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Interview

Terminärger beim Kinderarzt - ein Mediziner erklärt, was dahintersteckt

Dürfen Kinder- und Jugendärzte kranke Kinder einfach so abweisen? Ja, sagt ein Mediziner - aber nur unter bestimmten Bedingungen. Er erklärt, warum manche Ärzte gar keine andere Wahl haben. 

"Einige sind an der Belastungsgrenze angekommen": Dr. med. Hermann Josef Kahl arbeitet als Kinder- und Jugendarzt in Düsseldorf

"Einige sind an der Belastungsgrenze angekommen": Dr. med. Hermann Josef Kahl arbeitet als Kinder- und Jugendarzt in Düsseldorf

Ein Vater will mit seinem Kind zum Arzt gehen. Doch er wird abgewiesen. So geschehen im Raum . Dieser und ähnliche Fälle sorgen regelmäßig für Ärger - innerhalb der betroffenen Familie, aber auch in der Öffentlichkeit. Haben Sie Verständnis für den Frust der Menschen?

Natürlich, das ist doch ganz klar. Man darf aber nicht das Hauptproblem außer Acht lassen, das zu solchen Situationen führt: Einige Kinder- und Jugendärzte sind schlicht an der Belastungsgrenze angekommen.

Woran liegt das?

Wir haben inzwischen viel mehr Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen als noch vor einigen Jahren, müssen mehr impfen, haben eine gestiegene Geburtenrate und auch viele zu betreuen. Alles zusammen führt zu einem deutlich höheren Aufwand für Kinder- und Jugendärzte. Auch die Eltern tragen dazu bei.

Was meinen Sie damit?

Früher sind die meisten Eltern mit ihrem Kind zum Arzt gegangen, wenn es fieberte oder erkältet war. Heute wollen sie schon zu einem frühen Zeitpunkt wissen, ob ihr Kind normal intellektuell reagiert, ob es eine Verhaltensstörung, eine Lernstörung oder ADHS hat. Das ist absolut verständlich. Aber all diese Gespräche brauchen Zeit. Die fehlt dann an anderer Stelle.

Hat sich der bei Eltern verschoben?

Das kann sein, gefühlt auf jeden Fall. Wir sind in unserer Praxis sehr oft mit entsprechenden Fragen von Eltern konfrontiert.

Wie oft kommt es vor, dass Kinder beim Arzt abgewiesen werden müssen?

Das lässt sich schwer beziffern, aber wir vom Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte hören immer wieder davon. Natürlich ist jeder einzelne Fall ärgerlich, aber insofern verständlich, da die Qualität ärztlicher Betreuung erhalten bleiben muss. Ab einer bestimmten Anzahl an Patienten ist die Gefahr groß, dass diese Qualität leidet.

Dürfen Eltern auch ohne Termin mit ihrem Kind zum Kinder- und Jugendarzt?

Eine wichtige Frage. Wir hören immer wieder, dass Eltern sich beschweren, sie hätten die Praxis telefonisch nicht erreicht. Kein Wunder, da vor allem in den Morgenstunden das Telefon oft ohne Unterlass klingelt. Besser ist es natürlich, einen Termin auszumachen. Aber wenn es eilt und das Kind richtig krank ist, können Eltern auch ohne Termin in die Praxis kommen. Jeder Arzt hat Zeiten, in denen er eine offene Sprechstunde anbietet.

Wie viele Kinder betreuen Sie im Quartal?

In etwa 2100 Patienten – mal etwas mehr, mal etwas weniger. Alleine kann ich das nicht bewältigen, da brauche ich Unterstützung. Ich habe deshalb zwei Fachärztinnen angestellt, die zusammen 30 Wochenstunden in der Praxis arbeiten. So haben wir eine etwas größere Kapazität.


Wie sieht ein normaler Berufsalltag bei Ihnen aus?

Das regelt jeder Kinder- und Jugendarzt etwas anders. In unserer Praxis bieten wir morgens eine offene Sprechstunde an. Da kann jeder kommen, weil viele Kinder über Nacht erkranken und Eltern das Kind so schnell wie möglich zum Arzt bringen wollen und sollen. Wir wiederum können die Kinder rasch untersuchen und beurteilen, ob etwas Ernstes dahinter steckt. Zu diesen Stoßzeiten kann es schon mal sehr voll werden, vor allem wenn Infekte in Kitas und Schulen die Runde machen. Nachmittags ist es meist etwas ruhiger, weil wir dann überwiegend Termine abarbeiten. Aber natürlich kommen auch dann immer noch erkrankte Kinder und Jugendliche, die wir versorgen.

Überstunden?

Immer. Ich komme nie um 17 Uhr raus, selten um 18 Uhr, meistens gegen 19 Uhr. An stressigen Tagen manchmal sogar später.


Mussten auch Sie schon Patienten abweisen?

Irgendwann ist eine Grenze erreicht, ganz klar. Das passiert meist in der kalten Jahreszeit, wenn Erkältung und Grippe Hochsaison haben. Natürlich geht das nur, wenn ein funktionierendes Notdienstprogramm existiert. Also wenn irgendwo Praxen Notdienst haben oder Krankenhäuser in der Nähe sind. Natürlich wägen wir auch ab: Schwer kranke Kinder werden nie abgewiesen. Ist das Wartezimmer voll und Eltern kommen mit einem Fünfjährigen, der leichten Husten hat, ist man eher geneigt, zu Hausmitteln und zum Abwarten zu raten.

Passiert es oft, dass Eltern ihre Kinder mit Banalitäten zum Arzt schleppen und dann die Termine vollstopfen?

Es gibt viele Fälle, die nicht unbedingt bei uns in der Praxis vorgestellt werden müssten, das stimmt.

Woran liegt das?

Meist liegt das am Druck der Familie: dass Großeltern die noch jungen Eltern dazu drängen, zum Kinderarzt zu gehen. Oder wenn Eltern noch unerfahren in Bezug auf Kinderkrankheiten sind, etwa wenn sie ihr erstes Kind haben. In der Regel werden Eltern mit jedem weiteren Kind entspannter.

Viele Eltern erscheinen beim Kinder- und Jugendarzt, weil sie Bescheinigungen brauchen: Eine Bescheinigung für den Arbeitgeber, dass das Kind krank ist und sie zuhause bleiben müssen. Eine Bescheinigung für die Kita, dass das Kind wieder gesund ist und von ihm keine Ansteckungsgefahr mehr ausgeht.

Reiner Bürokratismus. Das sind Zeitfresser, die in Arztpraxen eigentlich nichts zu suchen haben. Ich würde mir ein Umdenken wünschen. Arbeitgeber sollten zu ihrem Personal Vertrauen haben und ihnen glauben, wenn sie zusichern, dass das Kind krank ist. Kitas wiederum sollten Eltern glauben, wenn sie sagen, das Kind ist wieder gesund, wir waren gestern damit beim Arzt, der gesagt hat, dass es wieder in die Kita kann. Mit gutem Willen ließe sich einiges verändern.

Wann muss ein Kind überhaupt zum Arzt?

Je kleiner ein Kind ist, umso eher sollten Eltern es zum Arzt bringen. Säuglingen und Kleinkindern sieht man die Schwere der Erkrankung oft nicht an. Sie müssen deshalb gründlich untersucht werden. Größere Kinder müssen zum Arzt, wenn sie fiebern, Ausschlag haben oder wenn Eltern fürchten, es könnte sich um etwas Ernstes handeln. Husten ältere Kinder nur leicht, haben kein Fieber und ihre Lebensqualität ist nicht beeinträchtigt, braucht man nicht zwingend zum Arzt. Da reichen oft schon Hausmittel, Tee trinken, Ruhe und Abwarten.

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