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Was ist ein würdevolles Sterben?

Kaum ein anderer Begriff wird in der Sterbehilfe-Debatte so häufig bemüht wie der der Würde. Medizinethiker Ralf Stoecker erklärt im stern-Interview, was für ihn ein würdevolles Sterben ist.

Sterbehilfe: Der Medizinethiker Ralf Stoecker beschäftigt sich schon lange mit den Begriff der Würde

Professor Ralf Stoecker beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit dem Begriff der Menschenwürde. Der Bielefelder Philosoph und Medizinethiker sitzt im Vorstand der Akademie für Ethik in der Medizin.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz. Doch was heißt das für die Sterbehilfe? Ist es gegen die Würde eines Menschen, ihm diese vorzuenthalten? Oder gilt es nicht vielmehr, auch die Würde des kranken und gebrechlichen Lebens zu betonen - und den assistierten Suizid zu verbieten?

Über diese Fragen entscheidet am morgigen Freitag der Bundestag. Zur Debatte stehen vier Gesetzesentwürfe, die sich inhaltlich stark unterscheiden. Sie reichen von einem generellen Verbot bis hin zu einer weiteren Duldung des assistierten Suizids.

Einer der sich mit diesen Themen seit Jahren beschäftigt, ist der Bielefelder Philosoph und Medizinethiker Ralf Stoecker. Im stern-Interview erklärt er, was für ihn ein Sterben in Würde ausmacht.

Herr Stoecker, der Bundestag entscheidet morgen über ein neues Gesetz zur Sterbehilfe. Das Thema Würde des Menschen wurde in der vorausgegangenen Debatte vielfach zitiert - von allen Lagern. Die einen sehen es als Würde des Menschen an, selbstbestimmt sterben zu können. Für andere hat jedes Leben seine Würde, egal wie todkrank der Mensch ist - eine Argumentation gegen den assistierten Suizid. Ist Würde Auslegungssache?

Würde ist keine Auslegungssache, das ist zu einfach und klingt fast so, als wäre es eine Geschmackssache, wie man den Begriff definiert. Dennoch: Es ist ein komplizierter Begriff, einer, der unseren moralischen Urteilen zugrunde liegt, um dessen Auslegung wir uns aber immer wieder bemühen müssen. 

Lässt sich Würde denn allgemeingültig definieren?

Wir bekommen Würde am ehesten gegriffen, wenn wir uns die Kehrseite ansehen. Wenn wir Situationen betrachten, in denen die Würde beschädigt wird, etwa wenn jemand gedemütigt und erniedrigt wird. Das ist so interessant, weil es uns zeigt: Was uns an der Würde am ehesten interessiert, ist ihr Verlust.

Ist also der Suizid eine Verletzung der Würde des Menschen? Oder ist es das Verbot des assistierten Suizids?

Es ist ja erst einmal interessant zu sehen, dass beide Positionen in einem übereinstimmen: Als Menschen sind wir moralisch geschützte Wesen, die man besonders behandeln muss. Doch was folgt daraus? Es gibt die Vorstellung, dass man einen Menschen auf jeden Fall am Leben halten muss, dass er nicht getötet werden darf - auch nicht durch sich selbst. Soweit ich das sehe, spielt sie aber in der aktuellen Debatte keine große Rolle mehr. Es geht eher um die Frage, welche Formen des Sterbens unsere Würde verletzen. Da gibt es aus meiner Sicht zwei unterschiedliche, aber verwandte Ideen.

Welche?

Auf der einen Seite stehen die Befürworter des assistierten Suizids. Für sie ist klar: Ein Verlust an Selbstbestimmung verletzt immer unsere Würde. Wenn man gefangen ist, festgehalten, zu etwas gezwungen wird, dann ist das immer kränkend für uns. Zu unserer Würde gehört demnach ganz massiv, bei dem frei entscheiden zu können, was uns am Herzen liegt, was uns ganz zentral betrifft. Deswegen ist es tendenziell eine Bedrohung der eigenen Würde, wenn man nicht die Möglichkeit hat, seinem Leben ein Ende zu setzen und da auch Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die den assistierten Suizid kritisch sehen, da er impliziert, dass wir das hilflose, das kranke und schwache Leben als unwürdig betrachten.

Gehen diese beiden Positionen wirklich zusammen?

Ich glaube ja. Einem Menschen die Freiheit einzuräumen, Suizid begehen zu können - und damit meine ich auch den ärztlich assistierten Suizid -, ist sein Recht. Das darf der Staat nicht verbieten. Aber diese Todesart zu wählen, um in Würde zu sterben, ist aus meiner Sicht falsch. Ich glaube, die Menschen haben Unrecht, wenn sie sich das Leben nehmen, weil sie glauben, dass das was ihnen bevorsteht, ein Leben in Erniedrigung ist. Das ist ein falsches Verständnis von Würde. Das ist ein großer Unterschied, der meiner Meinung nach in der Debatte zu wenig deutlich wird.

Was wäre dafür notwendig?

Es ist wichtig, dass wir darüber reden, dass es mit der Würde des Menschen vereinbar ist, sich in einem Zustand der Schwäche und Abhängigkeit zu befinden. Wenn wir  Würde einzig mit Stärke verbinden, dann bekommen wir massive Probleme mit dem Umgang mit alten, kranken und behinderten Menschen. Wenn wir damit beginnen, den assistierten Suizid nur bestimmten Gruppen zu erlauben, etwa Todkranken, signalisieren wir, dass es unter diesen speziellen Umständen vernünftig ist, das zu tun. Dann ist das aber ausgesprochen entwürdigend für all diejenigen, die sich auch in diesem Zustand befinden. Wir setzen sie unter Rechtfertigungsdruck. Ich wäre daher dafür, alles so zu belassen, wie es momentan ist. Der ärztlich assistierte Suizid ist nicht verboten, doch er bleibt eine Ausnahme, und es gibt keine Signale, die ihn irgendwie für angebracht erklären.

Tatsächlich bedeutet das aber in der Praxis, dass es kaum ein Mediziner wagt, Sterbehilfe zu leisten.

Das liegt am Standesrecht der Mediziner, das es ihnen verbietet. Aus meiner Sicht ist dies eine vollkommene Überfrachtung der berufsrechtlichen Regelung, in einer solchen fundamentalen Sache den Ärzten Vorschriften zu machen. Das darf nicht Teil der Berufsordnung der Ärzte sein. Wichtig finde ich allerdings: Wir müssen viel stärker betonen, dass der Sterbeprozess nichts Entwürdigendes hat. Und wir müssen dafür sorgen, dass es auch tatsächlich so ist.

Wie wäre das möglich?

Indem wir  Menschen im Sterben nicht alleine lassen und  dafür sorgen, dass die Verhältnisse, unter denen die Menschen in Krankenhäusern, zu Hause oder in Hospizen sterben, auch menschenwürdig sind. Es war ja bereits in den achtziger Jahren eine Revolution, dass das Sterben in den Krankenhäusern aus dem Verborgenen geholt wurde und in der Palliativmedizin und der Hospizbewegung  eine eigene medizinische Beachtung gefunden hat. Was dort passiert, ist eng mit dem Begriff der Würde verknüpft: Dem kranken Menschen die Möglichkeit zu geben, diese Zeit so gut es geht zu gestalten. Ihm Kontrolle zurückzugeben, Symptome zu bekämpfen, Schmerzen und Übelkeit. Und ihm damit auch noch einmal ein Leben in Beziehungen zu ermöglichen, aus dem Status des Patienten in den Status des Menschen überzuwechseln und sein Leben auf gewisse Weise abzurunden. Das alles gehört zur Würde. Da passt der assistierte Suizid nicht rein.

Warum?

Palliativmediziner berichten immer wieder, dass Suizid ein seltenes Thema ist, wenn eine gute Versorgung möglich ist. Die meisten Menschen, die sich für die Selbsttötung entscheiden, tun es nicht aus der Situation heraus, in der sie sich befinden, das haben auch Studien gezeigt. Sie handeln aus Furcht vor dem, was kommen wird. Wenn das Vertrauen da ist, geborgen und aufgehoben zu sein, gibt es keinen Grund für diese Furcht. Auch meine Einstellung zu dem Thema hat sich im Laufe der Zeit durch die Beschäftigung damit verändert.

Inwiefern?

Früher war ich sehr skeptisch gegenüber einer Erlaubnis des assistierten Suizids. Für mich war das eine falsche Vorstellung von Würde. Ich habe allerdings mittlerweile verstanden, dass es eine  große kränkende Wirkung haben kann, wenn man zu einem Menschen sagt, du darfst das nicht. Aus dieser Entscheidung muss sich der Staat heraushalten und den Menschen erlauben, zu unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen. Ich persönlich glaube allerdings, dass es angesichts einer guten Palliativmedizin gute Gründe gibt, das Leben zu Ende zu leben und es - zumindest nicht aus Angst - abzukürzen.

Interview: Lea Wolz

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