1. Oktober 2012, 12:30 Uhr

Jeder fünfte Europäer litt unter Depressionen

Laut einer Umfrage war jeder fünfte Europäer schon einmal depressiv. Deutsche Arbeitnehmer bleiben am ehesten deshalb zu Hause. Eine häufige Ursache ist die Angst vor dem Jobverlust.

Depressionen, Fehlzeiten, Kosten, Europa, Deutschland, Studie, Volkskrankheit, Arbeitsverdichtung, Arbeit

Wenn die Seele leidet, geht oft nichts mehr: Eine Burn-Out-Patientin blickt über den Großen Glubigsee in Brandenburg©

Jeder fünfte Europäer hat die Diagnose Depression schon einmal zu hören bekommen. Das hat der europäische Fachverband European Depression Association (EDA) in einer repräsentativen Online-Umfrage unter mehr als 7000 Europäern herausgefunden. Erste Ergebnisse daraus stellt die EDA mit Sitz in Brüssel am Montag vor. Jeder zehnte Arbeitnehmer musste sogar wegen einer Depression zu Hause bleiben. Jeder Depressionsschub verursacht so durchschnittlich einen Ausfall von 36 Arbeitstagen.

Der Europäische Depressionstag will auf die lange tabuisierte Krankheit aufmerksam machen und Verständnis für die Betroffenen wecken. Die Diagnose Depression betrifft am häufigsten Briten (26 Prozent), am seltensten die Italiener (12 Prozent).

Deutsche Arbeitnehmer blieben der EDA zufolge am ehesten wegen eines Krankheitsschubs zu Hause (61 Prozent). Mit durchschnittlich 41 Tagen blieben sie der Arbeit auch am längsten fern. Zugleich klagten Umfrage-Teilnehmer aus Deutschland besonders über mangelnde Unterstützung durch den Arbeitgeber.

Oft leiden Kranke unter der Verdichtung von Arbeit

Doch obwohl Depressionen ein Volksleiden sind, werden sie bei vielen Patienten nicht erkannt, sagte Prof. Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikums Hildesheim. Der Psychiater ist Koordinator des 9. Europäischen Depressionstages für Deutschland. Angehörige oder Freunde sollten aufhorchen, wenn jemand über Wochen hinweg über mehrere typische Symptome wie Schlafstörungen, Energiemangel oder innere Unruhe klagt.

Oft seien Probleme und Sorgen am Arbeitsplatz die Ursache: "Die Menschen leiden unter der Verdichtung von Aufgaben. Gleichzeitig ist die Unsicherheit, ob der Arbeitsplatz überhaupt Bestand hat, eine große psychische Belastung. Depressionen werden aber immer durch viele Faktoren bedingt, etwa auch durch familiäre Probleme oder erbliche Anlagen."

Nach Angaben von Dietrich kann eine Arbeit, die Spaß macht und weder über- noch unterfordert, das beste Antidepressivum sein. Ihm zufolge leiden etwa vier Millionen Menschen in Deutschland unter Depressionen. Aber nur etwa zehn Prozent von ihnen würden langfristig betrachtet adäquat behandelt. "Teilweise erkennen sie selbst oder auch Hausärzte nicht, dass hinter körperlichen Beschwerden wie Rückenschmerzen eine psychische Erkrankung steckt."

Depressionen kosteten 2010 etwa 92 Milliarden Euro

Die volkswirtschaftlichen Kosten in Europa schätzen die von der EDA zitierten Quellen auf 92 Milliarden Euro im Jahr 2010 innerhalb der Europäischen Union. Verursacht werden sie durch Fehlzeiten und die Symptome der Krankheit. Die vollständigen Ergebnisse will die EDA 2013 vorlegen.

Für die Umfrage wurden vom 30. August bis zum 19. September 7065 Menschen in Europa online befragt. Die European Depression Association ist eine Allianz aus Organisationen, Patienten, Forschern und medizinischen Fachkräften aus 17 Ländern in ganz Europa.

lin/DPA
 
 
Jetzt bewerten
1 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL
Robert-Pfleger-Forschungspreis Grundlagenforscher ausgezeichnet

Neue Erkenntnisse in der Depressionsforschung wurden ebenso von der Jury des Robert-Pfleger-Forschungspreises ausgezeichnet wie Erkenntnisse, die bei der Herstellung neuer Antibiotika helfen können.

Volkskrankheit Burnout und Depression 12,5 Prozent aller betrieblichen Fehltage auf seelische Erkrankungen zurückzuführen

Ausgebrannt, krank und antriebslos: Immer mehr Menschen in Deutschland fehlen wegen psychischer Leiden am Arbeitsplatz. Seit dem Jahr 2000 habe sich der Anteil der Fehltage wegen Burnout oder Depressionen etwa verdoppelt.

Drei Monate im Trainingsanzug Victoria Beckham litt unter postnatalen Depressionen

Nach der Geburt ihres ersten Sohnes, Brooklyn, hat das ehemalige Spice Girl Victoria Beckham unter einer postnatalen Depression gelitten. In einem Interview sagte sie, sie wäre drei Monate nur im Trainingsanzug herumgelaufen.

Depressionen bei Kindern Keine Lust zum Spielen

Das wächst sich nicht aus: Ist ein Kind depressiv, braucht es Hilfe - je früher, desto besser. Doch Eltern erkennen meist erst recht spät, dass mit ihrem Sprössling etwas nicht stimmt.

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind