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Deutschland sucht die Impfverweigerer

Bis zum Jahr 2015 will die Weltgesundheitsorganisation die Masern ausrotten. Doch aktuell steigen in Deutschland die Fälle wieder stark. Dabei ist vor allem eine Altersgruppe besonders betroffen.

Von Eva Wolfangel

  Vor allem jungen Erwachsenen mangelt es häufig an einem ausreichenden Impfschutz gegen Masern.

Vor allem jungen Erwachsenen mangelt es häufig an einem ausreichenden Impfschutz gegen Masern.

  • Eva Wolfangel

In Deutschland breiten sich die Masern wieder aus: Mehr als 1000 Masernfälle registrierte das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) bereits in diesem Jahr, vor allem Bayern und Berlin sind betroffen. Damit ist bereits im ersten Halbjahr mehr als das Sechsfache der Fallzahlen des gesamten Jahres 2012 erreicht – und das, wo Mediziner hofften, Masern bald gänzlich ausgerottet zu haben. Aber während Ärzte und Politiker in großer Sorge sind, scheint die Bevölkerung nach wie vor ein verharmlosendes Bild der Krankheit zu haben.

Ein bisschen Fieber, ein paar rote Flecken – wer Betroffene fragt, wie sie die Masern als Kind erlebt haben, bekommt meistens eine Beschreibung wie diese. Aber die Realität spricht eine andere Sprache. Im Juni starb ein Jugendlicher in Nordrhein-Westfalen an einer Gehirnentzündung, eine Spätfolge seiner sehr frühen Masernerkrankung. 40 Prozent der erkrankten Erwachsenen müssen in die Klinik, einer von 1000 stirbt an der Krankheit. "Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit", betont Susanne Glasmacher, Sprecherin am Robert-Koch-Institut.

Hauptsächlich Erwachsene betroffen

Das Problem an der aktuellen Erkrankungswelle: Hauptsächlich Erwachsene sind von ihr betroffen. Das ist eine tragische Folge der Gegenstrategie: Als die Impfung 1970 in der DDR und 1974 in der BRD eingeführt wurde, stiegen die Impfzahlen - wie bei neuen Impfungen üblich - anfänglich nur langsam an. Dennoch sank die Erkrankungsrate stetig. Während vorher so gut wie jeder die Masern selbst durchmachte, weil die Krankheit enorm ansteckend ist, sind gerade wegen der Impfung viele der nach 1970 Geborenen nicht immun, da sie nicht mehr die "Chance" einer Ansteckung bekamen - und sich nicht impfen ließen. Wer aber als Erwachsener ohne Impfschutz durchs Leben geht, lebt gefährlich. Mit der Impfung, die Fachleute Kindern empfehlen, wurde aus der einstigen Kinderkrankheit eine Krankheit, die besonders für nicht geimpfte Erwachsene bedrohlich ist.

15 Prozent der aktuell Betroffenen hatten sogar eine Impfung. Allerdings schützen erst zwei Impfungen zuverlässig – was man in den siebziger Jahren noch nicht wusste. Erst seit 2001 empfiehlt die Ständige Impfkommission die zweite Impfung bereits im zweiten Lebensjahr. "Nur in diesem Alter erreicht man die Kinder noch", so Glasmacher. Denn später gehen Kinder kaum noch zum Arzt – außer sie sind chronisch krank. Kleinkinder hingegen erreicht man gut über die Kinder-Vorsorge-Untersuchungen.

Dennoch scheint die Aufklärung der Kinderärzte nicht auszureichen: Bei der Schuleingangsuntersuchung – momentan der einzige Zeitpunkt, zu dem ein Jahrgang komplett ärztlich untersucht wird – haben derzeit nur 92 Prozent die geforderten beiden Impfungen. Um das Ziel der WHO zu erreichen, müsste die Gesamtbevölkerung eine Rate von 95 Prozent aufweisen. "Wir wissen alle, was das für Leute sind, die ihre Kinder nicht impfen lassen", schimpft ein Apotheker aus Bayern, der nicht namentlich genannt werden will. Er spielt auf die gehäuften Fälle im Umfeld von Walddorfschulen an. Gerade in Baden-Württemberg, wo viele Anthroposophen wohnen, ist die Impfquote bundesweit mit am niedrigsten.

Dabei ist der Rat der Fachleute klar: Eltern sollten ihre Kinder gegen Masern impfen lassen. Doch viele sind verunsichert, da sich hartnäckig das Gerücht hält, dass die Impfung gefährlich sei. Richtig ist, dass die Impfung Nebenwirkungen haben kann - etwa Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle. Zudem entwickeln sich laut RKI bei fünf Prozent der geimpften Kinder sogenannte Impfmasern, mit ähnlichen - allerdings deutlich schwächeren - Symptomen wie bei einem Ausbruch der Krankheit. Solche Impfmasern sind auch nicht ansteckend. In einem von einer Million Fällen kommt es nach der Impfung zu einer Masern-Enzephalitis, einer Entzündung des Gehirns, bei der Nervenzellen geschädigt werden können. Bei einer echten Infektion mit Masern tritt diese allerdings deutlich häufiger auf: bei einem von 1000 Fällen. Kinder auf Masern-Partys zu schicken, damit sie Krankheit durchmachen, statt sie impfen zu lassen, ist daher keine gute Idee.

Junge Erwachsene zu selten geimpft

Selbst viele homöopathische Ärzte raten mittlerweile zu einer Impfung. "Man kann die Krankheit der Gesellschaft nicht zumuten", sagt Martin Hirte, homöopathischer Kinderarzt aus München. Er weiß um die antroposophische Ideologie, derzufolge gerade das Fieber bei Masern wichtig für die Persönlichkeitsbildung ist. Eine Ansicht, die Schulmediziner für äußerst gefährlich halten. "Kinder selbst haben auch selten Komplikationen", sagt Hirte. Aber inzwischen sei die Impfung eine ethische Frage, um andere wie Säuglinge oder chronisch Kranke zu schützen, die nicht geimpft werden können. "Es gibt einfach eine relevante Sterblichkeit bei Erwachsenen."

Die größte Baustelle sind aber nicht die Kleinkinder: "Die Impfquote steigt seit Jahren", sagt Susanne Glasmacher, "damit sind wir eigentlich ganz zufrieden." Das aktuelle Problem ist eine andere Zielgruppe: "Wir müssen dringend die jungen Erwachsenen erreichen", sagt Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA).

Wie schlecht es um dieses Ziel steht, zeigt eine BZGA-Umfrage aus dem Jahr 2012: Seit 2010 gibt es von der Ständigen Impfkomission die Empfehlung, nach der sich alle nach 1970 Geborenen erneut gegen Masern impfen lassen sollten – sofern sie nicht nachweislich bereits beide Impfungen hatten. Aber 81 Prozent der Betroffenen wissen nichts von dieser Empfehlung. Gerade junge Erwachsene gaben zudem häufig an, nicht einmal zu wissen, wo ihr Impfpass ist. Die Gruppe der 21- bis 29-Jährigen ist zudem die impfkritischste Gruppe in der Bevölkerung: Nur etwas über 50 Prozent bezeichneten sich als "befürwortend" oder "eher befürwortend." Und nur 13 Prozent der Befragten, die nicht über einen ausreichenden Masernschutz verfügen, wollen sich in den nächsten zwölf Monaten impfen lassen. 24 Prozent hingegen sind der Meinung, dass Masern "keine besonders schwere Krankheit sind." Derzeit kämpft die BZGA um diese Zielgruppe mit der Kampagne "Deutschland sucht den Impfpass".

Impfpflicht? Kaum durchsetzbar

Und wenn das alles nichts hilft? Gesundheitsminister Daniel Bahr hatte vergangene Woche eine mögliche Impfpflicht in den Raum gestellt und damit heftige Diskussionen ausgelöst. "Wir planen derzeit keine Pflicht", relativiert ein Sprecher seines Ministeriums auf stern.de-Nachfrage. Das wäre auch gar nicht so einfach. Schließlich stellt jeder medizinische Eingriff ohne Zustimmung des Betroffenen eine Körperverletzung dar. Der Staat hat zwar im Infektionsschutz-Gesetz die rechtliche Grundlage verankert, bei sehr gefährlichen Erkrankungen eine Pflicht durchzusetzen. Davon hat er bislang aber nur einmal Gebrauch gemacht: Bis 1976 gab es eine Impfpflicht gegen Pocken. "Hier war die Sache klar", so der Ministeriumssprecher, "25 Prozent der Infizierten sind daran gestorben." Im aktuellen Fall sterben 0,1 Prozent – was kaum ausreichen wird, eine Impfpflicht politisch durchzusetzen. Momentan prüfe das Ministerium andere Möglichkeiten wie die, ungeschützte Kinder im Falle eines Ausbruches vorübergehend vom Schulunterricht auszuschließen. Das ist rechtlich noch nicht möglich.

Der Erfolg eines staatlichen Eingreifens wird am Beispiel USA deutlich: Alle Schulanfänger, müssen dort eine Masernimpfung nachweisen, die Krankheit gilt als ausgerottet. "Das werden wir jedenfalls nicht bis 2015 erreichen", sagt der Sprecher des Gesundheitsministeriums mit Blick auf das WHO-Ziel. Susanne Glasmacher vom RKI hingegen widerspricht: "Wir sollten das Ziel zumindest nicht jetzt schon aufgeben." Letztlich sei aber die Motivation, Leid zu verhindern, die überzeugendere Antriebsfeder als abstrakte gesundheitspolitische Ziele. Daher sei Aufklärung die wichtigste Maßnahme. Die aktuellen Ausbrüche – so der schwache Trost – tragen wahrscheinlich entscheidend dazu bei.

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