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Was tun? Zehn Tipps für Angehörige

Vermutlich kennt jeder jemanden, der an Depressionen leidet. Meist herrscht aber große Unsicherheit, wie man richtig mit dem Betroffenen umgeht. Diese Handlungsempfehlungen können helfen.

Von Mirja Hammer

  Ansprechen oder in Ruhe lassen? Klare Worte oder in Watte packen? Viele Angehörige wissen nicht, wie sie mit Depressiven umgehen sollen.

Ansprechen oder in Ruhe lassen? Klare Worte oder in Watte packen? Viele Angehörige wissen nicht, wie sie mit Depressiven umgehen sollen.

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen. Die Krankheit ist heilbar, wenn sich Betroffene rechtzeitig von Ärzten oder Psychologen behandeln lassen. Doch bis dahin ist es oft ein langer Weg, der von Angehörigen begleitet wird.

Vielen aber fällt es schwer, den richtigen Umgang mit Depressiven zu finden. Wie geht man damit um, dass sich der geliebte Mensch plötzlich zurückzieht? Darf man einen Kollegen ansprechen, wenn der schlecht aussieht? Und wieso verletzt mich mein depressiver Angehöriger so häufig?

Stefan Lange litt selbst jahrelang an Depressionen und hat einen Suizidversuch hinter sich. Heute engagiert er sich für die Aufklärung und Entstigmatisierung von Depressionen. Mit dem stern sprach der Buchautor darüber, warum das Zusammenleben mit Depressiven oft schwer ist, und wie Angehörige am besten mit ihnen umgehen.

1. Haben Sie Geduld

Menschen mit Depressionen fordern ihren Mitmenschen viel ab. "Ich wollte nie jemandem zur Last fallen und wusste gleichzeitig, dass ich genau das tue", sagt Stefan Lange. Oft habe er es tagelang nicht geschafft, einkaufen zu gehen. Dann habe er nur auf dem Bett gelegen, auf die Uhr gestarrt und zugeschaut, wie die Zeit verging.

Helfen kann da nur, wer geduldig ist und kleine Schritte als große Erfolge feiern kann. "Meine Freundin legte mir mal ein Handtuch und ein Duschgel hin, damit ich wieder ordentlich aussehe", erzählt Lange. Ein anderes Mal hätten sie zusammen sein Zimmer aufgeräumt und Verträge geschlossen, was er bis zum nächsten Treffen erledigt haben muss. "So sind wir langsam gemeinsam rausgekommen", sagt er heute.

2. Seien Sie zuversichtlich

Oft erscheint die Depression für den Betroffenen - aber auch für Angehörige - ausweglos. Doch Depressionen sind eine Krankheit und damit gut behandel- und heilbar. Sich und dem Depressiven vor Augen zu führen, dass das Kranksein vorübergeht, hilft, besser damit umzugehen.

3. Sprechen Sie Betroffene an

Niemand weiß, wie es in einem Depressiven aussieht. Daher sind viele verunsichert, ob sie ihn ansprechen sollen - manche fürchten auch, ein Fass aufzumachen. "Ich kann nur sagen: Jeder Zuspruch ist gut", so Lange. Eine Bekannte, die er zufällig auf der Straße traf, fragte ihn damals: "Du siehst schlecht aus, was ist los?" Drei Monate lang habe sie sich dann intensiv um ihn gekümmert, sich regelmäßig mit ihm getroffen, mit ihm geredet. Irgendwann sagte sie, dass sie nun nichts weiter tun könne und er sich Hilfe suchen müsse. Die Therapie sei schließlich der Einstieg in den Ausstieg gewesen.

Natürlich hat nicht jeder die Kraft und die Zeit so intensiv zu helfen. Oft genügt es schon, wenn man dem Betroffenen signalisiert, dass er zu einem kommen kann - er sich aber in jedem Fall auch professionelle Hilfe suchen muss. Wenn Sie nicht helfen können, seien Sie ehrlich zu sich und dem Betroffenen. Gar nichts zu tun, könnte er als Affront gegen ihn werten.

4. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Es hilft nichts, einem depressiven Menschen zu einem Erholungsurlaub zu raten. Vor allem eine andere Umgebung verstöre den Patienten zusätzlich, schreibt die Deutsche Depressionshilfe. Für Depressive werden die einfachsten Dinge zu unüberwindbaren Hindernissen. Daher ist es kontraproduktiv zu sagen, dass das doch nicht so schwer sei. "Sagt mir jemand, ich solle mich einfach mal zusammenreißen, dann verstärkt das meine Schuldgefühle nur. Ich käme mir dann unfähig und nutzlos vor", sagt Lange. Das gelte auch für gutgemeinte Aufmunterungsversuche wie: "Aber du hast doch so viele tolle Freunde". Zeigt ein Depressiver dagegen Eigeninitiative etwas zu tun, sollte er unbedingt darin bestärkt und unterstützt werden.

5. Es bringt nichts, Depressionen zu erklären

Bei einer Depression muss sich der Mensch von dem Anspruch verabschieden, alles erklären und kategorisieren zu können, denn Depressionen folgen ihrer eigenen Logik. Es gilt vielmehr, Depressionen als eine Krankheit zu akzeptieren, die man zwar nicht versteht, durch die man den Betroffenen aber trotzdem begleitet.

Viele Bekannte hätten sich von Stefan Lange abgwendet. "Sie waren enttäucht, nach dem Motto: wie kann man sich nur selbst zerstören, wenn man doch so viel Gutes hat?" Seine Freunde warfen ihm auch vor, sich ihnen nicht anvertraut zu haben. "Aber einem Außenstehenden verständlich zu machen, dass man einfach nur wegwollte, ist quasi unmöglich."

6. Helfen Sie bei Entscheidungen

Depressive haben ihre eigene Logik zu denken und Dinge zu bewerten. "Eine rationale, logische Entscheidungen zu treffen, war mir nicht möglich", erzählt Lange. Ihm habe es geholfen, dass seine Freundin ihn darin unterstützt habe, Möglichkeiten nach objektiven Gesichtspunkten abzuwägen. Entscheidungen, über die private oder berufliche Zukunft, sollten lieber erst getroffen werden, wenn es dem Betroffenen wieder besser geht.

7. Nehmen Sie es nicht persönlich

Angehörige brauchen ein dickes Fell, um das teils abweisende Verhalten von Depressiven nicht zu nah an sich heranzulassen. "Depressive oder Suizidale erscheinen vielen wie Egoisten", weiß Lange. "Aber niemand hat Spaß daran, sich selbst zu zerstören." Depressiven fehle es an Empathie. "Ich weiß in dem Moment zwar, dass ich mit meinem Verhalten verletze oder enttäusche. Aber fühlen kann ich es nicht." Genau das mache das Zusammenleben mit Depressiven so schwer. "Angehörige müssen sich klarmachen, dass derjenige es nicht tut, um sie zu kränken, sondern einfach, weil er in dem Moment nicht anders kann." Auf keinen Fall aber solle man sich von seinen Angehörigen abwenden, auch wenn er noch so abweisend erscheine. Das rät auch die Deutsche Depressionshilfe, bei der auch die Angehörigen von Depressiven Hilfe finden.

8. Nehmen Sie den Druck

Am Anfang vieler Depressionen steht Perfektionismus: Der Anspruch, in allen Lebenslagen Höchstleistung zu erbringen. Und der Druck sich selbst zu optimieren, wird immer größer. Angehörige können den objektiven Druck zwar nicht schmälern, doch sie können dem Betroffenen versichern, dass man ihn liebt, egal wie erfolgreich er ist. "Es hilft zu wissen, dass man jemandem als Mensch wichtig ist", sagt Lange.

9. Überlegen Sie, was Sie wie erzählen

Neuer Job oder endlich die Liebe gefunden - und Ihr Angehöriger freut sich gar nicht für Sie. Das könne man von einem Depressiven nicht erwarten, sagt Lange. Er vergleicht es mit dem Facebook-Phänomen: "Wenn alle nur Fotos posten, die zeigen, wie toll ihr Leben ist, dann kann das selbst auf gesunde Menschen bedrückend wirken". Würde Lange jemand fragen, ob er sich denn gar nicht für ihn freue, dann schäme er sich. "Ich weiß ja, dass ich mich eigentlich freuen müsste, aber ich bringe keine Emotionen zustande."

10. Achten Sie auf sich

Depressive kreisen viel um sich und können einen mit ihrer Stimmung runterziehen. Sorgen Sie dafür, dass es Ihnen weiterhin gut geht. Treffen Sie andere Menschen, machen Sie das, was Sie gerne tun. Keinem ist geholfen, wenn der Angehörige in Mitleidenschaft gezogen wird und sich nicht mehr distanzieren, beziehungsweise sein eigenes Leben leben kann.

Stefan Lange konnte sich oft nicht vorstellen, dass der Andere auch noch ein eigenes Leben hat und nicht immer die Zeit, Geduld oder Lust, zuzuhören. Da könne helfen, klare Gesprächszeiten zu vereinbaren. "Meine Bekannte sagte oft: Ich kümmere mich um dich, in zwei Tagen komme ich wieder, bis dahin machst du keine Dummheiten". Das habe geholfen und er habe zudem gelernt, sich wieder an Regeln zu halten. Einer von vielen kleinen Schritten zurück zur Normalität.

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