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Der heiße Tanz um den hohlen Zahn

Ist Amalgam gefährlich? Über diese Frage streiten Experten heftig. Obwohl neue Testergebnisse viele vermeintliche Gefährdungen weitgehend ausschließen, sind längst nicht alle Fachleute überzeugt.

Von Bernhard Albrecht

  Am Quecksilber scheiden sich die Geister - das Schwermetall ist hochgiftig, und dennoch die wichtigste Zutat im Amalgam

Am Quecksilber scheiden sich die Geister - das Schwermetall ist hochgiftig, und dennoch die wichtigste Zutat im Amalgam

Am 4. April schien es für kurze Zeit so, als könnte ein Schlussstrich gezogen werden im Streit um die Gefahr von Amalgam: "Entwarnung in aller Munde" und "Kann die Akte 'Amalgam' geschlossen werden?", titelten deutschsprachige Tageszeitungen. Eine Münchner Gruppe von Wissenschaftlern hatte die Ergebnisse einer über zwölf Jahre laufenden Großstudie der Öffentlichkeit präsentiert – der German Amalgam Trial (GAT). Die Forscher schlossen aus ihren Ergebnissen unter anderem, dass die von Amalgamgegnern beschriebenen gesundheitlichen Beschwerden wie Müdigkeit, Konzentrationsschwäche oder Depressionen nicht durch die quecksilberhaltigen Zahnfüllungen verursacht sein könnten.

Ist das wirklich das Ende eines mittlerweile seit fast 180 Jahren andauernden Wissenschaftsstreits? Deutschlands populärster Amalgamkritiker, der Freiburger Umweltmediziner Joachim Mutter, sieht die Front seiner wissenschaftlich aktiven Mitstreiter im Lande wegbröckeln. "Die meisten sind im Ruhestand, wir stehen jetzt allein auf weiter Flur", resümiert der Arzt und Wissenschaftler, der auch als Mobilfunkkritiker von sich reden macht.

Kritiker in den Selbstmord getrieben?

Unbeirrt führt er seinen Kampf weiter. Glaubt man Mutter, hat der Amalgamstreit das Renommee weltweit angesehener Toxikologen und Institute zerstört und prominente Zahnheilkundler, die auf der Seite der Kritiker standen, womöglich in den Selbstmord getrieben.

Wissenschaftliche Gegner von Mutter und seiner "Freiburger Gruppe" sind hochrangige Organisationen, Verbände und Experten, die mit dem Gewicht ihrer Namen dafür stehen, dass Amalgam nach dem heutigen Forschungsstand mit nur wenigen Einschränkungen als Füllstoff in der Zahnheilkunde eingesetzt werden kann. Zum Beispiel ein von der Europäischen Union beauftragtes interdisziplinäres Expertengremium, das im Jahr 2007 seinen Bericht vorlegte, außerdem die Weltgesundheitsorganisation WHO, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Robert-Koch-Institut (RKI).

Letzterem gehörte Mutter bis zum Jahr 2005 selbst als Sachverständiger an und vertrat dort als Amalgamkritiker zusammen mit RKI-Kommissionsmitglied Franz Daschner ein amalgamkritisches Sondervotum, das von der offiziellen Stellungnahme des Instituts abwich.

Weltverschwörung der Wissenschaft?

Heute sagt Joachim Mutter: "Ich unterstelle zumindest Teilen dieser Institutionen, dass sie Informationen über die Schädlichkeit von Amalgam falsch deuten oder vielleicht sogar bewusst unterschlagen." Er bringt Amalgam nicht nur mit unklaren körperlichen Beschwerden wie Müdigkeit und Kopfschmerzen in Verbindung, sondern sieht es auch als möglichen Mitverursacher einer ganzen Reihe schwerer Erkrankungen wie Morbus Alzheimer und Multipler Sklerose.

Der Münchner Toxikologe Stefan Halbach kontert: "Man muss schon an eine Weltverschwörung der renommiertesten Organisationen und Wissenschaftler glauben, wenn man heute noch ernsthaft behauptet, Zahnfüllungen aus Amalgam würden die Gesundheit vieler Menschen derart ernsthaft gefährden." Mehr als 30 Jahre lang forschte Halbach über die Auswirkungen von Quecksilber auf den Organismus, das mit 50 Prozent den Hauptbestandteil der Metalllegierung bildet.

Erste dokumentierte Amalganfüllung im 16. Jahrhundert

Auf den ersten Blick mag es verwundern, warum überhaupt jemand die Schädlichkeit von Amalgam bezweifelt. Dass Quecksilber giftig ist, wusste man schon in der Antike, wie Aufzeichnungen Plinius' des Älteren aus dem 1. Jahrhundert belegen. Der römische Arzt beschrieb an Bergarbeitern die typischen Symptome einer Quecksilbervergiftung: Händezittern und agitiertes Verhalten. Das hätte auch der unbekannte Bader nachlesen können, der Ende des 16. Jahrhunderts der Prinzessin Anna Ursula von Braunschweig die erste in Deutschland geschichtlich dokumentierte Amalgamfüllung legte.

Zwischenfälle durch achtlosen Umgang mit Quecksilber ereigneten sich bis in die jüngste Vergangenheit. Einer von ihnen, der sich Mitte der 1950er Jahre in der japanischen Stadt Minamata zutrug, ging in die Geschichte der Toxikologie ein: Eine im Ort ansässige Chemiefabrik hatte das Metall in seinen Abwässern ins Meer geleitet, es gelangte über die Fische in die Mägen der Bewohner. Viele erblindeten, erkrankten an schweren Lähmungserscheinungen und Muskelverkrampfungen oder starben. Die Bilder der Katastrophe gingen um die Welt, und mit ihnen die Erkenntnis, dass sich in Fischen Quecksilber in organischer Form anreichert.

Eine Frage der Dosis

Amalgam beinhaltet nur anorganisches Quecksilber. Unbestritten ist allerdings, dass auch diese chemische Erscheinungsform in höheren Dosierungen schwere Nerven- und Nierenschäden verursacht. Kaum ein Wissenschaftler zweifelt außerdem daran, dass aus Amalgamfüllungen ständig Spuren von Quecksilber freigesetzt werden.

Dann aber wird es kompliziert: Es komme auf die chemische Form an, in der das Metall in den Körper gelange, sagt der Toxikologe Halbach. Unbedenklich sei der sogenannte Abrieb, das sind Legierungsbestandteile aus der Füllung, die sich durch Kauen und Abnutzung von der Füllung lösen. Der Mensch verschlucke und scheide sie unverändert wieder aus. Toxikologisch unbedeutend, so Halbach, seien auch die elektrisch geladenen Quecksilberionen, die in sehr geringem Maße aus den Füllungen in den Speichel überträten und die der Mensch zu einem noch geringeren Anteil über den Magen-Darm-Trakt aufnehme.

Streit um die Schwellenwerte

Streit entbrennt vor allem über die dritte chemische Erscheinungsform, den Quecksilberdampf. Er entsteht vor allem dann, wenn der Zahnarzt Amalgamfüllungen legt oder entfernt. In geringem Maße aber sondere jede Füllung ständig dampfförmiges Quecksilber ab, sagt Halbach. Es gelange über die Atemluft in die Lunge und von dort zu 80 Prozent in den Körper. Dass diese Form von Quecksilber giftig für den Organismus ist, gilt als gesichert. Die Frage, an der sich die Geister scheiden, lautet: Wie viel davon kann ein Mensch vertragen, ohne ernsthafte Schäden davonzutragen?

Hier kommen, wie immer in der Toxikologie, Schwellenwerte ins Spiel. Um Grenzwerte festzulegen, können Wissenschaftler auf Erfahrungen mit Menschen zurückgreifen, die beruflich hohen Mengen an anorganischem Quecksilber ausgesetzt waren. Nach Angaben der WHO aus dem Jahr 2007 können "schwache, subklinische Anzeichen für die Toxizität am Zentralnervensystem" dann auftreten, wenn Arbeiter mehrere Jahre lang pro Kubikmeter Atemluft mehr als 0,00002 Gramm dampfförmiges Quecksilber aufnehmen. Amalgamträger liegen laut BfArM in ihrer Mehrheit um den Faktor 10 darunter. Einige aber erreichen diesen Grenzwert fast, und wer viel Kaugummi kaut oder nachts mit den Zähnen knirscht, dessen Füllungen setzen in dieser Zeit noch mehr Quecksilber frei.

Für das BfArM sind die Werte noch tolerabel, für den Amalgamkritiker Joachim Mutter eindeutig zu hoch. Er verweist auf die WHO, die 2005 feststellte: "Neuere Studien legen nahe, dass es möglicherweise keinen Schwellenwert für Quecksilber gibt, unterhalb dessen keine Nebenwirkungen auftreten." Was er nicht erwähnt: Trotz dieser warnenden Worte hält die WHO Amalgam offiziell weiterhin für verwendbar.

Studien: Kindesentwicklung durch Amalgan nicht verzögert

Im Körper reichert sich Quecksilber vor allem im Gehirn und in den Nieren an. Deshalb empfiehlt das BfArM, Patienten mit schweren Nierenfunktionsstörungen keine neuen Amalgamfüllungen zu legen. Weil sich Nervensystem und Gehirn bei Kindern noch entwickeln, könnte ihr Nervensystem empfindlicher auf Quecksilber reagieren als das von Erwachsenen, vermuten manche Wissenschaftler. Deshalb untersuchten kürzlich zwei Forschergruppen aus den USA und Portugal über fünf Jahre jeweils mehr als 500 Kinder mit neuropsychologischen Tests, von denen die Hälfte mit Amalgamfüllungen, die andere Hälfte amalgamfrei versorgt worden war. Beide Studien kamen zu dem Ergebnis, dass der Intelligenzquotient der Kinder mit Amalgamfüllungen genauso hoch war wie der der anderen Kinder, dass also die umstrittene Legierung die geistige Entwicklung nicht beeinflusse.

Erhöhte Quecksilberwerte bei Alzheimer-Patienten

Aus Gründen des "vorbeugenden Gesundheitsschutzes" empfiehlt das BfArM dennoch weiterhin, bei Kindern "sorgfältig zu prüfen", ob Amalgamfüllungen notwendig seien. Schwangeren rät die Behörde zu noch größerer Vorsicht: Bei ihnen sollen Amalgamfüllungen möglichst weder gelegt noch entfernt werden – weil dabei besonders viel Quecksilberdampf frei wird.

Zahlreiche Wissenschaftler aus aller Welt haben sich inzwischen mit der Frage beschäftigt, ob Amalgamfüllungen Erkrankungen des Nervensystems wie Alzheimer auslösen können. So untersuchten Pathologen die Gehirne von vierzehn verstorbenen Alzheimerpatienten und fanden deutlich erhöhte Quecksilberwerte als in einer Kontrollgruppe. Andere Wissenschaftler konnten mit Quecksilber in Rattengehirnen Veränderungen erzeugen, die typisch für Alzheimer sind.

Es gibt noch viele Wissenslücken

Für den Toxikologen Halbach sind die Hinweise aus Tierversuchen und Autopsien zu wenig aussagekräftig. "Wenn Quecksilber wirklich eine große Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen sollte, dann müssten doch zum Beispiel die Menschen in Japan oder auf den Färöer-Inseln, die viel Fisch konsumieren und nachweislich viel höhere Quecksilberwerte im Blut haben als wir Deutschen, vermehrt an Demenz erkranken. Aber dafür gibt es keine Hinweise, ganz im Gegenteil: Japaner erkranken seltener an Alzheimer als wir."

Auch die von der Europäischen Union beauftragte Expertengruppe SCENIHR sowie eine interdisziplinäre, hochkarätig besetzte Gruppe von Wissenschaftlern in den USA kamen nach Sichtung der aktuellen Literatur zum Schluss, dass es keine ausreichenden Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Alzheimer oder anderen chronischen Erkrankungen und Amalgam gibt. Allerdings, so schränken die US-Forscher ein, bestünden noch viele Wissenslücken.

Die Münchner GAT-Studie, die kürzlich für so viel Aufsehen gesorgt hatte, liefert keine Antworten auf die Frage, ob Amalgam schwere Krankheiten verursachen kann. Allerdings sehen ihre Autoren sie als weiteres Glied einer mittlerweile langen Beweiskette großer Studien, dass die unklaren Beschwerden, die Patienten und Amalgamgegner auf die Zahnfüllungen zurückführen, nichts mit Amalgam zu tun haben.

Die Wissenschaftler befragten 6744 zufällig ausgewählte Zahnarztpatienten und untersuchten ihre Zähne, mit dem Ergebnis, dass sich Amalgamträger und amalgamfreie Patienten nicht in Bezug auf ihre Beschwerden unterschieden. Außerdem fanden sie an einer kleineren Gruppe von 90 Patienten heraus, dass es gleichgültig zu sein scheint, ob man Beschwerden, die nach Meinung der Patienten durch Amalgam bedingt sind, durch Entfernen der Füllungen – mit oder ohne zusätzliche "biologische Ausleitungstherapie" des Quecksilbers – behandelt oder nur durch ein Gesundheitstraining.

Die gesetzlichen Krankenkassen empfehlen grundsätzlich weiterhin, das Metallgemisch für Füllungen zu verwenden, seit den 70er Jahren allerdings in seiner modernsten und sicherlich unschädlichsten Legierungsform "Non-gamma-2-Amalgam". Von dieser Position weichen sie nur in seltenen Ausnahmefällen ab, zum Beispiel wenn der Patient allergisch auf Amalgam reagiert oder aber wenn durch die Legierung fleckförmige Veränderungen in der Mundschleimhaut entstehen, sogenannte lichenoide Reaktionen. Ansonsten raten sie vom Entfernen intakter Amalgamfüllungen ab – wegen der relativ hohen Quecksilberbelastung, der der Patient dabei ausgesetzt sei.

Während sich die Wissenschaftler streiten, befindet sich Amalgam in vielen industrialisierten Ländern auf dem Rückzug. In Schweden und Finnland verzichten Zahnärzte weitgehend auf die Metalllegierung. In den USA, Großbritannien und Australien ging der Verbrauch in den vergangenen Jahren zurück.

"Doppelter Vorteil durch 'amalganfreie' Praxis

Auch in Deutschland strichen mittlerweile die ersten Universitäten das Legen von Amalgamfüllungen aus ihrem Ausbildungskatalog, und viele Zahnärzte bieten die Metalllegierung mangels Nachfrage nicht mehr an. "Es ist heute ein doppelter Vorteil, wirtschaftlich und fürs Image, wenn ein Zahnarzt sagt, ich führe eine 'amalgamfreie' Praxis", sagt Klaus Ott, Direktor der Zahnklinik der Universität Münster. Denn für die Alternativen muss der Patient meist Geld aus eigener Tasche drauflegen.

Amalgangegner drohen mit Klagen

Da jedoch auch Kunststofffüllungen laut BfArM ein noch unabwägbares "biologisches Restrisiko" bergen (siehe Kasten), sehen sich die Zahnärzte schon mit einem neuen Problem konfrontiert: "Einige Amalgamgegner haben mir gedroht, sie würden mich verklagen, wenn ich nicht öffentlich einen Aufruf für das Verbot von Kompositkunststoffen machen würde", berichtet Reinhard Hickel, ehemals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung.

Der wissenschaftliche Streit um die Gefahren von Amalgam wird weitergehen. Schon deshalb, weil es sich schwer beweisen lässt, dass ein Stoff mit hundertprozentiger Sicherheit keine Krankheit auslöst. Der Zahnmediziner Klaus Ott, eigentlich Amalgambefürworter, resümiert: "Wenn Amalgam irgendwann mal gar nicht mehr eingesetzt würde, dann hätten wir auch diese ganze leidige Diskussion nicht mehr. Und darüber wäre ich froh."

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