Rechnen, bis der Arzt kommt

11. April 2013, 16:41 Uhr

Die Wartezimmer sind voll, doch einer Statistik zufolge sinkt die Zahl der Arztbesuche in Deutschland. Wie kann das sein? Von Lea Wolz

Zahl der Arztbesuche, Bild, sinkt, DIW

Sinkt die Zahl der Arztbesuche in Deutschland? Die Daten sind umstritten.©

Die Zahl der Arztbesuche sinkt!", das meldet die "Bild"-Zeitung heute. Im Schnitt hätten die Bundesbürger 2011 zehnmal im Jahr den Arzt aufgesucht. Gegenüber 1995 sei das rückläufig, damals seien es noch durchschnittlich 13 Besuche im Jahr gewesen. Die Meldung basiert auf Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), das beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) angesiedelt ist. Von einem "signifikanten Rückgang" sprechen Fachleute des DIW laut "Bild".

Gründe für den Rückgang sehen die DIW-Experten der Zeitung zufolge in einer besseren Vorsorge, etwa bei Zahnärzten. Zudem müssten Patienten anders als noch vor einigen Jahren für zahlreiche Medikamente selbst zahlen. Der Gang zum Arzt entfällt.

Erst einmal klingt das überzeugend. Doch wenn man sich die Daten ansieht, zeigt sich: Eine Studie zur Zahl der Arztbesuche gibt es nicht. Die Daten stammen aus einer Langzeituntersuchung, die viele Schwerpunkte hat: Mehr als 20.000 Personen werden dafür im Auftrag des DIW jedes Jahr zu Themen wie Bildung, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Wohnsituation und Gesundheit befragt.

Neu? Nein!

Die Daten zur Zahl der Arztbesuche nehmen darin lediglich eine von fast 150 Seiten ein. Erfasst ist dort die Zahl der Arztbesuche von Personen, die älter als 17 Jahre sind - und zwar für die letzten drei Monate. Doch welche Monate dies genau sind, bleibt offen. Ein Mitarbeiter des DIW bestätigt gegenüber stern.de: "Die Daten werden im ersten Halbjahr erhoben, man kann nicht sagen, welche drei Monate in den einzelnen Jahren erfasst sind." Für die Zahl der Arztbesuche dürfte dies aber durchaus einen Unterschied machen - etwa wenn die Grippemonate mit reinfallen.

Ebenfalls problematisch: Um auf die Zahl der Arztbesuche in einem Jahr zu kommen, wurden die Dreimonats-Daten für den aktuellen Nachrichtenartikel einfach mal vier genommen. Methodisch ist das zumindest fragwürdig, die Zahl der Arztbesuche pro Jahr ist daher mit einiger Unsicherheit behaftet.

Was als neuer Trend verkauft wird, lässt sich aus den Daten des Sozioökonomischen Panels ohnehin seit Jahren herauslesen: Bereits 2004 lag die Zahl der Arztbesuche in den letzten drei Monaten durchschnittlich bei 2,52 - ein Wert, um den sie seitdem leicht schwankt und der nicht weit entfernt von der aktuellen Zahl ist. Sie liegt bei 2,49.

Dennoch überraschen die Daten. Hatte man doch eigentlich die Deutschen als Hypochonder und Weltmeister bei den Arztbesuchen abgespeichert. So meldete etwa die Barmer GEK in ihrem Arztreport 2010, dass Versicherte 2008 durchschnittlich 18,1 Mal im Jahr einen niedergelassenen Arzt aufsuchen. 2004 seien es hingegen nur 16,4 Arztbesuche pro Kopf gewesen.

Kritik an den Daten

Wie sind die Unterschiede zu erklären? Und was stimmt denn nun? "Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen", heißt es aus dem DIW. Denn wie die Arztkontakte erfasst werden und was als solcher gewertet wird, spielt ebenfalls eine Rolle. Für die Zahlen des sozioökonomischen Panels etwa wurden die Studienteilnehmer ganz allgemein befragt, wie oft sie beim Arzt waren. "Die Zahl könnte daher auch tendenziell unterschätzt sein", heißt es aus dem DIW. Dass Krankenkassen in ihren Statistiken teils auf deutlich höhere Werte kommen, liegt auch daran, dass sie sich konkret auf die Abrechnungen der Arztleistungen beziehen.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, sieht die SOEP-Daten daher auch skeptisch. Er bezweifelte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, ob die Patienten in Deutschland mittlerweile tatsächlich deutlich weniger zum Arzt gehen.

Ohnehin ist es schwierig, aus der Anzahl der Arztbesuche allgemein etwas über die Häufigkeit zu sagen, mit der der deutsche Bundesbürger an sich den Doktor aufsucht. Das zeigte erst kürzlich ein Bericht des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland. Demnach nehmen rund 16 Prozent der Versicherten die Hälfte aller Arztkontakte in Anspruch. Diese Menschen mit einer schweren Erkrankung oder einem chronischen Leiden - etwa Diabetiker oder Krebspatienten - treiben die Statistik in die Höhe.

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