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"Wer erkrankt, ist keine schlechte Mutter"

Eine Depression nach der Geburt - für viele Frauen ist das noch immer ein Tabu. Sie schämen sich. Eine Expertin ist überzeugt: Ein Routine-Screening wäre sinnvoll, um Betroffenen frühzeitig zu helfen.

  Wenn sich das Mutterglück nicht einstellen will: Rund 15 Prozent aller Frauen leiden nach der Geburt unter einer Depression. 

Wenn sich das Mutterglück nicht einstellen will: Rund 15 Prozent aller Frauen leiden nach der Geburt unter einer Depression. 

Frauen während der Schwangerschaft  und nach der Geburt routinemäßig auf Depressionen zu untersuchen, das hat vor Kurzem ein unabhängiges US-Panel empfohlen. Die Gesundheitsexperten glauben, dass sogenannte postpartale Depressionen häufiger vorkommen als bislang angenommen - und dass ein Screening dazu beitragen würde, betroffene Frauen rechtzeitig zu erkennen und ihnen zu helfen.

Die Vorschläge sind nicht neu. Auch in Deutschland werde schon länger darüber diskutiert, ob so etwas sinnvoll sei, sagt Dr. Susanne Simen, Oberärztin und Leiterin einer Mutter-und-Kind-Tagesklinik in Nürnberg (siehe Kasten). Die Klinik ist eine Anlaufstelle für Frauen, die unter einer postpartalen Depression leiden. Im Interview erklärt die Expertin, wie sich eine Wochenbettdepression vom Baby Blues unterscheidet, wann Betroffene Hilfe suchen sollten und wo diese zu finden ist.  

Frau Dr. Simen, was halten Sie von der Empfehlung der amerikanischen Experten?

Ich finde sie sehr gut, da sie die Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt. Das könnte dazu beitragen, dass postpartale Depressionen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Allerdings muss auch sichergestellt sein, dass im Anschluss an ein Screening Hilfe angeboten wird. Wenn ich nur screene, aber dann kein Fachpersonal habe, das behandeln kann, ist es wenig sinnvoll. In Deutschland gibt es zwar immer mehr Mutter-Kind-Kliniken und Spezialsprechstunden, aber die Angebote reichen noch lange nicht aus. Der Bedarf ist groß, Patientinnen nehmen weite Wege auf sich, um zu uns zu kommen.

Wäre ein solches Screening denn auch in Deutschland sinnvoll und machbar?

Das finde ich schon. Jede Frau muss sechs Wochen nach der Geburt zur Kontrolluntersuchung bei ihrem Frauenarzt. Da könnte man ein solches Screening machen. Ein gutes Werkzeug dafür ist ebenfalls vorhanden: Mit dem Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale gibt es einen Fragebogen, mit dem sich zuverlässig feststellen lässt, ob eine Frau gefährdet ist. Der Fragebogen ist auch in verschiedene Sprachen übersetzt. Würden Frauenärzte ihn routinemäßig anwenden, wäre das Thema auch normal und geläufig.

Wären bei einem Screening nicht auch falsche, also Überdiagnosen zu befürchten?

Das wird kontrovers diskutiert. Wenn die Frauenärzte gut geschult würden, glaube ich nicht, dass das der Fall wäre.

Ist sechs Wochen nach der Geburt ein guter Zeitpunkt für ein solches Screening?

Ich halte ihn für geeignet. Zwar erkranken manche Frauen auch später. Wenn der Frauenarzt sie aber bereits einmal auf das Thema angesprochen hat, wissen sie zumindest, wo sie Hilfe finden. Der Arzt darf allerdings nicht nur routinemäßig screenen. Er sollte zumindest bei Hinweisen auf eine Depression auch kurz über die Erkrankung, ihre Symptome und Hilfsangebote aufklären.

Können Frauenärzte das leisten?

Viele Ärzte merken schnell, wenn jemand Hilfe braucht. Manche Patientin berichtet uns aber auch, dass ihr Frauenarzt ihr gesagt habe: Das wird schon wieder, schlafen sie sich einfach mal richtig aus. Das Wissen um das Krankheitsbild und die Symptome ist auch bei Ärzten und Hebammen nicht immer ausreichend. Mitunter sind es aber auch die Frauen selbst, die versuchen, ihr Leiden zu vertuschen, da sie sich extrem dafür schämen. Bei uns ist aktuell  eine Patientin in Behandlung, die ihre Depression seit einem Jahr mit sich herumschleppt. Sie hat gelernt, diese hinter einer  Maske zu verbergen. Mittlerweile hat sich die Erkrankung verschlimmert und ist chronisch geworden. Nun ist es wirklich schwer, sie aus der Depression zu holen. Solche Frauen würden von einem Screening ebenfalls profitieren.

Wie häufig sind Depressionen nach der Geburt?

Rund 15 Prozent der Mütter sind betroffen, von leichten bis hin zu schweren Depressionen. Meist zeigt sich die Depression vier bis sechs Wochen nach der Geburt. Sie kann sich allerdings auch noch im Laufe des ersten Jahres entwickeln. Was oft vergessen wird: Auch Väter können von einer postpartalen Depression betroffen sein.

Werden Wochenbettdepressionen immer rechtzeitig erkannt?

Leider nicht. Noch immer ist eine postpartale Depression ein Tabu. Wobei zum Glück zu beobachten  ist, dass sich hier viel tut. Eine Patientin von uns ist sehr offen mit dem Thema umgegangen. Sie kam von einem Dorf, jeder kannte jeden. Das machte es noch einmal schwieriger. Die  Reaktionen waren allerdings verblüffend: Plötzlich outeten sich andere Frauen aus dem Ort und berichteten, dass auch sie diese Gefühle kennen. Doch so einfach ist es bedauerlicherweise nicht immer.

Warum?

Weil viele Frauen immer noch denken, dass sie eine schlechte Mutter sind, wenn sie nach der Geburt unter Depressionen leiden. Sie befürchten, dass Freunde und Bekannte sich von ihnen abwenden - oder dass man ihnen das Kind wegnimmt. Wobei das wirklich extrem selten der Fall ist und nur passiert, wenn eine akute Gefahr für das Neugeborene besteht. Ich behandele seit mehr als zehn Jahren betroffene Frauen. In dieser Zeit habe ich es einmal erlebt, dass das Jugendamt informiert werden musste und das Kind unter Obhut nahm.

Was ist der Unterschied zwischen einer postpartalen Depression und dem auch als "Heultage" bekannten Baby Blues?

Der Baby Blues ist völlig normal, etwa jede zweite Mutter kennt ihn. Er tritt meist drei bis fünf Tage nach der Geburt auf und ist in erster Linie auf die hormonellen Schwankungen zurückzuführen. Während der Schwangerschaft steigen die Sexualhormone stark an. In den ersten Tagen nach der Geburt rauschen sie in den Keller. Hormonsensible Frauen, die auch vor ihrer Regel starke Stimmungsschwankungen gespürt haben, macht das zu schaffen. Sie sind emotional nicht stabil, lachen leicht, weinen aber auch schneller, etwa wenn sie einen traurigen Film sehen. Auch an die veränderte Lebenssituation muss man sich erst einmal gewöhnen, an den Schlafentzug, den neuen Rhythmus. Hält der Blues allerdings länger als zwei Wochen an, kann dies auf eine postpartale Depression hindeuten. Das sollte man abklären lassen.

Bei welchen Symptomen sollte man Hilfe suchen?

Bei einer postpartale Depression verändert sich die Persönlichkeit. Die Betroffenen sind energielos, auch wenn sie geschlafen haben. Sie haben keinen Antrieb, ziehen sich sozial zurück und empfinden weniger, sowohl dem Kind als auch dem Partner gegenüber. Manche Mütter sind aggressiv, andere unterkühlt. Versagensängste sind ebenfalls ein Anzeichen. Genauso wie das  Gefühl, nicht zu genügen, eine Neigung zum Grübeln und zu extremen Sorgen. Wie bei jeder anderen Depression auch, kann es dazu kommen, dass der Betroffene lebensmüde ist und Suizidgedanken hat. Auch die Angst, dem Kind etwas anzutun, ist möglicherweise vorhanden.    

Können sich Anzeichen auch bereits vor der Geburt zeigen?

Ja. Eine postpartale Depression beginnt häufig auch schon am Ende der Schwangerschaft. Zwar ist nicht jede Angst vor der Geburt eine Depression. Wer einige der genannten Symptome bei sich erkennt, sollte allerdings mit dem Frauenarzt oder einem Arzt des Vertrauens darüber sprechen. Auch eine Beratungsstelle für Schwangere kann helfen.

Gibt es Frauen, die besonders anfällig dafür sind?

Wer schon einmal eine depressive Verstimmung hatte, hat ein größeres Risiko. Auch besondere Belastungen - etwa wenn keine Unterstützung durch einen Partner oder die Familie vorhanden ist - können es erhöhen. Prinzipiell kann es aber jede Frau treffen.

Was sind die Auslöser?

Wie bei jeder Depression kommen auch hier meist mehrere Ursachen zusammen: Hormonelle Veränderungen, Komplikationen während der Schwangerschaft, eine schwierige Geburt, Probleme mit dem Stillen oder der Einfluss, den das Kind auf die Beziehung zum Partner hat, können etwa eine Rolle spielen. Wir beobachten auch, dass besonders Frauen, die einen hohen Anspruch an sich als Mutter haben und unbedingt perfekt sein wollen, dazu neigen, sich zu überfordern. Das kann schnell in eine Abwärtsspirale führen. Auch Schreikinder fordern den Eltern einiges ab.

Warum ist es so wichtig, schnell zu behandeln?

Generell gilt wie bei jeder Erkrankung: Je früher ich behandele, desto besser. Bei einer postpartalen Depression ist zudem die gesamte Familie betroffen. Die Krankheit kann - sie muss nicht, aber sie kann - die Mutter-Kind-Bindung beeinträchtigen. Wenn ich depressiv bin, ist meine Mimik starr. Das Kind jedoch braucht jemanden, der die eigenen Emotionen spiegelt und feinfühlig die Signale wahrnimmt, die es aussendet. Zudem nimmt es selbst Stimmungen ganz genau wahr. Eine Mutter, die aufgrund einer Depression keine Energie hat, reagiert eventuell mechanisch und starr, ist ängstlich und überträgt das auf das Kind. Vor allem im ersten Lebensjahr ist es für das Kind jedoch wichtig, sich sicher gebunden zu fühlen. Das beeinflusst die eigene Bindungsfähigkeit im späteren Leben.

Was kann der Partner tun?

Er kann seine Frau darin unterstützen, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Wir erleben es oft, dass Partner uns im Internet googeln und einen Termin ausmachen. Denn manchmal fehlt Betroffenen dafür schlichtweg die Energie. Gut ist es auch, wenn ein Partner immer wieder deutlich macht, dass dies kein Zeichen von Schwäche ist und nichts darüber aussagt, ob man eine gute Mutter ist. Das kann unheimlich entlastend sein. Gleichzeitig müssen Angehörige auch unbedingt auf sich achten. Denn eine Depression ist auch für sie kräftezehrend. Wir versuchen daher immer, alle Familienmitglieder - auch Geschwisterkinder - mit einzubeziehen und ihnen bei Bedarf Hilfe zukommen zu lassen.

Wie lässt sich eine postpartale Depression behandeln?

Zum einen mit Medikamenten. Bei Antidepressiva tritt meist nach etwa zwei Wochen eine Besserung ein, die es Betroffenen ermöglicht, ihren Alltag wieder zu bewältigen. Beschwerden wie Schlafstörungen, Angst und Unruhe lassen nach. Welche Antidepressiva in der Schwangerschaft oder der Stillzeit eingenommen werden dürfen, sollten Frauen mit ihrem Arzt besprechen. Auf jeden Fall gibt es Antidepressiva, die kaum in die Muttermilch übergehen. Wer sich unsicher ist oder sich selbst zusätzlich zu dem Arztgespräch informieren möchte, kann etwa auch auf der Seite embryotox.de überprüfen, ob die Arznei geeignet ist. Neben der medikamentösen Behandlung sind therapeutische Gespräche hilfreich. Für viele Betroffene ist auch der Austausch in Selbsthilfegruppen eine große Stütze. Wer so langsam Sicherheit im Umgang mit dem Kind gewinnt, sammelt positive Erfahrungen und befreit sich aus der Abwärtsspirale.

Was würden Sie Müttern mit auf den Weg geben, die sich gerade mitten in der Depression  befinden?

Eine Wochenbettdepression ist eine Erkrankung wie jede andere. Sie ist gut behandelbar. Wer darunter leidet, sollte sich Hilfe suchen. Nicht zuletzt sollten sich Betroffene immer wieder sagen: Die Depression sagt nichts darüber aus, ob ich eine gute Mutter bin.

Interview: Lea Wolz
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