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Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

Im Sog von Fantasiewelten

Sie treiben sich an mystischen Orten herum, kämpfen gegen blutrünstige Monster: Online-Rollenspieler sitzen oft stundenlang vorm Bildschirm. Manche gehen in den virtuellen Welten verloren, werden abhängig. Der Psychologe Ralf Demmel hat mehr als 5400 Spieler befragt. Im Interview mit stern.de spricht er über erste Ergebnisse.

Online-Rollenspiele sind wie eine Flucht aus der realen Welt. Manche Spieler sitzen stunden- oder gar tagelang vor dem Computerbildschirm. Was sind das für Menschen, die sich für solche Spiele faszinieren? Wie lange und wie häufig spielen sie? Diesen Fragen ist Ralf Demmel nachgegangen. Bei einer aktuellen Online-Umfrage hat der Psycholge von der Universitätsklinik Münster mehr als 5400 Spieler zu ihrem Spiel- und Lebensgewohnheiten befragt.

Herr Demmel, was wollten Sie mit dieser Umfrage herausfinden?

Uns interessiert, was für eine Motivation hinter den Spielen steckt und welche negativen Konsequenzen es hat. Außerdem wollten wir wissen, ob exzessives Online-Rollenspiel eine eigene Art der Internetsucht ist oder ob diese Leute generell dem Internet verfallen sind und auch andere Online-Angebote übermäßig konsumieren.

Kann man denn von Sucht sprechen?

Mit dem Begriff süchtig bin ich vorsichtig. Strenggenommen ist es vom Mechanismus her etwas anderes als beispielsweise Cannabisabhängigkeit. Aber das Rollenspiel kann sehr exzessiv sein, einer Sucht ähnlich.

Sie haben bereits damit begonnen, die Daten auszuwerten. Welche wichtigen Ergebnisse haben Sie schon jetzt gefunden?

Zunächst wird deutlich, dass man nicht von der einen Internetsucht sprechen kann. Exzessives Online-Rollenspiel ist eine ganz besondere Variante. Die Personen, die das betrifft, sind nicht die gleichen Leute, die im Online-Kasino Geld verzocken oder dem Cyber-Sex verfallen sind. Man kann auch nicht von einer generellen Suchtpersönlichkeit sprechen. Wir haben die Teilnehmer nach ihrem Konsum von Alkohol, Cannabis und Zigaretten gefragt. Ihre Gewohnheiten sind hier vergleichbar mit denen anderer Jugendlicher, die keine Online-Rollenspielen machen.

Das klingt, als hätten Online-Rollenspieler ihr Leben ganz gut im Griff.

Sie sind zumindest keine Suchtbolzen. Das ist eine wichtige Erkenntnis, da sie in den Medien häufig stigmatisiert werden. Allerdings hat die Umfrage auch gezeigt, dass die Spiele bei einem nennenswerten Anteil der Teilnehmer negative Konsequenzen hervorrufen.

Zum Beispiel?

Fast jeder dritte Teilnehmer hat angegeben, wichtige Erledigungen aufzuschieben, seitdem er an Online-Rollenspielen teilnimmt. Viele berichten, dass sie sich jetzt weniger bewegen und unregelmäßiger essen. Bei fast 20 Prozent haben sich die schulischen Leistungen verschlechtert, seit sie ihre Zeit mit Rollenspielen verbringen. Immerhin ein Drittel schläft weniger. Für sich genommen sind diese Effekte trivial, aber in der Summe durchaus alarmierend.

Die Teilnehmer haben angegeben, durchschnittlich 5,7 Stunden am Tag online zu sein und davon allein vier Stunden mit Rollenspielen zu verbringen. Ist das bedenklich?

Ja, das ist ein Grund zur Sorge. In einer finnischen Studie aus dem Jahr 2004 werden Jugendliche als abhängig beschrieben, die durchschnittlich 2,7 Stunden am Tag online waren. Unsere Studienteilnehmer sind deutlich darüber. Allerdings ist die Online-Dauer schwierig zu bewerten. Man kann kaum sagen, wo die kritische Grenze liegt. Die Zeiten haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Was vor drei Jahren alarmierend war, ist heute schon normal.

Wir verbringen insgesamt immer mehr Zeit im Internet.

Eben. Ohnehin würde ich es nicht an der Zeit allein festmachen, ob jemand ein Problem mit exzessivem Rollenspiel hat. Bedenklich wird es dann, wenn die Spiele die Lebensführung verändern.

Auf wie viele Teilnehmer traf das zu?

Je nach Frage haben 10 bis 30 Prozent angegeben, dass es negativen Einfluss auf ihr Leben hat.

Welche Rolle spielt die eigene Zeitwahrnehmung, nach der Sie in der Studie gefragt haben?

Ich hatte den Eindruck, dass Online-Rollenspieler oft die Zeit vergessen. Die Umfrageergebnisse belegen das: Mehr als drei Viertel sagten, die Stunden vergingen beim Spielen viel schneller. Das hat etwas mit Ereignishäufigkeit zu tun: In diesen Spielen passiert so viel, dass die Zeit schneller vergeht. Deswegen sitzen viele Spieler so lange vorm Computer. Sie bekommen einfach nicht mit, wie die Stunden vorbeirasen. Diese verzerrte Zeitwahrnehmung ist gewissermaßen ein eingebauter Suchtmechanismus des Spiels.

Warum begünstigt das die Suchtgefahr?

Angenommen, das Spiel ist die Droge, dann ist ja die Frage: Was sind die Eigenschaften, die dazu führen, dass man süchtig wird? Wer die Kontrolle über die Zeit verliert, bleibt länger online. Und je länger man sich in diesen Rollenspielen aufhält, desto größer ist die Gefahr, in einen Sog hinzugeraten. Allerdings ist die Zeitwahrnehmung nicht der zentrale Mechanismus, der süchtig macht.

Welche anderen Mechanismen gibt es?

Diese Spiele bieten viele Entwicklungsmöglichkeiten. Auf der einen Seite kann man befördert werden, sich also verbessern, wenn man seine Sache gut macht. Auf der anderen Seite steht die Angst, seinen Status zu verlieren, wenn man nicht aktiv genug ist. Das ist vor allem bei sogenannten Gilden der Fall. Wer dort Mitglied ist, muss häufig Mindestanforderungen erfüllen. Man soll sich beispielsweise zu einer bestimmten Zeit im Forum aufhalten, um gemeinsame Aktionen planen zu können. Diese Gilden sind ja darauf aus, etwas gemeinsam auszuhecken, beispielsweise einen gemeinsamen Feind zu schlagen. Bei manchen Gilden muss man auch eine bestimmte Mindestspieldauer einhalten. Unsere Umfrage hat gezeigt: Wer einer Gilde angehört, spielt häufiger und länger.

Wie ist der große Zulauf von Online-Rollenspielen überhaupt zu erklären?

Dahinter steckt offenbar das Bedürfnis junger Menschen, sich dem realen Leben zu entziehen und in Fantasiewelten zu flüchten. Online-Rollenspiele sind eine besonders attraktive Form der Ablenkung, aber der Trend der Realitätsflucht zeigt sich auch im Buchladen oder im Kino: Man denke nur an Harry Potter. Der Wunsch, sich in Fantasiewelten zu flüchten, ist ein Phänomen unserer Zeit.

Für das offenbar gerade junge Männer empfänglich sind.

Ja, die Spieler, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, waren im Durchschnitt knapp über 22 Jahre alt und zu 91,3 Prozent männlich. Ein Junge zu sein, ist demzufolge Risikofaktor Nummer eins für exzessives Online-Rollenspiel. Das hängt sicher damit zusammen, dass in den Spielen viel gekämpft wird und dass man mächtig werden kann. Junge Männer können dort ihre Potenzfantasien bedienen.

Kann es sein, dass Online-Rollenspieler im realen Leben keinen Erfolg und womöglich ein geringes Selbstbewusstsein haben?

Es gibt Wissenschaftler, die sagen, im wahren Leben dieser Jugendlichen geben es Defizite, die sie auf diese Art auszugleichen versuchen. Eine Theorie geht beispielsweise davon aus, dass sie Aufmerksamkeitsprobleme haben könnten. Ob unsere Umfrage das bestätigt, kann ich noch nicht sagen. Aber schon jetzt ist klar, dass die Schulnoten unserer Teilnehmer nicht schlecht sind, im Durchschnitt 2,5. Generell kann man vermuten, dass es Leute sind, die sich schnell langweilen und den Nervenkitzel suchen.

Wo muss Prävention anfangen?

Die Eltern müssen sehr viel mehr über die Inhalte dieser Spiele wissen. Außerdem sollten sie den Zugang zum Internet mehr kontrollieren. Grundschulkinder sollten noch keinen Computer in ihrem Zimmer haben. Aus der Suchtprävention wissen wir: Wenn es uns gelingt, den Konsum in ein späteres Alter zu verschieben, dann haben wir schon viel gewonnen. Den Eltern rate ich auch dazu, ihren Kindern klarzumachen, dass die exzessiven Online-Spiele möglicherweise im Widerspruch zu anderen Zielen stehen. Beispielsweise könnte man den Jugendlichen darauf hinweisen, dass das ständige Online-Rollenspielen nicht zu seinem Plan passt, den Führschein zu machen oder eine Freundin zu finden. Außerdem ist es wichtig, diejenigen, die ein Problem mit exzessiven Online-Spielen haben, nicht zu stigmatisieren. Diesen Fehler haben wir bei der Alkoholabhängigkeit schon hinter uns. Jahrzehntelang haben wir so ein schlechtes Bild von Alkoholabhängigen gemalt, dass niemand zugeben wollte, betroffen zu sein, und daher keine Hilfe in Anspruch nahm. Diesen Fehler dürfen wir nicht wiederholen.

Interview: Claudia Wüstenhagen

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