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Über Nacht drogenfrei

Heute noch an der Nadel hängen und morgen schon wieder ein drogenfreies Leben führen können - das verspricht ein Turbo-Entzug unter Narkose. Die Methode ist seit 15 Jahren bekannt, aber erst jetzt auf dem Vormarsch.

Im Schlaf clean werden - ohne die quälenden Strapazen des Entzugs. Das ist nach wie vor Wunschtraum für viele Drogensüchtige, die in ein normales Leben zurückfinden wollen. Eine Methode, die diesen Weg aus der Sucht eröffnet, ist der so genannte Turbo-Entzug unter Narkose, bei dem bestimmte Stoffe (Opiat- Antagonisten) die Wirkung des Heroins blockieren. In vielen Ländern ist diese Art des Entzugs bereits auf dem Vormarsch, in Deutschland hat sich die Methode noch nicht durchgesetzt. Rund 100 Experten aus aller Welt diskutierten kürzlich neue Entwicklungen auf der 3. Berlin Stapleford Konferenz für Suchtmedizin in Berlin.

Seit über 15 Jahren ist der Ansatz bekannt, wurde zunächst als Wunderwaffe gepriesen und geriet dann wegen ungeklärter Todesfälle zeitweise in die Kritik. Heute sind die Methoden so verfeinert, dass das Verfahren in vielen Staaten der Welt, etwa Australien oder Indien, in größerem Maß angewandt wird. In den Niederlanden wird es von 2007 an sogar von den Krankenkassen bezahlt.

"Du musst leiden und büßen"

"Aber das Problem ist, dass Drogensucht von vielen nach wie vor als moralisches Ding angesehen wird", sagt Professor Herbert Kleber, Suchtexperte der Columbia Universität New York. Getreu dem Motto "Du musst leiden und büßen" habe sich ein schmerzfreier Entzug vielerorts nicht durchsetzen können. "Auch Deutschland hat eine andere Tradition: Bei uns wurde lange auf Selbsthilfe und psychosoziale Ansätze gesetzt. Erst seit 1998 gibt es eine Gesellschaft für Suchtmedizin und bislang haben wir nur einen Lehrstuhl", erläutert der Suchtmediziner Felix Tretter, Chefarzt am Bezirkskrankenhaus Haar bei München.

Ebenso wie in Haar wurde der Turbo-Entzug in Berlin am jüdischen Krankenhaus und in einem Pilotprojekt des Berliner Uniklinikums schon einmal angeboten. Er wurde jedoch wieder eingestellt - vor allem aus Kostengründen. "Dabei ist er unterm Strich günstiger als ein dreimaliger Abbruch beim Methadon-gestützten Entzug", erklärt die Berliner Fachärztin für Anästhesiologie, Linda Partecke, die mehr als 200 Entzüge unter Narkose am jüdischen Krankenhaus vorgenommen hat.

Deutliche Vorteile gegenüber Methadon

Dabei sprechen die Zahlen für sich: "Während nach einem Methadon- gestützten Entzug nach sechs Monaten nur etwa 30 Prozent der Patienten clean bleiben, sind es bei denen mit Naltrexon-Implantaten nach 30 Monaten noch 60 Prozent", sagt Partecke. Durch die Implantate im Anschluss an die mehrtägige stationäre Entgiftung wird gewährleistet, dass der Wirkstoff permanent - bis zu einem Jahr lang - freigesetzt wird und er die Rezeptoren, an die sonst das Heroin andockt, ständig besetzt. Der Effekt: Selbst wenn ein Ex-Junkie wieder zur Spritze greift, wird er nicht mehr high.

Lange Zeit wurde das Mittel auch als Tablette verabreicht. "Aber hier halten viele nicht durch, das ist ein psychologisches Problem", weiß US-Fachmann Kleber, der seit 40 Jahren mit Süchtigen arbeitet. Als Alternative zu den Implantaten, die nicht immer gut vertragen werden und mit dem Körpergewebe verwachsen, hat er deshalb eine injizierbare Variante erprobt. Die Studie, die er in Berlin präsentierte, zeigt, dass die Depotspritze wenigstens einen Monat lang die Wirkung von Heroin verhindert. Danach müssen die Entzugswilligen sich ihre nächste Portion verabreichen lassen. "Aber 80 Prozent der 60 Studienteilnehmer kamen nach einem Monat zurück und machten weiter", so Kleber.

Kosteneffektiver als die Methadon-Methode

Auch eine neue Studie aus den Niederlanden zeigt Alternativen: Danach ist die Wirkung des Turbo-Entzugs genauso gut, wenn statt der Vollnarkose nur Beruhigungsmittel verabreicht werden. Professor Cor de Jong von der Universität Nijmwegen: "Schon in unserer Pilotstudie von 2000 konnten wir zeigen, dass der Turbo-Entzug unter Narkose insgesamt kosteneffektiver ist als die Methadon-Methode. Und der Turbo-Entzug mit Beruhigungsmitteln ist noch einmal preisgünstiger."

"Von diesen Größenordnungen können wir nur träumen", sagt Partecke. Nicht zuletzt die geringe Zahl der Patienten und damit wenig belastbare Studienergebnisse seien schuld daran, dass die Wirksamkeit aus Sicht der deutschen Krankenkassen nicht ausreicht. "Wir müssen also weiter auf internationale Zahlen setzen." Darüber hinaus sei es jedoch wichtig, dass Suchtmediziner, Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen und Drogenberater besser zusammen arbeiten. Partecke: "Denn Suchttherapie ist immer individuell und braucht eine breite Palette."

Andrea Barthélémy/DPA/DPA
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