denen sich Körpergewebe aller Art zu entwickeln vermag.

In Deutschland noch verboten

In Deutschland wäre solches Tun eine Straftat. Während Wood und Kollegen bereits an den feinen Zahnrädern der Stammzellgewinnung drehen, dürfen deutsche Wissenschaftler embryonale Stammzellen gar nicht herstellen. Und importieren dürfen sie das Material nur, wenn es vor dem 1. Januar 2002 produziert wurde. In dieser Woche berät der Bundestag, ob eine Änderung des Stammzellengesetzes fällig ist. "Das Potenzial ist enorm", wirbt Wood für seine Arbeit.

Die Rollen sind klar verteilt in seinem kleinen Unternehmen mit nur acht Mitarbeitern. Da gibt es vor allem Wood, den Visionär, der für seine Forschung in all ihrer existenziellen Tragweite trommelt. Sieben Urkunden zieren die Wand seines Büros, Fruchtbarkeitsstatuen mit dicken Bäuchen blicken auf Wood herab, im Regal stehen Bücher mit Titeln wie "Neues Menschendesign" und "Die Gestaltung unserer Nachkommen".

Seit 16 Jahren leitet der Arzt eine renommierte Privatklinik, in der er Paaren mit künstlicher Befruchtung und Eizellspenden zu Nachwuchs verhilft. Dass er in die Stammzellforschung einsteigen wollte, beschloss er an einem Winterabend im Januar 2005. Nach dem zweiten Drink mit einem Freund habe er von seiner Mutter erzählt, die infolge eines Diabetes erblindet und gestorben war. Der Freund berichtete von seinem Vater, der an einer tödlichen Nervenerkrankung litt. "Wir hatten von den Klonversuchen in Südkorea gehört und dachten: Das können wir besser", sagt Wood.

Den besten Klonforscher gelockt

Fortan sammelte er die für den Erfolg nötigen Zutaten. "Wir suchten zunächst den besten Klonforscher", prahlt der Arzt. Er gewann Andrew French, der an der Monash- Universität in Australien bereits Mäuse, Schweine, Schafe und Kühe geklont hatte. Es war nicht schwer, den Biologen nach Kalifornien zu locken. Auch wenn er jetzt nicht mehr in den Bergen seiner Heimat wandern kann und das Wildwasser- Rafting in Tasmanien erst mal ausfallen muss. "Ich fand es aufregend, etwas völlig Neues zu versuchen", sagt der 43- Jährige.

Stress, Hektik, Ärger scheinen an ihm abzuprallen wie ein Tennisball von einer Wand. Wenn er im Labor am Mikroskop hantiert, wirkt er fast meditativ in seine Arbeit versunken. Sein Büro bei Stemagen ist nur etwa halb so groß wie das seines Chefs, und er teilt es sich mit einer Kollegin, was ihn nicht zu stören scheint. Kein Foto ziert seinen Tisch, die Wand darüber ist kahl, bisher kam ihm nicht in den Sinn, Bilder seiner beiden Söhne aufzuhängen.

Die Räume von Stemagen liegen mitten in Woods Klinik, das Wartezimmer für die Patienten ist am Ende des schmalen Korridors. Die Nähe zu den Paaren mit bislang unerfülltem Kinderwunsch hält French für ein Geheimnis seines Erfolgs. Denn der Biologe brauchte für seine Experimente Eizellen, mit denen er die Hautzellen Samuel Woods verschmelzen konnte. Je frischer die Eizellen, desto größer die Chance eines erfolgreichen Klonversuchs.

Eizellen für die Wissenschaft

Das kostbare Material kam von Studentinnen, die es aber nicht für die Forschung, sondern für die Patienten der Klinik hergegeben hatten. Erst als einige Paare einen Teil der Eizellen für die Wissenschaft abtraten, konnte French mit seinen Klonstudien beginnen. Für ihre Spende erhielten die jungen Frauen zwischen 7000 und 50.000 Dollar. Allerdings wurden sie nur für die Prozedur in der Klinik bezahlt, nicht für die Gabe an die Forschung, so die feinsinnige Unterscheidung.

Möglichst schnell mit möglichst frischen Eizellen zu experimentieren, das genügte French nicht. "Wir mussten auch lernen, wann die Zellen Ruhe brauchen", sagt der Biologe, und es klingt ein wenig, als spräche er von sensiblen Patienten. Mal sähen sie nicht rund, sondern flach aus, sagt French und malt mit seinen kräftigen Händen ovale Kreise in die Luft: "Dann sind sie gestresst und benötigen eine Pause."

Eines Tages, glaubt French, werden Wissenschaftler das Klonen vielleicht als Fortpflanzungsmethode nutzen. Den Vater oder die Mutter duplizieren, den Klonembryo einer jungen Frau einsetzen. Noch allerdings sei die Technik dafür längst nicht ausgereift. Bedenken hat der Forscher dabei kaum, hat er doch in seiner Heimat zum Beispiel geklonte Bullen erlebt. "Ein geklontes Tier sah aus wie ein Bulle, fühlte sich offensichtlich wie ein Bulle und war durch nichts von normalen Bullen zu unterscheiden", sagt French. Beim Menschen werde es wohl nicht anders sein.

Aber zunächst hatte der Australier genug damit zu tun, andere von seinem Kunststück zu überzeugen. Schließlich hatte der Südkoreaner Hwang Woo-Suk vor drei Jahren behauptet, dass ihm das Klonen von Menschen gelungen sei - und war dann als Betrüger aufgeflogen. "Es dauerte sieben Monate, bis wir unsere Ergebnisse veröffentlichen durften", sagt French. Er ließ seine Proben von einem unabhängigen Institut in Detroit untersuchen, das normalerweise künstlich befruchtete Eizellen auf Erbkrankheiten prüft. Er ließ feststellen, ob der genetische Fingerabdruck der Embryonen tatsächlich dem der Hautzellspender entsprach - Wood nämlich oder auch dessen Geschäftspartner, der ebenfalls ein Stück Haut hergegeben hatte. Denn nur bei identischem Erbgut handelt es sich um einen echten Klon. Selbst die Gene der Mitochondrien, die den Zellen als Energiequelle dienen, nahmen die Kollegen unter die Lupe. Erst dann waren die Prüfer der Fachzeitschrift "Stem Cells" zufrieden und publizierten den Erfolg.

In seinem Labor zeigt French mikroskopische Bilder seiner Klonembryonen, die ein wenig wie kleine Quallen aussehen. Der Raum ist schmal, links und rechts steht je ein Mikroskop, hinter der Tür verbergen sich zwei Brutschränke. Nur French arbeitet hier, ihm allein sind hier die Klonexperimente gelungen. Und hier will er nun bald Stammzellen gewinnen. "Wir haben erst den Rahmen des Puzzles. Die Mitte fehlt uns noch", sagt French.

Das hindert die Firma Stemagen allerdings nicht daran, auf ihrer Internetseite schon etliche Krankheiten aufzulisten, die mit den Stammzellen geheilt werden sollen. In drei Monaten möchte Wood Patienten mit Alzheimer, Parkinson und Amytropher Lateralsklerose - der Krankheit des Physikers Stephen Hawking - ein Stück Haut zum Klonen entnehmen. Auch daraus sollen embryonale Stammzellen für eine Therapie entstehen. Er möchte den Menschen helfen, die Welt ein wenig besser machen, verkündet der Arzt selbstbewusst. Niemandem solle es ergehen wie einst seiner diabeteskranken Mutter. Ihres Augenlichts beraubt, stürzte sie eine Treppe hinunter, fiel ins Koma und starb.

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