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Die Kreissäge im Ohr

Zischen, Pfeifen, Kreischen - Millionen Deutsche leben ständig mit zermürbenden Ohrgeräuschen. Nach einer Untersuchung ist jeder Vierte von Tinnitus betroffen. Heilung ist sehr selten, doch es gibt ein Mittel gegen den Terror im Kopf: weghören lernen.

Von Helen Bömelburg und Katharina Kluin

Pfeifen, Zischen, Kreischen - jeder vierte Deutsche leidet unter Tinnitus

Pfeifen, Zischen, Kreischen - jeder vierte Deutsche leidet unter Tinnitus

Du hast mich überfallen, bist ungefragt in mein Leben eingedrungen. Keiner wollte Dich, ich auch nicht. Du bleibst, obwohl Du weißt, dass Du unerwünscht bist", schreibt Wolfgang Bremer*. "Und Du gefällst Dir darin, immer dann über mich herzufallen, wenn ich schwach bin. Du benimmst Dich wie ein Terrorist oder Partisane, Du versteckst Dich in mir und schlägst heimtückisch zu."

Der "Brief an den Tinnitus", den Wolfgang Bremer, 58, in der Klinik verfasst, ist wütend, doch selbstbewusst, eine Abrechnung. Schon als er über den richtigen Auftakt für seinen Brief nachdenkt, stellt er fest: "Eine gute Anrede wäre sicherlich 'Ey, Du blöder Arsch'." Aber auf dieses Niveau möchte Bremer sich nicht herablassen. Und so macht er ihn klein, den Tinnitus, den Feind in ihm, der noch vor Kurzem so mächtig war, dass er ihn zwang, einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben zu ziehen. "Er ist doch gerade mal drei Jahre alt geworden", denkt er und schreibt: "Hi Tinnitus!"

Das Rauschen, das Wolfgang Bremer nach einem Hörsturz im Mai 2006 in den Ohren hat, klingt wie ein voll aufgedrehter Wasserhahn. Seit einem Klinikaufenthalt hat er auch bessere Tage, dann findet er: fast wie das Meer. Andere Tinnituspatienten hören Grillen zirpen, Fernseher fiepsen, Stromleitungen brummen, Züge bremsen oder Sägen kreischen.

Sehnsucht nach Stille

Laut einer Untersuchung der Deutschen Tinnitus Liga kennt jeder vierte Deutsche Ohrgeräusche wie diese. Teenies, junge Eltern, Rentner - quer durch die Generationen kann es jeden treffen.

Bei vielen bleibt der Dauerton nur einige Sekunden oder Minuten, manchmal Stunden oder Tage. Doch gut die Hälfte behält das Geräusch. Die Mehrheit der Betroffenen lernt, den Tinnitus mit der Zeit zu überhören oder sich von ihm zumindest nicht allzu sehr aus der Ruhe bringen zu lassen. Von Zeit zu Zeit aber drängt er sich ins Bewusstsein, abends vor dem Schlafen oder sonntags beim Spazieren, und weckt eine tiefe Sehnsucht nach Stille. Eine Sehnsucht, die für mehr als vier Millionen Geplagte zum alles beherrschenden Thema wird. Diesen Patienten gelingt es nicht, den Dauerkrach aus ihrer Wahrnehmung zu verdrängen. Er raubt ihnen den Schlaf, die Konzentration und manchmal sogar den Lebensmut.

So rutschte auch der Mediziner Wolfgang Bremer immer tiefer in den Abgrund. Der hatte sich ganz plötzlich vor ihm aufgetan, mit einem Hörsturz bei einer Party. Von jetzt auf gleich ließ er allen Smalltalk in gewaltigem Rauschen untergehen. Auf dem linken Ohr war Bremer zunächst völlig taub. Zwar kam das Gehör wieder, das Geräusch aber blieb. "Ich konnte nicht mehr einschlafen, war tagsüber völlig überanstrengt und überempfindlich, in Gesprächen mit meinen Patienten wäre ich manchmal gern aus dem Raum gestürmt - am liebsten in eine Wüste, wo es keinen Laut mehr gibt."

Jahrtausendealtes Leiden

Doch vor dem Tinnitus gibt es kein Weglaufen. Die Medizin kennt keinen Knopf, mit dem man ihn einfach abstellen könnte. Dabei sucht sie ihn seit je: Die alten Ägypter legten den Gequälten Schilfhalm-Trichter ans Ohr und gossen eine Mixtur aus Kräutern, Säften und Ölen hinein. Auch der griechische Arzt Hippokrates erwähnt die Ohrgeräusche in seinen Schriften, Platon nannte sein Ohrensausen "kosmische Musik". Luther, Beethoven und Smetana litten unter Tinnitus.

Die Ursache des chronischen Ohrdröhnens blieb jahrtausendelang ein Rätsel. Doch seit etwa zehn Jahren ergibt sich aus den Ergebnissen der Forschung ein genaueres Bild. Und das zeigt, wie sehr der Patient sein Tinnituserleben beeinflusst - wenn ihm jemand helfen kann, dann wohl vor allem er selbst.

Offenbar funktionieren bei denjenigen, die von ihrem Ohrgeräusch weitgehend unbeeinträchtigt leben, die Wahrnehmungsfilter gut. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf andere Geräusche und Sinneseindrücke. Und exakt das gelingt schwerer leidenden Tinnituspatienten nicht. Der Krach im Kopf wird ihnen zum Dauerreiz, der jeden anderen Eindruck verdrängt. "Gerade, wenn man zur Ruhe kommen könnte, dann ist keine Stille da!", sagt Marianne Felden*, die schon seit 16 Jahren mit dem Dauerton lebt. In den letzten Jahren hat sich ihr Tinnitus noch verstärkt: "Mittlerweile vibriert mein ganzer Hinterkopf. Neu ist ein Geräusch, als wäre ich unter Wasser oder wie kurz vor einer Ohnmacht, wenn das Blut im Kopf pocht." Der Tinnitus greift tief in ihre Empfindungen ein. So klingt der jungen Mutter die hohe Kleinkindstimme ihres dreijährigen Sohns manchmal unangenehm in den Ohren, als höre sie einen Widerhall. "Seine Stimme trifft offenbar eine bestimmte Frequenz, die ohnehin schon überlastet ist", sagt Felden. An solchen Tagen fühlt sie sich völlig überreizt.

Ursachen des Dauergeräusches

Das Geräusch selbst ist jedoch entgegen dem geläufigen Gemeinplatz von der "Stresskrankheit Tinnitus" keine eigenständige Erkrankung. Zwar kann seelische Belastung den nervenden Reiz verstärken, ihn weiter ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. "Doch der Tinnitus ist immer nur ein Symptom", sagt Gerhard Hesse, Leiter der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen. Symptom eines Schadens in den Hörbahnen, der den Patienten meist nicht nur schlechter hören lässt, sondern auch das Sirren, Klingeln, Rasseln zur Folge haben kann (siehe Infografik S. 54). Dafür gibt es verschiedene Ursachen: Entzündungen, Lärmschäden, Fehlbildungen, Bluthochdruck oder - sehr selten jedoch - ein Tumor.

Der lärmende Quälgeist sitzt nicht nur in den Ohren, sondern vor allem zwischen ihnen, im Gehirn. Dort, an ganz unterschiedlichen Stationen der Hörverarbeitung, haben Hirnforscher Hinweise auf verstärkte Aktivität und strukturelle Veränderungen gefunden. Offenbar reagiert das Gehirn sehr umtriebig auf Hörschäden: mit dem Umbau von Nervenverknüpfungen und der Neuverteilung jener Aufgaben, die von den schadhaften Bereichen nicht mehr erfüllt werden können.

Einige Areale erzeugen dann zuweilen Phantomtöne. Und zwar auf jenen Frequenzen, auf denen wegen des lädierten Gehörs keine Reize mehr einlaufen - wie bei Amputierten, deren Gehirn weiter Schmerz in abgetrennte Gliedmaßen projiziert. Gestützt werden die Beobachtungen der Hirnforscher durch die Untersuchungen von HNO-Ärzten: Fast immer liegt der Tinnitus des Patienten auf derselben Schallfrequenz, auf der auch sein Hören nachgelassen hat.

Eine Frage der Wahrnehmung

Doch scheint das Gehirn nach einem Gehörschaden nicht nur nervende Töne zu simulieren. Es schaltet auch noch einen Verstärker ein, der diese fantasierten Geräusche viel dominanter macht, als sie sein sollten. Es ist, als horche das Gehirn in sich hinein: Fallen Signale aus, erhöhen die Hörzentren genau auf dieser Frequenz ihre Aktivität, um aus dem Rest möglichst viel herauszuholen. Sie verstärken so ausgerechnet den Tinnitus.

Zum echten Nervtöter aber wird das Geräusch erst, wenn es ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Das muss es nicht zwangsläufig. Der Misston liegt - objektiv gemessen - nie mehr als fünf bis zehn Dezibel über der Wahrnehmungsschwelle. Diese Lautstärke entspricht dem Rascheln von Papier oder dem Surren eines Computers. Einem Tinnituspatienten kann das Geräusch jedoch so laut erscheinen wie ein vorbeiratternder Güterzug.

Name von der Redaktion geändert

Frank Groth, 45, kannte das Rauschen und Pfeifen in seinen Ohren schon seit Jahren, doch Leistungsdruck und Schichtarbeit nagten irgendwann so stark an den Nerven, dass der Tinnitus immer mehr in seine Aufmerksamkeit dringen konnte. "Das Geräusch ist so laut geworden, dass ich nicht mehr schlafen konnte, stattdessen nachts auf dem Balkon saß und rauchte. Beruhigen konnte mich das nicht, ich lief nur noch gekrümmt herum. So bedrückt war ich, ständig gejagt von dem Teufel im Ohr."

Ungesunde Faktoren

Genau dann, wenn der Patient mit starken Emotionen wie Abwehr, Furcht oder Verzweiflung auf den Tinnitus reagiert, rückt dieser umso mehr in den Fokus der Wahrnehmung. Einerseits spielt dabei die Qualität des Geräuschs eine Rolle. "Wenn mir jemand von Vogelzwitschern berichtet, wird er damit wahrscheinlich gut zurechtkommen", sagt Klinikchef Gerhard Hesse. "Aber wenn er von einer Kreissäge spricht, bin ich alarmiert."

Andererseits ist auch das Verhalten von Familie, Freunden und Ärzten ausschlaggebend. Es gibt Fälle, in denen HNO-Ärzte ihre Patienten mit dem Verdacht allein lassen, ihrem Tinnitus könne ein Hirnturmor zugrunde liegen - die zur Diagnose nötige Kernspin-Untersuchung erfolge wegen zu großer Auslastung aber erst in acht Wochen. Und nicht selten reagieren Verwandte oder Bekannte des Patienten mit eigenen Tinnitus-Horrorgeschichten.

So kann das Störgeräusch eine ungesunde Allianz mit Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit und regelrechter Panik eingehen. Eine Verbindung, die sich schnell auch ins Gehirn einschreibt. Wolfgang Bremer wurde nach der Feier, bei der ihn das Rauschen packte, zunächst mit "Verdacht auf Schlaganfall" ins Krankenhaus eingeliefert. Bis heute, drei Jahre danach, ist ihm diese Angst geblieben.

Stress intensiviert den Nervenräuber

So wichtig die erste Reaktion des Umfeldes und der Ärzte ist, so bedeutend ist auch die seelische Stabilität des Patienten. Auch wenn Stress Tinnitus nach bisherigen Erkenntnissen nicht direkt auslösen kann, berichten die meisten Patienten, dass sie bei großer alltäglicher Belastung stärker leiden. "Wenn ich schwach bin, bist Du stark", schreibt Wolfgang Bremer in seinem Brief an den Tinnitus.

Er hat erlebt, wie groß die Angriffsfläche für den Nervenräuber wird, wenn rundherum nur Überlastung ist. Bremer arbeitete deutlich mehr als 60 Stunden pro Woche, zwischenzeitlich wurde eines seiner Kinder krank, in der Gemeinschaftspraxis kam es immer wieder zu Konflikten. "Das alles hat mir so viel Energie geraubt, dass ich den Tinnitus einfach nicht mehr bewältigen konnte."

In direkterem Zusammenhang steht Stress offenbar mit dem Hörsturz - der extremen, plötzlichen Hörminderung, welcher oft ein Tinnitus folgt. Auch die Ursachen des Hörsturzes und seine Mechanismen sind noch kaum ergründet. Doch scheinen meist die sogenannten Haarzellen im Innenohr Schaden zu nehmen, zum Teil sterben sie sogar ab. Zwar ist auch hier Stress als Ursache nicht bewiesen, doch berichten viele, den Hörsturz erlitten zu haben, als sie im Wortsinne "zu viel um die Ohren" hatten.

Schnell zum Arzt

Als Jana Capone, 27, ihren Freund eines Morgens nicht mehr sprechen hörte, sondern nur sah, wie er seine Lippen bewegte, dachte sie, das sei einer seiner Späße. "Aber dann hob ich meinen Kopf vom Kissen, und als mein rechtes Ohr frei wurde, hörte ich ihn." Schon am Abend zuvor hatte sie auf dem Heimweg ein Kreischen im Ohr überfallen. Sie hatte viel gearbeitet. Gut 14 Stunden stand die Kellnerin beinahe täglich im Job. Dazu das Klappern der Gläser, das Dröhnen der Dunstabzugshauben in der Küche, das Hallen der Gespräche in dem großen Raum. "Der Hörsturz war wohl der notwendige Schuss vor den Bug", sagt sie sich jetzt.

Schritt Nummer eins auf dem Weg zur erfolgreichen Therapie: die schnelle Hilfe. Zwar ist ein plötzlich auftretendes Geräusch im Ohr noch kein Grund zur Panik - oft verschwindet es in den ersten beiden Tagen ganz von allein. Doch spätestens am dritten Tag sollte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt konsultiert werden. Jana Capone ging nach ihrem morgendlichen Hörsturz gleich ins Krankenhaus und bekam die in Deutschland bislang übliche Therapie: Infusionen mit Blutverdünnern und Cortison. Die Mittel sollen das Innenohr besser durchbluten helfen, sodass sich die angegriffenen Haarzellen womöglich erholen.

Im Gegensatz zur Cortisonbehandlung konnte die Wirksamkeit der Verdünner allerdings nicht sicher belegt werden, weshalb Experten in Zukunft auf sie verzichten wollen. "Doch auch beim Cortison wissen wir nicht, warum es dem einen Patienten hilft und dem anderen nicht", sagt Mediziner Hesse. Die Infusionstherapie nützt also nicht zuverlässig, ist aber besser als nichts. Hesse sieht zudem einen psychologisch wichtigen Nebeneffekt: "Der Patient liegt für einige Stunden flach am Tropf und kommt zur Ruhe." Damit sei insbesondere den chronisch überlasteten Workaholics geholfen. Auch Jana Capone begriff erst im Krankenhaus, wie ausgelaugt sie war. Sie hatte Glück: Die Infusionen dämpften den Tinnitus auf ein erträgliches Maß.

Flexibilität lernen

Bei vielen anderen Patienten aber klingt der Lärm im Kopf nicht ab. Ihnen jedoch bleibt die erstaunlich heilsame Kraft der Gewöhnung. Denn in der schicksalsträchtigen Erkenntnis, dass der Tinnitus offenbar Folge der Fähigkeit des Hirns ist, auf Veränderungen und Fehler mit Umstrukturierung und Anpassung zu reagieren, liegt auch die große Chance für Tinnituskranke. Gerade diese Flexibilität ist es, die ein Ertragen des Dauertons ermöglicht. Wie manche Schlaganfallpatienten das Gehen oder Sprechen wieder erlernen und Schmerzpatienten manche Pein verlernen können, lässt sich auch der richtige Umgang mit Tinnitus üben. Das lehren spezialisierte Ambulanzen, Tageskliniken und psychosomatisch ausgerichtete Krankenhäuser.

Ein wesentliches Element der dort bewährten Bewältigungstherapie ist zunächst die Behandlung des Ohrschadens, beispielsweise mit einem Hörgerät. Es verstärkt den echten Höreindruck auf den geschädigten Frequenzen und mindert dadurch, relativ betrachtet, das Phantomgeräusch. Schon die Erfahrung, das Problem mit einem einfachen technischen Hilfsmittel zu zügeln, macht vielen Geräuschgequälten Mut. Doch anders als manche Brille gilt ein Hörgerät nicht als sexy, weshalb es viele Patienten große Überwindung kostet, es zu tragen. "Ich dachte, das ist etwas für alte, tatterige Leute", sagt Wolfgang Bremer, der häufig auf seinen "Knopf" im Ohr angesprochen wird. Mittlerweile reagiert er gelassener auf die neugierigen Fragen. Das technische Hilfsmittel hat den Ton in seinem Kopf heruntergedreht, außerdem kann er in nebengeräuschreichen Situationen besser zuhören.

In anderen Fällen helfen Rauschgeräte, die das Sausen, Pochen oder Summen überdecken. Der Tinnitus tritt in den Hintergrund, je mehr er von anderen Geräuschen begleitet wird, vergleichbar mit einer brennenden Kerze: Im Dunklen sticht sie ins Auge, in einem hellen Raum nehmen wir sie kaum wahr.

Einfach weghören

Bei der Wahrnehmung setzen die Elemente der Therapie an, die das Verhalten und die Aufmerksamkeit der Patienten betreffen. Am Anfang steht die größte Hürde: Patienten mit chronischem Tinnitus müssen akzeptieren, dass das Ohrgeräusch sie vielleicht ein Leben lang begleitet, dass sie ihm aber ihre Aufmerksamkeit entziehen können. "Nur wer von der Hoffnung auf eine vollständige organische Heilung Abschied nimmt, kann anfangen, gut mit dem Tinnitus zu leben", sagt Sven Tönnies, Psychotherapeut in Hamburg. Ein gutes Leben mit dem Ohrgeräusch bedeutet, weghören zu lernen, ihm möglichst wenig Beachtung zu schenken.

"Manchmal gelingt es, dem Patienten eine positive Wahrnehmung der Geräusche zu vermitteln", erklärt Tönnies. So fragt er beispielsweise, ob der Betroffene sein Tinnitusgeräusch so oder ähnlich schon früher einmal gehört hat und vielleicht sogar angenehm fand. Einen erinnerte das "Wumm-wumm-wumm" im Ohr an eine Urlaubsreise auf einem Mississippi-Dampfer. "Die positiven Erinnerungen helfen ihm nun, trotz des Tinnitus einzuschlafen", sagt Tönnies.

Ergänzt werden die Trainings durch Wahrnehmungsaufgaben, bei denen die Übenden etwa in den Wald gehen, um Vogelstimmen zu unterscheiden oder die Richtung zu bestimmen, aus der ein Geräusch tönt. "Wir fördern so die Fähigkeit, Störgeräusche aus der Wahrnehmung zu filtern", erläutert Gerhard Goebel, Chefarzt der Roseneck-Klinik am Chiemsee. Ähnlich wie ein Parfüm, das man nach einer Weile nicht mehr riecht, kann so auch der Tinnitus aus der Aufmerksamkeit schwinden. Entspannungstechniken wie Yoga, Muskelrelaxation und Sport helfen, Stress als Verstärker von Ohrgeräuschen zu reduzieren.

Tiefe Verzweiflung

Zudem lässt es sich lernen, das eigene Denken und Verhalten vom Tinnitus zu lösen. Denn oft setzen sich die Genervten mit Leistungswillen und Ängsten unter neuen Druck und begeben sich so in einen Teufelskreis. "Ich hatte immer starke Schultern und konnte nicht akzeptieren, dass ich am Ende meiner Kräfte war", sagt Wolfgang Bremer. "So wurde sowohl der Tinnitus als auch meine Frustration über die Leistungsschwäche immer schlimmer." Am Ende musste Bremer sich mit der Diagnose Burnout in einer Klinik behandeln lassen.

Tatsächlich gehen Depressionen, Angst- und Panikstörungen oft mit Tinnitus einher. Manche Betroffene stürzen so tief in die Verzweiflung, dass sie nur im Freitod einen Ausweg sehen. "Doch ob der Tinnitus Ursache oder Folge der seelischen Erkrankung ist, lässt sich meist nicht genau sagen", erklärt der Mediziner Goebel. Viele Denkmuster, die Ohrgeräusche verstärken, sind fest in der Persönlichkeit des Patienten verwurzelt - lange bevor das erste Sausen auftritt. Andere sind vielleicht erst aufgrund der dauerhaften Belastung durch den Tinnitus entstanden. "Dies auseinanderzuhalten ist unmöglich. Deshalb behandeln wir nicht einzelne Symptome, sondern den ganzen Menschen", so Goebel.

Die Erkenntnis, den wichtigsten Hebel für die Genesung selbst in der Hand zu halten, gewinnen viele erst nach Monaten oder gar Jahren. Zuvor durchleiden sie eine Odyssee von Arzt zu Arzt, sie probieren eine Therapie nach der nächsten, immer auf der Suche nach schneller Heilung. Marianne Felden, 36, hört ein Summen im Ohr wie von einem alten Kühlschrank. Sie war bei verschiedenen HNO-Ärzten. Der eine verschrieb Wärmebehandlungen mit Infrarotlicht, der andere maß den Innendruck des Ohres und wusste danach nicht weiter. Ein weiterer Kollege machte einen Hörtest, der keinen Befund brachte. "Er unterstellte schlicht, ich würde simulieren", erzählt die Kölnerin. Sie probierte es mit Akupunktur, ließ ihren Kiefer zahnärztlich untersuchen. Nichts davon hat Felden von ihrem Ohrgeräusch befreit. Nach Jahren mit einem stetig sich verschlimmernden Tinnitus zieht sie ein bitteres Fazit: "Niemand weiß, woher er kommt und wie man ihn behandeln kann."

Wissenschaftliche Fortschritte

Mit der Hoffnung auf eine wundersame Heilung machen unseriöse Anbieter gute Geschäfte. Auf dem bunten Markt der Tinnitustherapien gibt es Laserbestrahlung, Magnetmatten, Vitaminpillen, Akupunktur, homöopathische Mittel und weitere klingende Verheißungen. Bestenfalls schaden sie nicht. Die Vielfalt des Halbseidenen aber zeigt nur, wie hilflos die Wissenschaft dem Phänomen Tinnitus gegenübersteht. Doch immerhin zeichnen sich erste Fortschritte der Forschung ab.

Als einer der ersten Tinnitusexperten weltweit erprobt Tobias Kleinjung von der Universität Regensburg mit Kollegen die Wirkung der sogenannten transkraniellen Hirnstimulation (TMS). Mit einer starken Magnetspule wird bei den Experimenten die akustische Hirnrinde der Patienten gereizt. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Je nach Frequenz der Stimulation bleibt der Tinnitus für eine Weile leiser oder verstummt in einzelnen Fällen kurzfristig sogar ganz. Doch wie genau der Magnetbeschuss wirkt, ist noch unklar. Denn bislang, sagt auch Kleinjung, gebe es nur modellhafte Vorstellungen, was man da an welcher Stelle eigentlich genau bewirke. "Wir sind da noch ganz am Anfang, TMS bei Tinnitus ist ein Thema für die Wissenschaft, nicht für die Praxis."

Andere Forscher arbeiten daran, die bei Tinnitus so oft geschädigten Haarzellen im Innenohr mithilfe von Stammzellen neu wachsen zu lassen, um sie den Patienten eines Tages einpflanzen zu können. "Zurzeit laufen Versuche bei Ratten und Mäusen", sagt der Tinnitus-Arzt Hesse, dämpft aber Hoffnungen auf schnellen Erfolg: "Für den Menschen liegt diese Chance in weiter Ferne."

Bei Lärm vorsorgen

Jeder von Tinnitus Verschonte sollte einstweilen darüber Bescheid wissen - denn Vorsorge ist hier wirklich die beste Medizin. "Lärmschutz ist das Wichtigste. Das fängt schon zu Hause beim Heimwerken an. Bei Konzerten gehören Ohrstöpsel dazu. Und wer sich oft in lauter Umgebung aufhalten muss, sollte Lärmpausen einlegen - mit Ausflügen an ganz ruhige Orte", sagt Hesse. Und auch der richtige Umgang mit Stress, wie ihn die Patienten in der Bewältigungstherapie erlernen, kann schützen.

In seinem Brief an den Tinnitus schreibt Wolfgang Bremer: "Ich werde mir etwas einfallen lassen, um für Dich unattraktiv zu werden. Das kann ich, indem ich negativen Stress und extreme Belastungen aus meinem Leben verbanne." Bremer hat die Botschaft seines Tinnitus verstanden und ist dabei, sein Leben zu vereinfachen. Er will deutlich weniger arbeiten, will den Erwartungen anderer ab jetzt Grenzen setzen und sich selbst Schwächen erlauben. "Damit werde ich Energie freisetzen, um Dich zu bändigen. Du hast mich jetzt drei Jahre lang geärgert. Das reicht."

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Helen Bömelburg und Katharina Kluin