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Heroin auf Rezept ist erfolgreich

Die Vergabe von Heroin hilft Schwerstabhängigen mehr als die von Methadon, beweist die weltweit größte Untersuchung zu dem Thema. Mediziner wollen nun die Zulassung von Heroin beantragen - scheitern werden sie aber eher an anderer Stelle.

Die heroingestützte Behandlung soll denjenigen Abhängigen eine Alternative bieten, die mit anderen Therapieoptionen nicht erreicht werden. Ziel der Behandlung ist es, die gesundheitliche und soziale Lage dieser Patienten zu stabilisieren und sie damit auf den Ausstieg vorzubereiten. Bundesweit sind schätzungsweise 150.000 Menschen opiatabhängig. Einen Teil dieser Abhängigen erreichen die bislang gängigen Therapieangebote nicht. Die so genannte Heroinstudie verglich nun die Vergabe von Methadon mit der von Heroin bei Schwerstabhängigen: Alle Teilnehmer mussten mindestens fünf Jahre abhängig sein und zusätzlich an starken körperlichen oder psychischen Beschwerden leiden wie etwa Hepatitis C, HIV oder einer Psychose.

60 Prozent Erfolgsquote

Insgesamt wurden in sieben deutschen Städten mehr als 1.000 Menschen je nach Losentscheid entweder mit Heroin oder mit Methadon behandelt. Das Ergebnis der vierjährigen Untersuchung bewerten Fachleute als eindeutig. "Einen derart großen Vorsprung im Therapieerfolg sehen wir äußerst selten", sagt der Psychiater Wolfgang Maier von der Universität Bonn. In der ehemaligen Bundeshauptstadt besserten sich Gesundheitszustand und Drogenkonsum bei über 60 Prozent der mit Heroin behandelten Teilnehmer deutlich, in der Methadongruppe lag dieser Anteil bei knapp 40 Prozent.

Auch die sonstigen Resultate sprechen sämtlich für die Heroinvergabe. "Die Teilnehmer aus dieser Gruppe nahmen weniger illegal Drogen, suchten weniger Kontakt zur Szene, kamen seltener mit dem Gesetz in Konflikt. Alle Ergebnisse weisen in die gleiche Richtung", bilanziert Projektkoordinator Christian Haasen vom Hamburger Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS). "Es gab in der Heroingruppe keinen Nachteil."

Viele Menschen vertragen Methadon schlecht

Entscheidend ist jedoch, dass die Heroinbehandlung viele Abhängige erreichte, die für andere Therapieformen nicht zugänglich sind. So waren nach Ablauf von zwölf Monaten bundesweit noch 39 Prozent der Teilnehmer in der Methadonbehandlung verblieben, in der Heroingruppe beendeten 67 Prozent diese Phase. Und von denjenigen, die in dem Jahr aus der Heroinbehandlung ausschieden, wechselten fast 40 Prozent in eine andere Substitutionsbehandlung oder in eine ausstiegsorientierte Therapie. Verantwortlich für den größeren Halteeffekt von Heroin ist unter anderem, dass viele Menschen Methadon schlecht vertragen. Das Spektrum möglicher Nebenwirkungen reicht von Müdigkeit über Ödembildung und Veränderungen des Blutbildes bis hin zu Depressionen.

Zwar kostet die Heroinbehandlung mit jährlich etwa 10.000 Euro pro Patient drei bis vier Mal mehr als die Methadonsubstitution. Haasen betont aber, dass die Therapie nur für wenige tausend Menschen in Frage komme, die keine andere Behandlungsoption haben. Die abgeschlossene Studie soll nun die wissenschaftliche Grundlage dafür liefern, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in den kommenden Monaten die therapeutische Gabe von Heroin zulässt. Wesentlich komplizierter dürfte allerdings die politische Hürde sein.

Betäubungsmittelgesetz müsste geändert werden

Damit Schwerstabhängige künftig Heroin erhalten können, muss das Betäubungsmittelgesetz geändert werden. Teile der Unionsfraktion lehnen diese Änderung bislang ab. Dieser Widerstand erinnert manche Forscher an die Diskussion um Methadon. Der Ersatzstoff, der heute aus dem Therapieangebot nicht mehr wegzudenken ist, war Anfang der 1990er Jahre ebenfalls sehr umstritten. Allerdings betont Haasen: "Es geht nicht darum, die Methadonsubstitution durch Heroin zu ersetzen, sondern um eine ergänzende Option für diejenigen Schwerstabhängigen, die wir sonst nicht erreichen." Die heroingestützte Behandlung solle gerade diese am stärksten von Verelendung bedrohten Menschen gesundheitlich und sozial stabilisieren und damit auf den Ausstieg vorbereiten.

In Bonn haben inzwischen alle Teilnehmer aus der Heroingruppe einen festen Wohnsitz, rund ein Drittel geht einer regelmäßigen Beschäftigung nach, wie Linde Wüllenweber-Tobias von der Ambulanten Suchthilfe berichtet. 19 Prozent der Bonner Teilnehmer wechselten bereits aus der Heroinbehandlung in eine ausstiegsorientierte Therapie. Die Heroinvergabe, rechtlich möglich nur im Rahmen der Zulassungsstudie, läuft Ende des Jahres aus. Sollte bis dahin die rechtliche Grundlage für die Fortsetzung dieser Praxis nicht geschaffen sein, wäre dies laut Wüllenweber-Tobias für die Teilnehmer eine Katastrophe. "Das würde alle bisherigen Erfolge zunichte machen", sagt sie. "Davor haben hier alle Angst."

Walter Willems/AP/AP
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