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Dick durch Chemikalien?

Forscher haben Beweise vorgelegt, dass bestimmte chemische Stoffe die Gene eines Kindes schon im Mutterleib umprogrammieren können - und so die Weichen für ein dickes Leben stellen. Die Gefahr lauert fast überall.

Das Einmaleins für eine gute Figur ist weithin bekannt: Viel Bewegung und Zurückhaltung am Tisch. Aber Übergewicht ist nicht nur eine Frage der Disziplin, behaupten US-Wissenschaftler jetzt. Es kann Menschen offenbar auch durch Umweltchemikalien mit in die Wiege gelegt werden. Mehrere Forscherteams präsentierten in San Francisco eine Erklärung für die zunehmenden Gewichtsprobleme der Welt: Chemikalien. In Tierversuchen gelang es nachzuweisen, dass bestimmte chemische Stoffe, allen voran die "Umwelt-Östrogene", Übergewicht schon im Mutterleib programmieren. Die neuen Daten wurden auf dem weltgrößten interdisziplinären Wissenschaftskongress, der AAAS-Jahrestagung in San Francisco vorgestellt.

Demnach können bestimmte Umweltchemikalien in kritischen Entwicklungsphasen eines Fötus in die Programmierung seiner Gene eingreifen und damit die Bestimmung von Fettzellen und sein Wachstum nach der Geburt beeinflussen, sagte der Biologe Frederick vom Saal von der Universität von Missouri. "Wir haben jetzt umfangreiches Beweismaterial dafür, dass die Fettleibigkeit im Erwachsenenalter - bei Versuchstieren und bei Menschen - mit Faktoren im Mutterleib zusammenhängt." Außer vom Saal legten unter anderen Experten der Zentren für Seuchenkontrolle (CDC) in Atlanta entsprechende Daten von Tierversuchen vor.

Stoffe aus Babyfläschchen machten Mäuse dick

Beispiel Bisphenol A: Dieser östrogenartige Stoff kommt in Plastikbehältern und -bechern vor und wird als Beschichtung von Getränkebüchsen und Gemüsedosen verwendet. Selbst in Babyfläschchen und Kinderspielzeug werde es verwendet, warnte vom Saal. Männliche und weibliche Mäuse, die mit Bisphenol A im fötalen Stadium in Kontakt kamen, legten später weitaus mehr an Gewicht zu als Kontrolltiere ohne Kontakt zu dem Chemikal. Dabei wurden Dosierungen angewendet, die für menschliche Föten in Industrieländern üblich oder sogar vergleichsweise niedrig sind, berichtete Retha Newbold vom National Institute for Environmental Health Sciences.

Einfluss auf Zellen ungeklärt

Bruce Blumberg und Kollegen von der Universität von Kalifornien in Irvine wiesen den Effekt bei Versuchstieren auch mit einer Gruppe organischer Schadstoffe nach, den Organotinen. Zu ihnen gehöre das als TBT bekannte Tributylin. Es werde seit den 1960er Jahren für Farben in der Schifffahrt benutzt. Menschen kämen mit Organotinen vor allem über präservierte Fische und Meerestiere, über Fungizide in Ernteprodukten, Mittel zur Holz- und Textilbehandlung sowie Spuren von Industriewassern in Kontakt, sagte Blumberg in San Francisco.

"Es macht Sinn, die Zunahme von Fettleibigkeit mit den seit etwa 40 Jahren immer weiter verbreiteten Industriechemikalien in Verbindung zu bringen", glaubt der Wissenschaftler. Obwohl Tierversuche den Zusammenhang bestätigen, ist noch nicht im Einzelnen klar, wie die Stoffe in den Zellmechanismus eingreifen. Den Einfluss von Bisphenol A auf die Genprogrammierung von Föten verglich vom Saal mit dem Accent auf einem französischen Wort: "Dieser kleine Strich kann die Funktion eines Gens vollständig ändern."

Antibiotika können nur schwer abgebaut werden

Fettleibigkeit wird von einem wachsenden Heer von Medizinern als globale Gesundheitskrise befürchtet. Schon jetzt litten mehr Kinder weltweit unter Überernährung als Hunger. Fettleibigkeit führt zu Herz- und Kreislauferkrankungen und fördert Diabetes. Menschen mit schwerem Übergewicht können selbst normal dosierte Schmerzmittel und Antibiotika nur schwer abbauen, wiesen George Corcoran und Kollegen von der Wayne State University in Detroit nach. Das Team fand, dass die Leber und Nieren fettleibiger Ratten etwa doppelt so häufig mit toxischem Schock auf Medikamente und Alkohol reagieren wie die von normalgewichtigen Nager. Auch dieser Faktor dürfte zum erhöhten Sterberisiko für Fettleibige beitragen, vermuten die Forscher.

Gisela Ostwald/DPA/DPA
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