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Warum wir Gewohnheiten brauchen

Immer wieder in die Berge? Das klingt öde. Dabei ist der miese Ruf der Gewohnheit völlig verkehrt. Erst die Routine schenkt uns Ruhe und Geborgenheit. Sie macht uns stark fürs Leben und die Liebe.

Von Frank Ochmann

  Von wegen öde: Gewohnheiten bringen Ruhe, festigen uns und geben Kraft für das Neue.

Von wegen öde: Gewohnheiten bringen Ruhe, festigen uns und geben Kraft für das Neue.

  • Frank Ochmann

Wohin soll es dieses Jahr in den Urlaub gehen? Vielleicht liegen die Reisekataloge schon auf dem Küchentisch, und das Internet wird durchstöbert. Lockt die Karibik? Oder eher Kufstein oder Kühlungsborn? Womöglich ist die Suche aber überflüssig. Ein knappes Drittel der Urlauber, so eine Umfrage von 2012, zieht es nämlich an vertraute Orte. Gott, wie spießig!, lautet eine gängige Reaktion. Ist es nicht langweilig, Jahr für Jahr am selben Strand das Laken auszubreiten oder vom selben Tal aus ins Gebirge aufzusteigen? Für viele offenbar nicht. Sonst kämen sie ja nicht wieder und wieder.

Gewöhnlich hat die Gewohnheit keinen guten Ruf. Das Gewöhnliche gilt vielen als minderwertig, als Gegenpol des Exquisiten. Rauchen, zu viel Alkohol trinken oder Zocken sind "schlechte Angewohnheiten". In denselben ethischen Niederungen ist das "Ordinäre" angesiedelt, gleich neben der Obszönität. Und selbst wenn die Gewohnheit nicht gänzlich negativ bewertet wird, haftet ihr doch etwas Fades an. Der beste Bissen verliert bekanntlich seinen Geschmack, wenn er allzu oft durchgekaut wird.

Aber widerspricht das der gepflegten Wiederholung? Haben nicht die meisten mindestens ein Lieblingsgericht, dem sie immer wieder zusprechen? Auch Musik kann zur lieb gewordenen Gewohnheit werden, die uns über den Augenblick des Genusses hinaus Vertrautheit, Verlässlichkeit, Heimat schenkt. Die Gewohnheit ist wie ein sicherer Hafen. Kein Ort zum Bleiben, aber einer, auf den wir uns freuen, wenn wir zu ihm zurückkehren.

Stabiles Fundament zur Eroberung des Neuen

Für unser Wohlergehen ist das wichtig. Wir brauchen Orte, Zeiten und Menschen, auf die wir uns verlassen können. Ständig ist unser Gehirn damit beschäftigt, vorherzusagen, was als Nächstes passieren wird. Schließlich müssen wir auf Veränderungen unserer Umwelt reagieren, sie könnten Gefahr oder Chancen bedeuten. Weil aber Reaktionen Zeit kosten, ist das Vorausschauen so wichtig. Und so ist unser Kopf vor allem damit beschäftigt, Tag und Nacht, selbst wenn wir schlafen. Die Kalkulation der Zukunftsprognose geschieht vor allem unbewusst. Dass wir nicht genau wissen können, was auf uns zukommt, öffnet dem Risiko das Tor. Schon im nächsten Augenblick kann uns Gefahr drohen, können sich die Dinge zum Schlechteren wenden. Doch nicht überall erscheint uns das Risiko gleich groß. Wo wir buchstäblich oder auch im übertragenen Sinne zu Hause sind, fühlen wir uns einigermaßen sicher. Es ist die Gewohnheit, die Gewissheit einer weitgehenden Unveränderlichkeit, die uns ruhig schlafen lässt. Es wird sein, wie es war - erst wenn unser Leben auf einem solchen stabilen Fundament ruhen kann, sind wir bereit für das Abenteuer und haben die Kraft für die Eroberung des Neuen.

Diese Einsicht ist nicht etwa dem Buddhismus entsprungen und stammt auch nicht aus einem christlichen Orden. Dass auf die Aktion und die mit ihr verbundene Belastung immer wieder Ruhe und Kontemplation folgen müssen, gehört längst zum Stand der psychologischen Forschung. Wir müssen uns dem Gewohnten überlassen können, weil es uns schützt und auftankt.

Die Glut bleibender Liebe

Die Wiederholung einer Erfahrung vermittelt Sicherheit. Treue und Vertrauen sind an den Eindruck geknüpft, dass wir Hilfe und Zuspruch dort erfahren können, wo sie uns auch zuvor schon zuteil wurde. Erst die Gewöhnung schafft eine Bindung, die nicht schon bei den ersten Widrigkeiten reißt. Das ist bei einem Kleinkind und seiner Mutter nicht anders als bei einem Erwachsenen, der eine Partnerschaft eingeht. Erst aus der Gewohnheit kann Vertrautheit wachsen. Sie entsteht überall dort, wo wir uns binden, wo wir lieben und geliebt werden. Vielleicht ist das der größte Vorzug der Gewohnheit - dass sie die Glut bleibender Liebe stiften kann, wenn die nur kurz flackernden Flammen des Verliebtseins schon verlöschen.

Doch es spricht noch mehr für die Gewohnheit: Sie schenkt Können und Virtuosität. Die imponierendste Begabung verkommt, wenn die Gewöhnung nicht hilft, Handgriffe, Maltechniken oder vielleicht auch Tanzschritte in den Kopf einzuschreiben. Eine der wichtigsten Regeln für die Entwicklung unseres Gehirns ist die Hebb’sche Regel. Sie stammt von dem 1985 verstorbenen kanadischen Psychologen Donald Hebb und besagt, dass es die Verbindung zwischen Nervenzellen stärkt, wenn diese Bahn wieder und wieder genutzt wird. Bleibt eine Aktivierung dagegen aus, verkümmert die Leitung zwischen den Neuronen. Wir können diesen relativ simplen Vorgang auch anders nennen: lernen. Der von Hebb entdeckte Prozess ist dabei einer der wichtigsten Mechanismen.

Das Gehirn ist "plastisch". Und es ist die Gewöhnung, die es wie ein Bildhauer formt. Das setzt nicht notwendig alle Kraft unserer Großhirnrinde voraus. Ohnehin geschieht das bei Weitem meiste in unseren Köpfen unbewusst. Und je nach den Erfordernissen der Aufgabe, die wir meistern wollen oder sollen, reicht es mitunter schon, einige wenige Regionen des Gehirns besonders zu prägen, beispielsweise das Kleinhirn und die Basalkerne oder Basalganglien auf beiden Hirnseiten unterhalb der Großhirnrinde.

In diesen Arealen vor allem steckt unser prozedurales Gedächtnis. Wer etwa einen komplizierten Tanz lernen will, muss all jene Bahnen stärken, die bestimmte Bewegungsabläufe in einem der ältesten Teile unseres Gehirns festhalten und wie ein Muster für spätere Aktionen bereithalten. Darum müssen Balletttänzer täglich viele Stunden Schritt für Schritt einüben. Nur so können sie ihren Kopf samt der dort "repräsentierten" Sehnen, Muskeln und Gelenke über die Hebb'sche Regel an eine neue Choreografie gewöhnen. Also bitte noch einmal von vorn! Et encore!

Nicht nur Arme und Beine brauchen die Übung, um zu Virtuosität gelangen zu können. "Virtus" heißt im Lateinischen auch die Tugend. Mit anderen Worten: Auch der Charakter bedarf der Übung, um zu reifen. Thomas von Aquin, der große Denker und Mönch des Mittelalters, brachte in Anlehnung an den Griechen Aristoteles, der rund eineinhalb Jahrtausende vor ihm gelebt hatte, Gewohnheit und Tugend zusammen. "Die menschliche Tugend", so schrieb Thomas, "ist eine Gewohnheit, die den Menschen in Hinsicht auf seine guten Taten vervollkommnet." Wir könnten das eine moraltheologische Abwandlung der Hebb'schen Regel nennen: Was wiederholt wird, gewinnt an Stärke. Das gilt auch für alles, was uns oder anderen schadet. Doch ist das der Gewohnheit als solcher anzulasten? Ist es die Schuld der Hantel, wenn mit ihr nicht der Gesundheit zuliebe trainiert wird, sondern für einen verwerflichen Krieg?

Mit der Gewohnheit hält die Veränderung Einzug

Mit einem Mal hat die Gewohnheit nichts Ordinäres, Fades oder Seichtes mehr an sich. Vielmehr wird sie zu einer Herausforderung, für die es Kraft und Konzentration braucht, um ihr genügen zu können. Mit ihr wird nicht nur das Neue gewonnen, sondern auch das Alte bewahrt. Was sonst steckt im Kern der Tradition als Gewohnheit? Die heiligsten Schreine des Shinto-Glaubens auf der japanischen Halbinsel Shima werden alle 20 Jahre neu errichtet. Gerade in diesem Jahr wird der 62. Neubau fertiggestellt. Der rituelle Abriss und der detailgetreue Wiederaufbau der kilometerweit verstreuten Tempelanlagen symbolisieren im Shintoismus Tod und neues Leben. Zugleich wird durch den seit vielen Jahrhunderten unveränderten Ritus sichergestellt, dass die traditionelle Kunst, einen solchen Schrein zu errichten, nicht verloren geht. So zeigt sich in der Gewohnheit auch der Charakter des Bewahrenden: Sie schützt, was wertvoll ist und erhalten werden soll.

Genau das werfen ihr die Verächter vor: Gewohnheit, das sei doch nur Stillstand. Wer so denkt, übersieht allerdings die Kraft, mit der aus dem Beharren Neues erwachsen kann. Schon das antike Rom kannte das Gewohnheitsrecht. Mit ihm schleicht sich sogar ein subversives Element ein: Still, aber wirksam kann sich die Gewohnheit gegen geltende Regelungen richten, indem sich durch sie etwas Neues einbürgert. Im Alltag sieht man das oft: Entspricht die Wegführung in einem Park nicht den Bedürfnissen der Besucher, zeigt sich das bald auf den Grünflächen. Der Bürgerwunsch drückt sich in einer kahlen Spur quer über den Rasen aus. Die Mehrzahl der Menschen läuft da, wo es ihr bequem und sinnvoll erscheint. Und dann wird die Verwaltung eben über kurz oder lang nachgeben und sich den aus der Rebellion geborenen Weg zu eigen machen. Kaum eine Stadt, in der solch stummes Aufbegehren nicht zu beobachten wäre. Und immer ist es die Gewohnheit, mit der die Veränderung Einzug hält.

Sträflich unterschätzt wird sie also. Dabei hilft sie uns nicht nur, einen Weg durch den Park zu finden, sondern einen Weg durchs Leben. Ohne Gewohnheit kann es Glück nicht geben.

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