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Heilen mit den Händen

Fast überall auf der Welt wird geknetet, gedrückt und geklopft, um körperliche Leiden zu lindern. Auch wenn es manchmal wehtut: Die meisten Methoden bergen nur geringe Risiken.

Die erste Berührung entscheidet. Wie fühlt die Hand sich an: weich, trocken, fest und kräftig? Ist die Berührung respektvoll und kompetent, kein zögerndes Tasten, kein ruppiges Zupacken, sondern ein sicherer Griff? Ist die Kraft zu spüren, die den Nacken eines Bauarbeiters durchwalken kann, und die Sanftheit, die die Schmerzen einer 80-Jährigen zu lindern vermag? Die ersten drei Sekunden entscheiden. Dann spürt ein Patient, ob er sich dieser Hand anvertrauen kann.

Manuelle Therapien, wie sie im Fachjargon heißen, gehören zu den ältesten Heilmethoden der Menschheit. Wir wenden sie bei uns selbst an, ohne darüber nachzudenken: reiben uns bei Kopfschmerzen die Schläfen, massieren uns den verspannten Nacken, den Arm, den wir uns an der Tür gestoßen haben. Wir setzen damit unwillkürlich einen heilenden Prozess in Gang: Sobald Haut auf Haut trifft, entsteht ein Reiz, der von den Tastkörperchen aufgenommen und blitzschnell über Nervenbahnen und Rückenmark ans Gehirn weitergeleitet wird. Durch den Druck warmer Hände wird das Hormon Oxytocin freigesetzt, das Stress mindert, Angst nimmt und Schmerzen lindert. Zugleich regt die Massage die Produktion von Endorphinen, so genannten Glückshormonen, an. Wir fühlen uns wohler, atmen ruhiger, relaxen.

Manuelle Therapien sind eine sinnliche Art zu heilen. Meist schon während der Behandlung, spätestens aber, wenn wir von der Liege aufstehen, spüren wir den Effekt. Wir sind beweglicher und entspannter geworden, gelöst im eigentlichen Sinn des Wortes: Wir richten uns auf, lassen die Schultern fallen, können wieder tief durchatmen.

Das tut Not in einer Zeit, in der die Menschheit gleichsam am Stock geht. Die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Zahl der Erkrankungen am Muskel-Skelett-System mit mehreren hundert Millionen weltweit. In Deutschland sind Rückenleiden die Volkskrankheit Nummer eins. Ihretwegen kommen jedes Jahr 300 000 Menschen ins Krankenhaus, sie sind der Grund für 70 Millionen Fehltage. Bis zum 24. Lebensjahr hat bereits jeder zweite unter Rückenschmerzen gelitten, bei den über 55-Jährigen sind es 60 Prozent. Geschätzte Kosten für die Volkswirtschaft: 25 Milliarden Euro pro Jahr.

Der Muskel schreit nach Blut

Ein Gutteil der Probleme liegt in unserer Lebensweise begründet: Wir sitzen zu viel, treiben zu wenig Sport und haben zu viel Stress. Das nimmt die Muskulatur übel. Sie erschlafft dort, wo sie kräftig sein müsste - von der Halswirbelsäule bis zum Becken -, und ist ständig unter Spannung, wo diese nicht gebraucht wird: im Nacken. Ein überhöhter Ausstoß von Adrenalin führt zu einem Muskelhartspann, im Volksmund Verspannung genannt. Die Kraftpakete ziehen sich zusammen, die feinen Gefäße haben weniger Platz und können nicht mehr so viel Blut durchlassen. Darum wird der Muskel nun schlechter mit Nährstoffen versorgt, und auch der Abtransport der Stoffwechselprodukte, etwa Milchsäure, ist behindert. Die Folge: Der Muskel schmerzt - "er schreit nach Blut", wie Bruno Blum, Bundesvorsitzender des Verbandes Physikalische Therapie und Masseur der deutschen Schwimm-Nationalmannschaft, es formuliert.

Aber nicht nur Verspannungen machen uns zu schaffen. Vernarbungen des Bindegewebes infolge von Verletzungen oder Operationen und Muskelverkürzungen nach längerer Ruhigstellung können dazu führen, dass Gelenke in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt werden. Nach Entzündungen, Reizungen oder starker Druckbelastung kann es zu Verwachsungen des Bindegewebes kommen (oft auch "Verklebungen" genannt). Wer sich dann schont, wird noch steifer.

Dem Körper seine Beweglichkeit zurückgeben: Das ist das Ziel der meisten manuellen Therapien. Die Wege, dorthin zu kommen, sind vielfältig. Die Behandlungsmethoden stammen aus verschiedenen Kulturkreisen, sie beruhen auf höchst unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie Prozesse im Körper des Menschen ablaufen. Eines ist ihnen gemeinsam: Sie bergen, bis auf wenige Ausnahmen, nur geringe Risiken. Aber ob sie tatsächlich bei allen Beschwerden, gegen die sie zum Einsatz kommen, wirksam sind, ist wissenschaftlich nicht gesichert. Oft lässt sich schwer sagen, ob die Linderung oder Heilung von Beschwerden auf der Methode selbst beruhen oder ob nicht schon die intensive Zuwendung segensreich wirkt. Gerade bei Rückenschmerzen kommt es außerdem häufig zu Spontanheilungen: Nach zwei Monaten ist alles vorbei - mit oder ohne Therapie.

Besonders gut durch Studien belegt sind die Wirkungen der klassischen Massage. Sie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom schwedischen Heilgymnasten Per Hendrik Ling entwickelt (und trägt daher den Beinamen "schwedische Massage"). Folgende Techniken wendet der Masseur an:

1. Streichungen: Sie bauen den Kontakt zum Patienten auf, der Masseur erspürt Verspannungen und Verhärtungen. Die Griffe regen den Fluss von Blut und Lymphe an.

2. Knetungen: Sie lockern verspannte und harte Muskeln, machen sie wieder weich und elastisch, die Muskelspannung normalisiert sich. Die gesteigerte Durchblutung sorgt für eine bessere Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen, Endprodukte des Stoffwechsels können ausgeschwemmt werden. Schon wenige Minuten Massage reichen, um einen ermüdeten Muskel wieder voll leistungsfähig zu machen.

3. Reibungen: Bei der Oberflächentechnik bewegt der Masseur die Hände in schneller Folge hin und her, was die Haut erwärmt. Bei der "tiefdringenden Reibung", die schmerzhaft sein kann, dringen die Fingerkuppen weiter vor und massieren den Muskel in der Tiefe. 4. Klopfungen: Die kurzen Schlagbewegungen verbessern die Durchblutung. Klopfmassagen des Brustkorbs und des Rückens können einen Sekretstau in den Bronchien auflösen helfen.

5. Vibrationen: Feinste schwingende Bewegungen der flachen Hand hemmen Schmerzen in der Muskulatur und regulieren deren Grundspannung.

Die Indikationen, bei denen die klassische Massage eingesetzt wird, sind breit gefächert. Nach den Erfahrungen von Masseuren, die teilweise von Studien gestützt werden, reguliert sie die Muskelspannung, steigert den Blut- und Lymphfluss, hilft Rheuma- und Rückenschmerz-Patienten, kann Narbengewebe elastischer machen, den Muskelabbau bei bestimmten Lähmungen verzögern und Verstopfungen beheben. Es gibt sogar Hinweise, dass zu früh geborene Kinder schneller zunehmen, wenn sie massiert werden.

Optimal bewegen

Vor Beginn der Therapie steht in der Regel die Überprüfung der Haltung. "Wenn ich am Beckenrand stehe, sehe ich sofort, ob sich die Schwimmerin Sandra Völker optimal bewegt", erzählt Bruno Blum. "Wenn nicht, werde ich sie über kurz oder lang wegen Schmerzen behandeln müssen. Dasselbe gilt für uns alle. Wenn wir uns falsch bewegen oder Fehlhaltungen einnehmen, kann das die verschiedensten Beschwerden auslösen."

Der Körper hat ein Gedächtnis. Er reagiert auf eine Verletzung mit einer Veränderung der Bewegungen, um die verletzte Stelle zu schonen. Wenn wir uns den rechten Fuß verstaucht haben, belasten wir den linken deutlich stärker. Ist die Verletzung langwierig, richten sich Muskulatur und Gewebe darauf ein. Sie speichern die Information "rechten Fuß entlasten". Eine entscheidende Rolle spielen dabei die so genannten Triggerpunkte. Werden diese Punkte - sie entsprechen zu einem guten Teil den Akupunktur-Punkten der Traditionellen Chinesischen Medizin - durch Entzündungen, Verletzungen oder Überlastungen aktiviert, schmerzt der Muskel, er zieht sich zusammen. Obwohl der rechte Fuß längst wieder funktionsfähig ist, neigen wir dazu, weiter zu hinken. Ein Beckenschiefstand kann die Folge sein, der wiederum Schmerzen im Lendenwirbelbereich auslöst. Ein guter Therapeut weiß, welche Ursache welche Folgen haben kann. Einer, der die Rückenschmerzen nach einer Fußverstauchung als isoliertes Symptom behandelt, wird hingegen höchstens vorübergehend Linderung erreichen. Nur, wer bei seinem Patienten Abweichungen vom natürlichen Bewegungsablauf erkennt, kann, ausgehend von einer eventuellen Verletzung, einer ganzen Kette von aktivierten Triggerpunkten auf die Spur kommen, sie jeweils mit langsamen, kreisenden Bewegungen der Fingerkuppe massieren, anschließend die Muskeln dehnen, ihre Durchblutung anregen und den Behandelten so wieder beweglicher machen. "Wenn ich einen aktivierten Triggerpunkt massiere, tut das ziemlich weh: auf einer Schmerzskala von null bis zehn etwa bei sieben", erläutert Bruno Blum. "Aber danach ist der Schmerz weg und eine Blockade kann sich vollständig aufgelöst haben. Die Kunst ist, die Punkte zu finden." Ohne ausgezeichnete Kenntnisse der Anatomie geht gar nichts.

Das gilt für alle manuellen Therapien, auch für das "Rolfing". In den sechziger Jahren von der Amerikanerin Ida Rolf entwickelt, steht diese Methode im Ruf, schmerzhaft zu sein. Nicht zu Unrecht. Nach einer ausführlichen Anamnese begutachtet der Hamburger Rolfer Klaus Siebert sorgfältig, wie Walter Rieder (Name geändert), mit Unterhose bekleidet, im Behandlungszimmer auf und ab geht. Sieberts Diagnose: leichtes Hinken, Außenrotation der Füße beim Gehen, Beckenschiefstand, Wirbelsäule nicht in natürlicher Doppel-S-Form, starke Verkürzung der Nackenmuskulatur. Viel zu tun.

Manche Berührungen sind kaum zu spüren: ein vorsichtiges Tasten an der Halswirbelsäule, sanfte Korrekturen an der Stellung der Füße. Aber hin und wieder beißt der Patient auch auf die Zähne. Mit kräftigen Händen, manchmal mit dem Ellbogen, arbeitet sich Siebert durch schmerzende Körperpartien, greift tief hinein und zieht mit seinen Fingerkuppen die Muskeln auseinander. Rolfing zielt vor allem auf die Faszien, Schichten von Bindegewebe, die Muskeln in ihrer Form halten und die miteinander verbunden sind. Wenn das Bindegewebe fest ist, die Muskeln kräftig sind, dann muss der Therapeut kräftig zulangen.

"Rolfing ist eine ausgezeichnete Prävention und Behandlung von chronischen Beschwerdebildern", lobt Gerold Schwartz, Orthopäde und Mannschaftsarzt der Bundesligafußballer des HSV. "Wir Ärzte können den Schaden an der Struktur beheben, die Entzündung, den akuten Bandscheibenvorfall. Aber wenn Sie länger als ein Jahr unter einem eingeklemmten Ischiasnerv gelitten haben, dann ist daraus ein chronisches Schmerzsyndrom geworden. Dagegen komme ich mit Spritzen nicht an, dazu braucht es die beharrliche Körperarbeit eines Rolfers oder Osteopathen." Patienten seiner Praxis schickt er zu Klaus Siebert, die HSV- Kicker werden vom eigenen Krankengymnasten Thomas Marquardt behandelt. Der hat eine Zusatzausbildung als Osteopath.

Die Osteopathie ist der Ursprung des Rolfings. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still entwickelt. Der vertrat die eigenwillige Anschauung, dass sich jeder Bereich des Körpers in ständiger Bewegung befinde, und zwar nicht nur das Muskel-Skelett-System, sondern auch die Organe. Jede Einschränkung dieser Beweglichkeit könne Krankheiten auslösen. Osteopathen wollen Spannungen im Körper ertasten und zu ihren Ursprüngen, etwa Verletzungen, zurückverfolgen. Mit feinen Handbewegungen, mit Dehnung und Druck, lockern sie dann das Gewebe, um die Bewegung zu fördern. Der Effekt: Die Lockerung führt zu einem verstärkten Fluss von Blut und Lymphe, sodass Gewebe und Organe mit mehr Nährstoffen versorgt werden und Stoffwechselprodukte besser abfließen können.

Der Chiropraktik gesteht die Wissenschaft therapeutische Wirkung bei Rückenschmerzen zu. Aber sie gilt als besonders ruppige Heilmethode und ist vor allem bekannt für das wuchtige "Einrenken" von Wirbeln, das von einem lauten Knacken begleitet wird.

Sanfte Korrektur

Mark Styers vertritt die andere Schule der Chiropraktik. Der in Hamburg arbeitende Amerikaner bevorzugt sanfte Korrekturen an der Wirbelsäule. Sie sollen Blockierungen beseitigen - Bewegungseinschränkungen der Gelenke, die häufig von verhärteter oder verkrampfter Muskulatur in der Umgebung herrühren. Bei Sven Lankau hatte die Methode Erfolg. Der 16-jährige war vor einem Jahr nach einem Sturz von einem Orthopäden falsch behandelt worden. Das Hüftgelenk des Jungen war völlig verschoben, er hatte furchtbare Schmerzen, konnte sechs Monate nicht zur Schule und lief an Krücken. Eine Klinik in Kiel empfahl ein künstliches Hüftgelenk. Nach fünf Wochen Behandlung bei Styers lief Sven zum ersten Mal wieder ohne Krücken. Heute kann er sich, unterstützt durch Fitnesstraining, immer besser bewegen und hofft, bald völlig schmerzfrei laufen zu können. Die Chiropraktik arbeitet vor allem mit zwei Techniken: der Mobilisation und der Manipulation. Bei der Mobilisation führt der Therapeut ein blockiertes Gelenk durch gezielte Bewegungen langsam an das mögliche Bewegungsende heran, überschreitet aber nicht die Bewegungsgrenze, die zugleich die Grenze zum Schmerz markiert. Bei der Manipulation wird danach das Gelenk mit einem kurzen, gezielten Stoß über den Widerstand hinausgeführt. Aber die Folgen können womöglich dramatisch sein: Die Manipulation an der Halswirbelsäule steht unter dem Verdacht, Schlaganfälle auslösen zu können. Kritiker der Methode fürchten, dass durch den kräftigen Ruck möglicherweise eine der vier Haupt-Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen, einreißt. Dann entstehe womöglich in der Arterie ein Blutpfropf, der schlimmstenfalls die Blutzufuhr zum Gehirn verstopfen und einen Schlaganfall auslösen könne. Manipulationen an der Halswirbelsäule werden - wenn auch sehr selten - ebenfalls von Osteopathen angewendet.

Unangemessener Krafteinsatz des Behandlers: Das ist das größte Risiko, das Patienten bei manuellen Therapien entsteht. Natürlich bedarf es für einen Masseur keiner großen Anstrengung, mit seinen kräftigen Händen einer alten Frau die Rippen zu brechen. Sensibilität ist daher die wichtigste Tugend eines Therapeuten. "Wer Kraftsport macht oder viel Tennis spielt, den können wir nicht gebrauchen", sagt Physiotherapeut Bruno Blum. "Die Hände werden durch die Schwielen gefühllos." Freilich hilft Sensibilität nur, wenn sie gepaart ist mit einer ausgezeichneten Kenntnis der Anatomie und der anzuwendenden Techniken. Und daran hapert es bei so manchem Therapeuten. Denn wie viele Stunden ein Heilpraktiker, ja mancher Arzt tatsächlich damit zugebracht hat, sich in einer manuellen Therapie ausbilden zu lassen, ist in den meisten Fällen nicht gesetzlich geregelt. Deswegen ist es umso wichtiger, auf die Mitgliedschaft in den entsprechenden Berufsverbänden zu achten, die auf eine sorgfältige Aus- und Weiterbildung Wert legen.

Ein wichtiger Punkt in jeder seriösen Ausbildung ist das Abschätzen der eigenen Möglichkeiten. "Ich arbeite nur mit Therapeuten zusammen, die ihre Grenzen kennen", sagt der Orthopäde Gerold Schwartz. "Ein akuter Bandscheibenvorfall ist allein Sache des Arztes." Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin an der Universität Exeter, nennt ein Beispiel: "Die Fußreflexzonentherapie hat bei funktionellen Störungen durchaus ihre Wirkungen. Aber ein Therapeut, der behauptet, Diabetes heilen zu können, ist gemeingefährlich."

Im Unterschied zu den anderen Methoden arbeitet die Fußreflexzonentherapie nicht am ganzen Körper, sondern beschränkt sich auf die Massage der Füße. Auf dem Fuß, meinte ihr amerikanischer Begründer William Fitzgerald, befinde sich eine "Landkarte des Körpers", bestimmte Punkte - die "Reflexzonen" - korrespondierten mit allen Partien des Organismus. Löse etwa der Druck des Therapeuten auf den "Stirnhöhlenpunkt" Schmerzen aus (er wird an den Spitzen der großen Zehen verortet), sei das ein Hinweis auf eine Stirnhöhlenvereiterung, die durch die Massage behandelt werden könne.

Wissenschaftler widersprechen. Edzard Ernst nennt die Vorstellung einer Landkarte des Körpers "naiv". In einer Studie, die Ernst selbst anstellte, blamierten sich zwei Reflexologen, als sie bei 18 Patienten sechs Krankheiten diagnostizieren sollten: Ihre Ergebnisse hatten mit den tatsächlichen Beschwerden kaum etwas zu tun und widersprachen sich überdies. "Aber", räumt der Professor ein, "eine gute therapeutische Maßnahme kann durchaus auf einer falschen Annahme basieren." So bewies eine Studie an der Universität von Innsbruck, dass Fußreflexzonentherapie tatsächlich die Durchblutung des Darms und der Niere anregen kann. Außerdem gibt es Hinweise, dass die Methode bei der Behandlung von chronischen Kopfschmerzen funktioniert.

Auch viele asiatische Techniken gehen von Grundannahmen aus, die für die westliche Medizin nicht nachvollziehbar sind: etwa von der Existenz so genannter Meridiane und einer in ihnen fließenden Qi-Energie. Die Behandlung der sensiblen Punkte, die auf diesen Meridianen liegen sollen, kann jedoch durchaus Wirkung zeigen. Bei der Akupressur, einer jahrtausendealten Massagetechnik, werden sie in kreisender Bewegung mit der Kuppe des Zeigefingers oder Daumens mit langsam gesteigertem Druck bearbeitet - was die Muskulatur entspannt und die Durchblutung verbessert. Das Shiatsu hingegen verbindet die Erfahrungen der Akupressur mit Massagetechniken wie Dehnungen und Gelenkrotationen. Der Masseur arbeitet sich mit Fingern, Handflächen, manchmal auch mit Ellbogen und Füßen, an den angenommenen Meridian-Linien entlang. Die Methode kann nicht nur Verspannungen lösen, sondern ist, wie Studien belegen, auch geeignet zur Behandlung von Schmerzen im unteren Rücken.

Balsam für die Seele

Eines ist fast allen manuellen Therapien gemeinsam: Sie berühren nicht nur Haut, Muskeln und Gelenke, sondern auch die Psyche. "Wir wissen, dass zum Beispiel die klassische Massage bei verschiedenen psychischen Erkrankungen hilft, bei Depressionen etwa oder Angstzuständen", berichtet Edzard Ernst. "Der Patient muss sich dem Therapeuten öffnen, und er verbringt viel Zeit mit ihm. Dabei kommen sehr häufig Emotionen zum Vorschein - eine spezifische Stärke der manuellen Therapien." Diese Emotionen, auch einen Gefühlsausbruch, müssen Behandler auffangen können. "Viele von ihnen sind charismatische Persönlichkeiten", hat Ernst beobachtet. Der Masseur und Fachlehrer Bruno Blum bringt seine Erfahrung aus 43 Berufsjahren auf den Punkt: "Ein Masseur, der nicht auch ein Psychologe ist, kann kein guter Masseur sein." Zu einer heilenden Hand gehört immer ein wacher Kopf.

Sven Rohde

Mitarbeit: Claudia Bahnsen, Ingrid Lorbach

Wissenschaftliche Beratung: Prof. Edzard Ernst, Lehrstuhl für Komplementärmedizin, Universität Exeter

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