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Wie mit dem Schmerz einer Totgeburt leben?

In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 2000 Babys tot geboren. Oft bleibt die Todesursache unklar. Was hilft Eltern, den Verlust zu verarbeiten?

  Schmerzender Verlust: Ein tot geborenes Kind hinterlässt Spuren an der Seele. Experten schätzen, dass etwa jedes zehnte Kind während der Schwangerschaft im Mutterleib stirbt.

Schmerzender Verlust: Ein tot geborenes Kind hinterlässt Spuren an der Seele. Experten schätzen, dass etwa jedes zehnte Kind während der Schwangerschaft im Mutterleib stirbt.

Eine Schwangerschaft verändert alles: Werdende Eltern schmieden Zukunftspläne, ziehen womöglich in eine größere Wohnung um. Sie kaufen Anziehsachen für das Ungeborene, richten ein Kinderzimmer ein und überlegen sich einen Namen. Sie hören dem Herzschlag des Babys via Ultraschall zu und sehen auf 3-D-Aufnahmen, wie das Ungeborene seine Hände zu einer Faust ballt. Noch nie konnten Eltern ihrem künftigen Kind gefühlt so nahe sein - und umso mehr schmerzt es, das Leben, das noch nicht einmal richtig begonnen hat, wieder gehen zu lassen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) schätzt, dass von 1000 Geburten etwa zwei bis drei Kinder tot auf die Welt kommen. Warum ein Kind verfrüht im Mutterleib stirbt, kann nicht in jedem Fall geklärt werden. Möglicherweise wurde es nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt oder war an einer Infektion erkrankt, die zum Tode führte. Auch Fehlbildungen des Kindes und Probleme mit der Nabelschnur, etwa ein Nabelschnurknoten, gelten als mögliche Ursachen. Mitunter kommt es vor, dass ein Kind während oder kurz nach der Geburt stirbt. Atemprobleme, schwere Infektionen oder Hirnblutungen können Schuld daran sein.

Mediziner unterscheiden zwischen einer Fehl- und einer Totgeburt: Sterben die Kinder im Mutterleib, ehe sie ein Gewicht von 500 Gramm erreicht haben, sprechen Ärzte von einem Abort, einer Fehlgeburt. Verstorbene Kinder, die 500 Gramm oder mehr wiegen, gelten als tot geborene Kinder. Für beide Fälle gilt: In der Regel lässt sich der Tod des Kindes nicht verhindern - weder Eltern noch das medizinische Fachpersonal tragen also Schuld am vorzeitigen Verlust.

Trauer und Schuldgefühle bestimmen den Alltag der Eltern

Dennoch entwickeln viele trauernde Mütter auch Schuldgefühle: Sie haben Angst, versagt zu haben und fürchten, dass sie ihr Kind unter Umständen nicht richtig versorgen konnten. "Schuld- und Versagensgefühle sowie die verzweifelte Suche nach Erklärungen können mit einem erheblichen Leidensdruck einhergehen", schreibt Anette Kersting, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Leipzig in einer Übersichtsarbeit zu dem Thema. Frauen, die eine Totgeburt erleben mussten, erkranken zudem häufiger an psychischen Erkrankungen: So zeigte eine Untersuchung US-amerikanischer Forscher, dass Frauen, die ihr ungeborenes Kind im letzten Schwangerschaftsdrittel verloren hatten, ein besonders hohes Risiko besaßen, eine Depression zu entwickeln. Auch posttraumatische Belastungsstörungen oder Ängste können in Folge des Verlustes auftreten.

Auch Männer trauern - aber anders

"Während Frauen das Bedürfnis haben, über den Tod ihres Kindes zu sprechen, fällt es vielen Männern schwer, ihre Gefühle auszudrücken", so Kersting weiter. "Im Vergleich zu Frauen neigen Männer eher dazu, den Verlust zu verleugnen oder sich durch ein erhöhtes Arbeitsengagement abzulenken." Das bedeutet allerdings nicht, dass Männer nicht trauern - bei ihnen äußert sich der Schmerz lediglich auf andere Art und Weise.

Das unterschiedliche Trauerverhalten birgt allerdings die Gefahr, dass Frauen das Verhalten als Mangel an Gefühlen interpretieren - und offene Gespräche über den Verlust meiden. Dabei ist eben jener offene Austausch zwischen Familienmitgliedern sehr wichtig für die Realisierung des Verlusts. Das, und auch die Hilfe eines Psychotherapeuten können helfen, den Schmerz über den vorzeitigen Tod zu lindern.

Ilona Kriesl
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