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Stachel im Fleisch der Pharmaindustrie

Die Initiative "Mein Essen zahl' ich selbst" wendet sich gegen den Einfluss der Pharmakonzerne auf Ärzte. Arne Schäffler erzählt im stern.de-Interview, was das Wartezimmer über die Einstellung eines Arztes verrät und wieso Mezis-Mitglieder kein Problem mit dem Arzneimittelbudget haben.

Eigentlich sollte es sebstverständlich sein, dass Ärzte unbestechlich sind. Doch Pharmakonzerne arbeiten systematisch daran, das Vertrauen der Ärzte zu gewinnen - und so dafür zu sorgen, dass ihre Medikamente möglichst oft verschrieben werden. So sind die meisten Fortbildungen für Ärzte von der Industrie finanziert. Und bei jedem niedergelassenen Arzt stehen Tag für Tag mehrere Pharmavertreter in der Praxis. Die Ärzte-Initiative "Mein Essen zahl' ich selbst", kurz: Mezis, wendet sich gegen diese alltägliche Einflussnahme. Mezis steht, so schreiben es die Ärzte auf ihrer Webseite, allen Ärztinnen und Ärzten offen, die ihre Verschreibungen ausschließlich am Wohl ihrer Patientinnen und Patienten ausrichten wollen. stern.de sprach mit Arne Schäffler, der die Initiative mitgegründet hat.

Herr Schäffler, kann ein Patient herausfinden, wie stark sich sein Arzt von der Pharmaindustrie beeinflussen lässt?

Generell ist es für Patienten leider schwer abzuschätzen, doch es gibt Indizien. Punkt 1: das Wartezimmer. Wenn es mit Prospekten, Broschüren und Gratis-Gesundheitszeitschriften gefüllt ist, spricht das nicht für den Arzt. Kritisch ist auch, wenn der Arzt Igel-Leistungen empfiehlt, die mit Hersteller-Interessen verknüpft sind. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Arzt inhalierbares Insulin empfiehlt, welches nicht erstattungsfähig ist. Oder wenn ein Arzt - von sich aus, nicht auf Wunsch des Patienten - ein Medikament gegen Impotenz empfiehlt.

Und wenn der Arzt ein Medikament verschreibt…

… fragen Sie nach, ob es ein bewährtes Mittel ist - also mindestens fünf Jahre im Einsatz ist. Falls es sich um ein neues Mittel handelt, lassen Sie sich erklären, wo der therapeutische Vorteil dieses Medikaments liegt. Und: Fragen Sie Ihren Arzt, ob er Anwendungsbeobachtungen durchführt. Verneint er dies, ist das ein gutes Zeichen. Denn Anwendungsbeobachtungen sind nichts anderes als finanziell geförderte Verschreibungen. Sie bringen, so wie sie derzeit laufen, keinen medizinischen Erkenntnisfortschritt.

Was ist, wenn der Arzt ein Medikament direkt aus seinem Schrank holt?

Die "Ärztemuster" sind ein heikler Punkt. Manche Privatpatienten erwarten geradezu, ein Medikament umsonst zu bekommen. Zudem gibt es ja Patienten, von denen der Arzt weiß, dass Ihnen schon die paar Euro Zuzahlung in der Apotheke wehtun. Aber: Der Arzt bekommt diese Muster ja nicht geschenkt, weil er ein so netter Kerl ist! Sondern weil sein Verschreibungsverhalten beeinflusst werden soll. Bei vielen Mustern handelt es sich um Medikamente, die der Arzt sonst nicht verschreibt und vielleicht gar nicht richtig kennt. Der Patient, der sie nimmt, ist damit in gewisser Weise das Versuchskaninchen.

Wie stark ist der Einfluss der Pharmaindustrie auf niedergelassene Ärzte?

Die Pharmahersteller finanzieren die meisten Weiterbildungskongresse für Ärzte. Viele Fachzeitschriften für Mediziner sind anzeigenfinanziert - und damit nicht unabhängig von den Herstellern. Dazu kommen die Pharmareferenten, die niedergelassene Ärzte besuchen. Wenn ein Arzt den Zustrom von Pharmareferenten in seine Praxis nicht steuert, kommen zwei bis vier pro Tag, die jeweils fünf bis zehn Minuten fordern.

Warum schenken die Ärzte diesen Referenten so viel Zeit?

Studien haben ergeben, dass die Mehrheit der Ärzte den Zeitaufwand für die Menge an Informationen, die sie vom Außendienstler erhalten, als angemessen empfinden. Problematisch ist dabei nicht nur, dass Pharmareferenten nicht objektiv über Medikamente berichten. Nein, sie werden dazu trainiert, eine Beziehung mit dem Arzt aufzubauen. Gelingt dies, sind die Medikamente nur noch das "Mitbringsel" und werden überhaupt nicht mehr hinterfragt. Also fragen sie nach Hobbys, Reisezielen, suchen gemeinsame Themen - die auch medizinische sein können - oder hören dem Arzt einfach nur zu. Das ist besonders willkommen, denn Ärzte müssen den gesamten Tag ihren Patienten zuhören, die Pharmareferenten aber hören ihnen zu. Die Strategie funktioniert. Den meisten Ärzten ist nicht bewusst, wie sehr das Vertrauen, das sie Pharmareferenten schenken, ihr Verhalten beeinflusst.

Lässt sich dieser Einfluss beziffern?

Es gibt Untersuchungen, denen zufolge Ärzte, die keine Pharmareferenten in ihrer Praxis empfangen, wertmäßig 20 Prozent weniger Medikamente verordnen. Von den Ärzten, die bei Mezis mitmachen, schafft es jeder, mit dem Arzneimittelbudget auszukommen. Das ist eine deutliche Botschaft: Ärzte, die keine Pharmavertreter empfangen, verordnen wirtschaftlicher und kommen mit den gesetzten Vorgaben von den Kassen aus.

Die Mezis haben bislang 70 Mitglieder. Das sind nicht gerade viel…

Allein die Tatsache, dass es Mezis seit einem Jahr gibt, hat im Bewusstsein vieler Ärzte etwas bewirkt. Wir zeigen, dass es anders geht, dass man der Pharmaindustrie nicht ständig die Tür öffnen und Geschenke annehmen muss. Die Mezis müssen keine Massenveranstaltung sein. Es reicht, wenn wir der Stachel im Fleisch der Pharmaindustrie sind.

Verändert sich für die Mezis-Mitglieder eigentlich der Praxisalltag?

Die beteiligten Kollegen sagen alle, sie hätten mehr Zeit für ihre Patienten, und mehr Ruhe bei der Arbeit. Sie schätzen es, selbst zu entscheiden, in welchem Themenfeld sie sich fortbilden. Denn die Pharmaindustrie setzt auf ihren Kongressen ja bewusst eigene Themen. Übergewicht etwa. Übergewicht ist natürlich relevant. Doch auf der Fortbildung geht dann in erster Linie um Cholesterinsenker und ähnliche Medikamente, und nicht um Sport oder mehr Bewegung. Natürlich kostet es Geld, sich unabhängig fortzubilden. Aber das ist in anderen Branchen ja auch so! Warum sollen Ärzte nicht ein paar Hundert Euro im Jahr für Fachmagazine ausgeben, die nicht werbefinanziert sind?

Eines ist jedenfalls klar: Die Patienten sind begeistert, wenn "ihr" Haus- oder Facharzt zu Mezis gestoßen ist und sie im Wartezimmer unser Plakat sehen, wo drauf steht, dass ihre Praxis keine Pharmavertreter mehr empfängt und sich nicht mehr beschenken lässt. Das Vertrauen in den Arzt steigt signifikant.

Interview: Nina Bublitz

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