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Traditionelle Chinesische Medizin

Akupunktur, Qigong, Tuina-Massage, chinesische Heilmittel: Was exotisch wirkt, verträgt sich oft erstaunlich gut mit der abendländischen Schulmedizin.

Diese Schmerzen, die jeden Schritt zur Qual machen, jede Bewegung sabotieren und an viel zu vielen Tagen jeden Gedanken beherrschen. Seit mehr als zehn Jahren lebt Brunhilde Jeschner (Name geändert) mit ihnen, mehr als 50 verschiedene Medikamente hat die Mikrobiologin ausprobiert, eine Rheuma-klinik, Fangomassagen, Spezialkuren - geholfen hat nichts. Fibromyalgie haben die Ärzte diagnostiziert, eine Form von Weichteilrheumatismus. Heilung unwahrscheinlich. Von der Schulmedizin hat die Dauerpatientin "die Nase voll", sie überlässt sich lieber der Klinik in Kötzting und Professor Liu. Heilen kann auch er sie nicht, nur die Schmerzen lindern.

Der chinesische Tuina-Therapeut, der aussieht wie ein zu leicht geratener Sumoringer, rollt, knetet und drückt Muskeln, Haut und Sehnen unter dem weißen Tuch. "Das ist etwas ganz anderes als normale Massagen", schwärmt Brunhilde Jeschner. Mit der Meridian-Massage Tuina, zu Deutsch "schieben und ziehen", soll der Fluss der Lebensenergie Qi wieder in Gang gebracht werden. Sanft langt Professor Liu dabei nicht zu. In China gilt: Nur was weh tut, hilft auch. "Die Deutschen sind ein bisschen zimperlich", sagt Liu.

"Qi-Schwäche" und "Blut-Stau" haben er und seine chinesischen Kollegen bei Brunhilde Jeschner diagnostiziert. Zweimal am Tag trinkt sie seitdem ein Gebräu aus zehn verschiedenen Zutaten - unter anderem aus chinesischer Angelika, dem Fuchsschwanzgewächs Achyranthes bidentata, Seidenakazienrinde, Tragant und Burzeldorn-Früchten, entspannt sich mit Qigong-Übungen und lässt sich zweimal in der Woche stechen. Fünf Nadeln bohrt der Akupunkteur ihr in Arme und Beine, um "das Qi zum Fließen zu bringen und Yin und Yang auszubalancieren". "TCM ist das Einzige, was mir noch hilft. Als ich herkam, konnte ich ja kaum allein essen, jetzt kann ich schon wieder beschwerdefrei laufen", sagt Jeschner. TCM bedeutet "Traditionelle Chinesische Medizin".

Bereits sechs Prozent der Deutschen ab 14 Jahren, also rund 3,9 Millionen, haben die Heilkunst aus dem Reich der Mitte bei sich anwenden lassen, 37 Prozent würden es tun - das ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des stern. Viele glauben an die mehr als 2000-jährige Tradition der China-Medizin, an "Ganzheitlichkeit" und eine "sanfte Alternative" zur "techno-kratischen Apparatemedizin" der westlichen Welt. Und irren sich: Eine uralte "Traditionelle Chinesische Medizin" hat es nie gegeben. Sie ist ein Kunstprodukt, geschaffen im Auftrag des Kommunistenführers Mao Tse-tung und gerade mal 50 Jahre alt.

Pragmatisches Arbeitsbeschaffungsprogramm

Es war nicht Glaube, es war Pragmatismus, der den großen Vorsitzenden in den 50er Jahren umtrieb. 500 000 Mediziner alter Schule plus Familien wollte er nicht auf einen Schlag erwerbslos machen. Doch musste ihr heilkundliches Repertoire von Vormarxistisch-Irrationalem gereinigt werden. "Mao hat sich die Dinge herausgepickt, die schnell zu lernen waren und praktikabel erschienen", sagt der Münchner Medizinhistoriker Paul Unschuld - und die nicht im Widerspruch standen zu moderner Wissenschaft und Technik. Die galten dem Herrscher als Grundlage der sozialistischen Gesellschaft der Zukunft.

Und so bedienten sich die westlich geschulten Medizinfunktionäre Maos aus einem Sammelsurium aus Volksheilkunde, Dämonenglaube und naturkundlichen Beobachtungen. Sie elimierten alles Metaphysisch-Spirituelle, strichen offensichtlich Falsches und ließen zurück, was ihnen praktikabel erschien: die TCM. Sie wurde zur Goldgrube.

"Als nach der Öffnung in den siebziger Jahren westliche Ärzte nach China kamen, fanden sie eine Medizin vor, die exotisch genug war, um zu faszinieren, andererseits ausreichend vertraut, weil Fehler und Widersprüchlichkeiten aus dem neuen Produkt getilgt worden waren", so Unschuld. "Die TCM spiegelt die Ängste und Erwartungen der westlichen Gesellschaft wider." Bedenklich daran sei nur, dass dieses Mischprodukt aus chinesischen Versatzstücken und modernen Elementen als klassische chinesische Medizin angepriesen werde. So verwässere die alte Lehre auf dem Weg von Ost nach West und mutiere zur Projektionsfläche für Technologieüberdruss und esoterische Sehnsüchte. Die treiben wunderliche Blüten.

"In Deutschland rührt sich jeder noch mal seine eigene TCM zusammen", klagt der Essener TCM-Therapeut und Sinologe Iven Tao. "Was in Büchern deutscher Autoren als bedeutsam dargestellt wird, ist meist nicht durch wissenschaftliche Forschung belegt, sondern durch die philosophischen Vorstellungen, Fehlinterpretationen und Falschübersetzungen des jeweiligen Autors."

Wenigstens sind sich die meisten praktizierenden Therapeuten einig, was in Deutschland mit TCM gemeint ist: - die Akupunktur, die im Westen wahrscheinlich weiter verbreitet ist als in China, - die Meridian- und Reflexpunktemassage Tuina, - die Entspannungs- und Bewegungstechnik Qigong, - die Arzneimitteltherapie mit ihren Gebräuen aus mehr als 2000 verschiedenen Wurzeln, Blättern, Samen, Tierextrakten und Mineralien, die in China zur Behandlung von rund 80 Prozent aller Gebrechen dient, sowie - eine diätetische Ernährungslehre, die auf einem "System der fünf Elemente" beruht.

Mit TCM therapiert werden bei uns vor allem funktionelle Störungen wie Reizdarm, chronische Schmerzen, verursacht durch Migräne oder Arthrose, sowie "allgemeine Erschöpfungszustände". Bei chronischen Krankheiten kann die TCM teilweise Linderung bringen, heilen kann sie sie nicht. Deshalb lassen seriöse TCM-Kundige ihre Patienten zunächst gründlich beim Hausarzt durchchecken, bevor sie Puls und Zunge prüfen. Eine Grundlage der TCM ist der Konfuzianismus mit seinem strengen Ordnungsprinzip und der daraus hervorgegangenen Lehre von den fünf Elementen, die sich nacheinander hervorbringen und gegenseitig kontrollieren. Jeder Vorgang in der Welt wird fünf symbolischen Elementen zugeordnet: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Ihre permanente Wechselwirkung erklärt dem Konfuzianer alle Vorgänge und Veränderungen in der Natur - auch das Funktionieren des menschlichen Körpers. Jedes der lebenswichtigen Organe ist einem der fünf Elemente zugeordnet. Deren Zusammenwirken erklärt die Wechselbeziehungen zwischen den Eingeweiden - deren Beschreibung sich jedoch nicht mit den Erkenntnissen der abendländischen Anatomie in Einklang bringen lässt. Die Konfuzianer trieben vor allem die Akupunktur voran.

Zweiter Baustein der TCM ist die Theorie von Yin und Yang, die antike Lehre der Gegensätze. "In der westlichen TCM-Literatur beschränkt sich das meist auf Banalitäten wie aktiv und passiv, Tag und Nacht, Mann und Frau. Aber das stimmt nur zum Teil", sagt Forscher Unschuld. "Diese Lehre ist ein weitaus komplexeres Erklärungsmodell." Die zweite große Geistesströmung Chinas, der Taoismus, nahm durch sie ebenfalls Einfluss auf die Medizin. Die von ihm inspirierte Richtung setzte auf Natursubstanzen, um die Gesundheit wiederherzustellen, und entwickelte eine Arzneikunde, die sich auf Empirie und Magie stützte. Erst ab dem 12. Jahrhundert verknüpften Ärzte Tao und Konfuzius.

Yin und Yang im Gleichgewicht

Nach chinesischer Medizinvorstellung fließt durch den Körper in einem Netz von Meridianen die Lebensenergie Qi. Zirkuliert sie störungsfrei und sind die beiden Kräfte Yin und Yang im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. Ist das Qi blockiert oder liegt ein Ungleichgewicht vor, ist der Mensch krank. Krank machen äußere Faktoren wie Hitze, Kälte, Wind, aber auch Gefühle wie Trauer, Wut und übermäßige Freude.

"Ein vorwissenschaftliches Modell", sagen Kritiker, "millionenfach bewiesene Empirie", kontern die Anhänger. Tatsache ist: Methodisch hochwertige Studien zur Wirksamkeit der TCM gibt es kaum. Und Untersuchungen aus China halten einer Überprüfung nach wissenschaftlichen Kriterien kaum stand. Dennoch ist die TCM zum Exportschlager der Volksrepublik geworden. Allein 2002 exportierte China TCM-Produkte, vor allem Arzneien, im Wert von 644 Millionen Dollar, ein Zuwachs von mehr als zwanzig Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für die Regierung ist TCM eines der zwölf Schlüsselprojekte, die sie im aktuellen Fünf-Jahres-Plan gezielt fördern will. 1,2 Milliarden Dollar flossen innerhalb von drei Jahren in die Modernisierung der Medizinindustrie. Aus gutem Grund, denn die Nachfrage im Westen ist groß. Gab es in den siebziger Jahren gerade einmal eine Handbreit deutschsprachiger TCM-Literatur, kommen heute 15 bis 30 neue Bücher pro Jahr heraus. Und während im Ursprungsland China nur noch jede zehnte Klinik TCM praktiziert, lassen sich in Deutschland immer mehr Ärzte, Masseure, Krankengymnasten und Heilpraktiker fortbilden zu TCM-Kundigen, Tuina-Experten oder Akupunkteuren.

Ein lukratives Geschäft in Zeiten schmaler Kassenbudgets, denn chinesische Diagnostik, Arzneimitteltherapie, Tuina und Diätetik sind keine Kassenleistungen. Zwischen 60 und 120 Euro werden bereits fällig für eine Diagnose à la chinoise. Durchschnittlich 47 Euro kostet eine Akupunktursitzung, 24 Euro das Erstellen eines Arzneimittelrezeptes, die Kräuter für ein Zwei-Wochen-Rezept schlagen mit 20 bis 120 Euro zu Buche.

Einzige Ausnahme: In Einzelfällen zahlten die gesetzlichen Krankenkassen Akupunktur bei Schmerzpatienten. Doch nach diversen Urteilen des Bundessozialgerichtes ist das kaum noch möglich. Dennoch wachsen die Erwartungen der Patienten. "Es besteht da ein enormer Druck vonseiten der Versicherten", sagt Hermann Bärenfänger, Sprecher der Techniker Krankenkasse. "Akupunktur ja oder nein, das ist ein Kassenwechsel-Kriterium." Schätzungen zufolge lassen sich bundesweit jährlich 1,5 Millionen Patienten nadeln. Derzeit laufen drei Modellprojekte der gesetzlichen Krankenkassen zum Thema Akupunktur. Vorreiter war die Techniker Krankenkasse: Gemeinsam mit dem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité startete sie im Oktober 2000 ein Modellprojekt zur "weltweit größten Akupunktur-Studie", in der sie die Wirksamkeit der Akupunktur bei Spannungskopfschmerzen, Migräne, Rückenschmerzen und Kniegelenksarthrose überprüfte sowie bei Asthma, Heuschnupfen und chronischen Nackenschmerzen. Beteiligt waren rund 220 000 Patienten.

Die ersten Ergebnisse, die dem stern vorab vorliegen, scheinen vielversprechend. Neun von zehn Allergikern ging es noch drei Monate nach der Nadelung besser, acht von zehn Asthmatikern verspürten "eine deutliche Besserung" genauso wie drei Viertel aller Teilnehmer mit Schmerzen in der Lendenwirbelsäule und fast 90 Prozent mit Halswirbelsäulensyndrom. "Für Chronische-Schmerz-Patienten zeigen diese Ergebnisse, dass die Akupunktur eine ausgesprochen wirksame Zusatzbehandlung ist", sagt Institutsleiter Stefan Willich.

Wenig ist bisher darüber bekannt, wie die Wirkung von Akupunktur wissenschaftlich erklärt werden könnte - für die Existenz von Qi und von Meridianen fehlt jeder Beweis. Zumindest ist belegt, dass das gekonnte Nadelstechen die Freisetzung von Neuro-Botenstoffen wie Serotonin (stimmungsaufhellend) und opioiden Peptiden (schmerzlindernd) auslösen kann.

Deutlich verhaltener als die Berliner Akupunktur-Forscher äußern sich deren Kollegen aus München, die im Auftrag der Ersatzkassen Ende November ihre Ergebnisse zu Kopf- und Rückenschmerzen sowie Kniegelenksarthrose vorstellten. "Die Ergebnisse sind widersprüchlich", sagt Dieter Melchart, Leiter des Zentrums für Naturheilkundliche Forschung an der TU München. "Besser als ein Placebo wirkte die Akupunktur nur bei Kniegelenksarthrose." Bei Migräne und Rückenschmerzen brachten Schein-Akupunktur und echte Akupunktur jeweils gleich vielen Patienten Linderung.

Gefährliche Nebenwirkungen

En passant dokumentierten einige Studien Nebenwirkungen der gar nicht so sanften Medizin: "Es gab drei Fälle, wo die beteiligten Ärzte tief in die Lunge gestochen haben", sagt Melchart. Die Folge: Pneumothorax, die Lunge fällt teilweise zusammen, der Patient muss in die Notaufnahme. "Da fragt man sich schon, woher einige ihre Kenntnisse haben." Und in der Tat herrscht bei den Qualifikationsnachweisen in Akupunktur wenig Transparenz.

Die zweite Grundlage der TCM bildet ihr Medikamentenschatz. Rund tausend deutsche Mediziner behandeln nach Angaben des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilkunde ihre Patienten mit chinesischer Arzneimitteltherapie. Eine Qualitätskontrolle der Ausbildung oder Anwendung gibt es nicht. Risikolos ist das Zusammenkochen von Pflanzen, Mineralien und Tierextrakten keineswegs. Auch wenn bislang nur ein Fall schwerster Nebenwirkungen bekannt wurde: Immer noch prozessieren Patienten und deren Angehörige in Belgien gegen TCM-Therapeuten, die ihnen vor zehn Jahren versehentlich in einem Präparat zum Abnehmen hohe Dosen der nierentoxischen und krebserregenden Osterluzei-Gewächse (Aristolochia) gaben. In Deutschland ist die Behandlung mit Aristolochia verboten.

"Den meisten Patienten ist anfangs nicht klar, dass die chinesischen Arzneimitteltees genauso Medikamente sind wie jede schulmedizinische Pille auch, mit ebensolchen Risiken und Nebenwirkungen", sagt Stefan Hager, Chefarzt der TCM-Klinik in Kötzting.

Deshalb gehören die Mittel in die Hände erfahrener Spezialisten: Gleich zwei chinesische Apotheker brauen im Keller der Klinik Heiltränke für die Patienten. Bitter-scharf-staubig riecht es hier; mehr als 150 Ingredienzen werden nach Rezept zusammengeköchelt. Mit geübter Hand mischen die Pharmazeuten Gewöhnliches wie Bambus, Weiße Pfingstrose, chinesische Angelika und Zimt mit Merkwürdigem wie Gips, Bernstein, versteinerten "Drachenknochen" oder Hämatit und Exotischem wie Hühnermagenschleimhaut, mumifizierter Seidenraupe, Regenwurm, Skorpion oder Tausendfüßler - alle säuberlich getrocknet und aufgereiht in den Schubladenschränken.

Schwere Nebenwirkungen habe es bisher keine gegeben, sagt der Chefarzt, nur Durchfälle, Blähungen oder Verstopfung. Trotzdem lässt die Klinik vor Verwendung alle Bestandteile prüfen - mit gutem Grund: Seit 1996 wurde ein Viertel jeder für Kötzting bestimmten Lieferung für die klinische Anwendung gesperrt, vermerkt der Klinikbericht. Einerseits aufgrund mangelnder Qualität und Sortenreinheit, andererseits aufgrund von Schadstoffrückständen, etwa Pestizide, Schwermetallen wie Blei oder Cadmium oder Pilzen und Bakterien.

Hagers Patientin Brunhilde Jeschner ist seit dem Jahreswechsel wieder zu Hause. Ihre bittere chinesische Arznei muss sie weiter einnehmen. Die Zutaten bestellt sie sich aus der Apotheke in Kötzting. Billig ist das nicht. Etwa 50 Euro zahlt sie für eine Zwei-Wochen-Mixtur.

Ob die Arzneimitteltherapie wirkt, ist unklar. Denn die bisher verfügbaren Studien aus China entsprechen auch hier nicht den internationalen Wissenschaftsstandards. "Wir sollten bedenken, dass diese Mittel zu den wichtigsten Exportgütern Chinas zählen. Da ist es verständlich, dass diesbezügliche Informationen und Zertifikate häufig Propagandacharakter haben", sagt Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin an der englischen Universität Exeter.

Belegt sind hingegen Neben- und Wechselwirkungen vor allem mit Gerinnungshemmern. "Pharmakologisch sind das völlig undurchsichtige Gemische", sagt auch Gustav Dobos, Professor für Naturheilkunde und integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. "Jedes Kraut besteht ja schon aus bis zu hundert Einzelsubstanzen, und dann kocht es jeder noch ein bisschen anders und in leicht unterschiedlichen Zusammensetzungen."

Westliche Modeerscheinung

Noch weniger gesichert sind die Erkenntnisse zur chinesischen Ernährungslehre. "Da ist vieles eine westliche Modeerscheinung", sagt Stefan Kirchhoff, der an der Privatuniversität Witten-Herdecke TCM lehrt. "Kochen nach dem Zyklus der fünf Elemente ist zwar exotisch, hat aber mit einer Heilbehandlung oder Vorbeugung im chinesischen Sinn wenig zu tun." Wer allerdings keine Stoffwechselstörung hat oder unter Vitamin- und Mineralstoffmangel leidet, kann eine chinesische Diät zumindest ausprobieren.

Die Diätetik geht davon aus, dass jedes Nahrungsmittel eine thermische Wirkung hat. Sie unterscheidet zwischen kalten, kühlen, neutralen, warmen und heißen Speisen und Getränken. Mit der Serviertemperatur hat dies nichts zu tun. So hat zum Beispiel grüner Tee als heißes Getränk trotzdem "kühlende Wirkung". Je nach angeborener Konstitution und den Lebensumständen befinde sich jeder Mensch im Ungleichgewicht: introvertierte passive Yin-Typen neigten zu Kälte- und Leere-Zuständen mit schwachem Kreislauf und Müdigkeit, heißt es. Ihnen werden "warme Nahrungsmittel" wie Frühlingszwiebeln, Ingwer, Knoblauch und wärmende Suppen empfohlen. "Yang-Typen" hingegen, die zu Hitze- oder Fülle-Zuständen tendieren und häufig an hohem Blutdruck erkennbar sind, sollten vor allem im Sommer kühlende oder kalte Speisen wie Kiwis essen oder grünen Tee trinken.

Getreide wie Reis und Hirse, aber auch Kartoffeln, Kohl und Hülsenfrüchte gelten eher als neutral und sollten nach chinesischer Meinung Grundlage jeder Mahlzeit sein. Verpönt sind dagegen viel Rohkost und Obst, da der Körper solch rohe Speisen erst erwärmen und aufschließen müsse. Ansonsten versteckt sich in der chinesischen Ernährungslehre so manche Binse: nie zu viel auf einmal essen und nie einseitig ernähren. "Trotzdem sollte der Hausarzt vor Beginn einer TCM-Ernährungstherapie zurate gezogen werden", warnt TCM-Ärztin Linda Tan, die in Essen forscht.

Wenig Bedenken gibt es schließlich gegen die Entspannungstechnik Qigong. Genauso, wie Mao sich die TCM zusammenbasteln ließ, ist auch das Qigong indes nur ein Verschnitt verschiedener Bewegungskünste. "Ursprünglich fasste man unter dem Begriff Yangsheng, Pflege des Lebens, alle diese Formen zusammen", sagt Gisela Hildenbrand, Vorsitzende der Medizinischen Gesellschaft für Qigong Yangsheng in Bonn. In China ist Qigong gerade nicht sehr angesagt: "Seit die Falun-Gong-Sekte damit ins Gerede gekommen ist, sieht man fast niemanden mehr praktizieren", bedauert sie. Allerdings habe die Bewegungstherapie in China ohnehin keinen hohen Stellenwert, das machten dort eher alte Leute. "Nur bei uns ist das immer noch enorm im Kommen", erklärt sie, auch wenn die goldenen Zeiten vorbei seien, in denen die Krankenkassen auf großen Plakaten für die sanfte Bewegung aus dem Reich der Mitte warben. "Was manche damals anboten, war peinlich", sagt sie. 300 Kursleiter hat sie seit 1986 ausgebildet, drei Jahre dauert die Ausbildung im Schnitt. Hildenbrand ist überzeugt, dass sich vor allem funktionelle Störungen wie Heuschnupfen, Asthma, Magengeschwüre, Bluthochdruck und Haltungsschäden damit lindern lassen. Wissenschaftliche Erkenntnisse über den therapeutischen Nutzen von Qigong gibt es nicht. Da muss auch die Ärztin und Medizinstatistikerin passen. "Aber dass etwas wissenschaftlich nicht bewiesen ist, heißt ja noch nicht, dass es nicht wirkt."

Sonia Shinde

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