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7. November 2011, 17:56 Uhr

Warum die Keime so gefährlich sind

Nach dem Tod von drei Frühchen in Bremen sucht die Klinik weiter nach der Infektionsquelle. Im stern.de-Interview erklärt Hygiene-Expertin Petra Gastmeier, was die Keime so gefährlich macht - und wie sie in die Klinik gelangt sein könnten.

© privat Zur Person Professorin Petra Gastmeier ist Direktorin am Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité und Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance Nosokomialer Infektionen.

Frau Gastmeier, drei Frühchen sind in Bremen nach einer Infektion mit Bakterien gestorben, einige weitere sind teils schwer erkrankt. Was macht diese Keime so gefährlich?

Diese ESBL-Klebsiella-Bakterien können gerade bei schwachen und kranken Menschen eine Reihe von sehr gefährlichen Infektionen hervorrufen - etwa der Harnwege, von Wunden oder der Lunge. Die Abkürzung ESBL steht dabei für "Extended Spectrum Beta-Laktamasen", das sind Enzyme, die viele Antibiotika unwirksam machen. Für Frühchen sind die Erreger besonders gefährlich, denn ihr Immunsystem ist noch so wenig entwickelt, dass eine Infektion häufig innerhalb von sehr kurzer Zeit besonders gravierende Folgen hat. Je leichter das Frühchen ist, umso größer das Risiko.

Bei multiresistenten Erregern in Krankenhäusern, denkt man meist zuerst an MRSA-Bakterien. Sind die Erreger vergleichbar?

ESBL-Erreger sind sogenannte gramnegative Keime. Sie sind eigentlich viel gefährlicher als grampositive Keime wie MRSA, die ebenfalls immer wieder zu schweren Infektionen führen.

Woran liegt das?

Bei MRSA gibt es mindestens noch vier oder fünf Antibiotika, die man einsetzen kann. Bei gramnegativen, multiresistenten Bakterien zeigt meist nur noch eine Klasse von Antibiotika Wirkung. Es gibt inzwischen auch Klebsiellen, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft, wobei ich nicht glaube, dass solche gegen jedes Antibiotikum resistenen ESBL-Erreger in Bremen aufgetreten sind. Denn eine vollkommene Resistenz wird meist durch Patienten aus dem Ausland eingeschleppt. Das haben wir in Deutschland bisher sehr selten gesehen.

Woher kommen die Bakterien?

Klebsiellen und andere gramnegative Bakterien haben wir alle zu Abermillionen im Darm. Allerdings tragen sie normalerweise keine Resistenzen. Immer häufiger sind jedoch Personen aus der Normalbevölkerung Träger von solch resistenten ESBL-Keimen - selbst wenn sie in der letzten Zeit weder im Krankenhaus waren, noch eine andere medizinische Behandlungen hatten, über die sie die Keimen hätten erwerben können.

Was könnte der Ursprung sein?

Es wird vermutet, dass die Bakterien in diesen Fällen über die Nahrung in den Körper gelangt sind. Niederländische Wissenschaftler haben festgestellt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Geflügelfleisch und dem Auftreten von ESBL-Keimen gibt. Das Problem sind vor allem die großen Masttieranlagen. Wenn dort einige wenige Tiere erkranken, bekommt gleich die gesamte Belegschaft Antibiotika verabreicht. Da ist es nicht verwunderlich, dass Hühnerfleisch häufig kontaminiert ist.

Nun lässt sich eine fleischreiche Ernährung bei Frühchen ausschließen.

Sicher, man weiß von den Vorfällen in Mainz, dass auch eine Kontamination von Nährlösungen theoretisch in Frage kommt. Wahrscheinlicher ist hier jedoch eine Übertragung während der Geburt, wenn etwa schon die Mutter den Keim trug. Von hier könnten die Keime über Körperkontakt mit den Pflegern und Ärzten auch auf andere Kinder übertragen worden sein. Vielleicht war auch einer der Mitarbeiter mit den Keimen besiedelt und hat sie unbemerkt verbreitet.

Die Mitarbeiter selbst wurden erst kürzlich untersucht, macht das Sinn?

Es gibt keine Empfehlung, die besagt, man müsse bei einem Einzelfall das komplette Personal auf den Keim testen. Dafür gibt es zu viele andere Ursachen für eine Infektion. Kommt es jedoch zu einem Ausbruch, würde ich das schon sehr bald in Erwägung ziehen.

Mittlerweile ist bekannt geworden, dass auch eine Frühchen-Station in Hamburg im vergangenen Jahr Probleme mit EBSL-Keimen hatte und geschlossen werden musste. Wie verbreitet sind die Keime in Krankenhäusern?

ESBL-Bakterien haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die Infektionen auf Intensivstationen mit diesem Keim haben sich zwischen 2003 und 2009 fast verfünffacht.

Sind die Hygienestandards nicht hoch genug oder werden sie nicht eingehalten?

Gerade in der Neonatologie, also der Versorgung von Früh- und Neugeborenen, sind die hygienischen Anforderungen besonders hoch und das Personal ist gut geschult. Das Problem ist, dass die Frühgeborenen über Wochen und Monate Schläuche im Körper haben, über die sie behandelt und ernährt werden. Für Erreger sind das ideale Eintrittspforten in den Körper. Und während bei Erwachsenen einige Bakterien für eine Infektion nötig sind, reichen bei Frühgeborenen schon minimale Keimzahlen für eine Erkrankung. Vollkommen ausschließen lässt sich eine Infektion daher nie.

In vielen Stationen wurde in den letzten Jahren immer mehr Personal gekürzt. Führt das zu Fehlern?

Personalknappheit ist besonders problematisch. Wenn eine Schwester mehr als ein oder zwei Kinder betreut, kann bei Notfällen etwa die Händedesinfektion kaum noch so penibel eingehalten werden.

Für die Kinder ist es psychologisch besser, wenn sie Kontakt zu den Eltern haben. Ist man durch die Ausbreitung resistenter Erreger vielleicht bald dazu gezwungen, die körperliche Nähe zu den Eltern einzuschränken?

Natürlich ist das ein zusätzliches Problem. Aber man muss versuchen, eine Balance zu finden. Anders geht es nicht. Und wenn man die Eltern mit den Hygieneregeln vertraut macht, halten sie sich eigentlich auch sehr gut daran.

Kann man in Zukunft auf neue Behandlungsmethoden für ESBL-Infizierte hoffen?

Das ist ein riesiges Problem. In den letzten Jahren sind kaum neue Antibiotika auf den Markt gekommen. Die Entwicklung von Medikamenten ist sehr teuer, da konzentriert sich die Industrie lieber auf Mittel, die häufiger eingenommen werden und deren Gewinnspanne deutlich größer ist. Und so hat eine Firma nach der anderen die Forschung nach neuen Antibiotika eingestellt.

Interview: Nicole Simon
 
 
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