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Wenn der richtige Biss fehlt

Passt der Oberkiefer nicht zum Unterkiefer, können sich Probleme beim Kauen, beim Beißen und beim Sprechen einstellen. Möglicherweise fallen deswegen sogar Zähne aus oder der Rücken schmerzt.

  Nicht immer passt das so gut: Klappen die Kiefer zu schief aufeinander, kann das Zähne kosten

Nicht immer passt das so gut: Klappen die Kiefer zu schief aufeinander, kann das Zähne kosten

Wie Perlen an einer Kette reihen sich die Zähne aneinander. Beim Zusammenbeißen gleitet die obere sanft über die untere Zahnreihe. Dabei senkt sich jeder Zahn des Oberkiefers passgenau in die entsprechenden Gegenspieler im Unterkiefer. Denn jeder Zahn beißt auf zwei andere: auf den gleichartigen Zahn des gegenüber liegenden Kiefers sowie auf dessen Nachbarzahn. So ist es idealerweise.

Doch die Natur entspricht selten dem Ideal. Oft stehen Zähne nicht perfekt im Mund, manche wachsen etwas schief, andere hocken zu eng beieinander oder sind zu weit voneinander entfernt. Manchmal gerät der Kiefer zu lang oder zu kurz, bei anderen ist er zu breit oder zu eng. Dann passt die obere Zahnreihe nicht richtig in die untere hinein oder es gibt Platzprobleme mit den Zähnen.

Ob ein Gebiss noch normal gewachsen oder schon behandlungsbedürftig ist, lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Sie sollten auf jeden Fall zum Kieferorthopäden gehen, wenn Sie Beschwerden haben oder wenn Sie mit Ihrem Aussehen unglücklich sind.

Manches ist angeboren, anderes können Eltern verhindern

Ein unpassend gewachsener Kiefer ist oft genetisch bedingt, zum Beispiel bei der Progenie: Bei diesem Vorbiss ist der Unterkiefer länger als der Oberkiefer. Deshalb sitzen die oberen Schneidezähne hinter den unteren. Angeboren ist oft auch die umgekehrte Stellung, der Rückbiss: Dabei überragen die oberen Zähne die unteren weit.

Sind es nicht die Gene, sind es Verhaltensweisen, die ein Gebiss schief wachsen lassen. Atmet ein Kind hauptsächlich durch den Mund, bleibt der obere Kiefer häufig zu schmal. Denn wer durch den Mund atmet, muss seine Zunge am Mundboden ruhen lassen. Dadurch kann sie nicht gegen den oberen Gaumen drücken - doch genau solche Impulse sind es, die den Gaumen und den Kiefer während des Wachsens formen.

Auch die Lippen und die Muskeln der Wangen bestimmen, ob sich Kiefer und Gebiss richtig entwickeln. Lutscht ein Kind zum Beispiel am Daumen, wachsen die oberen Schneidezähne durch den andauernden Druck zu schräg nach vorne.

Symptome

Unsere Kiefer bewegen sich ständig: wenn wir kauen, lachen, gähnen oder küssen. Dabei ändert sich nicht nur die Lage der Knochen: Muskeln dehnen sich oder ziehen sich zusammen, Sehnen verkürzen oder verlängern sich.

Stehen Unter- und Oberkiefer nicht richtig zueinander oder sind sie schief gewachsen, verändert sich auch dieses Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen und Gelenken. Das kann die betreffenden Gewebe und die Zähne überlasten. Das werden Sie nicht wahrnehmen. Doch der Körper reagiert auf das Ungleichgewicht. So können überlastete Kieferpartien - über einige Zwischenschritte - sogar zu Verspannungen und Rückenschmerzen führen.

Fachleute unterscheiden falsch geformte Kiefer systematisch:

  • Beim so genannten Rückbiss steht der Oberkiefer zu weit vor. Dadurch beißen die oberen Zähne weiter in das Butterbrot hinein als die untere Zahnreihe.
  • Ist es genau umgekehrt, sprechen Kieferorthopäden von einem Vorbiss.
  • Sind Oberkiefer und Unterkiefer seitlich verschoben, handelt es sich um einen Kreuzbiss.
  • Bei einem so genannten offenen Biss fehlt der Kontakt zwischen bestimmten Zähnen und ihren natürlichen Gegenspielern. Manchmal passen Ober- und Unterkiefer auch in der Breite nicht zusammen. Oder die Zahnreihen haben die falsche Höhe.

Ob Sie ein Problem mit Ihrem Kiefer haben, können Sie an verschiedenen Beschwerden erkennen. Vielleicht beißen Sie nicht richtig ab oder Sie können nicht problemlos kauen. Eine Folge davon können Verdauungsprobleme sein, weil Sie die Nahrung nur unzureichend zerkleinern. Wenn Sie Ihre Lippen nicht aufeinander bekommen, atmen Sie fast nur durch den Mund. Das lässt Ihre Schleimhäute austrocknen und anfälliger für Erkältungen werden. Spielen Kiefer, Zunge, Lippen und Gaumen nicht perfekt zusammen, kann das zu einem Sprachfehler führen. Vielleicht sind Ihnen auch Zähne vorzeitig abgestorben oder ausgefallen: Grund dafür könnte ein schief stehender Kiefer sein, das überlastet manche Zähne.

Diagnose

Bevor der Kieferorthopäde Sie behandeln kann, muss er Ihre Beschwerden genau kennen. Weil schiefe Zähne manchmal vererbt werden, wird er möglicherweise fragen, ob Ihre Eltern und Geschwister ähnliche Probleme haben.

Anschließend wird der Arzt Ihre Gesichtsform betrachten und Ihren Mund genau untersuchen. Dabei interessiert ihn nicht nur, wie der Ober- und Unterkiefer zueinander stehen. Er wird auch sehen wollen, ob die Zähne gesund sind. Zudem wird er einige Funktionstests machen, um zu schauen, wie sich Lippen, Zunge und Kiefergelenk bewegen.

Sind Sie das erste Mal bei einer Kieferorthopädin, wird sie in der Regel Abdrücke von Ober- und Unterkiefer machen. Sie dienen ihr als Vorlagen für ein Gipsmodell Ihres Kiefers. Sie wird auch ein Röntgenbild des gesamten Gebisses machen wollen. Am besten eignet sich dafür die so genannte Panorama-Schichtaufnahme. Dabei fährt der Röntgen-Apparat einmal um den gesamten Kopf herum. Auf dem Bild kann die Ärztin erkennen, ob bei Erwachsenen noch mit Weisheitszähnen zu rechnen ist und ob Zähne im Kiefer quer liegen. Bei Kindern kann sie sehen, ob die Zähne im Kiefer richtig angelegt sind.

Möglicherweise wird sie auch noch eine Röntgenaufnahme von der Seite machen wollen. Bei Kindern kann das Röntgen der Hand sinnvoll sein. So erkennt die Kieferorthopädin, ob Ihr Sprößling noch einen größeren Wachstumsschub vor sich hat.

Therapie

Nicht jede Unregelmäßigkeit muss korrigiert werden. Nur wenn Sie Probleme beim Atmen, Beißen, Kauen oder Sprechen haben, sollten Sie etwas unternehmen.

Bei Kindern reichen Zahnspangen meistens aus. Sie können Ober- und Unterkiefer zurechtformen. Ob ein herausnehmbares System oder eine festsitzende Spange notwendig ist, hängt vom Alter und vom individuellen Problem ab. Nur in schweren Fällen oder bei Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten ist eine Operation notwendig.

Bei Erwachsenen können Zahnspangen den Kieferknochen nicht mehr verformen. Deshalb kommen Sie um eine Operation nicht herum. Häufig müssen Sie danach auch noch eine Spange tragen. Denn die OP verlängert oder verkürzt den Kiefer, es entstehen Lücken oder es mangelt an genügend Platz. Die Zähne müssen daher in die richtige Position hinein geschoben werden. Diesen Kraftakt übernimmt eine festsitzende Spange.

Expertenrat

stern.de-Expertin Professorin Andrea Wichelhaus von der Klinik für Kieferorthopädie an der Universität Basel beantwortet Ihre Fragen.

Wie kann ich als Erwachsener meinen schief stehenden Kiefer loswerden?

Wir haben heute die Mittel, Fehlstellungen des Kiefers bis ins hohe Alter zu korrigieren. Allerdings kann in schweren Fällen eine Operation erforderlich sein. Denn mit einer Zahnspange lassen sich beim Erwachsenen nur noch Zähne verschieben, nicht der Kiefer. Einer solchen Operation geht in der Regel eine kieferorthopädische Behandlung voraus, die die Zähne in die Position bringt, in der sie nach der Operation stehen sollen. Und auch danach werden Sie möglicherweise noch längere Zeit eine Spange tragen müssen. Insgesamt kann sich eine solche Behandlung auf bis zu zwei Jahre oder sogar länger erstrecken. Am Ende wird sich auch Ihr Äußeres mehr oder weniger stark verändert haben. Es gilt also im Einzelfall abzuwägen, ob die Vorteile einer Korrektur so groß sind, dass Sie die Belastungen in Kauf zu nehmen bereit sind. Lassen Sie sich ausführlich von einer Kieferorthopädin und/oder einem Kieferchirurgen beraten.

Wann sollte ich mit meinem Kind zum ersten Mal zum Kieferorthopäden gehen?

Am besten schon, wenn es fünf oder sechs Jahre alt ist. Eine kieferorthopädische Behandlung beginnt zwar in der Regel erst mit acht oder neun Jahren. Aber wenn der Arzt Fehlentwicklungen frühzeitig erkennt, kann er Ihrem Kind möglicherweise eine aufwändige Behandlung ersparen. Spielerische Muskelübungen oder Mundvorhofplatten, die sich das Kind vor die Frontzähne steckt, können Zähne und Kiefer wieder in die richtige Bahn bringen.

Mein Kind trägt seine Zahnspange nicht so oft wie vom Arzt empfohlen. Was kann ich tun?

Wichtig ist, dass Arzt und Eltern dem Kind genau erklären, warum die Spange notwendig ist. Auch der Arzt muss die Behandlung gutheißen, sonst kann er seinen jungen Patienten nur schwer überzeugen. Es ist übrigens auch möglich, herausnehmbare Spangen fest einzusetzen. Allerdings kann es manchmal sinnvoll sein, die kieferorthopädische Behandlung zu verschieben, zum Beispiel, wenn Ihr Kind gerade eine schwierige pubertäre Phase durchmacht.

Nina Buschek

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