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Sind gestillte Kinder tatsächlich schlauer?

Muttermilch ist zweifelsohne die beste Nahrung für Säuglinge. Dennoch ranken sich rund um das Thema Stillen zahlreiche Mythen. Ein Faktencheck.

Von Ilona Kriesl

  Stillen trägt zu einer gesunden Entwicklung des Kindes bei. Ein Allheilmittel ist die Säuglingsnahrung dennoch nicht.

Stillen trägt zu einer gesunden Entwicklung des Kindes bei. Ein Allheilmittel ist die Säuglingsnahrung dennoch nicht.

Es gibt wohl keine Nahrung, die für Säuglinge besser geeignet ist als Muttermilch. Und sie rettet Leben. Das hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgerechnet: Würden alle Babys weltweit gestillt, könnte das jährlich 800.000 Kleinkinder vor dem Tod bewahren. Der Grund: Muttermilch ist praktisch keimfrei und enthält Antikörper, die vor Durchfall und Lungenentzündungen schützen - zwei Krankheiten, an denen weltweit viele Kinder sterben.

Muttermilch ist daher immer die erste und beste Wahl für Säuglinge: In ihr stecken wichtige Vitamine, Antikörper und Nährstoffe, die für eine gesunde Entwicklung nötig sind. Zudem kostet sie nichts, ist stets verfügbar und immer perfekt temperiert - nämlich auf Körpertemperatur.

Kein Wunder also, dass die natürliche Säuglingsnahrung hoch im Kurs steht: Immerhin 90 Prozent aller Kinder werden hierzulande nach der Geburt gestillt. Stillen gilt als modern, verantwortungsvoll, natürlich. Längst wird im Internet Milch an Mütter verkauft, die selbst nicht genug davon produzieren. So sollen die Kleinsten vor der vermeintlich schlechten Flaschenmilch bewahrt werden. Tatsächlich warnen Experten jedoch vor dem Kauf fremder Muttermilch: Sie kann Krankheitserreger enthalten und so mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Mitunter treibt der Hype um die Muttermilch bizarre Blüten: Einige Studien attestieren ihr heilsame Wirkungen. So soll sie "messbar den IQ" erhöhen, die Entwicklung des Gehirns fördern und auch vor Allergien schützen. Was davon stimmt - und welche Behauptungen sind nicht zu halten?

Mythos 1: Je länger ein Kind im ersten Lebensjahr gestillt wird, desto besser ist das - unter anderem für die Allergieprävention

Derzeit existieren unterschiedliche Empfehlungen, wie lange Kinder gestillt werden sollten. Experten unterscheiden dabei zwei verschiedene Phasen: In den ersten Lebensmonaten sollten Säuglinge ausschließlich Muttermilch bekommen. Weitere Lebensmittel, aber auch Getränke, sind in dieser Zeit nicht vorgesehen. Ab einem gewissen Alter können Eltern schließlich damit beginnen, Beikost zuzufüttern. Säuglinge erhalten dann weichgekochtes Gemüse, Obst oder Hafergrütze in Kombination mit Muttermilch. Uneins sind sich Experten derzeit darüber, wann der Zeitpunkt für Beikost erreicht ist.

Nach Auffassung der WHO sollten Kinder bis zu einem Alter von sechs Monaten ausschließlich gestillt werden. Die Nationale Stillkommission empfiehlt die Einführung von Beikost frühestens mit Beginn des fünften Monats, spätestens mit Beginn des siebten. Andere Fachgesellschaften setzen die Milchphase kürzer: Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) rät, Kinder vier Monate lang voll zu stillen und anschließend weitere Lebensmittel anzubieten. Dies sei aufgrund des "steigenden Nährstoffbedarfs sinnvoll". Zudem spiele die Beikost eine Rolle bei der Allergieprävention: Je früher Kinder Allergenen aus der Nahrung ausgesetzt werden, desto besser lernt das Immunsystem, mit ihnen zurechtzukommen.

Damit widersprechen die Experten der landläufigen Meinung, langes, ausschließliches Stillen schütze vor Allergien. Dafür, so die DGAKI, gebe es aus Sicht der Allergieprävention "keine Belege".

Mythos 2: Jede Frau kann stillen

Diese Aussage beruht auf dem Ammenmärchen, dass Stillen als natürlicher Vorgang immer intuitiv richtig abläuft. In der Regel stimmt das auch: Bereits kurz nach der Geburt "sucht" das Neugeborene die Brustwarze der Mutter und beginnt zu saugen. Dabei trinkt es die proteinreiche Vormilch, die Antikörper enthält und das Neugeborene vor Infektionen schützt.

Diese Abläufe können jedoch gestört sein, beispielsweise nach einem Kaiserschnitt. So kann das Neugeborene Anpassungsschwierigkeiten entwickeln und unter Umständen nicht effektiv genug trinken. Das wiederum kann den Milchspendereflex der Mutter beeinflussen. Meist verschwinden diese Schwierigkeiten jedoch nach einiger Zeit.

Zudem kann es in seltenen Fällen vorkommen, dass Frauen zu wenig Milchdrüsengewebe besitzen. In der Regel bilden diese Frauen nicht ausreichend Muttermilch, sodass mit Flaschenmilch ausgeholfen werden muss. Nach Angaben des Berufsverbands Schweizerischer Stillberaterinnen sind davon etwa ein bis fünf Prozent aller Frauen betroffen. Auch ein Milchstau, hervorgerufen durch einen verstopften Milchkanal, kann das Stillen beeinträchtigen. Gleiches gilt für bestimmte Medikamente, Stress oder Angstzustände.

Diese Beispiele zeigen: Die pauschale Behauptung, jede Frau könne jederzeit problemlos stillen, ist so nicht zu halten. Vielmehr setzen verallgemeinernde Aussagen wie diese Frauen unter Druck und sorgen für Verunsicherung.

Mythos 3: Stillende Mütter müssen auf bestimmte Lebensmittel verzichten

Nicht zwingend. Eine spezielle Diät oder der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel ist meist nicht notwendig. Mediziner raten stillenden Müttern, sich gesund und abwechslungsreich zu ernähren. Das bedeutet: reichlich Obst und Gemüse, Vollkorn- und Milchprodukte. Dreimal in der Woche sollte Fleisch auf dem Speiseplan stehen, das Proteine, Zink und Vitamine liefert.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt darüber hinaus zwei Portionen fetthaltigen Fisch in der Woche, etwa Lachs oder Hering. Die darin enthaltenen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren sollen das Nerven- und Immunsystem des Säuglings positiv beeinflussen.

In Einzelfällen können Kohlgemüse, Knoblauch, Zwiebeln oder Hülsenfrüchte zu Blähungen beim Kleinkind führen. Werden solche Nebenwirkungen beobachtet, sollten diese Lebensmittel gemieden werden. Brokkoli, Möhren, Apfel oder Bananen werden in aller Regel gut vertragen.

Während es bei der Ernährung keine strikten Verbote gibt, sind sich Experten darüber einig, dass Rauchen und Alkohol in der Stillzeit gemieden werden sollten: Deren schädliche Inhaltsstoffe gehen nämlich in die Muttermilch über und können dem Kleinkind schaden.

Mythos 4: Muttermilch macht schlau

Diese Aussage basiert auf Studien-Ergebnissen, die einen Zusammenhang zwischen Muttermilch und Intelligenzquotient des Kindes nahelegen: Dieser liegt bei gestillten Kindern um einige Punkte höher.

Fraglich bleibt allerdings, ob dafür tatsächlich die Muttermilch verantwortlich ist. Denn ein Großteil dieser Untersuchungen beruht auf Beobachtungen. Möglicherweise ist es also nicht die Muttermilch, die schlau macht, sondern vielmehr der Umstand, dass Frauen mit hohem IQ häufiger stillen und diese Intelligenz an ihre Kinder vererbt haben könnten. Unter Umständen spielt auch die körperliche Nähe beim Stillen oder die besondere Mutter-Kind-Beziehung eine Rolle. Diese Faktoren könnten die Entwicklung des Kindes ebenfalls fördern.

Eine Forschergruppe will dagegen eine Erklärung für die Intelligenz-fördernde Wirkung der Muttermilch gefunden haben: Ausschlaggebend für den positiven Effekt seien enthaltene Fettsäuren. Demnach würden allerdings nur Kinder mit einem bestimmten Gen profitieren: Dieses kodiert für ein Enzym, das die Fettsäuren in langkettige Fettsäuren umwandelt, die für die Entwicklung des Gehirns wichtig sind. Ob dieser Mechanismus tatsächlich für den IQ-Vorsprung gestillter Kinder verantwortlich ist, ist allerdings letztlich nicht bewiesen.

Klar ist: Muttermilch macht Babys nicht automatisch zu Genies. Es liegt nahe, dass der Intelligenzquotient der Mutter und Umwelteinflüsse die Intelligenz des Kindes deutlich stärker beeinflussen als die Frage, ob gestillt wurde oder nicht. Kinder, die nicht gefördert werden und den ganzen Tag vor dem Computer verbringen, haben gegenüber Flaschenkindern wohl kaum einen Vorteil - nur weil sie als Säugling mit Muttermilch gestillt wurden.

Kommentare (1)

  • Flore
    Flore
    Hallo,

    danke für den interessanten Artikel. Der IQ der Mutter könnte natürlich eine Erklärung für den Zusammenhang zwischen Stillen und IQ des Kindes sein - aber darauf sind die Forscher ja auch schon vor langer Zeit gekommen. Daher wird in den meisten Studien zu dem Thema für den IQ der Mutter oder mindestens das Bildungsniveau der Mutter (als Indikator für den IQ) und noch andere potentielle Einflussfaktoren (z.B. Bildungsniveau des Vaters, Geburtsgewicht) kontrolliert. Der Effekt des Stillens auf die kognitive Entwicklung des Kindes zeigt sich auch unter Kontrolle für diese Variablen, scheint also einen eigenständigen Einfluss über genetische Veranlagung hinaus zu haben. Darüber hinaus scheint der Effekt stärker zu werden mit der Dauer des Stillens:

    Anderson, Johnstone & Remley (1999). Breast-feeding and cognitive development: a meta-analysis. American Journal of Clinical Nutrition, 70, 525-535. (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10500022)

    Kramer, Aboud, Mironova, Vanilovich et al. (2008). Breastfeeding and Child Cognitive Development: New Evidence From a Large Randomized Trial. Archives of General Psychiatry, 65, 578-584. (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18458209)

    Viele Grüße!
    F.


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