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Zu wenig Sonne macht krank

Zu viel UV-Strahlung kann Krebs verursachen. Neue Studien aber zeigen, dass Sonnenlicht-Mangel ebenso gefährlich ist und das Risiko für Krankheiten wie Alzheimer und Herzinfarkt steigen lässt.

Von Sonja Popovic

Eine Mittagspause an der Sonne ist gut für die Vitamin-D-Produktion

Eine Mittagspause an der Sonne ist gut für die Vitamin-D-Produktion

Wie viel Sonne braucht der Mensch? Über diese Frage ist ein heftiger Streit unter Wissenschaftlern entbrannt. Auf der einen Seite warnen Dermatologen seit Jahren eindringlich vor zu viel UV-Strahlung, weil es Hautkrebs auslösen kann. Neuere Studien zeigen aber, dass eine übertriebene Sonnen-Abstinenz ebenfalls Probleme mit sich bringt: eine schlechte Versorgung mit Vitamin D und damit nicht nur ein erhöhtes Risiko für Osteoporose, sondern auch für weit verbreitete Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes, Infektionen oder Alzheimer.

Gleichzeitig kann ein hoher Vitamin-D-Spiegel offenbar das Leben verlängern. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher der Universitäten Ludwigsburg und Graz. Über acht Jahre untersuchten sie 3200 Personen, die im Schnitt 62 Jahre alt waren. Jene Probanden, deren Vitamin-D-Spiegel niedriger war als empfohlen, hatten ein doppelt so hohes Sterberisiko, so das Ergebnis. Daneben erhöhte zu wenig Vitamin D im Blut offenbar auch die Wahrscheinlichkeit für eine Herzmuskelschwäche, einen Schlaganfall oder Krebs. Andere internationale Studien lieferten ähnliche Daten.

Die Flut an neuen Studien zu diesem Thema lässt sich mit einer wichtigen Entdeckung erklären: „Der Durchbruch gelang, als die Wissenschaft vor wenigen Jahren erkannte, dass es fast in allen Geweben und Organen spezifische Vitamin-D-Rezeptoren gibt. "Die sind da nicht zufällig", sagt Nicolai Worm. Der Münchner Ernährungswissenschaftler beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema und hat den Stand der Forschung in seinem Buch "Heilkraft D" zusammengefasst.

Ohne UVB-Strahlen kein Vitamin D

Demnach sind Vitamin-D-Experten davon überzeugt, dass dieser Nährstoff an einer Vielzahl von Körpervorgängen beteiligt ist und somit eine deutlich größere Bedeutung hat, als bisher angenommen. Nur: Damit der Organismus genug davon bekommt, braucht er Sonne, darüber deckt er rund 90 Prozent seines Bedarfs. Genauer gesagt sind es die UV-B-Strahlen, die in der Haut einen chemischen Prozess in Gang setzen, wodurch Vitamin D gebildet wird. Damit ist die Substanz streng genommen kein Vitamin, weil der Körper diese laut Definition nicht selbst erzeugen kann und zuführen muss. Vitamin D sei ein Hormon, sagen Ernährungswissenschaftler.

Sobald aber jemand nach mehr Sonne verlangt, sind Hautspezialisten alarmiert. "Wir dürfen nicht versuchen, einen vielleicht schlechten Vitamin-D-Spiegel mit einem Übermaß an UV-Strahlung auszugleichen", sagt Rüdiger Greinert, Biophysiker am Dermatologischen Zentrum Buxtehude und warnt vor voreiligen Schlüssen - vieles sei noch unklar. Seine Sorge ist, dass die Menschen wieder unvorsichtig werden und stundenlang ungeschützt an der Sonne bleiben.

Eine Viertelstunde an der Sonne genügt

Dabei gibt es auch von Seiten der Vitamin-D-Experten keinen Freibrief für exzessive Sonnenbäder. Denn viel hilft nicht viel: Für eine angemessene Vitamin-D-Versorgung reichen im Schnitt je nach Hauttyp etwa 15 Minuten, dafür aber täglich oder so oft, wie die Sonne eben scheint. Am besten zwischen 10 und 14 Uhr, dann sei die UVB-Strahlung am höchsten, und ohne Sonnenschutz, weil dieser die Produktion hemmt, meint Worm. Nach etwa 20 bis 30 Minuten sei die sogenannte Vitamin-D-Synthese ohnehin beendet - ein natürlicher Schutz des Körpers vor Überdosierung. Alles darüber hinaus bringt nichts mehr, daher gilt danach wieder: raus aus der Sonne oder eincremen und schützen. Ein Sonnenbrand, sogar eine Rötung, ist ein Risiko und sollte unbedingt vermieden werden.

Dass die Vitamin-D-Versorgung in Deutschland tatsächlich problematisch ist, hat das Robert-Koch-Institut (RKI) ermittelt. Etwa 63 Prozent der Kinder und etwa 58 Prozent der Erwachsenen haben zu wenig Vitamin D im Blut. Untersucht wurden rund 10.000 Kinder und Jugendliche sowie rund 4000 Erwachsene.

Ein erschreckendes Ergebnis, zumal unter Experten umstritten ist, ob der vom RKI zugrunde gelegte Wert von 20 Mikrogramm pro Liter für eine optimale Versorgung überhaupt ausreicht. "Es werden verschiedene Grenzwerte diskutiert", sagt Ökotrophologin Birte Hintzpeter vom RKI, die diese Studie ausgewertet hat. "Wir haben einen Grenzwert zugrunde gelegt, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht." Der orientiert sich aber noch an der Bedeutung für die Knochen, weil man weiß, dass ein schwerer Mangel zur Erweichung der Knochen führt.

Eine leichte Unterversorgung kann langfristig schaden

Doch nicht nur der offensichtliche Mangel ist problematisch. "Wir bekommen immer mehr Daten, dass selbst eine leichte Unterversorgung langfristig ungesund ist", sagt Hans Konrad Biesalski, Professor für Ernährungsmedizin an der Universität Hohenheim. Er vergleicht das mit einem Auto, das stets mit einem Minimum an Öl fährt. "Damit können Sie lange fahren. Aber irgendwann ist das Auto kaputt, weil die geringe Menge auf Dauer zu Verschleißerscheinungen führt, die bei guter Versorgung nicht aufgetreten wären."

Für die schlechte Versorgung mit Vitamin D gebe es zwei Hauptursachen. Das ist zum einen der Lebensstil: Berufstätige sitzen oft den ganzen Tag über in geschlossenen Räumen, und viele Kinder verbringen zu wenig Zeit im Freien. Zum anderen ist es die geographische Lage. In Deutschland scheint die Sonne nicht häufig und intensiv genug. Vor allem im Winter sind wir über Monate unterversorgt, weil der Körper keinen endlosen Vorrat anlegen kann.

Auch die Ernährung kann ein Defizit kaum ausgleichen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt als Zufuhr zwar eine Tagesdosis von fünf Mikrogramm für Erwachsene und zehn für Säuglinge und Menschen über 65 Jahren - doch auch die werden selten erreicht. Wenige Lebensmittel enthalten überhaupt nennenswerte Mengen an Vitamin D: fetter Fisch wie Hering oder Lachs und Pilze, sehr wenig steckt auch in Milchprodukten. Aber täglich fetten Fisch zu essen oder literweise Milch zu trinken, ist auch keine Lösung. Und selbst wenn dies für die empfohlene Zufuhr reichen würde, wäre damit allein kein ausreichend hoher Vitamin-D-Spiegel zu erreichen.

Kinder und Ältere besonders gefährdet

Von einer Unterversorgung ist demnach so gut wie jeder betroffen, aber es gibt besondere Risikogruppen. Das sind einmal Kinder und Jugendliche, denn wenn in frühen Jahren der Knochenaufbau nicht optimal sei, drohe im Alter Osteoporose, sagt Biesalski. Daneben sind Ältere, insbesondere Frauen, sowie Menschen mit einer dunkleren Haut oft dramatisch unterversorgt. Bei Senioren liegt es daran, dass die Haut mit zunehmendem Alter die Fähigkeit verliert, Vitamin D über die Sonne zu erzeugen - bei über 65-Jährigen liegt sie bei noch 20 Prozent. Sie seien besonders auf Lebensmittel mit Vitamin D angewiesen, sagt Biesalski. Dunkelhäutige Menschen müssten sich wegen der Pigmentierung deutlich länger sonnen. In südlichen Regionen ist das kein Problem, in nördlichen schon.

Dennoch raten Experten davon ab, sich in Eigenregie mit Vitamin-D-Präparaten zu versorgen. Noch fehlen aussagekräftige Studien, die etwa klären, ob und in welcher Dosis Supplemente eingesetzt werden sollten, sagt RKI-Mitarbeiterin Hintzpeter.

Bleibt also zunächst ein bewusster, aber maßvoller Umgang mit der Sonne. Die Sonnenbank ist keine Alternative, warnt Hautexperte Greinert: "Erst kürzlich hat die Internationale Agentur für Krebsforschung verkündet, dass die Strahlung aus Solarien höchst krebserregend ist."

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