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Homöopathie

Vor gut 200 Jahren entwickelte Samuel Hahnemann die Homöopathie. Heute schwören Millionen auf seine Lehre, obwohl ihre Wirkung wissenschaftlich kaum nachzuweisen ist.

Sie hilft. Wenn Tobias hingefallen ist und sich eine Beule bildet. Wenn Antje eine Erkältung hat und der Kopf dröhnt. Wenn Stefan wieder so starke Rückenschmerzen hat, dass er sich nicht konzentrieren kann. Dann hilft sie.

Sie: Das ist die Homöopathie. Mit ihren hochverdünnten Wirkstoffen in Kügelchen, Lösungen und Tabletten. Fast jeder kennt Geschichten, in denen die Heilkunde Schmerzen, Allergien oder chronische Krankheiten vertrieben hat. Sogar Krebs und Multiple Sklerose soll sie heilen können. Und das auf ganz sanfte Weise. Individuell und ohne Nebenwirkungen.

So eine Methode fasziniert die Menschen. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern haben 38 Prozent der Deutschen die Kügelchen-Kunde schon angewendet, weitere 20 Prozent interessieren sich dafür. Heilpraktiker und Ärzte lassen sich zu Homöopathen ausbilden.

Ist Homöopathie das sanfte Verfahren, die ganzheitliche Medizin, verblüffend wirksam und der Schulmedizin überlegen, wie es ihre Anhänger behaupten? Oder ist sie Hokuspokus, Quacksalberei und einzig und allein eine Glaubenssache - wie ihre Kritiker oft in drastischen Worten dagegenhalten?

Es gibt nur wenige alternative Medizinverfahren, über die so heftig gestritten wird. Das ist schon seit ihren Anfängen so. Und sicher ist: Seither hat sich nicht viel verändert in der Homöopathie. Noch immer wird behandelt wie im 18. Jahrhundert, als das Heilverfahren von Samuel Hahnemann erfunden wurde. Noch immer soll Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden, wie es Hahnemann damals formulierte. Noch immer bilden die Erkenntnisse des Meißener Arztes die Basis für die homöopathische Therapie.

Hahnemanns Selbstversuch

Hahnemann wurde 1755 in ein armes Elternhaus geboren. Trotzdem konnte er Medizin studieren: Er beherrschte mehrere Sprachen und verdiente sich mit Übersetzungen Geld. Das Sprachtalent verhalf ihm 1790 auch zu seiner folgenreichen Entdeckung. Bei der Übersetzung eines medizinischen Buches aus dem Englischen las er etwas über die Wirkung der Chinarinde gegen die Malaria. Die Meinung des Autors William Cullen, die Rinde wirke über die Stärkung des Verdauungssystems, überzeugte Hahnemann nicht. Er entschloss sich, Cullens These im Selbstversuch zu überprüfen. Nachdem er Chinarinde eingenommen hatte, entwickelten sich fieberhafte Symptome, ähnlich denen der Malaria. Sollte die Wirkung der Chinarinde gegen die Malaria also darauf beruhen, dass sie am Gesunden ähnliche Erscheinungen hervorruft wie die Malaria am Kranken?

Sechs Jahre später, nach weiteren Experimenten, veröffentlichte der Sachse in einer angesehenen medizinischen Fachzeitschrift sein Ähnlichkeitsprinzip. 1810 erschien dann die Bibel der Homöopathie: Hahnemanns "Organon der rationellen Heilkunde". Dort taucht zum ersten Mal der Lehrsatz auf, der auch heute noch die Basis jeder homöopathischen Behandlung bildet: "Similia similibus curentur" - Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden.

Vor dem Heilen aber stand die Suche nach den richtigen Medikamenten, die Arzneimittelprüfung. Hahnemann verabreichte Gesunden bestimmte Mittel und beobachtete, welche Symptome sie auslösten. Er notierte sie und hatte damit das Einsatzgebiet für die Substanzen in der Hand: Die an Gesunden beobachteten Symptome mussten denen der Krankheit ähnlich sein, um die beste Wirkung erzielen zu können. Das Schwermetall Thallium etwa lichtet Gesunden das Haupt, also hilft es nach homöopathischer Auffassung auch gegen Haarausfall. Verbrennungen versorgte Hahnemann mit erwärmtem Weingeist oder Terpentin, nicht mit kaltem Wasser. Die Chinarinde, die ja bei Hahnemann fieberhafte Erscheinungen ausgelöst hatte, sollte gegen Wechselfieber helfen. Der Chinarinde-Versuch von Hahnemann bildet bis heute das Fundament der Homöopathie. Eine wacklige Basis. Denn Hahnemann war einem Irrtum aufgesessen: Chinin, der Hauptwirkstoff der Rinde, bewirkt normalerweise das genaue Gegenteil der von ihm beschriebenen Symptome - es senkt das Fieber. Bei Hahnemann hatte die Chinarinde also eine außergewöhnliche und seltene Reaktion zur Folge. Doch die von ihm aufgezeichneten Symptome stehen noch immer in den Lehrbüchern der homöopathischen Heilkunde.

Manche der von Hahnemann erprobten Mittel, etwa die Tollkirsche, hatten gefährliche Folgen für seine Patienten - es kam zu Vergiftungen. Er reagierte darauf und verminderte vom Jahr 1801 an in langen Versuchsreihen die Dosis seiner Medikamente, mitunter so weit, dass der Ausgangsstoff nicht mehr nachweisbar gewesen wäre. So schuf er jenes Grundprinzip der homöopathischen Doktrin, das bis heute die heftigste Kritik auslöst: die Dynamisierung oder Potenzierung. Je geringer die Dosis von giftigen Stoffen, so meinte Hahnemann beobachtet zu haben, desto größer ihre heilende Wirkung.

Für die Patienten kam das einer sanften Revolution gleich. Denn damals war ein Arztbesuch nicht das Beste für die Gesundheit. Das Behandlungsrepertoire der Mediziner umfasste Einläufe, Schröpfkuren, Brechmittelgaben und Aderlässe, manchmal bis zur Ausblutung. Beliebt waren auch Haarseile, die in die Haut eingelegt wurden, um Eiterherde entstehen zu lassen. Hahnemanns verdünnte Medizin war schon deswegen ein gewaltiger Fortschritt für die Patienten, weil sie geringe bis keine Nebenwirkungen hatte. Verdünnt werden konnte aber nicht einfach so - Hahnemann entwickelte eine aufwendige Technik: das Verschütteln. Es wird noch heute von vielen Herstellern so angewendet wie von ihm vorgeschrieben.

Zunächst stellt man "Urtinkturen" (Flüssigkeiten) und "Ursubstanzen" (feste Stoffe) her, meist aus Pflanzen, doch auch aus Tieren, Metallen oder menschlichen Sekreten. Davon existieren etwa 2000. Die werden in zahlreichen Schritten in verschiedenen Verhältnissen verdünnt: Es gibt D-, C- und Q- (LM-)Potenzen. D-Potenzen werden bei jedem Schritt im Verhältnis 1:10 verdünnt, C-Potenzen 1:100 und Q-Potenzen 1:50 000. Bei C200 etwa wird im ersten Akt ein Teil Ursubstanz mit 99 Teilen Alkohol verdünnt. Dann wird geschüttelt: Das Gemisch muss zehnmal mit kräftigen Schlägen abwärts geführt werden. Man erhält C1. Es folgt der zweite Schritt. Der gewonnenen C1-Lösung wird ein Teil entnommen und in ein neues Gefäß gefüllt. Dem werden wiederum 99 Teile Alkohol-Tinktur hinzugegeben. Es folgen: zehn Schüttelschläge. Und als Ergebnis C2. So fährt man fort, bis nach insgesamt 200 Schritten C200 entstanden ist. Je höher die Potenz, desto geringer also die Wirkstoffkonzentration. Geschüttelt wird von Hand, Maschinenhilfe ist nicht zulässig, achtet man Hahnemanns Vermächtnis.

Die Deutsche Homöopathie-Union (DHU) tut das. Die Firma in Karlsruhe ist größter deutscher Hersteller von Homöopathika. Dort schütteln Mitarbeiter, was das Zeug hält. Manche sitzen und schütteln kleine Gläschen, andere stehen und schütteln große Wannen. Bis zu 400-mal am Tag. Jeden Schüttelschlag bremst ein Kissen mit abgewetztem schwarzen Lederbezug: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Verdünnen. 1, 2, 3, 5? Wer sich verzählt, fängt von vorne an. Natürlich kippt er vorher die Flüssigkeit fort.

Geschüttelt, nicht gerührt

Die DHU-Fabrikation verlässt nur genau Verschütteltes. Wie hier auch sonst viel Wert gelegt wird auf Genauigkeit und Qualität. Verschüttler ist aber nicht gerade der begehrteste Job im Werk. "Man wird irre, wenn man das monatelang macht", sagt ein Mitarbeiter. Deswegen rotieren die DHUler regelmäßig an andere, weniger eintönige Arbeitsplätze.

"420 000 verschiedene Mittel können hier hergestellt werden", sagt Geschäftsführer Franz Stempfle voll Stolz. "Wir haben die größte Apotheke der Welt",sagt er und schwärmt von der "Volksbewegung" Homöopathie. Erkältungen, Schmerzen und Magen-Darm-Erkrankungen seien besonders häufige Anwendungsgebiete der Homöopathie. Wie sie wirkt - diese Frage stellt sich Stempfle nicht. Dass sie wirkt, steht für ihn außer Frage. Das bestätigten ihm die vielen zufriedenen Kunden. Und natürlich seine eigenen Erfahrungen.

Doch schon bei der vergleichsweise geringen Potenz D20 bedarf es einer gewissen Fantasie, um sich die Wirkungsweise vorzustellen. Die Wirkstoffkonzentration ist vergleichbar mit der Menge an Aspirin im Atlantik, wenn darüber eine Tablette zerbröselt wurde. Besteht bei einem Becher Atlantikwasser zumindest noch die theoretische Möglichkeit, dass es ein Atom der Substanz enthält, werden die Vorstellungskräfte ab D24 arg strapaziert: In einer solchen Verdünnungsstufe ist sehr wahrscheinlich kein Wirkstoff mehr enthalten. Bei C200 stößt man an die Grenzen des Raums: In solch einer Flüssigkeit beträgt die Verdünnung 1:10400 - eine Eins mit 400 Nullen. Im Universum gibt es hochgerechnet gerade mal 1078 Atome.

Auch eingefleischten Homöopathen sind diese Dimensionen klar: In hochverdünnten Lösungen kann kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz enthalten sein. Es muss also etwas anderes geben, das die Flüssigkeiten nach Meinung der Homöopathen wirken lässt. Nur was?

Homöopathen sprechen oft von einer Art Energie, die der Wirkstoff dem Wasser mitgibt. So könne er noch wirken, obwohl er nicht mehr vorhanden ist. Diesem Gedächtnis des Wassers haben schon etliche Wissenschaftler auf der ganzen Welt nachgespürt. Der Populärste unter ihnen dürfte Jacques Benveniste sein.

1988 veröffentlichte der französische Immunologe, damals Abteilungsleiter des staatlichen Instituts Inserm, in der Fachzeitschrift "Nature" seine Versuche über hochverdünnte Flüssigkeiten. Obwohl sich in ihnen kein Wirkstoff mehr befand, wollte Benveniste trotzdem eine Wirkung auf Blutkörperchen nachgewiesen haben. Die Reaktion war geteilt: Homöopathen jubelten, Kritiker jaulten. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung entdeckte der eigens angereiste "Nature"-Chefredakteur John Maddox mit einem Team Widersprüche in Benvenistes Arbeit. Der aber ließ sich nicht beirren und glaubte weiterhin an seine Experimente. Wegen des andauernden Streits befasste sich schließlich der Physik-Nobelpreisträger Georges Charpak mit dem Thema. Er fand in Versuchen heraus, dass die Flüssigkeiten von Benveniste nur zufällig eine Wirkung gezeigt hatten. Doch die Theorie des Franzosen ist noch immer nicht aus der Welt, Homöopathen hängen ihr weiter an. Und stürzen sich auf alles Neue, das die Wissenschaft in ihrem Sinne hergibt.

Zuletzt veröffentlichte der Schweizer Chemiker Louis Rey seine Untersuchungen über "Gedächtnis-Wasser": Er versetzte H2O mit Salzen und verdünnte die Lösung dann so stark, dass von den Salzen nichts mehr vorhanden sein konnte. Trotzdem verhielt sich die Flüssigkeit bei einer speziellen Nachweismethode so, als sei noch Salz gelöst.

Kritiker bemängelten wiederum Ungenauigkeiten. Und natürlich muss der Versuch von Rey noch von einer unabhängigen Seite wiederholt, müssen seine Ergebnisse bestätigt werden. Ein übliches Prozedere in der Naturwissenschaft.

Aber selbst wenn Wasser ein Gedächtnis hätte: Es müsste zusätzlich die Gedanken des Homöopathen lesen können. Wie sonst ist es zu erklären, dass nur die guten, wünschenswerten Eigenschaften des Wirkstoffs potenziert werden? Woher weiß das Schwermetall Thallium, dass es bei dem einen Patienten gegen Haarausfall wirken soll und bei dem anderen gegen Osteoporose? Und, so fragen sich Kritiker, warum wird ausschließlich der Wirkstoff potenziert - und nicht die Substanzen, die sich immer auch in der Lösung befinden? Verunreinigungen beispielsweise mit Salzen, die man nie vermeiden kann. Oder Keime, die in der Luft schwirren und ins Wasser gelangen. Fragen, die Homöopathen nicht schlüssig beantworten können.

Placebo-Effekt?

Die Naturwissenschaft hingegen hat eine einfache und gut nachvollziehbare Erklärung für die unbestreitbaren Erfolge der Homöopathie: den so genannten Placebo-Effekt. Placebos sind vorgetäuschte Behandlungen oder Scheinmedikamente. Therapeutische Fata Morganas also. Die aber wirken: Allein die Vorstellung, eine effektive Arznei oder Behandlung zu bekommen, kann bei vielen Krankheitsbildern für einen messbaren Heilungseffekt ausreichen. Kritiker der Homöopathie schreiben die meisten Erfolge dieser Heilkunde dem Placebo-Effekt zu: Die Patienten würden einfach an ihre Wirksamkeit glauben - und erführen dadurch Besserung.

Der Placebo-Effekt ist keineswegs auf die Homöopathie beschränkt. Er spielt auch eine Rolle bei jeder schulmedizinischen Behandlung. Deswegen müssen sich herkömmliche Medikamente gegen den Placebo-Effekt durchsetzen, bevor man sie als wirksam bezeichnen darf. Das Mittel der Wahl hierzu ist die so genannte Placebo-kontrollierte Doppelblind-Studie. Dabei werden Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine bekommt ein echtes Medikament, die andere nur ein Placebo. Keiner der Studienteilnehmer weiß, welche Pillen oder Lösungen Wirkstoff enthalten. Denn Vertrauen ist alles: Wer die wahre Natur der Placebos kennt, glaubt nicht mehr so leicht an ihre Wirksamkeit. Da auch die beteiligten Wissenschaftler den Probanden eine Wirkung (oder das Gegenteil) suggerieren, müssen sie ebenso im Unklaren gelassen werden - deswegen der Name "Doppelblind-Studie". Die Substanzen sollen so ihre Schlagkraft über den Placebo-Effekt hinaus beweisen.

Das erwarten Forscher auch von den homöopathischen Mitteln. Wobei in ihren Augen die Homöopathen selbst besonders effektiv sind. "Die Therapeuten sind sehr einfühlsam. Sie nehmen sich sehr viel Zeit und zeigen viel Verständnis für die Patienten", sagt Edzard Ernst, Lehrstuhlinhaber für Komplementärmedizin an der Universität Exeter: "Eine Maximierung des Placebo-Effekts im positiven Sinne."

Doch von Seiten der Homöopathen heißt es oft: "Unsere Heilkunde kann man nicht mit schulmedizinischen Methoden untersuchen. Wir behandeln keine einzelne Krankheit, sondern den ganzen Menschen." Experten wie Ernst halten solche Argumente für vorgeschoben. Zumal die Bedenken der Homöopathen sich meist sogleich zerstreuen, wenn eine Studie Positives für ihre Heilkunde zeigt. So war es 1991, als im renommierten "British Medical Journal" eine Arbeit von Jos Kleijnen und Mitarbeitern von der Universität Limburg (Niederlande) erschien. Sie hatten sich 107 Untersuchungen genau angesehen und ein vorsichtig positives Fazit gezogen. Doch gleichzeitig bemängelten sie die schlechte Qualität der meisten Untersuchungen, derentwegen man keine definitiven Schlüsse ziehen könne.

Eine der von Kleijnen unter die Lupe genommenen Studien war von guter Qualität. Es handelte sich um eine Untersuchung von 1987, an der Probanden mit Migräne teilgenommen hatten. Sie waren in zwei Gruppen aufgeteilt worden: Die eine erhielt Placebos gegen ihre Schmerzen, die andere wurde homöopathisch und individuell mit Hochpotenzen behandelt. Die Homöopathie-Gruppe schnitt eindeutig besser ab. Der Dämpfer kam spät, aber unerbittlich. Mehrere Gruppen wollten die Ergebnisse der Migräne-Studie reproduzieren. Sie konnten es nicht. Eine britische Untersuchung von 1993 nicht, und auch nicht die Gruppe um Harald Walach von der Universität Freiburg. Walachs Studie von 1997 wurde allgemein als methodisch sehr sauber und gut anerkannt. Er hatte an 98 Patienten mit chronischen Kopfschmerzen die Überlegenheit der Homöopathie gegenüber dem Placebo zu belegen versucht. Es gelang nicht: Die Homöopathie war wirksam, die Placebos aber halfen genauso gut gegen die Kopfschmerzen.

Doch das Jahr 1997 brachte auch Positives für die Homöopathie. In der Fachzeitschrift "The Lancet" erschien eine Arbeit von Klaus Linde und seinen Mitarbeitern am Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München. Das Team analysierte 119 Studien und fand eine Wirkung der Homöopathie, die nicht allein mit dem Placebo-Effekt erklärt werden konnte. Ein Stoßseufzer ging durch die Szene: Endlich hatte mal jemand gezeigt, dass die Homöopathie nicht nur auf dem Placebo-Effekt fußt!

Nur: Die Forscher hatten sich Studien angeschaut, in denen die verschiedensten Krankheiten und homöopathischen Mittel untersucht worden waren, und diese dann zusammen bewertet. Das aber sei so, schrieb der niederländische Epidemiologe Jan Vandenbroucke in einem Kommentar, als würde man alle Studien zur Antibiotika-Therapie in einen Topf werfen. Selbst wenn die meisten untersuchten Antibiotika keine Wirkung zeigen, beeinflussen die Medikamente, die helfen, das Endergebnis in die positive Richtung.

Studien belegen Placebo-Effekt

Linde sieht seine "Lancet"-Arbeit inzwischen skeptischer. Die Mehrheit der Studien sei zwar positiv gewesen, aber vor allem "in den kleineren Studien, die wir damals analysiert haben, waren Verzerrungen drin". Er würde die Aussage, die Wirkung der Homöopathie könne nicht allein durch Placebo-Effekte erklärt werden, nicht mehr aufrechterhalten.

Ein Grund: Selbst bei den qualitativ guten Studien gibt es Probleme. Die meisten "konnten bisher nicht von unabhängiger Seite wiederholt" und damit bestätigt werden, sagt Henning Albrecht. Er ist Geschäftsführer der Karl und Veronica Carstens-Stiftung in Essen. Sie fördert die wissenschaftliche Erforschung naturheilkundlicher Verfahren und ist einer allzu kritischen Einstellung der Homöopathie gegenüber unverdächtig. Albrecht greift zu dem beliebten Bild mit dem Glas Wasser, wenn er die Studienlage zusammenfassen soll: "Die einen sagen, es ist halb voll, die anderen, es ist halb leer. Ich sage: Es ist halb voll."

Die neueste Untersuchung kommt aus der Schweiz und lässt den Wasserstand im Glas sinken. Karin Huwiler vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern analysierte 117 Studien, in denen sich die Homöopathie bei verschiedenen Krankheiten gegen ein Placebo durchsetzen sollte. Diese Untersuchungen verglich sie mit der gleichen Anzahl von Studien, in denen die Schulmedizin bei denselben Beschwerden angewandt wurde, ebenfalls Placebo-kontrolliert. Ergebnis: Je mehr Probanden eine Studie einschloss, je aussagekräftiger sie also war, desto schlechter das Ergebnis für die Homöopathie, jedoch nicht für die Schulmedizin. Letztlich blieb für die Wirkung der Homöopathie nicht mehr als der Placebo-Effekt übrig.

Ähnlich war es in den dreißiger Jahren gewesen. Dem NS-Regime lag viel an der "Neuen Deutschen Heilkunde", zu der es auch die Homöopathie zählte. Also bereiteten deutsche Mediziner Untersuchungen zur Wirksamkeit der Homöopathie vor. Im Herbst 1937 konnte die Überprüfung beginnen. Falls sich dabei zeigen würde, dass an der Homöopathie etwas dran sei, so der damalige Präsident des Reichsgesundheitsamtes, Hans Reiter, feierlich, sollte die Erforschung in "denkbar größtem Rahmen" erfolgen - mit "Hunderten von Millionen Reichsmark". Schließlich sollte die alternative Medizin der "Volksgesundheit dienen", wie es Reichsminister Rudolf Heß formulierte. Es wurde eine Untersuchung der Homöopathie, wie es sie in diesem Ausmaße bis dahin noch nicht gegeben hatte. Sowohl führende Homöopathen als auch Schulmediziner nahmen teil. Unter ihnen Fritz Donner, Chefarzt der homöopathischen Abteilung des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin. Er war ein kritischer, aber überzeugter Homöopath.

Im April 1939 wurde es ernst: Der Präsident des Reichsgesundheitsamts wollte wissen, was die Überprüfung erbracht hatte. Donner schreibt dazu in einer Art Gedächtnisprotokoll: "Wahrheitsgemäß müsste man antworten, dass bei der Arzneiprüfung nichts herausgekommen ist und dass bei den klinischen Versuchen bei keinem einzigen Patienten eine irgendwie für eine therapeutische Wirkung der eingesetzten Arzneien sprechende Reaktion eingetreten ist." Trotz des vernichtenden Urteils rettete Donner den Ruf der Homöopathie, indem er den Offiziellen nur mitteilte, es hätten sich gewisse Schwierigkeiten bemerkbar gemacht, sodass man neu beginnen müsse. Der Krieg verhinderte weitere Forschung. Später, in den sechziger Jahren, drückte sich Donner deutlicher aus: Er nannte die Untersuchung ein "totales Fiasko" für die Homöopathie.

Doch wie kann es sein, dass die Homöopathie in so vielen Untersuchungen nicht mehr Wirkung zeigt als ein Placebo? Was ist mit den Erfolgen bei Kindern, von denen Homöopathen gern berichten? Bei denen kann es keinen Placebo-Effekt geben, so die Auffassung vieler Homöopathen.

Steffi (Name von der Redaktion geändert) ist sieben Jahre alt und turnt auf dem Schoß ihrer Mutter herum. Auf den Stuhl, der daneben steht, mag sie sich nicht setzen. Noch nicht. Noch ist alles neu hier, auch Roland Methner, der ihr gegenüber sitzt. Und die Fahrt zur Homöopathie-Praxis von Methner war ziemlich anstrengend. Ständig mussten "Boxenstopps" eingelegt werden, erzählt die Mutter. Denn Steffi hat Durchfall. Deswegen hat ihre Mutter, die sich gerade zur Homöopathin ausbilden lässt, den Termin bei Methner ausgemacht. Gestern hat die Schule wieder begonnen, und der Durchfall kam pünktlich, erzählt die Mutter. In den zwei Wochen Ferien davor: nichts. Mutter und Therapeut gehen zusammen der Ursache für diese Durchfälle nach, die wohl mit psychischem Stress zu tun haben müssen, wie die Mutter meint: Nur wenn Steffi Schule hat, wird sie davon geplagt.

Also, fragt Methner, was steht im Zeugnis? Sorgfalt und Genauigkeit zeichnen Steffi aus. Wie sehen ihre Hefte aus? Keine Eselsohren, eine saubere, gut leserliche Schrift, sagt die Mutter. Und Steffi hatte eine Phase, da mussten die Hausschuhe in einer genauen Anordnung vor ihrem Bett stehen. "Das ging schon fast ins Pedantische", erzählt die Mutter, aber "dann hat sie Arsen bekommen, das hat die Lage ordentlich entspannt." Arsen ist nicht das einzige homöopathische Mittel gewesen, das Steffi bisher genommen hat. Da waren auch noch Pulsatilla (Küchenschelle), "ihr Akutmittel", oder auch Syphilinum ("Danach wurde sie in Mathe besser").

"Totales Fiasko" für die Homöopathie

Jetzt aber will auch Steffi mal was sagen. Ihre Hobbys etwa: "Ballett und Judo!" Und eine Frage hat sie: "Ist das da Mozart?" Sie zeigt auf eine Gipsbüste. Therapeut und Mutter lächeln: "Nein", sagt Methner mit seiner warmen, freundlichen Stimme. Der Mann, den die Büste darstellt, ist Samuel Hahnemann.

Nach etwa eineinhalb Stunden ist die intensive Befragung zu Ende. Methner hat etwas gefunden, das bei Steffi wirken wird. Ein besonderes Mittel nur für das Mädchen, in einer speziellen Potenz. Das zu bestimmten Tageszeiten und in bestimmten Dosen eingenommen werden muss, wobei bestimmte Lebensmittel verboten sind, weil sie die Wirkung mindern.

Natürlich gibt es einen Placebo-Effekt bei Kindern, sagen viele Mediziner. Kinderärzte kennen das aus ihrer Praxis: Selbst Kleinste sind empfänglich für die Beeinflussung durch den Arzt. Denn der wirkt auf die Mutter ein, die dann wiederum auf ihr Kind.

Neben dem Placebo-Effekt gibt es nach Meinung der Kritiker noch einen entscheidenden Erfolgsfaktor der Homöopathie: die so genannte Spontanheilung. Viele Krankheiten, bei denen Homöopathen hohe Erfolgsraten vorweisen, haben eine Tendenz, einfach so, ohne irgendein Zutun, zu heilen. Rückenschmerzen etwa sind bei mehr als 90 Prozent der Betroffenen nach zwei Monaten verschwunden. Ein optimaler Patient für einen Homöopathen ist jemand, der seine Kreuzschmerzen in den ersten eineinhalb Monaten vom Orthopäden behandeln lässt, keine Besserung erfährt und sich aus Enttäuschung dem Alternativheiler zuwendet. Dessen Chance ist groß, einen zufriedenen Patienten mehr zu bekommen. Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu drei Viertel aller Krankheiten von selbst vorübergehen. Mancher "Schulmediziner" sagt: Auch die Homöopathie kann Spontanheilungen nicht aufhalten.

Zudem verlaufen viele chronische Krankheiten wellenförmig, etwa Rheuma oder Multiple Sklerose (MS). Der Biologe und Physiker Rainer Wolf und der Mediziner Jürgen Windeler schreiben dazu: "Therapeuten sucht man natürlich besonders in schlechten Phasen auf. Daher sind die Chancen gut, dass man sich in den Tagen danach besser fühlen wird, auch wenn das mit der Behandlung nichts zu tun hat." So lassen sich leicht Erfolge vorweisen, natürlich nicht nur homöopathische.

Zumindest habe die Hahnemann-Lehre keinerlei Nebenwirkungen, heißt es immer wieder. Das sei falsch, sagt Alternativmedizin-Forscher Ernst. Die Rate an unerwünschten Effekten sei zwar sehr gering, aber nicht null. Er erzählt von einer Homöopathin, mit der zusammen er in Exeter eine Studie gemacht hatte. Bei der Frau entwickelte sich ein brauner Fleck am Unterarm. Obwohl er schnell größer wurde, behandelte sie ihn nur homöopathisch. Irgendwann ging sie doch zum Arzt, aber es war zu spät: Der Fleck entpuppte sich als Hautkrebs. Zwei Monate später war die Frau tot. "Homöopathische Mittel mögen unschädlich sein. Homöopathen sind es nicht immer", sagt Ernst.

Auch die zahlreichen Laienhomöopathen können Schaden anrichten. Eltern etwa, die ihren Kindern etwas Gutes tun wollen. Beliebtes Anwendungsgebiet: Schmerzen. Wo es früher kräftiges Pusten getan hat, gehen die Eltern heute gern mit Kügelchen ran. Fällt der vierjährige Sohn auf die Knie, gibt's Arnika-Globuli. Stößt er sich den Kopf, zücken die Eltern: Arnika-Globuli. Manche Kinder schwenken schon automatisch in Richtung Küche ein, wenn sie sich weh getan haben - dahin, wo es die homöopathische Arznei gibt. Das Signal an die Kinder ist eindeutig: Schmerzen, selbst harmlose, werden mit einem Medikament behandelt - immer.

Manche Mittel können auch Nebenwirkungen haben, die das Leben bedrohen. Zwar sind die meisten homöopathischen Arzneien stark verdünnt, einige aber enthalten giftige Substanzen in niedrigen Potenzen, also in hohen Konzentrationen. Bekannt ist der Fall eines 47 Jahre alten Mannes, der an Multipler Sklerose litt. Als er mit schweren Nervenstörungen zu seinen Ärzten kam, dachten die, seine Krankheit sei in einem plötzlichen Schub fortgeschritten. Doch nach und nach kam heraus, dass der Patient sich mit einem homöopathischen Mittel behandelte, das Blei enthielt. Der vermeintliche MS-Schub entpuppte sich als Bleivergiftung.

Risiko: Impf-Abneigung

Das grösste Risiko geht wohl von einer speziellen Abneigung vieler Homöopathen aus: Sie raten den Patienten, sich und ihre Kinder nicht impfen zu lassen. Das gefährdet dann nicht nur diese Kinder, sondern auch andere, die etwa aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden konnten. Und es bedroht ungeborenes Leben: Wenn Frauen, die nicht gegen Röteln geimpft wurden, in der Schwangerschaft daran erkranken, reicht das Schreckensszenario von Missbildungen bis zum Tod des Kindes.

Dabei ist die Impf-Antipathie der Homöopathen nur schwer verständlich. Denn viele von ihnen vergleichen die Wirkung ihrer Heilkunde gern mit dem Impfen: Bei beiden würden die Selbstheilungskräfte des Körpers angeregt. Schulmediziner schaudert es allerdings bei dieser homöopathischen Analogie. Eine Impfung schützt vor dem Ausbruch einer Krankheit; die Homöopathen behandeln erst dann, wenn sie schon ausgebrochen ist. Zudem berichten Homöopathen, wenn sie die aufgeklärte Fortschrittlichkeit von Hahnemann rühmen wollen, gerne davon, dass er schon damals die Berechtigung der Pockenimpfung anerkannte.

Das Hauptproblem der Hahnemann-Jünger ist aber noch immer "das fehlende Verständnis für den Wirkmechanismus. Die Homöopathie ist biologisch einfach nicht plausibel", sagt Ernst. Doch so ganz mag er die Heilkunde nicht abschreiben. Es gebe zumindest die "theoretische Möglichkeit, dass ein bisher unbekanntes Naturgesetz wirkt". Er würde momentan auch kein endgültiges Urteil fällen, ob die Homöopathie nun wirksam sei oder nicht. Dazu gebe es noch zu wenige wirklich gute Studien. Aber wenn sie eine Wirkung habe, "kann sie nicht besonders groß sein. Sonst hätte sie sich längst deutlich gezeigt".

Auch Henning Albrecht von der Carstens-Stiftung muss zugeben, dass er sich auf die Wirkungsweise "keinen Reim machen kann. Das kriege ich nicht hin". Auf der anderen Seite sehe er die "erstaunlichen Wirkungen, etwa bei meinen Kindern". Klaus Linde von der TU München schätzt die Homöopathie als einen "wirksamen Ritus" ein. Den könne man bei der Schulmedizin auch sehen: "Wenn man in eine enge Röhre zu einer Kernspinuntersuchung gefahren wird, hat das auch eine große Bedeutung für den Patienten." Glaube und Erwartung seien in der Homöopathie "wichtige Elemente".

Eine Konsequenz aber würde er nach seinen Erfahrungen mit der Heilkunde ziehen: "Es gibt unter den Homöopathen eine relativ große Gruppe, die Aussagen macht, die nicht akzeptabel sind. Ich würde zu einem Homöopathen gehen, der nicht so viele Versprechungen macht."

Jan Schweitzer

Wissenschaftliche Beratung:Prof. edzard ernst, Lehrstuhl für Komplementärmedizin, universität Exeter

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