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Mehr Selbstmorde durch Krise erwartet

Job verloren, Existenzangst, Einsamkeit: Experten befürchten, dass die Wirtschaftskrise mehr Menschen in den Selbstmord treibt. Anlässlich des Welt-Suizid-Präventionstages, der heute stattfindet, fordern sie, die Vorsorgemaßnahmen zu verstärken.

Von Lea Wolz

  Existenzangst durch Jobverlust: Experten befürchten eine Zunahme der Suizide durch die Wirtschaftskrise

Existenzangst durch Jobverlust: Experten befürchten eine Zunahme der Suizide durch die Wirtschaftskrise

Elfriede Loser kennt diese absolute Leere, das Gefühl, in einem Albtraum gefangen zu sein. Mit 32 Jahren nahm sich ihr damaliger Partner das Leben. Es sei "ein schleichender Prozess" gewesen", sagt die Bayreutherin heute. Die erfolglose Selbstständigkeit brachte finanzielle Sorgen, dazu kamen Depressionen und andere psychische Probleme. Irgendwann lag der Abschiedsbrief auf dem Tisch, die Hilfe kam zu spät. "Es dauert Jahre, bis sie diesen Schock verarbeiten können", sagt die heute 49-Jährige.

Etwa alle 47 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben, alle vier Minuten kommt es zu einem Suizidversuch. 2007 haben sich laut Statistischem Bundesamt 7009 Männer und 2393 Frauen umgebracht, mehr als 100.000 versuchen es jährlich. Die Rate der Selbstmorde sinkt zwar seit Ende der 70er Jahre in Deutschland, doch Experten befürchten nun, dass die Wirtschaftskrise die Zahl der Selbsttötungen wieder ansteigen lässt. "Die Zahlen aus den anderen Ländern zeigen dies schon", sagt Armin Schmidtke, Vorsitzender des Nationalen Suizid-Präventionsprogramms. "In Frankreich weisen die Statistiken für das vergangene Jahr eine erhöhte Suizidrate auf." Die Situation sei zurzeit besorgniserregend, meint auch Georg Fiedler, stellvertretender Leiter des Therapiezentrums für Suizidgefährdete am Uniklinikum Hamburg und Nationaler Repräsentant der International Association for Suicide Prevention. "In Frankreich treten in Großunternehmen seit vergangenem Jahr Suizide gehäuft auf und auch in Japan ist das Phänomen bekannt." Für Deutschland gibt das Statistische Bundesamt erst Ende dieses Jahres die Zahlen heraus.

Zeitarbeiter sind besonders gefährdet

Gefährdet sind laut Schmidtke besonders Zeitarbeiter. "Sie hoffen auf einen festen Job im Unternehmen, verlieren in der Krise allerdings meistens ihre Stelle", sagt er. Auch bei Einwanderern sei die Suizidgefahr erhöht, die Perspektivlosigkeit gilt als ein Grund. Wie die Statistiken zeigen, sind vor allem junge Migrantinnen betroffen. "Bei ihnen kommen noch die Tradition und der Umgang mit dem Rollenverständnis als Schwierigkeit hinzu", sagt Schmidtke. "Das Thema Zwangsheirat spielt ebenfalls eine Rolle." In den vergangenen 50 Jahren nimmt unter den Deutschen das Alter suizidgefährdeter Menschen zu. Über 20 Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, sind älter als 60 Jahre. Bei den Frauen ist jede zweite, die sich umbringt, über 60 Jahre. Viele Ältere fühlten sich von der Gesellschaft alleine gelassen, sagt der Facharzt für Psychiatrie. Dazu käme die Angst vor der Hilflosigkeit und entwürdigenden Lebensbedingungen. Ökonomische Schwierigkeiten erhöhen dem Psychologen zufolge für bestimmte Gruppen das Risiko psychischer Probleme.

Unter Medizinern ist Schmidtke zufolge schon länger bekannt, dass psychische Störungen zunehmen, wenn der Verlust des Arbeitsplatzes droht. Der Soziologe David Stuckler und seine Kollegen von der Universität Oxford haben in einer im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichten Studie den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Todesursachen in 26 europäischen Ländern untersucht. Demnach bewirkte ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen um ein Prozent einen Anstieg der Suizidrate um 0,79 Prozent bei den unter 65-Jährigen. Bei einem Anstieg um drei Prozent wuchs die Zahl der Suizidopfer um 4,5 Prozent, die Zahl der Alkoholtoten sogar um 28 Prozent. Arbeitsmarktprogramme können diese Effekte abschwächen, wie die Studie zeigt.

"Im Fall eines Selbstmordes kommen allerdings meistens mehrere Sachen zusammen", sagt Schmidtke. "Manchmal ist der Stress am Arbeitsplatz oder der Jobverlust auch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", weiß auch Fiedler. Die Experten setzen sich daher dafür ein, Arbeitgeber und Gewerkschaften für das Problem zu sensibilisieren. "In England sind sie da schon weiter", sagt Schmidtke. "Dort gibt es Flyer, die denjenigen, die ihren Job verloren haben, Hilfestellungen geben und Anlaufstellen aufzeigen." Einen solchen wollen die Vertreter des Nationalen Suizid-Präventionsprogramms auch für Deutschland entwickeln. Arbeitskollegen, Freunden und der Familie rät der Facharzt für Psychiatrie, das Thema direkt anzusprechen, wenn ein Betroffener sich auffällig verhält, zurückzieht oder Selbstmordgedanken äußert.

Angehörige leiden unter Schuldgefühlen

Für die Angehörigen ist die deutschlandweit tätige Selbsthilfegruppe "Angehörige um Suizid", kurz Agus, seit 1995 ein Ansprechpartner. Auf mindestens sechs bis 23 andere Personen hat ein Selbstmord Schmidtke und Fiedler zufolge Auswirkungen. "Viele von ihnen scheuen sich Hilfe zu suchen, da das Thema mit Scham und Schuldgefühlen verbunden ist", sagt Agus-Geschäftsführerin Elisabeth Brockmann. "Für die Angehörigen ist der Tod eine enorme seelische Belastung, für fast alle bleibt es jahrelang ein Lebensthema." Ihnen wieder eine neue Perspektive zu vermitteln, ist ein Anliegen von Agus. Dabei vermeidet die Selbsthilfegruppe auch den Begriff "Selbstmord". "Diese Bezeichnung ist für Suizidtrauernde sehr verletzend und wird oft auch als Abwertung des Verstorbenen empfunden", sagt Brockmann. Mord sei eine Tat aus niedrigen Beweggründen wie Habgier, Neid oder Eifersucht. "Das hat nicht im Entferntesten etwas zu tun mit der Situation eines verzweifelten Menschen, der sich das Leben nimmt. Und Suizidtrauernde sind nicht Hinterbliebene eines Mörders", sagt die Sozialpädagogin.

Elfriede Loser leitet in Bayreuth seit 2001 selbst eine Agus-Selbsthilfegruppe. "Zur eigenen Trauerbewältigung brauche ich die Gruppe nicht mehr", sagt sie. Mit dem Selbstmord ihres Lebensgefährten hat sie nach vielen Jahren ihren inneren Frieden geschlossen. "Ich habe ihm verziehen", sagt die 49-Jährige. Der sinnlosen Tat doch noch einen Sinn geben, indem sie anderen Betroffenen hilft, ist ihr allerdings ein Anliegen. "Ich möchte ihnen zeigen, dass aus Lebenskrisen neue Chancen erwachsen und das Leben weitergeht."

Die 49-Jährige ist mittlerweile verheiratet, "glücklich", wie sie betont. Doch bei einem ist sie sich auch zehn Jahre nach dem Tod ihre Lebensgefährten noch sicher. "Jeder, der sich umbringt, ist einer zuviel." Ähnlich sieht das auch Schmidtke. "Viele, denen über die Krise geholfen wurde, sind danach heilfroh. Erst kürzlich habe ich von einem Suizidgefährdeten einen Brief erhalten, mit einem Foto seiner Enkel."

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