Warum sein kann, was nicht sein darf

4. September 2013, 17:14 Uhr

Eine 72-Jährige wird nach einem Autounfall zuerst für tot erklärt und in die Pathologie gebracht, dann atmet die vermeintliche Leiche. Wie kann das sein? stern.de sprach mit einem Notfallarzt. Von Lea Wolz

Itzehoe, Unfall, Notarzt

Bei dem Unfall nahe Itzehoe kamen drei Menschen ums Leben©

Lebendig begraben zu werden - das dürfte für die meisten Menschen eine Vorstellung sein, die Urängste weckt. Entsprechend sorgt der Fall einer 72-jährigen Frau, die nach einem Autounfall für tot erklärt wurde und sich später im Leichensack bewegte, für Erstaunen und Entsetzen.

Zu dem Unfall kam es am Montag auf der Autobahn A 23 bei Itzehoe. Ein mit sieben Personen besetzter Kombi geriet auf die Gegenfahrbahn, bei dem Crash starben eine 36-jährige Frau und ein sechsjähriger Junge, sechs weitere Personen wurden schwer verletzt. Die ältere, zunächst fälschlich für tot erklärte Frau ist mittlerweile im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen.

Doch der Unfall wirft Fragen auf: Wie gehen Notärzte bei einem solchen Einsatz vor? Wie stellen sie fest, ob jemand noch lebt oder nicht? Und wie sind solche Fehler zu erklären? Michael Caspary, Oberarzt an der Asklepios Klinik in St. Georg in Hamburg, ist seit 18 Jahren als Notarzt im Einsatz. Ein Fall, wie der bei dem Autozusammenstoß nahe Itzehoe, ist ihm noch nicht untergekommen. "So etwas ist aber auch extrem selten", sagt er.

Ein Urteil aus der Ferne will er sich nicht anmaßen. "Dafür müsste man die Situation und die Umstände vor Ort genau kennen." Doch nach allem, was bis jetzt bekannt ist, sind die Kollegen vor Ort eigentlich so vorgegangen, wie es auch Caspary tun würde. An einer Unfallstelle mit mehreren Verletzten, müsse man sich erst einmal einen Überblick verschaffen. "Dafür schauen wir einen Patienten nach dem anderen an", sagt Caspary. "Ist der Betroffene nicht ansprechbar, überprüfen wir vor Ort als erstes, ob Atmung und Puls vorhanden sind und schauen in die Pupillen, ob diese auf Licht reagieren."

Denn unter Zeitdruck müssen die Helfer schnell die Entscheidung treffen, wo die zumeist zu Beginn noch begrenzten Kräfte eingesetzt werden sollten. Sprich: Wer braucht dringend Hilfe? Wer hat eine gute Chance? "Im Rettungsdienstgesetz von Schleswig-Holstein ist geregelt, dass der erste eintreffende Notarzt erst einmal die Funktion des leitenden Notarztes übernimmt", sagt Caspary. Er verteilt die Kräfte und koordiniert den Einsatz, behandelt also nicht selbst.

Wie Lazarus von den Toten auferstanden

Bei dem Unfall bei Itzehoe hatten Helfer die sogenannten Vitalzeichen- also Atmung, Puls und Pupillen - bei der 72-Jährigen überprüft, zusätzlich sei ein EKG erstellt worden, sagte ein Sprecher des Klinikums Itzehoe. Da keine Lebenszeichen festzustellen waren und die Frau sehr schwere Kopfverletzungen hatte, sei sie als klinisch tot eingestuft worden. Durchaus nachvollziehbar für Caspary: "Wenn keine elektrische Aktivität da ist, das Gerät also eine Nulllinie anzeigt, spricht dies für einen klinischen Tod."

Doch wie verlässlich ist die Messung? "Wenn die Elektroden gut geklebt sind und der Hautwiderstand nicht zu groß ist, ist ein EKG eigentlich zuverlässig", sagt der Notfallmediziner. "Es kommt aber auch vor, dass es mal nicht funktioniert." Etwa, wenn Nässe mit im Spiel ist. "Dann kann es schon einmal passieren, dass die Kontakte auf der Brust nicht richtig angebracht sind." Zudem können die Lebenszeichen - etwa bei Kälte - auf ein derartiges Minimum heruntergefahren sein, dass sie nur schwer zu erkennen sind.

Für Caspary ist daher klar: "Wenn für eine erste Einschätzung nur wenig Zeit bleibt - etwa weil es am Unfallort mehrere Verletzte gibt, muss diese noch einmal überprüft werden, wenn mehr Kollegen eingetroffen sind."

Aus der Literatur ist aber auch das sogenannte Lazarus-Phänomen bekannt, benannt nach dem Heiligen Lazarus, den Jesus von den Toten auferweckt haben soll. Es tritt zwar extrem selten auf, kann aber vorkommen. "Dabei ist zu dem Zeitpunkt, wenn die Mediziner die Vitalparameter messen, kein Kreislauf mehr vorhanden", erläutert Caspary. Dieser kehre aber nach kurzer Zeit wieder zurück. Warum genau und wie dies passiert, ist noch nicht geklärt.

Um auszuschließen, dass der Tod irrtümlich festgestellt wurde, sei es daher ratsam, mindestens noch zehn Minuten nach Abbruch der Reanimation den Patienten zu überwachen. Denn in diesem Zeitraum, das zeigt auch eine Übersichtsarbeit zu dem Thema, tritt das Phänomen meistens auf.

"Eine Horrorvorstellung für jeden Notarzt"

Den sicheren Tod können Notärzte aber ohnehin nicht feststellen, betont Caspary. Dafür sei die Zeit, in der die Entscheidung getroffen werden muss, zu knapp. "Eindeutige Todeszeichen wie Leichenflecke zeigen sich erst nach etwa einer halben Stunde, bis die Leichenstarre einsetzt, dauert es etwa zwei Stunden." Der Notarzt stelle daher immer nur den vorläufigen Tod fest. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit, dass er irrt, äußerst gering. "Doch ein Restrisiko bleibt." Natürlich, sagt Caspary, stelle man sich dann immer die Frage, ob man die Wiederbelebung zu früh abgebrochen habe.

Hätte die 72-Jährige also gerettet werden können, wenn sie früher Hilfe erhalten hätte? Der Chef des Westküstenklinikums in Heide, wo die Frau operiert wurde, schließt dies aus. "Die schweren Kopfverletzungen haben letztendlich zum Tod geführt", sagte er. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet.

Egal wie dies letztlich ausgeht, und ob der Fall ein juristisches Nachspiel hat: Belastend ist eine falsche Todesdiagnose für alle, für die Angehörigen ebenso wie für die Retter. "Dass ein Patient wieder zum Leben erwacht, bei dem man die Wiederbelebungsmaßnahmen eingestellt hat, ist eine Horrorvorstellung für jeden Notarzt", sagt Caspary.

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