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Baclofen - ein Medikament gegen Alkoholsucht?

Ein französischer Arzt hat seine Alkoholsucht mit Baclofen, einem Medikament zur Muskelentspannung, überwunden. Klingt erst nach PR-Wirbel für sein Buch, könnte aber die Hoffnung für Millionen Alkoholiker sein.

Von Nina Bublitz

  • Nina Bublitz

Der Terminkalender von Olivier Ameisen ist voll. In den kommenden Wochen wird der Mediziner in Edinburgh sprechen, in New York, Philadelphia, Berlin. Er wird über etwas reden, das so unglaublich erscheint, dass es tatsächlich schwer fällt, es zu glauben.

Ameisen erzählt, wie er seine schwere Alkoholsucht mithilfe eines Medikaments überwunden hat. Nicht nur in den Griff bekommen - mit dem täglichen Kampf um Abstinenz und der Angst vor dem drohenden Rückfall - nein, überwunden. Der französische Arzt skizziert seine Geschichte in dem Buch "Das Ende meiner Sucht". Heute könne er, wenn er wolle, ein Glas Wein trinken und problemlos das zweite ablehnen. Nach den bekannten Regeln der Sucht ist das undenkbar, man nutzt nicht ohne Grund das Wort "trocken", um den Zustand von Ex-Alkoholikern zu beschreiben. Da die Sucht unheilbar ist, müssen sie ihr Leben lang Alkohol meiden, auch wenn das überbordende Verlangen danach, das "Craving", wie es Forscher nennen, bestehen bleibt und sie quält. "Abstinenz war Folter", erinnert sich Ameisen. Heute dagegen sei er Alkohol gegenüber gleichgültig, sagt der 56-Jährige. Was das für die Lebensqualität eines ehemals Süchtigen bedeutet, ist kaum vorstellbar. Der Preis dafür: Er schluckt täglich Baclofen, ein Mittel, das eigentlich Neurologen zur Muskelentspannung verordnen. Es kann schläfrig machen und Schwindelanfälle auslösen. Abhängig wird aber niemand von den Tabletten. Sie verursachen keine Euphorie, vernebeln nicht den Kopf.

Das Mittel hat sich Ameisen erstmals im Jahr 2002 selbst verschrieben. Dass er als Arzt in Frankreich diese Möglichkeit wahrnehmen konnte, hat sein Leben gerettet, denn er war damals buchstäblich am Ende. Seine Arztpraxis hatte er schon Jahre zuvor aufgegeben, sämtliche Klinikaufenthalte und Therapien hatten nicht gefruchtet. Er hatte sich nacheinander die linke Hand und die Schulter gebrochen, war aus einem Blackout mit mehreren gebrochenen Rippen erwacht, die sich in die Lungenflügel bohrten. "Ich wäre längst tot", sagt er. 2002 war aus Tierversuchen bekannt, dass Baclofen in hoher Dosierung die Sucht unterdrücken kann. 2004 veröffentlichte Ameisen einen wissenschaftlichen Aufsatz über seine Erfahrungen im Fachblatt "Alcohol and Alcoholism", um seine unglaubliche Geschichte der Wissenschaftswelt zu präsentieren. Und dann passierte erst einmal: nichts.

Seitdem kämpft Ameisen dafür, dass Baclofen in einer großen wissenschaftlichen Studie getestet wird. Er ist der Überzeugung, dass das Mittel Millionen von Menschen helfen kann - allein in Deutschland sind Schätzungen zufolge 1,6 Millionen alkoholabhängig. Doch die Daten sind spärlich. Bisher gab es nur kleinere Studien mit Baclofen, die nach einigen Wochen endeten. Zwar haben, wie Ameisen betont, Ärzte in Frankreich, den USA und Großbritannien bereits deutlich mehr als 300 Alkoholiker mit großem Erfolg behandelt. Einer davon, Renaud de Beaurepaire vom Paul Guiraud Hospital im französischen Villejuif, schreibt etwa: "Ich habe 135 hoffnungslosen Alkoholikern Baclofen verschrieben, und die Resultate sind einfach unglaublich." Doch das gilt in der Wissenschaft wenig, solange die Daten nicht publiziert wurden. Eine breit angelegte Studie mit einer größeren Zahl von Patienten, die über einen längeren Zeitraum läuft, ist noch immer nicht gestartet. Warum?

Nicht lukrativ für die Pharmakonzerne

Ein Grund: So eine Studie kostet mehrere hunderttausend Euro - und kein Pharmakonzern hat Interesse daran, sie zu finanzieren. Baclofen ist ein altes Medikament, das Patent also längst abgelaufen, so dass es als günstiges Generikum hergestellt werden darf. Für die Pharmakonzerne rentiert es sich mehr, neue Wirkstoffe zu entwickeln und zu testen, um dann in den ersten Jahren, in denen der Patentschutz gilt, ordentlich zu verdienen.

Ein weiterer: Einige Suchtmediziner sehen Ameisens Bericht mit Skepsis, kratzt er doch an der heute etablierten Vorstellung, wie Abhängigkeit zu behandeln ist. "Sucht ist keine einfache Erkrankung", sagt etwa Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Baclofen beeinflusst ein Botenstoff-System im Gehirn; es wirkt auf die sogenannten Gaba-b-Rezeptoren. "Bei der Sucht sind viele Botenstoff-Systeme eingebunden, nicht nur Gaba-b", sagt Kiefer. Er könne sich vorstellen, dass das Mittel einigen Patienten helfen kann, ist aber unsicher, ob es effektiver wirke als die Medikamente, die bereits auf dem Markt sind, um das Craving zu reduzieren. Deren Quoten fallen eher bescheiden aus. Zur Wirkung von Acamprosat und Naltrexon sagt Kiefer: "Werden sechs bis sieben Alkoholiker damit behandelt, schafft es einer mehr, abstinent zu bleiben." Er sei erstaunt, auf welcher schmalen Datenbasis Ameisen viel Publicity mache.

Studien in Sicht

Ameisen ärgern solche Vorwürfe. "Dass Suchtmediziner seit 2004 keine Baclofen-Studien angestoßen haben, zeigt nicht den Mangel an Beweisen, sondern den Mangel an Wissenschaft", sagt er. In "Das Ende meiner Sucht" präsentiert er nicht länger nur Forschern, sondern auch der Öffentlichkeit seine Lösung: Geh zum Arzt, hol' dir Baclofen! Für jeden Süchtigen, der aus eigenem Antrieb nicht mehr trinken will, ist das Mittel seiner Beschreibung zufolge geeignet. Rein rechtlich dürfen Ärzte auch in Deutschland Kranken Medikamente verordnen, obwohl diese nicht für ihr Leiden zugelassen sind, dieser "Off-Label-Use" kommt sogar häufig vor. In Frankreich beklagen sich Ärzte bereits, dass sie von Patienten genötigt werden, ein Medikament zu verschreiben, obwohl harte Fakten zu dessen Wirksamkeit fehlen. Und so kommt nun auch die Forschung nach: In Großbritannien und den USA bereiten Forscher Studien mit hoch dosiertem Baclofen vor.

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