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Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

Gewürzgurken und Glimmstängel

Wer in der Schwangerschaft raucht, gefährdet die Gesundheit seines Babys. Das weiß eigentlich jeder. Etwa jede vierte Schwangere greift trotzdem zur Zigarette. stern.de beschreibt, warum manche Frauen nicht aufhören können, was das für Folgen haben kann und welche Wege aus der Sucht führen.

Von Claudia Wüstenhagen

Der Körper der Mutter bietet dem ungeborenen Baby Schutz und versorgt es mit allem, was für seine Entwicklung nötig ist. Im Idealfall zumindest. Dieser Körper kann aber auch zur Falle für das Ungeborene werden - zum Beispiel, wenn die Schwangere raucht. Schutzlos ist das Baby den Giften ausgeliefert. Dass das schädlich ist, steht auf vielen Zigarettenpackungen schwarz auf weiß. Studien zeigen jedoch, dass jede vierte Schwangere trotzdem raucht. Eine Untersuchung der Universität Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern kam zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent aller Raucherinnen nicht aufgehört hatten, obwohl sie ein Kind erwarteten.

"Eine Form der Kindesmisshandlung"

Wissenschaftler schätzen, dass schwangere Raucherinnen im Durchschnitt 13 Zigaretten pro Tag konsumieren. Über neun Monate verteilt kriegen ihre Babys somit Schadstoffe aus rund 3640 Zigaretten ab - noch bevor sie ihren ersten Atemzug getan haben. Hansjosef Böhles, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, findet daher klare Worte: "Rauchen in der Schwangerschaft ist eine Form der Kindesmisshandlung."

Die Liste der möglichen Schäden ist lang. Einer Studie der Universität Bristol zufolge ist das Rauchen in und nach der Schwangerschaft das Hauptrisiko für den Plötzlichen Kindstod. Würden Eltern auf den Zigarettenkonsum verzichten, ließen sich 60 Prozent der Todesfälle verhindern. "Zehn Zigaretten am Tag erhöhen das Risiko um das Fünffache, bei 20 Zigaretten steigt es um das Achtfache", sagt Kinderarzt Ekkehart Paditz, Vorsitzender des Vereins Babyhilfe Deutschland e.V. Wer schwanger ist und trotzdem raucht, riskiert zudem eine Früh-, Fehl- oder Totgeburt sowie eine Ablösung der Plazenta und ein geringeres Geburtsgewicht des Kindes. 21 Zigaretten am Tag verringern das Gewicht des Neugeborenen um rund 350 Gramm. Schuld daran sei Sauerstoffmangel, sagt Paditz. Zum einen verdrängt das Kohlenmonoxid im Rauch den Sauerstoff im Blut. Zum anderen verengen sich die Gefäße im Kapillarbereich und der Plazenta, was ebenfalls dazu führt, dass weniger Sauerstoff beim Ungeborenen ankommt. "Das ist fast so als würde man einem Taucher unter Wasser die Luftzufuhr abdrücken", sagt Paditz.

Intelligenz wird beeinträchtigt

Das schlägt auch auf das Gehirn. Rauchen führt nicht nur zu neurologischen Schäden des Babyhirns, sondern auch zu einer geringeren Hirnsubstanz, was die Intelligenz des Kindes beeinträchtigen kann, so Paditz. Zudem zählen Sprach- und Verhaltensstörungen wie etwa Hyperaktivität zu den möglichen Folgen des Rauchens, ebenso wie Asthma, Atemwegsinfektionen und Fehlbildungen an Fingern, Händen oder Beinen. Sogar auf die Spermienqualität eines Mannes wirkt es sich negativ aus, wenn seine Mutter in der Schwangerschaft geraucht hat.

Viele dieser Erkenntnisse sind seit Jahren bekannt. Wie kann es da sein, dass es noch immer Schwangere gibt, die rauchen? "Tabakrauchen ist eine Sucht", sagt Paditz. "Davon wegzukommen ist für viele sehr schwer." Studien hätten gezeigt, dass Appelle oft nicht ausreichten. Es kommt sogar vor, dass Frauen mehr rauchen, wenn sie ein Kind erwarten. "In manchen Fällen setzen die Schwangerschaft und die Lebensumstände die Frauen unter so großen Druck, dass dies sogar zum Anstieg des Rauchens führt", sagt Christin Pundrich, Diplom-Psychologin an der Geburtsklinik der Berliner Charité.

Der rauchende Partner spielt eine wichtige Rolle

Dass neben der biologischen Abhängigkeit auch das soziale Umfeld eine Rolle spielt, hat der Psychologe Wolfgang Hannöver von der Universität Greifswald festgestellt. Mit seinen Kollegen befragte er fast 3000 Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern, die ein Kind zur Welt gebracht hatten. 40 Prozent der Raucherinnen hatten ihr Laster nicht aufgegeben. Hannöver fand heraus: "Frauen, die während der Schwangerschaft rauchen, haben meistens einen Partner oder mindestens eine Bezugsperson, die ebenfalls raucht." Auch der soziale Status spiele eine große Rolle. Einige der Frauen, die die Wissenschaftler zu Hause besuchten, hätten in schwierigen Situationen gelebt. "Das sind meistens keine Familien mit Eigenheim und Zweitwagen", sagt er. Zudem hätten vor allem junge Mütter in der Schwangerschaft geraucht.

Selbst ein starker Kinderwunsch scheint keine Garantie dafür zu sein, dass eine Raucherin die Qualmerei sein lässt. "Es war sogar eine Frau dabei, die sich so sehr ein Kind wünschte, dass sich künstlich hatte befruchten lassen", sagt Hannöver. Dennoch konnte sie nicht aufhören zu rauchen. "Sie war offensichtlich stark abhängig."

Unwissen und Mythen

Überrascht war der Wissenschaftler auch darüber, wie wenig die Frauen tatsächlich über die gesundheitlichen Gefahren und genauen Zusammenhänge wussten. Dass Raucherbabys kleiner sind und weniger wiegen, wussten viele, doch nicht alle konnten daran etwas Schlechtes finden. "Ein häufiges Argument, das wir gehört haben, war: Ist doch gar nicht so schlecht, wenn das Baby kleiner wird, damit die Geburt nicht so schwer wird", sagt Hannöver. Außerdem stieß er auf einen unerfreulichen Mythos, der sich noch immer zu halten scheint: Mehrere Frauen berichteten, ihr Frauenarzt hätte ihnen davon abgeraten das Rauchen ganz aufzugeben, um beim Kind keine Entzugserscheinungen hervorzurufen. "Da waren wir selbst verunsichert und sind die ganze Literatur noch mal durchgegangen, haben zusätzlich erfahrene Kliniker gefragt, ob ein Nikotinentzug gesundheitliche Schäden während der Schwangerschaft verursachen kann", sagt Hannöver. Keine Studie habe das verifizieren können.

Drohungen helfen nicht

Zum Unwissen kommt manchmal auch das Verdrängen hinzu. Manche würden ihr Wissen über die schädigenden Auswirkungen offenbar ausblenden, sagt Psychologin Pundrich. "Sehr häufig liegt diesem Verhalten eine starke diagnostizierte Nikotinabhängigkeit zugrunde", erklärt sie. Pundrich gibt Entwöhnungskurse für Schwangere am Elternkolleg der Charité. Sie ist überzeugt: "Mit schockierenden Szenarien und Drohungen ist den Frauen nicht geholfen." Viele würden dann auf ihrem Stuhl zusammensinken und Stress empfinden. "Und wenn sie rausgehen, rauchen sie womöglich gleich die nächste Zigarette." Sie versuche daher den Frauen behutsam zu vermitteln, wie positiv es für das Baby wäre, wenn es nicht mehr mitrauchen müsste. "Ich muss positiv motivieren", sagt sie. Schließlich wolle sie, dass die Frauen wiederkämen.

Damit die Gesprächstherapie so effektiv wie möglich ist, lädt das Elternkolleg rauchende Partner gleich mit ein. Zusätzlich zu verhaltenstherapeutischen Gruppenprogrammen und motivierender Gesprächsführung hilft Pundrich den Frauen mit Akupunktur oder Hypnose ihre Abhängigkeit zu überwinden. Bei Frauen, die stationär in der Charité behandelt werden, ist das Angebot kostenfrei in den Behandlungsplan integriert. Wer ambulant kommt, muss für Akupunktur und Hypnose jedoch einen Beitrag zahlen, da die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nur die Kosten einer Gruppentherapie übernehmen. Wenn das alles nicht hilft, ist unter Umständen auch eine Nikotinersatztherapie möglich, die normalerweise während der Schwangerschaft in Deutschland nicht zugelassen ist.

Eine Hotline gegen das Stigma

Einen anderen Weg hat Ekkehart Paditz in Sachsen gewählt. 2003 hat die Babyhilfe Deutschland dort das bundesweit erste "proaktive" Beratungstelefon für rauchende Schwangere gegründet. Anstatt selbst Hilfe aufzusuchen, werden Raucherinnen angerufen - vorausgesetzt sie gestatten ihrem Frauenarzt ihre Rufnummer an das Babytelefon weiterzugeben. "Zur Suchtberatung gehen viele Frauen nicht, weil das zum Teil als stigmatisierend empfunden wird. Bei unserer Hotline fällt diese Hemmschwelle weg, die Schwangeren müssen nicht durch eine Tür, sondern werden zu Hause angerufen", erklärt Paditz. 200 Frauen nutzen dieses Angebot jährlich. In regelmäßigen Abständen erhalten sie Anrufe von geschulten Beraterinnen, die mit ihnen besprechen, wie der Weg aus der Sucht gelingen kann. Schon beim ersten Gespräch wird ein Ausstiegstermin innerhalb der folgenden zwei Wochen vereinbart. 70 Prozent der Teilnehmerinnen schaffen nach eigenen Angaben den Ausstieg und bleiben zumindest bis ein Jahr nach der Geburt rückfallfrei. "Die Schwangerschaft ist die stärkste Motivation, um mit dem Rauchen aufzuhören, stärker als ein Herzinfarkt oder Krebs", sagt Paditz. Allerdings bräuchten einige dabei eben kompetente Hilfe.

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