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Wenn der Traum vom leiblichen Kind platzt

Für viele Paare ist die künstliche Befruchtung die letzte Hoffnung auf ein leibliches Kind. Doch nicht für alle erfüllt sich der Wunsch. Im stern.de-Interview spricht der Heidelberger Psychologe Dr. Tewes Wischmann über die Erfolgschance und die Trauerarbeit, die nötig ist, wenn der Traum platzt.

  Nicht für alle Frauen erfüllt sich der Kinderwunsch

Nicht für alle Frauen erfüllt sich der Kinderwunsch

Herr Dr. Wischmann, braucht der Mensch Kinder, um glücklich zu sein?

Diese Frage wird jedes Paar anders beantworten - zumal mittlerweile alle Optionen offen stehen: Paare können sich früh oder spät für Kinder entscheiden oder ganz aufs Elternglück verzichten. Die Frage, ob es richtig ist, sich in hohem Alter für Kinder zu entscheiden oder mithilfe künstlicher Befruchtung Kinder in die Welt zu setzen, finde ich schwieriger. Bizarre Fälle wie der der Achtlingsmutter in den USA bergen zudem die Gefahr, dass sie die Situation der ungewollt Kinderlosen verschärfen, indem sie diese Paare in eine ähnliche Ecke stellen. Aber die wenigsten Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, sind psychisch labil, alleinerziehend und arbeitslos. Zudem sollte man klar unterscheiden, was in Deutschland erlaubt und was in anderen Ländern möglich ist. Da künstliche Befruchtung immer noch ein Tabuthema ist, ist es auch nicht hilfreich, wenn in der Diskussion Dinge wie zum Beispiel die künstliche Befruchtung und Klonen vermischt und so Vorurteile geschürt werden.

Wie viele Paare versuchen in Deutschland pro Jahr mithilfe der künstlichen Befruchtung Kinder zu bekommen? Bei wie vielen klappt es?

Laut deutschem IVF-Register haben sich 2006 etwa 22.000 Frauen erstmals behandeln lassen, mit Mehrfachbehandlungen sind es über 59.000 Behandlungszyklen. Davon kam es bei 8655 Frauen zu Geburten, was mehr als 10.000 Kindern entspricht. Die Zahlen sind aber mit Vorsicht zu genießen, da noch nicht alle Geburten zum Zeitpunkt der Auswertung ausgetragen waren. In den Beratungen wird den Frauen in der Regel gesagt, dass die Chance, schwanger zu werden, pro Zyklus bei 20 bis 25 Prozent liegt. Wer die Statistiken genauer unter die Lupe nimmt und Fehl- und Totgeburten abzieht, kommt allerdings auf ungefähr 15 Prozent Erfolgsquote pro Behandlungszyklus. Damit geht durchschnittlich über die Hälfte der Paare mit Kinderwunsch ohne leiblichen Nachwuchs aus der Behandlung hervor.

Wird der Erfolg überschätzt?

Ja. Leipziger Psychologen haben herausgefunden, dass die Bevölkerung die Erfolgsquote doppelt so hoch einschätzt, wie sie im Endeffekt tatsächlich ist. Psychologisch gesehen wirkt sich das aus. Wenn Frauen von ihren Gynäkologen an reproduktionsmedizinische Zentren überwiesen werden, erwarten sie, dass es klappt. Eine Annahme, zu der sie auch kommen, da die Untersuchungen und die Behandlungen so aufwendig sind. Da stellt sich schnell das Gefühl ein, dass es jetzt endlich funktionieren muss. Übersehen wird dabei auch, dass sich mit der Zahl der Versuche die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöht, aber eben nicht addiert.

Die körperlichen Ursachen, die für Kinderlosigkeit verantwortlich sein könnten, stehen bei den Untersuchungen zumeist zuerst im Mittelpunkt. Mit welchen seelischen Belastungen sind die Paare konfrontiert?

Das Phänomen der Kinderlosigkeit trifft die Paare unvorbereitet. Jeder geht ja erst einmal davon aus, dass er fruchtbar ist. Vor allem, da es heute zahlreiche Möglichkeiten gibt, um Schwangerschaften zu verhindern. Daher glauben viele Frauen, dass es schon klappt, sobald die Pille abgesetzt wird. Tritt dann keine Schwangerschaft ein, stellen sich vor allem Frauen die Frage: Warum schaffe ich das nicht, was bei anderen problemlos klappt? Das führt oft zu einer existentiellen Krise, die nicht mit links wegzustecken ist. Die Tatsache, keine Kinder bekommen zu können, wird dann als eigenes Versagen erlebt - von beiden Seiten. Männer stellen sich etwa die Frage, ob ihr Sperma daran schuld ist. Bei Frauen tauchen oft Schuldgefühle auf, wenn sie bereits einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich haben. Je mehr dann medizinisch versucht wird, umso höher wird der Erfolgsdruck.

Wie wirkt sich der Erfolgsdruck auf die Psyche aus?

Vor allem die Zeit zwischen dem Embryonentransfer und dem ersehnten oder gefürchteten Ergebnis empfinden die Frauen belastender als alle medizinischen Eingriffe. Ob ein Ziehen im Bauch oder Blutspuren - jede körperliche Auffälligkeit wird mit Angst beobachtet. Das führt zu einer Achterbahn der Gefühle. Wenn dann Blutungen einsetzen und es klar wird, dass es nicht geklappt hat, stürzen viele Frauen in eine tiefe Trauer. Nicht zuletzt, da die Paare erleben, wie sie sich dem Ende der Fahnenstange nähern und die Optionen immer weniger werden.

Wie wirkt sich der Druck auf die Beziehung und die Sexualität aus?

Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Paare zumindest vorübergehend eine sexuelle Störung entwickeln. Der Zwang zum "Verkehr nach Termin" nimmt der Sexualität die Leichtigkeit. In der Beratung berichten Paare nicht selten frustriert, dass es zum fruchtbaren Zeitpunkt gerade "nicht klappt" oder dem Paar auch einfach "die Lust vergangen ist". Wenn dazu das Gefühl kommt, jede Chance nutzen zu müssen, da man sich ansonsten Vorwürfe macht, bleibt von einer lustvollen und spontanen Sexualität wenig übrig. Ein Ziel der Beratungsgesprächen ist es daher auch, über das Thema Sexualität zu sprechen.

  Bitter: Für manche Paare bleibt das eigene Kind ein unerfüllter Wunsch

Bitter: Für manche Paare bleibt das eigene Kind ein unerfüllter Wunsch

Wie gehen die Paare mit dem Druck von außen, durch Eltern, Schwiegereltern und Freunde, um?

Nach Möglichkeit sollten Paare mit dem Thema Kinderwunsch unbefangen umgehen und mit Freunden und Verwandten offen darüber reden. Das ist aber nicht jedermanns Sache. Manche ziehen sich im Laufe der Zeit immer mehr von Freunden, Bekannten und der Familie zurück. Auf ihren Kinderwunsch angesprochen, greifen sie zu einer Notlüge wie "Wir wollen jetzt noch kein Kind". Es wird als Makel empfunden, keine Kinder zu bekommen, und das Sprechen darüber wird aus Scham vermieden.

Welche psychologischen Hilfen geben Sie?

Generell rate ich Paaren immer dazu, sich einen Plan B zu überlegen, nicht alles auf eine Karte zu setzen - und das schon bevor sie mit der künstlichen Befruchtung beginnen. Von vielen höre ich zwar, dass sie daran noch gar nicht denken wollen. Aber bei der Strategie können Paare nur gewinnen: Entweder bleibt der Ersatzplan in der Schublade, wenn die künstliche Befruchtung klappt, andernfalls hat man sich zumindest gedanklich bereits mit einem Misserfolg auseinandergesetzt. Zudem sollte sich jedes Paar vor dem Beginn der Behandlung einen Fahrplan zurechtlegen, indem es sich die Grenzen selbst setzt: Wie lange wollen wir es versuchen? Nach dem wievielten Mal hören wir auf? Das gibt das Gefühl, die Dinge noch selbst in der Hand zu behalten. Der Blick in die USA zeigt, wie weit das Geschäft mit der Hoffnung gehen kann. Daher ist es auch in der Reproduktionsmedizin nötig, Abbruchkriterien für ärztliche Eingriffe zu definieren.

Wann ist es Zeit, sich vom Kinderwunsch zu verabschieden, wenn es mit der künstlichen Befruchtung nicht klappt?

Dass Paare es elf, zwölf oder dreizehn Mal mit einer künstlichen Befruchtung versuchen und ins Ausland gehen, erlebe ich zum Glück eher selten. Man sollte dem Kinderwunsch zwar Raum geben, die Sehnsucht aber auch begrenzen. Wenn die Frau nur noch in Internetforen zum Thema "Künstliche Befruchtung" unterwegs ist, keine Zeit für einen Kurzurlaub hat und auch an anderen Freizeitaktivitäten kein Interesse mehr zeigt, kann es pathologisch werden. Dann sollte man darüber nachdenken, ob es Zeit ist, loszulassen, oder zumindest eine Pause zu machen.

Verarbeiten Frauen und Männer den Misserfolg unterschiedlich?

Ja, dabei beobachten wir häufig eine bestimmte Rollenverteilung. Frauen versinken eher in Depressionen. Männer hingegen versuchen, das Problem zu lösen, neue Perspektiven aufzuzeigen, die Situation hinter sich zu lassen. Hier ist Kommunikation wichtig, denn die Partnerin vermisst manchmal die Anteilnahme.

Was tun, wenn der Traum vom eigenen Kind nicht in Erfüllung gegangen ist und das Loslassen dauerhaft schmerzt?

Auch für diese Fälle hat sich im Jahr 2000 das "Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland" gegründet, ein deutschlandweiter Zusammenschluss psychosozialer Berater. Das Netzwerk bietet Frauen und Männern mit unerfülltem Kinderwunsch Hilfe bei der Vermittlung psychosozialer Beratung.

Wie verabschiedet man sich vom Kinderwunsch?

Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, führt das in den meisten Fällen zu einer Lebenskrise. Selbstwertgefühle und Lebensplanung sind betroffen. Die Trauerarbeit dauert in der Regel Monate, manchmal auch Jahre, und eine Narbe bleibt, die im Alltag wieder aufbrechen kann - zum Beispiel, wenn bei Freunden Enkelkinder kommen. Aber diese Krise ist meisterbar, und sie schweißt zusammen, wenn man darüber spricht und Trauer zulässt.

Wie sieht die Trauerarbeit aus?

Das Problem dabei ist, dass man von etwas Abschied nehmen muss, das man nie besessen hat. Besonders schmerzhaft ist es, wenn das Kinderzimmer schon eingerichtet war und nun wieder ausgeräumt werden muss, wenn die Möbel verschenkt werden, oder die Kleider. Dann wird eine Hoffnung begraben. Rituale oder symbolische Handlungen können dabei eine heilsame Funktion haben. Manche Paare pflanzen ein Bäumchen. In einem anderen Fall haben die Ehepartner auf eine Bergwanderung Steine mitgenommen, für jedes gewünschte und ersehnte Kind einen, und diese Steine auf dem Gipfel liegen gelassen. Dann gilt es, sich neu zu orientieren und andere Lebensaufgaben zu suchen.

Interview: Lea Wolz
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