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Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

Wenn das Verlangen außer Kontrolle gerät

Wissenschaftler streiten, ob es Sucht ohne Drogen geben kann. Sicher ist: Manche Menschen haben ihr Verhalten nicht mehr im Griff. Sie gieren nach Konsum, nach Arbeit, nach Sex ohne Limit - auch wenn sie damit ihr Leben ruinieren.

Von Silke Pfersdorf und Arnd Schweitzer

Jedes Schaufenster war eine Versuchung: Blusen, Kleider, Schuhe, schöne Dosen, edle Cremes - so verlockend dekoriert, dass es kaum auszuhalten war. Schwitzige Hände hat Sieglinde Zimmer-Fiene bekommen, wenn sie weitergehen wollte, und ihr Herz pochte wild, und natürlich ist sie doch in den Laden und auch in den nächsten und übernächsten. Wie eine Melodie schwebten die schmeichelnden Worte der Verkäuferinnen in ihre Ohren, lullten sie ein, jetzt die Kreditkarte und eine Unterschrift, und für Momente gab es kein Morgen und schon gar kein Zurück. "Der Kick beim Kaufen", erinnert sich die 52-jährige Sekretärin, "war ein absolutes Hochgefühl."

Ein Gefühl, dem Thomas Ehlert*, 39, spätabends am nächsten war. Wenn zwölf, dreizehn, vierzehn Stunden in seiner Marketingagentur hinter ihm lagen. Wenn er wusste, dass er wieder mal alles gewuppt hatte. Er war der Chef, er kam morgens als Erster, ging abends als Letzter. Auch am Wochenende klingelte rund um die Uhr das Telefon, war der Laptop immer in Reichweite. Und trotzdem war da die Angst, es könne nicht genug sein. Das Gefühl, dass ohne ihn nichts gehe. "Die Arbeit war meine Droge", gibt er zu. "Der Gedanke an Urlaub machte mich nervös."

Auch Frank Fuller* hockte stundenlang am Computer. Nur an Arbeit konnte er dabei nicht denken. Nicht, solange die Bilder von nackten Brüsten und geöffneten Schenkeln nur ein paar Mausklicks entfernt waren. "Bis zu zehn Stunden saß ich schon vor Sexwebsites und habe mir immer wieder einen runtergeholt", sagt er. Manchmal, bis er wund war. Vor Frauen, die ein Stück Monitor blieben, die fern waren und nah zur gleichen Zeit. Irgendwann drängten Frank Fullers Fantasien auch ins richtige Leben. Es gab Seitensprünge, immer wieder. Neue Frauen, neue Kicks, immer öfter. Eine Frau hat er dabei für immer verloren, seine eigene. Frank Fuller hat seine Ehe zerstört auf der Jagd nach Höhepunkten. "Und die", sagt er, "habe ich dann nicht mal mehr richtig gespürt."

Unwiderstehlicher Reiz

Menschen hängen an der Nadel, an der Kippe oder können nicht aufhören zu saufen. Aber kann man süchtig danach sein, sich die Regale oder den Terminkalender zu füllen, das Hirn mit lüsternen Gedanken zu dopen? Was giert in einem Menschen nach Nachschub, wenn es nicht darum geht, sich etwas einzuverleiben? Wenn ein unwiderstehlicher Reiz ihn zwingt, etwas wieder und wieder zu tun? Zum Beispiel kaufen, arbeiten, Sex haben?

In den Diagnosehandbüchern der Experten sucht man den Begriff "Verhaltenssüchte" vergebens. Die Krankheitsklassifizierung der Weltgesundheitsorganisation kennt keine Abhängigkeit ohne Suchtstoff. Was Sieglinde Zimmer-Fiene, Thomas Ehlert und Frank Fuller das Leben auf lange Sicht zur Qual gemacht hat, ordnen Psychiater und Psychologen behelfsweise unter "abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle" beziehungsweise unter "Sexualstörungen ein".

Und viele Wissenschaftler halten das für völlig richtig. Schließlich können selbst starke natürliche Reize nicht annähernd so massiv auf das Gehirn wirken wie Drogen. Wo soll es hinführen, wenn man alles, was zu viel wird, zur Abhängigkeit erklären kann? Zumal die Forschung zu den "Verhaltenssüchten" noch in den Anfängen steckt. Es gibt keine allgemein akzeptierten Definitionen und kaum solide Fallzahlen. Wo etwa fängt krankhaftes Alltagsverhalten überhaupt an? Wann kauft jemand zu oft? Wie viele Orgasmen sind zu viele? Was genau passiert in den Gehirnen der Getriebenen? Und warum?

Die Fachleute, die von "Verhaltenssucht" sprechen, argumentieren mit Erkenntnissen über das pathologische Glücksspiel, das bereits seit den 80er Jahren intensiver erforscht wird. Zwar sind auch hier viele Wirkzusammenhänge noch nicht geklärt, aber es gibt Hinweise auf Fehlfunktionen in den Gehirnen von krankhaften Spielern, die ebenfalls bei Substanzsüchtigen beobachtet wurden: Zeigt man etwa beiden Gruppen Bilder vom Spiel beziehungsweise von ihren Drogen, sind bestimmte Areale des Gehirns ungewöhnlich wenig aktiv. Je geringer die Resonanz, desto geringer ist auch die Kontrollfähigkeit der Versuchspersonen - und desto stärker die Sucht. Auch weiß man, dass in beiden Fällen bestimmte Enzyme des Hirnstoffwechsels vermindert sind. Dass Medikamente zur Behandlung von Drogensüchten in einigen Studien auch bei sogenannten Impulskontrollstörungen Wirkung zeigten - während Arzneien gegen die Dopaminmangelkrankheit Parkinson in Einzelfällen krankhaftes Spielverlangen, Kaufzwang, Hypersexualität, Essstörungen und gesteigerten Alkoholkonsum auslösen können. Vor allem aber weiß man, dass die psychischen und sozialen Folgen der "Verhaltenssüchte" an die der klassischen Abhängigkeiten heranreichen können: Die Getriebenen verlieren die Kontrolle über ihr Tun, die Droge rückt in den Mittelpunkt ihres Lebens, sie brauchen immer mehr davon, sie können nicht aufhören, auch wenn sie merken, dass sie sich selbst schaden. Am Ende hat mancher sein ganzes Geld und sein soziales Netz verloren.

Einig sind sich die Experten darin, dass noch viel zu tun ist. Neben dem Klassiker Glücksspiel wurde in den vergangenen Jahren vor allem die "Kaufsucht" untersucht, darüber existiert sogar eine repräsentative Befragung aus dem Jahre 2001, mit der sich die Risikogruppe in Deutschland abschätzen lässt. Die Untersuchung der Konsumforscher Gerhard Scherhorn, Lucia Reisch und Gerhard Raab erfasste Menschen, die ihr eigenes Kaufverhalten problematisch fanden. Die oft einen unwiderstehlichen Impuls spürten, etwas zu erstehen. Die häufig Dinge gekauft hatten, die sie sich nicht leisten konnten oder die sie gar nicht brauchten. Das Ergebnis: Rund acht Prozent der Bevölkerung in den alten und etwa sechs Prozent der Bürger in den neuen Bundesländern sind danach stark "kaufsuchtgefährdet" - etwa viereinhalb Millionen Deutsche.

Anfallartig auftretender Kaufdrang

Verschiedene Forscher versuchen, das Wesen des Kick-Kaufs zu ergründen, herauszufinden, was ihn mit den klassischen Süchten verbindet. Die Ärztin und Diplompsychologin Astrid Müller und ihr Team von der Uni-Klinik Erlangen fanden bei ihren Untersuchungen eine "überdurchschnittliche Impulsivität", die es den Probanden offenbar unmöglich mache, bei Langeweile und Niedergeschlagenheit dem anfallartig auftretenden Kaufdrang zu widerstehen. Von Migräneattacken, Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken beim Versuch, dem Shopping-Drang nicht nachzugeben, ist in Protokollen die Rede, die der Psychologe und Marketing-Professor Gerhard Raab und sein Team von der Fachhochschule Ludwigshafen ausgewertet haben. Klare Entzugserscheinungen, interpretiert Raab.

Dosissteigerungen wiederum fallen bei vielen "Kaufsüchtigen" weniger auf als bei Trinkern oder Junkies. Weil durchschnittlich zehn Jahre vergehen, bis Betroffene sich überhaupt in Behandlung begeben - und weil die Steigerung auf einer Ebene stattfinden kann, die nicht sofort ins Auge fällt: Statt immer mehr und immer häufiger wird oftmals immer teurer gekauft, immer gefährlicher am Abgrund der finanziellen Existenz getänzelt. "Bei mir hatte es 1974 mit ein paar unnötigen Käufen begonnen", erzählt der Fürther Ulrich Knapp. "Werkzeuge in doppelter und dreifacher Ausführung, immer wieder eine neue Kamera und andere Fotomaterialien, Fachbücher. Aber mit der Zeit wollte ich immer wertvollere Sachen, immer ausgeklügeltere Hightech-Ausrüstungen und kostspielige Bildbände." Am Ende plünderte er sogar heimlich den gemeinsamen Bausparvertrag, den er und seine Frau abgeschlossen hatten. Um neue Superkameras bezahlen zu können.

Auch die Sexsucht kennt Steigerungen jenseits aller Zahlen und Werte: "Es gibt Männer, die haben sich den Kick anfangs noch über normale Pornoseiten verschafft", berichtet die hannoversche Psychotherapeutin Kerstin Zwitzers aus ihrer der zeit laufenden Studie zur Internet-Sexsucht. "Aber irgendwann reicht das einigen nicht mehr aus, und sie suchen nach Bildern, die sie als verboten empfinden." Websites, die blutjunge Mädchen beim Sex zeigen. Oder Perversionen. "Natürlich machen einen nicht immer dieselben Bilder scharf ", erzählt Frank Fuller "Man sucht schon immer wieder neue Websites, andere Frauen, andere Stellungen. Irgendwas halt, woran sich das Auge noch nicht so gewöhnt hat."

Zwei Stunden Internet-Porno. Drei. Sechs. Zehn. Was ist noch normal, und wo fängt das Problem an? Ob Paris Hilton shoppingsüchtig ist, könnte nicht mal ein Berg von Kaufquittungen beweisen, ein Unternehmer, der mit Burnout-Syndrom und Hörsturz im Krankenhaus landet, ist nicht zwingend arbeitssüchtig, und selbst fünf Orgasmen täglich bedeuten vielleicht nur puren Spaß und mitnichten eine Sexsucht. Auch wenn die Wissenschaft sich bei der Frage nach dem Zuviel noch nicht festlegen kann - es gibt eine Antwort von innen. Frank Fuller fühlte sich nach jeder Jagd nach dem schnellen Abenteuer "wie ein notgeiler Widerling". Ulrich Knapp empfand sich nach Kaufattacken als "klein, schmutzig, wertlos". Und Sieglinde Zimmer- Fiene sagt: "Schon wenn ich den Laden verließ, habe ich mich furchtbar geschämt. Die Tüten habe ich nach dem Einkauf fast immer in irgendeinem Schrank versteckt."

Fatal positives Image

Menschen, die an so Alltäglichem wie Arbeit oder Einkauf scheitern, bleiben lange allein mit ihrer Scham. Weil ihr Problem von anderen nicht ernst genommen wird: Wenn eine wie Sieglinde Zimmer- Fiene mit zehn Tüten die Boutique verlässt, begleitet sie eher Neid als Mitleid; wenn ein Unternehmer wie Thomas Ehlert nur noch für seine Firma lebt, beklatscht man Arbeitseinsatz und Karriere; einer, der so viele Frauen findet wie Frank Fuller, erntet bei seinen Kumpels vielleicht sogar joviales Schulterklopfen. Was ist verkehrt am Kaufen, am Arbeiten, am Sex? Soll sich nur keiner beklagen, höchstens zusammenreißen. Besonders der "Arbeitssucht" haftet ein fatal positives Image an. Bienenfleiß, Verantwortungsbewusstsein und Ehrgeiz werden damit verbunden. Dabei ist das wahre Gesicht des Psychophänomens eine Fratze: "Viele Arbeitssüchtige können nur schlecht delegieren oder mit Mitarbeitern umgehen und sind unfähig, Entscheidungen zu treffen", weiß Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Meißner, die die Folgen für Unternehmen untersucht hat. Oft verzetteln sich die Betroffenen, sie verlieren in Krisensituationen ihren Kopf, können sich und ihre Kräfte nicht realistisch einschätzen, trauen niemandem - und weigern sich zu allem Unglück, an ihrem Verhalten etwas zu ändern. "Schlimmstenfalls geht die ganze Firma dabei kaputt", sagt Meißner. "Ein Arbeitssüchtiger, der so krank wird, dass er als solcher auffällt, hat vorher womöglich schon eine Reihe anderer Angestellter in die Kündigung getrieben." Mit Produktivität ist das Unvermögen zu entspannen selten verbunden. Viele Problemarbeiter fühlen sich von ihren Aufgaben so erdrückt, dass sie zwar wild, aber nicht zielgerichtet agieren.

Wer Alltägliches nicht mehr im Griff hat, hält das oft für eine persönliche Schwäche, ein einsames Leiden. Bernhard Croissant, Leiter der Psychiatrieabteilung des Kreiskrankenhauses Sigmaringen, beobachtete bei Patienten mit Kaufproblemen: "Die meisten wenden sich erst an uns, wenn sie auch emotional unter der Schuldenlast fast zusammenbrechen, doch zunächst meist wegen Depressionen oder Angstzuständen. Bei uns hören sie dann, dass ihre Krankheit einen Namen hat. Da sind die oft richtig erleichtert." "Zwei Drittel gehen erst zum Therapeuten, wenn ihr Tun bei der Ehefrau oder anderswo aufgeflogen ist", bestätigt Kerstin Zwitzers für ihre "Sexsucht"-Probanden. "Wenn wir ihr Problem einordnen und erklären, sind sie fast dankbar."

Ständiger Begeleiter: die Depression

Allerdings müssen sich dann viele gleich mehreren Diagnosen auf einmal stellen - denn Extremverhalten kommt selten allein. Häufig paart es sich mit anderen, oft stofflichen Abhängigkeiten oder mit weiteren psychischen Malaisen wie Panikattacken oder Depressionen. "Die Hälfte der Sexsuchtpatienten kämpft an anderer Front auch als Workaholic um Kontrolle über ihr Leben", bestätigt Uwe Hartmann, Professor für Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Auch zum ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, gibt es offenbar eine Verbindung." Das problematische Kaufen wiederum findet sich unter anderem gekoppelt an Ängste und Essstörungen, an Alkohol- oder anderen Drogenmissbrauch, an krankhaftes Glücksspiel und exzessive Internetnutzung. Ständige Begleiter fast aller "Verhaltenssüchte": die Depression. Sie kann den Nährboden abgeben, auf dem ein Extremverhalten erst gedeiht - oder sie entsteht im Gegenteil als sein Ableger.

Experten beobachten, dass bestimmte Charaktere besonders häufig unter den Problemfällen sind. Den Drang zu übermäßigem Sex fand Klaus Michael Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité, vor allem bei Patienten, denen die Fähigkeit fehlt, Bindung, Nähe und Vertrauen aufzubauen und mit Krisen und Gefühlen umzugehen. Männer, denen Anerkennung und Selbstschätzung wichtiger sind als dem Durchschnitt, ortete Kerstin Zwitzers besonders häufig unter den Probanden für ihre Kaufzwang-Studie. "Die empfinden es als besonders schlimm, allein zu sein, können Vorwürfe und Kritik nur schlecht ertragen, können nicht Nein sagen. Der Druck, der sich dabei aufbaut, führt zu ständiger innerer Gespanntheit, während sie sich bemühen, nach außen ganz locker zu wirken." Eine tiefe, existenzielle Angst vermutet Holger Heide, Leiter des Bremer Instituts für sozialökonomische Handlungsforschung (Seari), hinter exzessivem Arbeiten: "Angst kann man nicht vermeiden, man kann sie nur verdrängen. Das gelingt ‚Arbeitssüchtigen‘ durch die völlige Konzentration auf ihre Aufgaben." Eine Art Flucht in den Tunnel also. Wie beim exzessiven Shoppen: Aller Seelen Traurigkeiten, tiefsitzenden Ängsten und Unsicherheiten wird ein kurzer Moment der Euphorie übergestülpt - der Kick beim Konsum. Die Euphorie freilich ist flüchtig, der Absturz danach häufig umso tiefer.

Schwere Therapie: Sitzungen bei Psychologen kosten Zeit - ein Problem, das viele "Arbeitssüchtige" mit der Behandlung haben

Schwere Therapie: Sitzungen bei Psychologen kosten Zeit - ein Problem, das viele "Arbeitssüchtige" mit der Behandlung haben

Wer die Kontrolle über sein Verhalten verliert, schleppt oft schwer an seinem Kindheitserbe: So stießen viele Probanden, die sich im Internet stundenlang mit scharfen Bildern Lust machen, schon als Kinder auf Pornos aus Papas Nachttischschublade - oder bekamen Sex als schmutziges Beiwerk präsentiert. "Sex war in meiner Familie nie positiv besetzt", erzählt Frank Fuller, "man sprach auch nicht darüber. Im Zusammenhang mit Gefühlen, Zärtlichkeiten und Liebe lernte ich das gar nicht kennen." Nicht wenige Extremarbeiter wurden bereits im Elternhaus auf Leistung gedrillt, und spätere Kick-Käufer lernten schon als Kind, dass Konsum glücklich macht. "Was ich an Liebe von meinen Eltern nicht kriegte, kompensierte ich mit materiellen Werten", erinnert sich Sieglinde Zimmer-Fiene. "Statussymbole waren wichtig, waren der einzige Beweis, dass man wer ist." Extremverhalten oder Sucht - manchmal eben auch ein Familienerbstück, das von einer Generation an die nächste weitergereicht wird.

Weg aus der Qual

Aufhören, sein lassen, die Einbahnstraße verlassen - aber wie? Alkohol und Drogen kann man entkommen, indem man ihnen abschwört, auch dem Nikotin oder dem Glücksspiel. Aber ums Kaufen und Arbeiten kommt man nicht herum, und Sexualität gehört nun mal auch zum Leben. Menschen, die damit ein Problem haben, sind lebenslang mit ihrem "Suchtmittel" konfrontiert; sie können bestenfalls lernen, damit umzugehen. Wenn sie sich an einen Profi wenden. Erst dort kann eine Art Fahrplan für den Weg aus der Qual festgelegt werden.

Bislang gibt es kaum umfassende wissenschaftliche Bewertungen zur Behandlung von exzessivem Kaufen, Arbeiten, Sex. Manchmal werden Medikamente eingesetzt. "Serotonin-Wiederaufnahme- Hemmer mildern den Drang vieler Sexsüchtiger", sagt etwa Uwe Hartmann. "Es scheint die Fantasieproduktion zu drosseln." US-Ärzte empfehlen in ähnlichen Fällen, auf die häufigen psychischen Begleiterkrankungen zu achten und die Medikamentenbehandlung an ihnen zu orientieren. Auch die Symptome der "Kaufsucht" werden manchmal mit Pharmaka bekämpft: Womöglich helfen hier bestimmte Antidepressiva oder ein sogenannter Opiat-Antagonist - ein Wirkstoff, der in der Entwöhnung von Heroinsüchtigen eingesetzt wird.

Ein sinnvoller Weg, dem Problem zu Leibe zu rücken, ist wahrscheinlich die Psychotherapie, etwa eine kognitive Verhaltenstherapie. Ziel ist es dabei, den Betroffenen zu zeigen, in welchen Situationen oder durch welche Auslöser sie besonders leicht die Kontrolle verlieren - und wie sie sich aus solchen Versuchungen retten. Ihnen Strategien zu vermitteln, mit denen sie Ängsten und Unsicherheiten begegnen können und die zur Ablenkung taugen. Einer Frau, die sich im Kaufrausch stets ins Auto setzte und in ein großes, über eine Stunde weit entferntes Stuttgarter Kaufhaus fuhr, empfahl Gerhard Raab, bei den ersten Anzeichen der inneren Druckwelle eine Freundin anzurufen oder eine Runde laufen zu gehen. Außerdem gilt es, ein paar Sicherheitstüren im Alltag einzubauen. "Ich habe keine Kreditkarte mehr, und meine EC-Karte verwaltet jetzt meine Lebenspartnerin", erzählt Ulrich Knapp. Bar zahlen zu müssen dämpft den Kaufrausch ungemein. "Bei einer Karte bleibt das Zahlen abstrakt; das ist ganz anders, wenn man einen 50- oder 100- Euro-Schein weggeben muss", bestätigt Raab.

Krankenkassen übernehmen Therapie

"Psychologisch gesehen ist das wie eine Bestrafung." Die Wirksamkeit einer dreimonatigen Gruppenverhaltenstherapie hat die Erlanger Forschungsgruppe um Astrid Müller gerade an 60 Exzesskäufern untersucht, die Ergebnisse werden erst in den nächsten Monaten veröffentlicht. Sie seien aber durchaus erfolgversprechend, sagt Astrid Müller. Schon jetzt übernehmen die Krankenkassen in der Regel eine Verhaltenstherapie inklusive eventueller Medikamentengabe - auch wenn das Problem der Extremhandlungen nicht als "Sucht" durchgeht.

Als Therapiebaustein für Arbeitssüchtige empfehlen viele Psychologen, die Betroffenen über alle Aktivitäten des Tages genauestens Buch führen zu lassen und damit Anspannungs- und Entspannungsphasen zu analysieren. Eine Therapie über sechs Wochen bietet unter anderem die Hardtwaldklinik II in Bad Zwesten an. Aber: Arbeitssüchtige haben keine Zeit dafür. "Ein dringend therapiebedürftiger Unternehmensberater wollte mich mal auf drei Wochen runterhandeln, weil er sich unmöglich so lange Urlaub nehmen könne", erzählt der leitende Psychologe der Hardtwaldtklinik Peter Berger. "Dann hat er mich ein halbes Jahr lang aus den USA, der Türkei und Peking angerufen, um immer wieder den Termin zu verschieben. Schließlich kam er in die Klinik, hatte sich aber vorsichtshalber direkt im Anschluss an die Therapiezeit eine wichtige Präsentation gelegt. Damit er sicher sein konnte, dass er auch pünktlich wieder rauskäme." Ein Problem, das auch Thomas Ehlert gut nachvollziehen kann. Als er sich endlich durchgerungen hatte, sein Problem mit Hilfe einer Psychologin anzugehen, konnte er kaum stillsitzen: "Ich dachte während der Sitzung immer nur daran, was ich in dieser einen Stunde alles hätte erledigen können - und ging schließlich nicht mehr hin."

Als Nachbehandlung empfehlen die meisten Therapeuten eine Selbsthilfegruppe, um den Zustand nach der Therapie stabil zu halten. Auffällig: Viele Selbsthilfegruppen haben ihre Grundsätze an die zwölf Schritte der "Anonymen Alkoholiker" angelehnt - die "Anonymen Sexaholiker" (AS) sehen den Sieg über das Übel sogar erst in der völligen Enthaltsamkeit. Was Selbsthilfegruppen letztlich bewirken, ist noch nicht erforscht. Weil das Kommen und Gehen dort langfristige Studien kaum zulässt. Bei Extremarbeitern ist die Selbsthilfegruppe sogar umstritten: weil sie darin womöglich wieder ein neues Betätigungsfeld finden, in das sie ihre Energien stecken, wo sie perfekt sein können.

Immer eine Versuchung

Es gibt eine Umkehr. Aber zum Startpunkt, dorthin, wo alles begann, gelangt man nicht mehr. Wie bei den stofflichen Süchten bleibt das Suchtmittel auch nach der Entwöhnung fast immer eine Versuchung. Ein schlummernder Tiger. "Geheilt bin ich nicht", sagt Sieglinde Zimmer-Fiene. Nach acht Jahren Aufenthalt in einer forensischen Klinik gründete sie 2002 eine Selbsthilfegruppe: "Mein Zustand entspricht dem eines trockenen Alkoholikers." Dank ihrem Ehemann, ist sie überzeugt, "habe ich die Sucht aber mittlerweile im Griff ".

Thomas Ehlert hat nach einem Zeitmanagement- Coaching einiges in seinem Leben geändert: Er hat sich einen Partner in die Firma geholt, eine Assistentin dazu, er hat Macht abgegeben und gönnt sich mehr Freizeit. Trotzdem weiß er: Noch immer ist die Firma seine Geliebte, die Nummer eins in seinem Leben.

Auch Frank Fuller ist sich darüber im Klaren, dass er erst den halben Weg geschafft hat. Er besucht eine Selbsthilfegruppe; nach seiner Scheidung vor vier Jahren hatte er immer wieder Beziehungen, aber "zu viel emotionale Nähe ertrage ich immer noch nicht. Die löst nur Panik aus. Ein normales Verhältnis zu Sex habe ich bis heute nicht gefunden. Aber ich habe mich definitiv besser unter Kontrolle". Manchmal kommt die entscheidende Erkenntnis erst, wenn einem der Spiegel vorgehalten wird. "In unseren Gruppen sitzen ja nicht lauter Menschen mit nur einem bestimmten Extremverhalten", erzählt Hardwaldtklinik-Psychologe Berger. "Da kommt es vor, dass ein Arbeitssüchtiger von seinem Alltag erzählt, und einer unterbricht ihn und sagt: Genauso wie du hat mein Alter geredet, das kotzt mich an! Oder eine Frau sagt: Genauso ist mein Mann gewesen, deswegen habe ich mich scheiden lassen!" Momente wie ein Weckruf, stellte Berger fest: "Da beginnt bei vielen erst das Nachdenken."

*Namen von der Redaktion geändert.
Mitarbeit: Tanja Masur

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