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Ex-Hedgefonds-Manager verteuert Medikament um 5000 Prozent

Über Nacht verteuert eine kleine US-Pharmafirma ein Medikament drastisch. Die Aktion sorgt für eine Welle der Empörung: Ärzte befürchten, dass Krankenhäuser sich das Mittel nun nicht mehr leisten können.

Von Lea Wolz

Martin Shkreli ist der Kopf hinter Turing Pharmaceuticals - und im Pharmageschäft der USA kein Unbekannter.

Martin Shkreli ist der Kopf hinter Turing Pharmaceuticals - und im Pharmageschäft der USA kein Unbekannter. 

Die Preissteigerung ist schon beachtlich: Über Nacht hat Turing Pharmaceuticals, ein kleines Pharma-Start-up in den USA, den Preis für Daraprim um 5000 Prozent gesteigert. Seit Mitte August kostet eine Tablette des Arzneimittels, das zur Behandlung von Toxoplasmose und seltener auch Malaria eingesetzt wird, 750 US-Dollar (rund 670 Euro). Zuvor war sie noch für 13,50 US-Dollar (rund 12 Euro) erhältlich. Dadurch würden die Behandlungskosten für manche Patienten auf mehrere Hunderttausend Dollar jährlich steigen, schreibt die "New York Times".

Dabei ist Daraprim, das den Wirkstoff Pyrimethamin enthält, keineswegs ein neues Medikament, dessen Entwicklung die Firma viel gekostet hat. Ganz im Gegenteil: Bereits 1953 hat es die US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen. Es gilt als Mittel erster Wahl in der Behandlung von Toxoplasmose, eine durch Parasiten übertragene Infektionskrankheit, die zwar meist harmlos verläuft und oft auch keiner Behandlung bedarf. Für Schwangere und ihr ungeborenes Kind oder Menschen mit einem geschwächten Immunsystem - etwa HIV-Infizierte oder Krebskranke - kann sie jedoch gefährlich werden und unbehandelt im schlimmsten Fall tödlich enden.

Haben sich Menschen mit einem geschwächten Immunsystem mit dem Erreger infiziert, muss daher rasch gehandelt werden. Eine sechswöchige Behandlung mit Daraprim, zweimal täglich eingenommen, schlug bis jetzt in Amerika mit 1130 US-Dollar zu Buche, schreibt die "LA Times". Die Preissteigerung habe die Kosten auf 63.000 US-Dollar ansteigen lassen - schon das ist ein saftiger Gewinn. Doch bei Aidskranken, die das Medikament nach einer Toxoplasmose-Infektion unter Umständen längere Zeit einnehmen müssen, könnten die Kosten nun sogar auf Summen bis zu 634.000 US-Dollar jährlich steigen, warnen die "Infectious Diseases Society of America" und die "HIV Medicine Association" in einem öffentlichen Brief an Turing. "Diese Kosten sind unverantwortlich für Patienten, deren Gesundheit gefährdet ist und die dieses Medikament brauchen, und unhaltbar für das Gesundheitssystem", schlagen sie Alarm.

Tatsächliche Kosten: weniger als einen Dollar

Auch Judith Aberg, Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Krankenhaus in New York hält die Preissteigerung für ungerechtfertigt. Sie könne dazu führen, dass Krankenhäuser auf alternative Therapien zurückzugreifen, die eventuell nicht so wirksam sind. "Es scheint alles nur darum zu gehen, Profit für eine bestimmte Person herauszuholen", sagte Aberg der "New York Times". "Ich denke, das ist ein gefährlicher Prozess."

Daraprim, das in der Herstellung nicht mehr als einen Dollar kostet, wurde ursprünglich von Glaxo-Smith-Kline hergestellt. 2010 verkaufte die Pharmafirma die Rechte für den US-amerikanischen Markt an CorePharma, die schon damals die Preise für das Medikament erhöhte. 2014 wiederum wurde CorePharma von Impax Laboratories geschluckt. Im August dieses Jahres ging Daraprim schließlich an Turing Pharmaceuticals - die Firma, die jetzt erneut und unerhört dreist - die Preise anzog und dafür kräftig kritisiert wird.

Der Hauptinvestor der Firma, Martin Shkreli, verteidigt die saftige Preissteigerung aus dem Nichts: Man habe das Geschäft profitabel machen müssen, sagte er in einem Interview mit "Bloomberg News". Der Markt für das Medikament sei zudem nicht sehr groß, die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem gering. Ein großer Teil der Patienten nehme die Arznei deutlich kürzer als ein Jahr ein. Die Einnahmen sollen zudem auch dazu genutzt werden, neue, bessere Medikamente  gegen Toxoplasmose zu entwickeln. "Wer sich das Medikament nicht leisten könne, erhalte es auch umsonst", verspricht Shkreli  bei "Bloomberg".

Doch ob es überhaupt einen Bedarf an neuen Toxoplasmose-Mitteln gibt, stellen Ärzte infrage. "Ich glaube ganz sicher nicht, dass dies eine der Krankheiten ist, bei der der Ruf nach besseren Therapien besonders laut ist", sagt Wendy Armstrong, Professorin für Infektionskrankheiten an der Emory Universität im US-Bundesstaat Atlanta der "New York Times".

"Kapitalismus pur"

Die Strategie, die Shkreli verfolgt, ist nicht neu: ältere Medikamente aufkaufen, deren Einsatzbereich zwar begrenzt ist, mit denen man aber durch die kreative Auslegung von Gesetzen am Markt die Stellung eines Monopolisten sichern und damit auch die Preise diktieren kann. Dabei ist es eine Gradwanderung, den Preis so zu erhöhen, dass er üppige Gewinne verspricht, aber gerade noch toleriert wird.

"Das Vorgehen ist Kapitalismus pur und die Preissteigerung unverschämt", sagt der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, der das pharmakritische Arzneitelegramm herausgibt. Zwar werde das Mittel tatsächlich relativ selten verwendet, aber es rette Leben. "Und wenn es keine wirkliche Alternative gibt, muss man den Preis eben zahlen."

In Deutschland wird Daraprim weiterhin von Glaxo-Smith-Kline vertrieben. "Eine Tablette kostet hier weniger als einen Euro", sagt Becker-Brüser. Doch theoretisch wäre ein solches Vorgehen, wie das von Turing Pharmaceuticals in den USA, dem Apotheker zufolge auch hierzulande möglich. "Neue Medikamente unterliegen zwar einer Nutzenbewertung, ein höherer Preis wird nur dann gezahlt wenn die Arznei wirklich einen Vorteil gegenüber älteren Präparaten bringt", sagt Becker-Brüser. "Aber bei älteren Medikamenten lassen bei einer entsprechenden Monopolstellung auch die Preise diktieren." Er erinnert sich an einen Fall, wo das passiert ist.

Momentan sei auch in Deutschland eine gefährliche Entwicklung zu beobachten, so Becker-Brüser. "Pharmafirmen versuchen Grenzen zu überschreiten und Preise in die Höhe zu treiben, wo es nur geht." Neue Krebsmittel etwa seien kaum mehr bezahlbar, der tatsächliche Nutzen nur gering. Für Schlagzeilen sorgte auch ein unter dem Namen Sovaldi vermarktetes neues Hepatitis-C-Mittel des US-Pharmakonzerns Gilead, bei dem eine einzige Tablette mehr als 700 Euro kostete. Mittlerweile hat Gilead die Preise für das Medikament allerdings etwas gesenkt.

Shkreli - kein Unbekannter

Zwar müssten auch Pharmafirmen verständlicherweise Gewinn erwirtschaften, räumt Becker-Brüser ein. Aber der ethische Aspekt dürfe dabei nicht aus den Augen verloren werden. "Es geht um die Gesundheit der Menschen", sagt er. Dieser Gedanke falle mittlerweile hinten runter, es zähle nur noch das Geld – „möglichst viel und möglichst schnell“.

Shkreli ist übrigens kein Unbekannter in dem Geschäft: Bereits 2011 gründete er eine Firma, Retrophin, die ebenfalls alte, vernachlässigte Arzneien aufkaufte und versuchte, daraus Gewinn zu schlagen. Doch er wurde gefeuert, ein Rechtsstreit tobt. Die Zeit seitdem hat Shkreli jedoch offenbar nicht ungenutzt verstreichen lassen und Turing Pharmaceuticals aus dem Boden gestampft, die Firma, die nun mit Daraprim satte Gewinne erwirtschaften soll.

Eine Arznei für das 55fache ihres ursprünglichen Preises zu verkaufen, könnte dann aber doch zu viel gewesen sein. Das Medienecho in Amerika ist jedenfalls gewaltig, auch auf Twitter hagelt es Kritik. "Diesmal könnte Martin Shkreli einen Schritt zu weit gegangen sein", vermutet Derek Lowe in seinem Blog "In the Pipeline". "Und das wäre eine gute Sache."

Hillary Clinton hat mittlerweile jedenfalls schon reagiert: Eine solche Abzocke im Markt spezieller Medikamente sei unerhört, ließ sie ihre Follower auf Twitter wissen - und versprach, einen Plan vorzulegen, um dagegen vorzugehen.


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