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Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

Der Albtraum vom Glück

Lotto spielen, Pokern, ins Casino gehen: alles kein Problem? Für manchen schon. Pathologische Glücksspieler stürzen sich in Schulden, verlieren Job und Partnerschaft. Das Gesetz hilft vielen nicht weiter: Denn die Auflagen, die Lotto, Odset und Casinos erfüllen müssen, gelten für Spielhallen nicht.

Von Nina Bublitz

Das Konto ist längst leer, die Freundin aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Und immer noch lockt das nächste Spiel. Warum Glücksspieler sich verschulden, zusehen, wie der Job verloren geht und die Beziehung zerbricht, weil sie ihr gesamtes Geld in der Spielhalle lassen und Stunden vor Automaten stehen und zocken, das wollte Dr. Bernd Sobottka genauer wissen. Er ist leitender Psychologe in der Klinik Schweriner See, an der pro Jahr mehr als 100 Spieler behandelt werden. Sobottka wählte ein ungewöhnliches Experiment, um das Entscheidungsverhalten der Spieler zu untersuchen: Er setzte sie an einen Tisch und ließ sie Karten spielen. Später spielten, als Kontrollgruppen, auch Alkoholiker sowie gesunde Menschen. Als Gewinn winkte in jeder der Gruppen nicht nur Spielgeld, sondern auch ein realer Preis, ein kleiner: ein Pfund Kaffee. Einmal lud Sobottka seine Probanden an einen schlichten Tisch, das andere Mal war der Raum zur Spielhalle aufgemotzt: mit schummrigem Licht, passenden Geräuschen und Bildern von Automaten an der Wand.

Spieler können rational entscheiden

Das Untersuchungsergebnisse überraschten den Psychologen selbst. Die Spieler trafen ihre Entscheidungen weder schneller noch wahlloser als die anderen, auch wenn sie meinten, sie würden impulsiv handeln. Und sie schnitten in der Spielhallenatmosphäre besser ab als in neutraler Umgebung. Sobottka folgert daraus: Spieler sind grundsätzlich in der Lage, rationale Entscheidungen zu treffen. Dieses Wissen hilft in der Praxis weiter, denn es deutet darauf hin, dass sogenannte Impulskontrolltechniken den Spielern gut weiterhelfen können.

Belohnungssystem außer Kontrolle

Das bessere Abschneiden in der Spielhallenatmosphäre kann Sobottka einfach erklären: " Bei den Spielern war das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert, sie waren daher hoch konzentriert und motiviert bei der Sache." Dieses Belohnungszentrum schaltet sich immer ein, wenn ein Reiz als nützlich wahrgenommen wird und wiederholt werden sollte. Es vermittelt Genuss - und die Lust auf mehr. Bei Süchtigen gerät dieses Belohnungssystem aus der Bahn. Sie entwickeln ein unstillbares Verlangen nach Alkohol, Drogen, Medikamenten, alles andere tritt in den Hintergrund.

Menschen, die Stunde um Stunde vor einem Spielautomaten verbringen, erscheinen zumindest medizinischen Laien, süchtig. Doch ob "Spielsucht" in diesem Sinne tatsächlich existiert, ist umstritten. Professor Iver Hand, jahrzehntelang als Verhaltenstherapeut am Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg tätig, lehnt den Begriff ab. Die meisten Glücksspieler, die in Therapie kommen, hätten versucht, sich durch das Spielen von anderen Problemen abzulenken, Depressionen oder Ängsten etwa, - und dies oft im Zusammenhang mit anhaltenden Beziehungskonflikten. "Hilft man diesen Menschen, ihre persönliche Ursache herauszufinden und zu bewältigen, muss man in der Regel wegen des pathologischen Glücksspiels gar nichts oder nur wenig unternehmen. Der Spieldrang geht stark zurück oder verschwindet völlig."

20.000 Euro Schulden

Professor Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle "Glücksspiel" an der Uni Hohenheim, hat dagegen kein Problem, von Spielsucht zu sprechen. Er meint: "Die Automaten verfügen über sämtliche Eigenschaften, um Sucht zu erzeugen: Die Ereignisfrequenz ist hoch, die Geräte geben Töne von sich, Lichter blinken, und durch die Tasten bekommt der Spieler den Eindruck, er könne das System beeinflussen - was nicht stimmt. Das Geld, die Aussicht auf einen Gewinn, gibt dazu den Kick."

Ob Sucht oder nicht, Spielen kann verheerend wirken. "Ein Drittel der Spielsüchtigen, die in Therapie sind, haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Im Schnitt haben sie 20.000 Euro Schulden", sagt Tilman Becker. Laut einer Untersuchung des IFT Institut für Therapieforschung, München, leben in Deutschland schätzungsweise 103.000 pathologische Spieler.

"Der Bund ist in der Pflicht"

Klar ist auch, dass neben Online-Kartenspielen insbesondere Spielautomaten ein Risiko darstellen, egal, ob man von "Suchtpotenzial" spricht oder von "Glücksspielrisiko". Da erscheint es geradezu absurd, dass die in Spielhallen aufgestellten Automaten im Gegensatz zum Lotto, Odset sowie dem Spiel in Casinos nicht zum Glücksspiel zählen. Sie sind per Definition " Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit" und ihr Betrieb unterliegt dem Gewerberecht. Das Sperrsystem, das Süchtige schützen soll, gilt daher für Spielhallen nicht. "Es ist absurd, dass jemand in Spielcasinos und bei Odset gesperrt ist, aber trotzdem in die Spielhalle um die Ecke gehen kann", sagt Tilman Becker. "Der Bund ist in der Pflicht, in Sachen Automatenspiel etwas zu unternehmen."

Bernd Sobottka findet es "tragisch", dass das Spiel an Automaten nicht stärker reglementiert wird. Er ermutigt seine Patienten, sich zumindest "privat" in den Spielhallen sperren zu lassen, auch wenn keine rechtliche Grundlage dafür existiert und es daher nur ein symbolischer Akt ist.

Geändert hat der Staat die rechtliche Lage in Sachen Automatenspiel zuletzt 2006. Damals wurde die Spieldauer an den Automaten verkürzt. Becker: "Die Argumentation dafür lautete: Die Spieler werfen bisher in zwei oder drei Automaten gleichzeitig Geld ein, deshalb müsse man die Spieldauer senken. Doch natürlich spielen die Süchtigen weiter an mehreren Automaten - und verlieren noch schneller ihr Geld."

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